2022

Avatar: The Way of Water (2022)

Regie: James Cameron
Original-Titel: Avatar: The Way of Water
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Science Fiction, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Avatar: The Way of Water


Der folgende Text ist in der Stimme von David Attenborough zu lesen: „Hier sehen Sie nun einen Na`vi-Familienverband. Um der Aufmerksamkeit ihrer natürlichen Feinde, der Sky People, zu entgehen, migriert diese Familie von den schützenden Höhlen des Berglands an die Küste und schließt sich einem fremden Verband an. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, sich der neuen Lebensweise anzupassen, integriert sich die Familie schließlich mit Erfolg. Hier nun die Darstellung eines Initiationsritus, bei dem eines der jungen Mitglieder der Familie vom Nachwuchs des Häuptlings des Verbands vor eine Mutprobe gestellt wird. Im Zuge dessen erwirbt der junge Na’vi das Vertrauen eines Exemplars der Wasserspezies der Tulkun aus der Familie der Walartigen. Wie Sie sehen werden, geschätztes Publikum, wird diese aufkeimende Freundschaft später noch eine wichtige Rolle spielen. Aber nun richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die sich nähernden Sky People, die mit unethischen Jagdmethoden versuchen, die migrierte Familie der Na’vi aus ihrem Versteck in eine offene Umgebung zu locken.“ Was James Cameron in diesem Leben wohl nicht mehr lernen wird, ist, komplexe Geschichten zu erzählen. Selbst seine Meisterwerke wie beispielsweise die ersten beiden Terminator-Filme verzichten in ihrem heroischen Versuch, das Publikum nicht zu überfordern, auf Kapriolen, die den Einsatz von Hirnwindungen erfordern. Teil 1: Roboter reist in die Vergangenheit, um eine Frau zu töten. End of story. Teil 2: Roboter reist in die Vergangenheit, um anderen Roboter daran zu hindern, den Sohn der Frau zu töten. End of story. Das hat super funktioniert. Man konnte sich dadurch auf die Action konzentrieren. (Ab Teil 3 und dem misslungenen Versuch, die Geschichte aufzupeppen, liefen die Dinge dann irgendwie aus dem Ruder.) Also ja, man braucht nicht unbedingt eine wahnsinnig gewundene, hochintellektuelle Geschichte, um einen guten Film zu drehen. Ein bisschen mehr Fleisch an den Rippen hätte „Avatar: The Way of Water“ allerdings vertragen. Das Ganze wirkt nun wie eine Naturdokumentation, die im Mittelteil durch eine Variation von „Moby Dick“ abgelöst wird, ehe James Cameron ein paar nicht benötigte Aufnahmen von Titanic findet, die er am Ende des Films wiederverwenden kann. Was immerhin bleibt, sind einige der eindrucksvollsten Bilder, die CGI jemals hervorgebracht hat. In diesem Aspekt des Filmemachens ist James Cameron ein Besessener, ein Getriebener, der Grenzen auslotet und überschreitet. Unbedingt auf einer großen Leinwand in 3D sehen, denn wie auch der erste Avatar-Film lebt der zweite Teil von seinen überragenden Bildern.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Amsterdam (2022)

Regie: David O. Russell
Original-Titel: Amsterdam
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Krimi, Drama, Komödie
IMDB-Link: Amsterdam


