2022

Apollo 10 1/2: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter (2022)

Regie: Richard Linklater
Original-Titel: Apollo 10 1/2: A Space Age Childhood
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Animation, Science Fiction, Komödie
IMDB-Link: Apollo 10 1/2: A Space Age Childhood


Wenn ich irgendwo Richard Linklaters Namen lese, werde ich schon mal hellhörig. Denn der Mann hat ein sehr gutes Gespür für emotional mitreißende Filme, die dabei jegliche Nähe zum Kitsch gekonnt vermeiden. Meistens witzig und originell und mit einer eigenen Sicht auf die Dinge. In „Apollo 10 1/2: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter“ bedient sich Linklater mal wieder der Technik der Rotoskopie. Hierbei werden reale Aufnahmen in der Nachbearbeitung in einen Animationsstil überführt – das Verfahren selbst erinnert an das gute, alte Abpausen mit Transparentpapier. Im Falle von Linklater ist das Ganze natürlich ein wenig komplexer gehalten. Ziel ist es, die Realität auf das Wesentlichste zu reduzieren. Und apropos Reduktion: Die gibt auch die (sehr witzige) Hauptprämisse des Films vor. Die USA stehen kurz vor der Apollo 11-Mission, die den ersten Mann auf den Mond bringen soll. Das Problem: Versehentlich haben sie die Landekapsel etwas zu klein gebaut. Um in der Zwischenzeit, bis eine etwas größere Kapsel gebaut ist, nicht untätig Däumchen drehen zu müssen, schickt man kurzerhand in einer Top-Secret-Mission jemanden auf den Mond, der klein genug für die Kapsel ist. Mit dem raumfahrtbegeisterten 10-jährigen Stanley haben sie auch bald genau den richtigen Kandidaten für dieses Abenteuer. „Apollo 10 1/2: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter“ ist ein liebevoll gezeichnetes Schelmenstück, das einerseits das Nostalgiegefühl der 60er Jahre und der ersten Mondlandung heraufbeschwört, andererseits aber auch über Erinnerungen und deren Lücken und subjektiven Einordnungen reflektiert. Es mag nicht einer der „großen“ Filme von Linklater sein (man erinnere sich nur an dieses über ein Jahrzehnt dauernde Mammut-Projekt „Boyhood“), aber der Film ist eine sympathische Zeitreise, der man gerne folgt.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Das Seeungeheuer (2022)

Regie: Chris Williams
Original-Titel: The Sea Beast
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Animation
IMDB-Link: The Sea Beast


Produzent: „Okay, wir brauchen mal wieder einen aufwendigen Animationsfilm, der das jüngere Zielpublikum auf Netflix anspricht. Was war denn in den letzten Jahren recht erfolgreich? Ach ja, diese Drachenzähmen-Filmreihe. Die kopieren wir einfach. Aber wir brauchen da einen neuen Blickwinkel. Vielleicht irgendwas mit dem Meer? Disney hat ja mit Moana auch einen schönen Film gedreht, der am Meer spielt. Super. Aber jetzt noch ein dunkles Element. So einen besessenen Captain Ahab vielleicht. Natürlich muss es am Ende eine Feelgood-Story werden, keine Frage, das Kind rettet die Welt, in dem Fall eine süße, toughe Abenteurerin, die durch Zufall einen väterlichen Freund gewinnt und den natürlich auch zum Guten bekehrt. Ach ja, schwarz sollte sie sein, wir leben ja nicht mehr in den 90ern. Passt, jetzt noch einen eingängigen Titel – einfach und eindeutig. Das Seeungeheuer – ja, das ist es!“ So in etwa kann man sich manche Entscheidungsprozesse zu Filmen vorstellen. Jedenfalls ist der Gedanke naheliegend, wenn so ein klares Rip-Off (in diesem Fall eben von Drachenzähmen leicht gemacht) auf die Leinwand bzw. den Bildschirm gebracht wird wie „Das Seeungeheuer“. Dabei ist der Film gut gemacht, unterhaltsam und mit einer positiven Botschaft sowie einer tollen Heldin versehen. Wäre die Geschichte nicht so dermaßen aufgewärmt und offensichtlich abgekupfert von früheren Erfolgsfilmen, hätte das ein richtig toller Film sein können. Man hat das Gefühl, selbst bei der ersten Sichtung schon mitreden zu können. Kein einziger Moment des Films, keine Szene kommt wirklich überraschend. Dennoch hat „Das Seeungeheuer“ Unterhaltungswert, was das große Potential zeigt, das der Film gehabt hätte, wäre er zehn bis fünfzehn Jahre früher erschienen. So ist er jedoch fast schon als Plagiat zu werten. Immerhin ist er eine gut gemachte Kopie, das muss man ihm zugute halten.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: © 2022 Netflix, Inc., Quelle http://www.imdb.com)

