Akira Kurosawa

Uzala der Kirgise (1975)

Regie: Akira Kurosawa
Original-Titel: Dersu Uzala
Erscheinungsjahr: 1975
Genre: Drama, Abenteuerfilm, Biopic, Historienfilm
IMDB-Link: Dersu Uzala


Das Medium Film ist international. So saß ich heute im Gartenbaukino in Österreich, um einen russischen Film eines japanischen Regisseurs mit schwedischen Untertiteln zu sehen, in dem es um einen Kirgisen geht, der eigentlich ein indigener Nanaier ist. Alles klar? „Dersu Uzala“ (wie der Film von Meisterregisseur Akira Kurosawa heißt, „der Kirgise“ im Deutschen ist schlicht ein Fehler) erzählt die Geschichte einer Freundschaft in der unwirtlichen Taiga. Der russische Entdecker Wladimir Arsenjew macht 1902 zufällig die Bekanntschaft mit eben jenem Dersu Uzala, einem älteren Nanai, der durch die Pocken Frau und Kinder verloren hat, und sich allein als Jäger durchschlägt. Arsenjew und Dersu Uzala sind sich sofort sympathisch, und so begleitet Dersu Uzala die russische Expedition als Führer. Auf dieser Expedition, bei der schon der kleinste Fehler den Tod durch die unbarmherzige Natur bedeuten kann, freunden sich die beiden sehr unterschiedlichen Männer an, doch mit dem Ende der Expedition trennen sich auch ihre Wege wieder. Als Arsenjew Jahre später wieder in die Gegend kommt, trifft er erneut auf Uzala, und wieder begleitet Dersu Uzala seinen alten Freund und die Männer, die er anführt, durch die Wildnis. Doch Uzala ist nicht mehr der Jüngste. Seine Augen werden schwächer, und Arsenjew erkennt, dass das Leben da draußen für ihn kaum mehr zu bewältigen ist, wenn er nicht gut sieht. „Dersu Uzala“ erzählt über 2,5 Stunden eine sehr reduzierte, fast schon unspektakuläre Geschichte. Es gibt keinen Feind zu bekämpfen außer der grausamen Natur selbst. Die meiste Zeit über sieht man Männer, die sich durch Schnee und Eis und dichte Wälder kämpfen. Und dennoch steckt sehr viel in diesem Film. Diese fast schon meditative Ruhe, die der Film in seinen grandiosen Naturaufnahmen ausstrahlt, bildet die Fläche, auf der sich die Freundschaft der beiden unterschiedlichen Charaktere aufbauen kann. Und dennoch spürt man, dass sich die beiden Männer trotz aller Nähe, trotz der Gefahren, die sie gemeinsam durchstehen, fremd bleiben – zu fremd nämlich sind sich die Welten, aus denen sie kommen. Dieser Clash of Culture wird von Akira Kurosawa ohne Wertung erzählt. Jeder behält seine Würde in diesem Aufeinandertreffen bei. Das Ende ist konsequent, lakonisch und hinterlässt dennoch (oder gerade deswegen) einen bleibenden Eindruck. Nur hier erlaubt sich Kurosawa so etwas wie einen zynischen Zwischenruf. Doch auch der ist im Grunde nicht sein eigener – denn die Geschichte von Dersu Uzala hat sich tatsächlich so abgespielt. Zynisch war hier das Schicksal selbst.


7,5
von 10 Kürbissen

Engel der Verlorenen (1948)

Regie: Akira Kurosawa
Original-Titel: Yoidore Tenshi
Erscheinungsjahr: 1948
Genre: Drama
IMDB-Link: Yoidore Tenshi


Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio. Quentin Tarantino und Christoph Waltz. Ingmar Bergman und Liv Ullmann. Akira Kurosawa und Toshirō Mifune. Matches made in Heaven. Mit Kurosawa und Mifune ging es los mit dem Drama „Engel der Verlorenen“, wobei der Engel in diesem Fall selbst ein Verlorener ist, die wortgetreue Übersetzung „Der trunkene Engel“ also wohl besser gepasst hätte. Es geht um den Arzt Sanada (Takashi Shimura), der im Armenviertel seinen Dienst verrichtet an jenen, die sich sonst keine medizinische Versorgung leisten können. Vor allem die fast unaufhaltsame Tuberkulose macht den Menschen hier schwer zu schaffen. Sanada ist zum zynischen Trinker geworden – ein einsamer Wolf, der seine Patienten zwar anbellt, aber heilt, statt sie zu beißen. Sanada ist ein sehr ambivalenter Charakter, mürrisch, unsympathisch, aber durch sein Handeln zeigt sich seine eigentliche Natur, er hat ein gutes Herz. Und so gibt er auch nicht auf, als eines Tages der verletzte Gangster Matsunaga (Toshirō Mifune) in seiner Praxis steht, bei dem er Anzeichen der Tuberkulose zu erkennen glaubt, wovon sein Patient allerdings nichts wissen will. In der rauen Welt der kriminellen Clans darf man sich keine Schwäche erlauben. Doch Sanaga lässt nicht locker, stellt dem Gangster nach, versucht ihn zu überzeugen. Es entspinnt sich ein Zweikampf zwischen dem Retter wider Willen und dem Gegenpart, der seine Rettung verweigert. Diese ungewöhnliche Konstellation birgt allerhand psychologische Spannung in sich, die Kurosawa geschickt ausspielt. So benötigt der Film einige Zeit, um den Zuseher zu packen, da es eben zu Beginn an Identifikationsfiguren mangelt – jeder ist hier erst einmal unsympathisch und hysterisch auf den ersten Blick – doch nach und nach zieht Kurosawa seine Schrauben fester an, und gebannt verfolgt man diesem Krieg der Worte und Gesten, den Kampf um nicht eine, sondern gleich zwei gefallene Seelen. Natürlich sieht man dem Film sein Alter an, beispielsweise auch beim Overacting der Akteure. Doch Kurosawas erster Film, bei dem er volle Kontrolle über die Entstehung hatte, ist inhaltlich erstaunlich modern und weiß auch heute noch zu packen.


7,5
von 10 Kürbissen