David O. Russell macht es mir nicht einfach. Für mich ist der renommierte Regisseur ein Überraschungsei. Oder, um es mit Forrest Gump zu sagen, eine Schachtel Pralinen. „Three Kings“ gehört zu den wenigen Filmen, die ich abgebrochen habe. Dann kam „The Fighter“, den ich richtig gut fand. Über „Silver Linings“ habe ich mich wieder geärgert. Zwar ein guter Film, aber hey, verdammt noch mal, der Oscar für die beste weibliche Hauptrolle gehörte Emmanuelle Riva für „Amour“. (Sorry, JLaw. Ich mag dich ja trotzdem, solange du keine russischen Spioninnen spielst.) Über „American Hustle“ konnte man sich hingegen gar nicht ärgern. Ein grandioser Film. Und dann „Joy“, wieder Jennifer Lawrence, diesmal aber in einem richtig miesen Film. Was ist nun „Amsterdam“ – Top oder Flop? Geht man nach den meisten Kritiken, hat hier David O. Russell eine veritable Bruchlandung hingelegt. Und ja, ich verstehe, wie man dazu kommt, den Film nicht zu mögen. „Amsterdam“ springt in der Tonalität recht erratisch umher, versucht, Komödie, Drama, Krimi und Thriller zu vereinen, um am Ende relativ unspektakulär auszulaufen. Und doch hat der Film etwas, das über die (erneut) überragende Darstellung von Christian Bale hinausgeht: Der Film will so erratisch sein. In einer chaotischen Zwischenkriegszeit (der letzte Krieg hat noch sichtbare Narben hinterlassen, der kommende ist zwar noch nicht greifbar, aber es brodelt sich etwas zusammen in der Weltpolitik) läuft eben nicht alles in einem klaren Bogen ab. Da gibt es Raum für Leid genauso wie für Hoffnung. „Amsterdam“ ist auch mehr an der Geschichte dreier durch das Schicksal verbundenen Freunde (Bale, Margot Robbie und John David Washington) interessiert als an der Krimi-Handlung, die die drei nach vielen Jahren wieder zusammenführt. Es geht mehr um die Frage, wie eng Freundschaften sein können, die aus gemeinsamem Schmerz geboren wurden. Und das ist vielleicht der hoffnungsvollste Aspekt des Films: Auch wenn die Welt durchzudrehen scheint, solange man sich auf seine Freunde verlassen kann, gibt es immer einen Grund, jeden Tag aufzustehen und weiterzumachen.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Courtesy of 20th Century Studios/Courtesy of 20th Century Studio – © 2022 20th Century Studios. All Rights Reserved, Quelle http://www.imdb.com)

Der denkwürdige Fall des Mr Poe (2022)

Regie: Scott Cooper
Original-Titel: The Pale Blue Eye
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Drama, Krimi, Historienfilm
IMDB-Link: The Pale Blue Eye


Harry Melling hat es geschafft. Aus dem nervigen und übergewichtigen Dudley Dursley ist Edgar Allen Poe geworden, und zwar in einer sehr überzeugenden Art und Weise. Dass er dennoch nur die zweite Geige in „The Pale Blue Eye“ (auf Deutsch sperrig „Der denkwürdige Fall des Mr Poe“) spielen darf, liegt an der ersten Geige. Wenn Christian Bale aufgeigt, haben alle anderen Pause. Bale spielt mit viel Gravitas den Privatermittler Augustus Landor, der nach einem seltsamen Vorfall in einer Militärakademie zu Hilfe gezogen wird: Ein Kadett wurde erhängt aufgefunden, und kurze Zeit später schnitt man dem Leichnam das Herz heraus. Bei seinen Ermittlungen stößt Landor auf den jungen Schriftsteller und Kadetten Edgar Allen Poe. Logisch, dass in weiterer Folge Treffen auf dem Friedhof stattfinden und sich auch mal ein Rabe dekorativ niederlässt. So viel Foreshadowing muss sein. Und doch bleibt der Film auf Landor fokussiert, der sich in eisiger Winterlandschaft einen Reim auf die Ereignisse zu machen versucht. Leider ist das höchst unspannend, um nicht zu sagen: schlichtweg fad. Da hilft es auch nicht, wenn in jeder kleinsten Nebenrolle echte Kapazunder vom Format eines Timothy Spall, eines Toby Jones, einer Gillian Anderson, eines Robert Duvall, einer Charlotte Gainsbourg zu sehen sind – ein fader Film bleibt ein fader Film. Lediglich der Twist am Ende reißt den im Fauteuil schlummernden Zuseher mal wieder kurz aus den Träumen, und man fragt sich: Hätte man nicht ökonomischer dorthin gelangen können?


5,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von SCOTT GARFIELD/NETFLIX © 2022/SCOTT GARFIELD/NETFLIX © 2022 – © 2022 Netflix, Inc, Quelle http://www.imdb.com)

Absturz: Der Fall gegen Boeing (2022)

Regie: Rory Kennedy
Original-Titel: Downfall: The Case Against Boeing
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Downfall: The Case Against Boeing