The Gray Man (2022)

Regie: Anthony und Joe Russo
Original-Titel: The Gray Man
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Action
IMDB-Link: The Gray Man


Ryan Gosling hat die Pandemie und die damit einhergehenden Lockdowns sehr ernst genommen und erst einmal vier Jahre lang gar nichts gemacht. Für seinen Comeback-Film hat er sich mit den Russo-Brüdern zusammengetan, die ja schon mit den Avengers-Filmen für actionreiches und unterhaltsames Spektakel gesorgt haben – „The Gray Man“ soll nun in die gleiche Kerbe schlagen. Die Russo-Brüder wiederum haben gute Erfahrungen mit Chris Evans gemacht, und der nutzt gleich mal die Gelegenheit, sein Saubermann-Image als Captain America etwas anzukratzen. Und Chris Evans wiederum hat sich wohl an Ana de Armas erinnert, mit der er schon in Knives Out zusammengespielt hat. Oder war die Besetzung von de Armas eine Empfehlung von Gosling, der sich in Blade Runner 2049 von ihr anschmachten ließ? Alle gehören irgendwie zusammen, und man hat den Eindruck, dass es derzeit keine anderen Schauspieler:innen oder Filmemacher:innen gibt als die an „The Gray Man“ Beteiligten (trotz Goslings Pause) – plus Ryan Reynolds natürlich. Und damit wären wir bei Netflix‘ derzeitiger „Erfolgsformel“: Man nehme unbedingt etwas, das die geneigten Zuseher schon in- und auswendig kennen, stülpe da ein etwas anderes Setting darüber, und fertig ist der Blockbuster. Im Fall von „The Gray Man“ hat man sich das richtig was kosten lassen, 200 Millionen Dollar wechselten die Besitzer. Sieht man das dem Film an? An mancher Actionsequenz vielleicht – da wird schon mal ganz Prag in Schutt und Asche gelegt, weil es das Drehbuch verlangt. Aber hätte man alles, was im Drehbuch steht, auch so umsetzen müssen? Herrgott nein, denn genau das ist ja das Problem bei diesem hirnlosen Actionkracher von der Stange. Da ist kein einziger origineller Gedanke zu finden. Selbst die kümmerlichen Dialoge sind aus der Retorte. Klischee jagt Klischee. Einzig Chris Evans‘ imposanter Pornobalken sticht da kreativ hervor, aber der allein trägt halt keinen Film. Anscheinend soll „The Gray Man“ der Auftakt zu einer ganzen Filmreihe sein. In diesem Fall muss ich sagen: Bitte lieber nicht.


4,0 Kürbisse

(Bildzitat: © 2022 Netflix, Inc., Quelle http://www.imdb.com)

Take Shelter – Ein Sturm zieht auf (2011)

Regie: Jeff Nichols
Original-Titel: Take Shelter
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: Take Shelter


