Adam McKay

Don’t Look Up (2021)

Regie: Adam McKay
Original-Titel: Don’t Look Up
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Satire
IMDB-Link: Don’t Look Up


In Adam McKays Satire „Don’t Look Up“, dieser Tage auf Netflix erschienen, reden sich Leonardo DiCaprio und Jennifer Lawrence als Astronomen den Mund fusselig, als sie einen Kometen entdecken, der direkt in Richtung Erde angerauscht kommt. Das Erstaunliche an dem Film ist vor allem sein Timing. Geschrieben 2019, also noch vor der Pandemie und damit verbundenen Massenverblödung durch Covidioten und Verschwörungstheoretiker, greift die Story ziemlich akkurat den Entwicklungen der vergangenen beiden Jahre vor. Präsidentin Orlean (Meryl Streep) ist dabei so etwas wie ein weiblicher Trump, an der die Stimmen der Vernunft abprallen wie die Wellen an der Küste von Dover. Generell konnte man für den Film eine Art Hollywood-Allstar-Cast gewinnen. Jonah Hill, Cate Blanchett (bis zur Unkenntlichkeit als Fernsehtussi aufgeschminkt), Mark Rylance, Timothée Chalamet, Ariana Grande, Ron Perlman, Melanie Lynskey, Tyler Perry, Rob Morgan – niemand wollte es verpassen, seinen Beitrag zu diesem Rundumschlag gegen die Auswüchse von Ignoranz und Dummheit zu leisten. In seinen besten Momenten ist „Don’t Look Up“ eine sehr schwarzhumorige, zynische Abrechnung mit der durch Medienhysterie, Desinformation und politischen Machtspielchen fehlgeleiteten Gesellschaft, die sich rasant zurückentwickelt in Richtung Mittelalter und der damit verbundenen Wissenschaftsleugnung. Die Scharfsinnigkeit McKays kann man schon fast als prophetisch bezeichnen. Mehrmals bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Allerdings ist der Film – bei aller Hellsichtigkeit – nicht rundum gelungen, und es gibt genug Raum für Kritik. So passt zum Beispiel das Erzähltempo nicht. Vor allem im Mittelteil schleichen sich etliche Längen ein, und der Film wirkt manchmal etwas unentschlossen, was er mit seiner Vielzahl von Figuren überhaupt anfangen möchte. Auch hätte man interessante Aspekte wie die Spaltung der Gesellschaft angesichts der drohenden Apokalypse noch mehr beleuchten können. Aus leidvoller Erfahrung wissen wir nun, dass die Gräben in einer solchen Situation noch tiefer sind, als es McKay beim Schreiben seines Drehbuchs vermutet hat. Als Fazit lässt sich sagen: „Don’t Look Up“ ist der richtige Film zur richtigen Zeit (auch wenn er nicht das richtige Publikum finden wird), und die Relevanz des Themas bügelt so einige handwerkliche Schwächen glatt.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

The Big Short (2015)

Regie: Adam McKay
Original-Titel: The Big Short
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: The Big Short


Gut, ich bin nicht Margot Robbie, die sich nackt in der Badewanne räkelt, während sie dem Publikum die Hochfinanz und deren abgekartete Spielchen erklärt. Aber in aller Kürze – soweit ich das Thema selbst verstanden habe: Von einer „Short-Position“ spricht man an der Börse, wenn man auf fallende Aktienkurse spekuliert. Den großen Reibach macht man hier also mit den Verlusten Anderer. Genau das passierte 2007/2008, als Michael Burry (Christian Bale) und ein paar weitere Insider erkannten, dass der komplette US-Immobilienmarkt auf wackeligen Beinen stand, da die Kredite für die Häuser nicht sauber besichert waren. Vielmehr herrschte unter den Investmentbanken Goldgräberstimmung, quasi jeder Kredit wurde bewilligt – Hauptsache, er brachte Kohle rein. So heizte sich der Markt auf, bis es zum großen Knall kam – der Rest ist nachzulesen in sämtlichen Büchern, die sich mit der jüngeren Finanzgeschichte beschäftigen. Jedenfalls gab es hier ein paar vife Burschen (darunter die von Ryan Gosling, Steve Carell und Brad Pitt gespielten Finanzexperten), die erkannten, dass die Blase bald platzen würden und per Shorts gegen den Immobilienmarkt wetteten. Es kam, wie es kommen musste – die Bombe ging hoch und ein paar Leute wurden verdammt reich, während die große Masse der Hausbesitzer vor geplatzten Krediten und Delogierungen stand. Wie sehr dieses Trauma nachwirkt, zeigt sich daran, dass McKays zynischer, temporeicher und brillant inszenierter Film nicht der einzige ist, der sich mit der Thematik beschäftigt – auch 99 Homes von Ramin Bahrani aus dem Jahr davor haut in die gleiche Kerbe. Und ein paar Jahre später schlägt das Volk zurück. Siehe GameStop-Aktienspekulation via Reddit, als sich ein Haufen Kleinanleger und User zusammenschlossen, um Hedgefonds, die auf einen Short von GameStop spekulieren, durch explosionsartige Kursanstiege in die Knie zu zwingen. Die Manager eben jener Hedgefonds werden wohl insgeheim McKay und seinen Film verfluchen, der es geschafft hat, ein so komplexes wie dröges Thema nicht nur äußerst unterhaltsam, sondern auch in einer Art und Weise aufzuarbeiten, dass es auch für Laien nachvollziehbar wird. Ob „The Big Short“ wirklich einen Einfluss auf die aktuellen Geschehnisse hatte, kann ich zwar nicht sagen. Aber der Gedanke, dass es so sein könnte, ist irgendwie recht befriedigend. 