Wenn Netflix neue Dokus braucht, rufen sie wohl bei Rory Kennedy an. Die umtriebige Dokumentarfilmerin ist den großen Geschichten des Versagens auf der Spur, jener Art von Versagen, das tragische Konsequenzen zeitigt. Es ist noch nicht so lange her, da sind zwei brandneue Boeing 737 MAX kurz nach dem Start vom Himmel gefallen. In einer Zeit, in der Flugreisen so sicher wie noch nie zuvor scheinen, ein schwerer Schlag gegen den US-Konzern, der sich immer besonderer Qualitäts- und Sicherheitsstandards gerühmt hat. Wie konnte das passieren? Allmählich zeigt sich, dass – wie hinter vielen Tragödien der jüngeren Geschichte – Profitgier, Fehleinschätzungen und mangelnde Kommunikation die Dreifaltigkeit des Desasters ergeben. Gleichzeitig beleuchtet Rory Kennedy die Geschichte von Boeing – von den Jahrzehnten des Erfolgs über die Herausforderungen, die sich durch den immer mächtiger werdenden Konkurrenten Airbus ergeben haben. An dieser Stelle sei gesagt, dass man für Dokumentationen über komplexe Vorgänge und Strukturen zwar immer mit Vereinfachungen arbeiten muss, es sich Kennedy aber vielleicht an der einen oder anderen Stelle zu einfach gemacht hat. Die Erzählung in „Absturz: Der Fall gegen Boeing“ lässt den Schluss zu, dass angesichts des Konkurrenzdrucks die Führungsetage bei Boeing einfach irgendwann beschlossen hätte: „Pfeif auf die Qualität. Billig muss es sein, und ob der Flieger vom Himmel fällt, ist egal.“ Beim besten Willen kann ich mir nicht vorstellen, dass diese Simplifikation den wichtigsten Entscheidungen eines Konzerns mit über 140.000 Mitarbeiter:innen gerecht wird. Keine Frage, die Geschichte der beiden Boeing-Abstürze ist eine Geschichte des Versagens. Doch gerade deshalb hätte ich mir gewünscht, dass mehr und vielfältigere Stimmen in der Doku zu hören gewesen wären (vielleicht auch von Mitarbeiter:innen, die direkt am Bau der Flugzeuge beteiligt waren), um das Bild zu schärfen, auch wenn es dadurch komplexer wird.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Weißes Rauschen (2022)

Regie: Noah Baumbach
Original-Titel: White Noise
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: White Noise


Noah Baumbach hat eine sehr eigene, durchaus lakonische Sicht auf die Dinge. Unter seiner Regie sind einige bemerkenswerte Filme wie Marriage Story oder „Frances Ha“ entstanden, letzterer mit seiner nunmehrigen Lebensgefährtin Greta Gerwig in der Hauptrolle, die wiederum ihrerseits sehr umtriebig ist (auf ihre Barbie-Verfilmung mit Margot Robbie und Ryan Gosling in den Hauptrollen freue ich mich schon besonders). Das neueste Werk, „Weißes Rauschen“, ist mit Sicherheit Baumbachs ambitioniertestes. Die Millionen, die Netflix in den Film gepumpt hat, werden in einen überragenden Cast (Adam Driver, Don Cheadle, natürlich Greta Gerwig und in einer Nebenrolle am Schluss Lars Eidinger) und überzeugende Spezialeffekte investiert, und doch bleibt der Film zuallererst ein typischer Baumbach-Film. Es passiert nicht viel, Menschen reden aneinander vorbei und treffen sich in Supermärkten. Für die literarische Vorlage hat Don DeLillo gesorgt, doch ist „Weißes Rauschen“ mehr Baumbach als DeLillo. Adam Driver spielt ein kurioses Mash-Up aus Woody Allen und Jeff Goldblum (die Dialogzeilen und die verhuschten Blicke scheinen von Woody Allen zu stammen, der körperliche Stoizismus, der die Dialoge begleitet, von Jeff Goldblum), und Greta Gerwig ist mit 80er-Jahre-Locken kaum wiederzuerkennen. Als Oberhäupter einer Patchwork-Familie müssen sie sich mit den Folgen eines Chemie-Unfalls auseinandersetzen, der das Familienleben auf eine harte Belastungsprobe stellt. Die scheinbare Nahtod-Erfahrung legt Risse frei, die sich unterhalb der Oberfläche durch die Familie ziehen. Das alles wird aber dermaßen nüchtern und beiläufig erzählt, dass es schwer ist, eine Bindung zu den Figuren aufzubauen. Schlimmer noch: Abgesehen von ein paar wirklich gelungenen Szenen plätschert der Film dermaßen ereignisarm vor sich hin, dass man Gefahr läuft, auf dem Sofa friedlich einzubüseln. „Weißes Rauschen“ macht es dem Zuseher nicht leicht. Wenn der Abspann mit einer witzigen Tanzeinlage der gefühlte Höhepunkt des ganzen Films ist, dann läuft in den zwei Stunden davor etwas grundlegend falsch. Es gibt zugänglichere Baumbach-Filme.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von WILSON WEBB/NETFLIX © 2022/WILSON WEBB / NETFLIX ©2022 – © 2022 NETFLIX, Quelle http://www.imdb.com)