Wir müssen mal über Michael Shannon reden. Dass ich ein großer Fan seiner Schauspielkunst bin, habe ich hier schon des Öfteren kundgetan. Aber wer nach der Sichtung von „Take Shelter“ immer noch nicht der Meinung ist, dass der gute Mann mit Oscars und Filmpreisen überschüttet gehört, mit dem muss ich wohl mal ein ernstes Wörtchen reden. Michael Shannons Stärke liegt in seinem Minimalismus. Es gibt hochgeschätzte Kolleginnen und Kollegen, wie zum Beispiel Daniel Day-Lewis (den ich nach wie vor für den besten Schauspieler ever halte), die ihre Rollen expressiv anlegen und mit jeder Faser ihres Körpers, mit jeder Bewegung pure Energie ausstrahlen. Man denke dabei an den überragenden „I drank your milkshake“-Monolog aus „There Will Be Blood“. Michael Shannon ist das genaue Gegenteil davon. Er wirkt stoisch, ein Monolith von einem Mann, an dem scheinbar alles abprallt. Und dann zuckt ein kleiner Muskel in seinem Gesicht, oder die Augen wandern mal kurz auf die Seite, die Lippen sind für einen Sekundenbruchteil zusammengekniffen, und plötzlich ist es einem, als blicke man direkt in seine Seele hinein. Alles, was der Mann tut, macht er mit den geringsten Mitteln, die gerade dadurch eine unheimliche Wucht entfalten. Wer wäre besser geeignet gewesen, einen Bauarbeiter zu spielen, der plötzlich nächtliche Visionen hat und an seiner eigenen geistigen Gesundheit zweifelt? Michael Shannon hatte schon viele glorreiche Momente, aber „Take Shelter“ ist sein Meisterstück. Dass der Film aber so dermaßen gut ist, liegt nicht an Michael Shannon allein. Das Drehbuch ist grandios und baut nach und nach eine bedrohliche Spannung auf, die von Jeff Nichols virtuos inszeniert wird. Jessica Chastain als liebende, aber zweifelnde Ehefrau zeigt ebenfalls ihr ganzes Können, und die Entscheidung, ein stilles Drama über die Grenzen des menschlichen Geists und die in uns schlummernden Urängste zu drehen statt eines effekthaschenden Actionkrachers (auch das wäre möglich gewesen), ist die Grundlage für die Größe dieses Films. Anschauen!


8,5 Kürbisse

(Bildzitat: © 2011 – Sony Pictures Classics, Quelle http://www.imdb.com)

The Man from Toronto (2022)

Regie: Patrick Hughes
Original-Titel: The Man from Toronto
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Action, Komödie
IMDB-Link: The Man from Toronto


Woody Harrelson ist „The Man from Toronto“. Kevin Hart ist es nicht. Doch böse Jungs mit sinisteren Plänen glauben, er wäre es, er wäre der in bestimmten Kreisen berühmte Folterknecht und Killer, der noch jeden zum Singen gebracht hat. A blede G’schicht halt aus der Sicht des von Hart gespielten Losers Teddy Jackson. Eigentlich wollte sich der nur ein romantisches Wochenende mit seiner Frau machen, doch ein Drucker mit geringem Tonerstand führt zu einer Verwicklung, die sein Leben komplett auf den Kopf stellt. Natürlich müssen sich dann noch der echte Verbrecher und Teddy wider Willen zusammentun, so will es die Buddy-Action-Komödie. Man kennt ja die Gesetze der Genres. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf, und alles muss erst schlimmer werden, ehe es besser werden kann. „The Man from Toronto“ ist damit ein waschechtes Stück Genrekino von der Stange. Leidig unterhaltsam, da kurzweilig, auch wenn Woody Harrelson, der natürlich seine Momente hat, immer mehr zu seinem eigenen Meme wird. Sagen wir mal so: Er muss sich jedenfalls nicht großartig anstrengen in der Rolle. Die Chemie mit Kevin Hart stimmt, wenn man hierbei an eine Verbindung von Schwefel mit Sauerstoff denkt. Alles geht einfach in blauem Rauch auf und verpufft. Es hätte einfach einen anderen Darsteller als Kevin Hart gebraucht, einen Jesse Eisenberg vielleicht, denn dass der gut den überforderten Sidekick neben Woody Harrelson mimen kann, hat er in „Zombieland“ oder „Die Unfassbaren – Now You See Me“ und deren Fortsetzungen schon bewiesen. Aber man kann eben nicht alles haben.