8,5 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Jaap Buitendijk – © 2015 Paramount Picture, Quelle http://www.imdb.com)

Vice – Der zweite Mann (2018)

Regie: Adam McKay
Original-Titel: Vice
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Biopic, Politfilm, Komödie, Drama
IMDB-Link: Vice


Seit „The Big Short“ ist Adam McKay wohl einer der interessantesten Regisseure Hollywoods. Die Fähigkeit, komplexe, trockene Stoffe auf eine schwarzhumorige bis zynische Weise allgemein verständlich und wahnsinnig unterhaltsam zu vermitteln, macht ihm wohl kaum jemand so schnell nach. Mit „Vice“ legt Adam McKay nun nach – und diesmal gilt sein Interesse der als eher farblos geltenden Figur des Dick Cheney, ehemaliger Vizepräsident unter George W. Bush. Hinter der spröden Fassade verbirgt sich allerdings einer der vielleicht am meisten unterschätzten Strippenzieher der jüngeren Politikvergangenheit. Rücksichtslos und nur auf den eigenen Vorteil bedacht weitete Dick Cheney mit jedem Karriereschritt seine Kompetenzen aus, bis er schließlich mit President Bush unter ihm (und genau zu diesem Schluss muss man am Ende des Films kommen) die Welt veränderte. Adam McKay impliziert, dass durch Cheneys Entscheidungen der Irak-Krieg angezettelt wurde, woraufhin der gesamte Nahe Osten destabilisiert und zu dem Fleckerlteppich aus terroristischen Vereinigungen, als den wir ihn heute kennen, wurde. Die Ölfirma, als deren CEO Cheney davor fungierte, profitierte jedenfalls nicht schlecht von dem Chaos, das auf den Krieg folgte. „Vice“ erzählt die Geschichte, wie aus dem Säufer und Taugenichts Dick Cheney der damals wohl mächtigste Mann der Welt werden konnte. Und er tut dies mit den Mitteln, die auch „The Big Short“ schon interessant gemacht haben: Mit überspitzten Szenen, mit dem gelegentlichen Einspielen von Archivmaterial, mit einem sarkastischen Erzähler aus dem Off, mit Verfremdungen (göttlich: die Szene, in der Dick Cheney und seine Frau Lynne abends im Bett in shakespeare’schen Versen zu reden beginnen, um die Dramatik der Entscheidung, die gefällt werden muss, theatralisch zu unterstreichen) und einem genialen Cast. Amy Adams als Lynne Cheney, Steve Carell als Donald Rumsfeld, Sam Rockwell als George W. Bush – sie alle sind großartig. Was aber Christian Bale macht, geht meiner Meinung nach über Schauspiel weit hinaus. Er spielt nicht Dick Cheney, er ist Dick Cheney. Und damit meine ich nicht nur die verblüffende optische Verwandlung. Vielmehr liegt die Faszination im Detail: Im kalten, berechnenden Blick, im Zucken seiner Mundwinkel, durch das sich seine Schachzüge ankündigen, in der leicht gebeugten, so unterwürfig wirkenden Körperhaltung, jede Faser seines Körpers schreit: Dick Cheney! Wenn es dafür keinen Oscar gibt, dann weiß ich auch nicht mehr weiter. Allerdings kommt „Vice“ als Film nicht ganz an das meisterhafte „The Big Short“ heran. Denn „Vice“ hat Längen, und auch das Tempo ist insgesamt eher gedrosselt. Dank der vielen guten Regieeinfälle und dem grandiosen Cast bleibt der Film über seine ganze Laufzeit interessant, aber mitreißen kann er dabei nicht immer.


7,0
von 10 Kürbissen