Strange World (2022)

Regie: Don Hall
Original-Titel: Strange World
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Animation
IMDB-Link: Strange World

„Strange World“ aus der Mäuseschmiede gilt als veritabler Flop. Schon kurz nach dem mauen Kinodurchlauf kann man das neueste Werk des Disney-Konzerns auf dessen Streaming-Plattform Disney+ sehen. Doch ist der Film wirklich so misslungen, wie es eine aktuelle IMDB-Durchschnittsbewertung von 5,4 und eben das miserable Einspielergebnis erwarten lassen? Nun, an die größten Disney-Meisterwerke kommt der Film von Don Hall über drei sehr unterschiedliche Generationen, die sich für ein gemeinsames Werk zusammenraufen müssen, bei weitem nicht heran. Dazu bleiben die Figuren zu blass. Und doch ist „Strange World“ kein schlechter Film. Denn mit sehr viel Fantasie wird hier eine völlig fremdartige Welt entwickelt, deren Fremdheit am Ende mit einem befriedigenden Aha-Erlebnis aufgelöst wird. Der Film sieht wirklich toll aus und lässt vergessen, dass die Story selbst schon recht dünn ist. Es geht um einen Farmer, der vor 25 Jahren von seinem Vater, ein berühmter Forscher, Entdecker und Abenteurer, verlassen worden ist und nun selbst zu einer Mission aufbrechen muss, um seine Farm und damit auch seine Welt zu retten. Es versteht sich von selbst, dass sein Sohn, der so gar nicht nach ihm kommt, verbotenerweise als blinder Passagier auf diese abenteuerliche Fahrt mitkommt, und als dann noch Muttern zur Rettungsmission ausreitet, ist die Familie vereint und kann neben dem eigentlichen Ziel der Weltrettung auch noch Generationenkonflikte bearbeiten. So weit, so gewöhnlich. Und ja, der Film hätte etwas vielschichtiger und psychologisch komplexer erzählt werden können. Manche Konflikte werden zu beiläufig abgearbeitet. Und doch merkt man, dass viel Liebe in „Strange World“ geflossen ist, auch wenn sich das eben mehr im Creature Design und dem Weltenbau zeigt. Der Shit, den der Film vom Publikum abbekommt, hat einen anderen Hintergrund. „Das kann ich meinen Kindern doch nicht zumuten!“ – „Warum muss heute alles so politisch korrekt sein?“ – „Ich möchte in einem Disney-Film eine ganz normale Familie sehen, so wie es meine Großeltern noch vorgelebt haben!“ Und so weiter. Wenn sich ein Großteil der negativen Bewertungen des Films darauf begründet, dass eine Hauptfigur schwul ist, dann hat Disney doch einiges richtig gemacht mit diesem Film, und dann braucht es vielleicht auch noch mehr davon.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Der Vulkan: Rettung von Whakaari (2022)

Regie: Rory Kennedy
Original-Titel: The Volcano: Rescue from Whakaari
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: The Volcano: Rescue from Whakaari