4,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Der Spinnenkopf (2022)

Regie: Joseph Kosinski
Original-Titel: Spiderhead
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Thriller, Drama, Action, Science Fiction
IMDB-Link: Spiderhead


Chris Hemsworth als Thor ist der absolute Hammer. Als nerdiger Wissenschaftler, der Strafgefangenen in einer Versuchsanordnung Substanzen spritzt, die Emotionen wecken sollen, eher nicht so. Aber das ist nicht mal das Hauptproblem der Netflix-Eigenproduktion „Der Spinnenkopf“ unter der Regie von Joseph Kosinski. Denn an sich wäre die Prämisse brauchbar und geeignet, einen spannenden Film, der moralische Fragen aufwirft, zu produzieren. Aber: Der Film weiß nicht, was er sein möchte. Schwarzhumoriges Kammerspiel? Action mit Science Fiction-Elementen? Eine düstere Romanze? Oder eben doch der erhobene Zeigefinger? Ein bisschen was ist von allem dabei, und wie so oft: Mehr bedeutet nicht immer mehr. Am ehesten zieht der Film seine Substanz noch aus dem Kammerspiel, doch reizt er dessen Möglichkeiten nicht weit genug aus, um interessant zu sein. Und dann wäre da eben noch besagter Chris Hemsworth, der gerne möchte, aber nicht kann. Und daneben Miles Teller, der vielleicht könnte, aber zufrieden damit ist, seinen Stiefel runterzuspielen. Die Gage bei Netflix wird schon stimmen. Ein Terence Fletcher hätte ihm angesichts der laxen Einstellung schon was auf die Mütze gegeben, aber wo sind die unerbittlichen Musiklehrer, wenn man sie mal braucht? Der weibliche Cast? Größtenteils als optischer Aufputz gedacht, was den Film nicht sympathischer macht. Egal, die Click-Zahlen bei Netflix stimmen ja trotzdem. Irgendwie sind wir ja selbst daran schuld, dass wir seit einiger Zeit so viel Mist auf dem Streaming-Dienst angeboten bekommen. Der Kunde zahlt ja eh.


3,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Tod auf dem Nil (2022)

Regie: Kenneth Branagh
Original-Titel: Death on the Nile
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Krimi
IMDB-Link: Death on the Nile


Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erleben. So lautet in etwa der bekannte Spruch. Hercule Poirot (Kenneth Branagh) sollte das wissen, denn man kann nicht behaupten, dass seine letzte Reise im Orient-Express langweilig gewesen sei. Aber das hindert ihn nicht daran, einen Luxusdampfer auf dem Nil zu boarden und gen Schicksal zu schippern. Immerhin ist er dabei in guter Gesellschaft, die vielleicht nicht so illuster ist wie jene seiner letzten Zugreise, aber Gal Gadot, Armie Hammer, Emma Mackey, Annette Bening, Sophie Okonedo, Letitia Wright, Russell Brand und erneut Tom Bateman sind dabei – schöne Menschen zumindest. Das Problem dabei: Schöne Menschen sind nicht immer gute Menschen, und wenn sich dann ein Eifersuchtsdrama entfaltet, das ein wenig ausartet, hat ein Meisterdetektiv wie Poirot bald viel zu tun. Wie es so schön heißt: Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft. Das alles wäre vor exotischer (und sichtlich CGI-gepimpter) Kulisse ja recht nett anzusehen, wenn der Film – anders als sein Vorgänger – nicht zwei fundamentale Probleme aufs Deck geladen hätte. Problem Nummer 1: Die Krimigeschichte und Poirots Versuche, diese aufzuklären, sind diesmal wirklich fad erzählt. Problem Nummer 2: Die Besetzung. Diejenigen, die gefordert wären (Gal Gadot, Emma Mackey, Armie Hammer), sehen zwar hübsch aus, können aber schauspielerisch nicht überzeugen. Und jene, die es könnten (Annette Bening, Sophie Okonedo), sind schlicht zu irrelevant und haben nichts zu tun. Was schließlich Russell Brand in dem Film tut, weiß kein Mensch. Vermutlich ist er nur zufällig über den Dreh gestolpert, und da man noch jemanden brauchte und er gerade nichts zu tun hatte, durfte/musste er in die Rolle des stoischen Arztes schlüpfen. So bleibt also alles an Kenneth Branagh hängen. Der macht seine Sache wieder richtig gut, er gibt seinem brillanten Superhirn emotionale Tiefe mit, das passt. Aber eine Kenneth Branagh-Soloshow macht halt noch keinen guten Film aus. Vielleicht klappt es ja bei der nächsten Poirot-Verfilmung wieder besser. Diese hier kann man jedenfalls auslassen.