Werbung wirkt. „Besichtigen Sie ein einzigartiges und spektakuläres Naturwunder ganz aus der Nähe“ liest sich doch besser als „Lassen Sie sich von einem Vulkan die Haut wegbrennen, und sterben Sie einen langsamen, qualvollen Tod“. Zweitere Beschreibung ist wohl akkurater als die erste, doch die stand nicht auf den Broschüren der Kreuzfahrtschiffe und Ausflugsanbieter. Und so stiefeln ein paar abenteuerlustige Touristen mit ihren Guides auf Whakaari Island, der sogenannten „White Island“ herum, um dem aktivsten Vulkan Neuseelands ins Auge, vulgo den Krater, zu schauen, doch bekommen sie mehr für ihr Geld geboten, als sie je erwartet hätten. Denn – welch Überraschung! – der aktive Vulkan bricht aus. Etliche Menschen müssen an diesem Tag ihr Leben lassen, und die, die überleben, wissen selbst nicht so genau, wie sie dem Tod entkommen sind. Nur die Narben von den fürchterlichen Verbrennungen zeugen von diesem Tag. „Der Vulkan: Rettung von Whakaari“ zeigt genau das, was der Titel aussagt: Wie Menschen mitten in eine vulkanische Eruption gerieten und wie dann einige Mutige versuchten, die Überlebenden von der Insel und ins Krankenhaus zu schaffen. In diesem Sinne ist der Dokumentarfilm von Rory Kennedy eine Geschichte über den Überlebenswillen und über Zivilcourage und Mut. Was der Film völlig ausklammert: Die ethischen Fragen über das Vorgehen der Touranbieter, die möglicherweise auch Warnungen von Geologen und Vulkanologen vorab aus dem Wind geschlagen haben, jedenfalls aber bewusst ihre Kunden einem großen Risiko ausgesetzt haben. Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht, wie es so schön heißt. Durch aber eindrückliche Berichte der Überlebenden und spektakuläre Naturaufnahmen, die so schön wie bedrohlich wirken, bleibt das Fazit über den Film allerdings sehr positiv.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Glass Onion: A Knives Out Mystery (2022)

Regie: Rian Johnson
Original-Titel: Glass Onion: A Knives Out Mystery
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Krimi, Komödie
IMDB-Link: Glass Onion: A Knives Out Mystery


Sein Name ist Blanc. Benoit Blanc. Daniel Craig hat nach der Abgabe des 007-Staffelstabes eine neue Rolle gefunden, die sich wunderbar auf viele Jahre ausdehnen lässt. Ähnlich wie Kenneth Branagh, der kurzerhand seinen Schnurrbart hochgezwirbelt hat, um in Neuauflagen berühmter Agatha Christie-Krimis als Hercule Poirot auf launige Verbrecherjagd zu gehen. Daniel Craigs Figur des smarten Südstaaten-Detektives hat zwar (noch) keine dermaßen langlebige popkulturelle Vorgeschichte wie sein belgisches Pendant Poirot, doch ist Benoit Blanc ganz in der Tradition smarter Gentleman- und Lady-Ermittler geschrieben. Rian Johnson, Autor und Regisseur der nunmehr zwei Knives Out-Filme, lehnt sich stark an seine legendären Vorbilder an. Der erste Knives Out-Film war ein großes Vergnügen, nicht zuletzt dank eines grandiosen Casts, der sichtlich Freude an dem familiären Verwirrspiel hatte. Das zweite mordslustige Abenteuer rückt Benoit Blanc mehr in den Fokus. Zwar hat er wieder eine Reihe prominenter Verdächtiger an seiner Seite (Edward Norton, Kate Hudson, Dave Bautista, Janelle Monáe, Leslie Odom Jr. und Kathryn Hahn), doch wirken diese Figuren weniger facettenreich als der Kreis der Tatverdächtigen im ersten, dichten Landhaus-Krimi. Dafür darf Daniel Craig eben groß aufspielen, was ihm prompt eine Golden Globe-Nominierung eingebracht hat. Die Kritiken überschlagen sich aktuell mit Lob für das stimmungsvolle Whodunit in exotischem Setting mit (erneut) sozialkritischer Komponente, doch mich persönlich hat dieses Versteckspiel weniger mitgerissen als der erste Film. Dieser war raffinierter, hintergründiger und dichter. Mit dem Versuch, in allen Belangen noch mal eine Schippe draufzulegen, hat sich Johnson keinen Gefallen getan. Immerhin ist der Film schön anzusehen und immer noch unterhaltsam. Doch die Qualität seines Vorgängers erreicht er nicht.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

The Guardians of the Galaxy Holiday Special (2022)

Regie: James Gunn
Original-Titel: The Guardians of the Galaxy Holiday Special
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Kurzfilm, Komödie, Science Fiction, Weihnachtsfilm
IMDB-Link: The Guardians of the Galaxy Holiday Special


Kennt jemand von euch „Das Fest des Huhnes“? In dieser absurden Mockumentary aus dem Jahr 1992 erforscht ein afrikanischer Stamm das ungewöhnliche Verhalten oberösterreichischer Eingeborener. Und so wie sich diese Wissenschaftler aus fernen Ländern keinen Reim auf unser Brauchtum machen können, geht es den Außerirdischen, die sich dem Erdling Star-Lord (Chris Pratt) angeschlossen haben. Vom Weihnachtsfest auf der Erde haben sie schon gehört, doch man kann nicht sagen, dass sie es so richtig durchdringen. Doch im Kern haben sie mitgenommen, dass es darum geht, seinen Liebsten Geschenke zu machen. Und weil Star-Lord down ist, nachdem seine geliebte Gamora das epische Avengers-Finale nicht überlebt hat, beschließen Mantis und Drax (Pom Klementieff und David Bautista), Star-Lord ein Weihnachtsgeschenk zu machen. Der schwärmt ja immer von Kevin Bacon, Held seiner Kindheit. Was liegt also näher, als den verdutzten Schauspieler als Geschenk zu verpacken und in ferne Galaxien zu entführen? Wenn sich die beiden Geistesgrößen Mantis und Drax auf den Weg zur Erde machen, um nach Kevin Bacon zu suchen, hat das schon eine gewisse Komik. Der Blick ähnelt jenem aus dem „Fest des Huhnes“: Mit entzückender Naivität werden seltsame irdische Bräuche kommentiert, und Drax stellt fest, dass er nichts dringlicher braucht als einen aufblasbaren Elfen. Doch auch wenn die Laufzeit mit 45 Minuten recht ökonomisch ist und die Zeit schnell vergeht, so trägt die Idee keinen ganzen Film. „The Guardians of the Galaxy Holiday Special“ fühlt sich an wie ein etwas zu lang geratener Treppenwitz. Und so absurd die Ausgangslage auch ist, so drängt sich doch der Gedanke auf, dass man daraus mehr hätte herausholen können. Das Vergnügen wirkt doch recht schaumgebremst. So ist der Film nichts, was der geneigte Marvel-Fan unbedingt gebraucht hätte, und nichts, was jemals in den Verdacht gerät, in die Liste der Weihnachtsklassiker aufgenommen zu werden, die man sich jedes Jahr in der Adventzeit einmal geben muss.


5,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

She Said (2022)

Regie: Maria Schrader
Original-Titel: She Said
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Drama
IMDB-Link: She Said


Wie wichtig der unabhängige Journalismus als vierte Gewalt des Staates ist, zeigt sich an Maria Schraders Drama „She Said“, das die Ermittlungen der beiden New York Times-Journalistinnen Megan Twohey (Carey Mulligan) und Jodi Kantor (Zoe Kazan) gegen den einflussreichen Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein nachzeichnet. Bis zum Bekanntwerden seiner unzähligen sexuellen Missbräuche und Vergewaltigungen durch den New York Times-Artikel war Weinstein sakrosankt. Die Clintons, die Obamas, Quentin Tarantino und viele mehr pflegten eine Freundschaft zu dem mächtigen Oscarpreisträger, und auch wenn über lange Zeit wohl bekannt war, dass Weinstein die Besetzungscouch wortwörtlich nahm, so brauchte es erst zwei junge Journalistinnen aus New York, um seinem Treiben ein Ende zu setzen. Mulligan und Kazan sind Idealbesetzungen. Beide spielen glaubwürdig und kontrolliert und zeigen neben ihrer professionellen Arbeit auch private Herausforderungen, die sich durch die Tatsache stellen, dass beide junge Kinder zuhause haben, also mehrere Rollen – jene der Journalistin, jene der Mutter und jene der Ehefrau – simultan ausfüllen müssen. Ganz nebenbei gelingt es Regisseurin Maria Schrader, neben der spannenden Investigativjournalismus-Geschichte auch noch einen Kommentar abzugeben zu der Schwierigkeit für Frauen, Privates und Berufliches unter einen Hut zu bringen, ohne dass dieser Aspekt effektheischend in den Vordergrund gerückt wird. Diese Schwierigkeit schwingt einfach ständig im Subtext mit, ohne sich aufzudrängen und wirkt gerade deshalb so authentisch. In Aufbau, Thema und Tonalität erinnert „She Said“ an den Oscar-Gewinner „Spotlight“, doch ist „She Said“ für mich der noch deutlich stärkere Film, da er noch konzentrierter wirkt und mit den Darstellungen von Mulligan und Kazan auch noch eine emotionale Bindung zum Zuseher findet, die dem sperrigeren „Spotlight“ – bei allen sonstigen Qualitäten des Films – verwehrt blieb.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von JoJo Whilden/Universal Pictures – © Universal Studios. All Rights Reserved, Quelle http://www.imdb.com)