4,5 Kürbisse

(Bildzitat:  Photo courtesy of 20th Century S/Photo courtesy of 20th Century – © 2022 20th Century Studios., Quelle http://www.imdb.com)

Rot (2022)

Regie: Domee Shi
Original-Titel: Turning Red
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Animation
IMDB-Link: Turning Red


Pixar sieht Rot. Irgendwie scheint seit Soul ein wenig das Mojo verlorengegangen zu sein. Nicht, dass der neueste Streich aus der Animationsschmiede, das bunt-knallige „Rot“, ein schlechter Film wäre, aber das, was Pixar von anderen Animationsstudios bislang unterschieden hat, nämlich das Gleichgewicht von komplexen Inhalten, die auch Erwachsene zum Nachdenken bringen, neben einer fantasievollen Animation, die auch die Kleinen mitreißt, scheint aus der Balance geraten zu sein. „Rot“ ist ein Film, der Kindern im zielgruppengerechten Alter sicherlich großen Spaß macht, und ja, auch Erwachsene können sich an der Geschichte der Migrantentochter Meilin, die in der Pubertät lernen muss, ihren inneren Panda zu zähmen, durchaus erfreuen, aber Pixar richtet sich hier eben ganz ausdrücklich an Kinder und darunter vor allem Mädels im Alter von 8-12 Jahren. Der Film bereitet sie gut auf die Wirrnisse der Pubertät vor, durch die jede/r von uns einmal gehen muss. Pädagogisch wertvoll, nennt man das. Aber warum beschleicht mich dennoch das Gefühl, dass „Rot“ irgendwie nur eine Art Zwischenfilm ist, um die Lücken zwischen komplexer konzipierten Meisterwerken zu füllen? Vielleicht liegt es auch nur an der Art der Animation, die sich an japanischen Anime a la „Heidi“ oder „Mila Superstar“ mit ihren Pausbäckchen und riesengroßen Mündern orientiert, die es mir schwermacht, in diesen Film hineinzufinden. Das ist natürlich Meckern auf hohem Niveau, denn, wie gesagt, der Film unterhält ja, ist kurzweilig und bringt eben auch noch eine wichtige Botschaft zu Selbstakzeptanz mit ein. Aber verglichen mit früheren Meisterwerken wirkt der Film ein wenig klobig, und die Rasanz und Lautstärke scheinen über kleinere inhaltliche Schwächen hinwegtäuschen zu wollen. Pixar, das geht besser.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: © Walt Disney Studios, Quelle http://www.imdb.com)

Der Tinder-Schwindler (2022)

Regie: Felicity Morris
Original-Titel: The Tinder Swindler
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: The Tinder Swindler


In Schillers „Lied von der Glocke“ heißt es: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet / Ob sich das Herz zum Herzen findet“. Eine bekannte Abwandlung des Spruchs lautet: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet / Ob sich nicht was Bess’res findet.“ Pernilla, Cecilie und Ayleen können die inhaltliche Wahrheit dieses Spruches durchaus bestätigen. Ein kurzer Swipe nach rechts, und schon kann das Leben eine unerwartete Wendung nehmen, und das nicht immer zum Positiven. Was, wenn sich der Traummann, ein smarter, charismatischer Millionärssohn, der in seinem Privatjet quer über den Globus düst, als Schwindler herausstellt? Simon Leviev nennt sich dieser Herzensbube, und seine Masche ist so ausgefeilt wie abgefeimt, dass einem die Spucke wegbleibt. Die porträtierten Frauen wirken durchaus geerdet und mit Hausverstand gesegnet – und dennoch konnte sie besagter Simon Leviev um den Finger wickeln. Felicity Morris geht in ihrer Netflix-Dokumentation den Machenschaften dieses Oberschurken nach, erzählt durch seine Opfer, nachgezeichnet anhand von Text- und Sprachnachrichten und einer akribischen Recherche quer durch Europa. Was sich als Bild herauskristallisiert, ist, als wäre Frank Abagnale Jr. aus Catch Me If You Can auf die unsägliche, manipulative Pick-Up-Szene gestoßen und mit dieser zu einem widerlichen Schleimbatzen verschmolzen, der die tiefsten, menschlichen Gefühle missbraucht, um zu Reichtum zu kommen. Insgesamt eine sehr lehrreiche Dokumentation, wenngleich das Ende auch recht unbefriedigend wirkt – aber auch das gehört wohl zur Lektion, die man daraus lernen kann, dazu.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: 2021 Warner Bros. Entertainment Inc., Quelle http://www.imdb.com)

The Batman (2022)

Regie: Matt Reeves
Original-Titel: The Batman
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Action, Thriller
IMDB-Link: The Batman


Comicverfilmungen waren mal bunt, schräg, durchgeknallt und unglaublich trashig. Spätestens seit der Dark Knight-Trilogie von Christopher Nolan weiß man, dass es auch anders geht, dass Comics auch düster und erwachsen und brutal sein können. Aber „The Batman“ von Matt Reeves, der schon am Regiestuhl der neuen Planet der Affen-Trilogie geglänzt hat, ist Grunge pur. Da ist es nur konsequent, wenn Nirvana den Soundtrack begleiten. Den ganzen Dreck, die auf Emo geschminkte Augenpartie von Robert Pattinson, die dunklen, verregneten Ecken der Stadt (man fühlt sich zeitweise an Blade Runner erinnert) beiseitegelassen, bietet dieser Batman allerdings keine überraschenden neuen Erkenntnisse. Batman ist immer noch der einsame Rächer in der Nacht, die Gefährten und Gegner (The Riddler, der Pinguin, Catwoman, Lieutenant Gordon) immer noch das gleiche Personal – hier zollt man der Comicvorlage sichtlich Tribut. Es ist halt alles nur ein wenig dreckiger und realistischer. Dazu passt auch, dass es zwar ein hochfrisiertes Auto als Batmobil gibt, das aber zuweilen etwas Startschwierigkeiten hat und außer ordentlich Wumms unter der Motorhaube ansonsten nicht viel bietet. Wenn es mal abhebt, dann nicht aufgrund einer supermodernen Flugtechnologie, sondern einfach, weil es manchmal chaotisch auf den Straßen hergeht, vor allem, wenn ein Massenauffahrunfall mit LKWs eben diese blockiert und einer der schleudernden LKWs eine eher zufällige Rampe anbietet. Was man auch sagen kann: Trotz seiner Laufzeit von 3 Stunden wirkt „The Batman“ nie langatmig oder gar langweilig. Die Geschichte ist gut aufgebaut und spannend erzählt, und Matt Reeves gibt seinem Batman auch Raum abseits von Prügeleien den dunklen Machenschaften, die sich sein sinisterer Gegenspieler so ausgedacht hat. Die ruhigen Stellen sind die Momente, in denen Robert Pattinson besonders glänzen kann. Und ja, wir müssen über ihn reden. Denn als Grunge-Batman ist er schlicht großartig. Sehr ernst, sehr traumatisiert, die schwierige Kindheit muss gar nicht erzählt werden, die merkt man seinem Batman jeder Bewegung an. Als Alter Ego Bruce Wayne hat Pattinson zu wenig Spielzeit für eine seriöse Bewertung, aber als finstere Fledermaus ist er eine Idealbesetzung. Noch kommt er bei mir nicht ganz an Christian Bale heran, der einfach auch ein fantastischer Bruce Wayne war, aber besetzungstechnisch macht „The Batman“ alles richtig. Und apropos Besetzung: Versucht mal, ohne zu googeln, herauszufinden, wen Colin Farrell spielt. Ich wittere eine Oscar-Nominierung für die beste Maske.


8,0 Kürbisse

(Bildzitat: Courtesy of Warner Bros. Picture – © 2021 Warner Bros. Entertainment Inc., Quelle http://www.imdb.com)