Anne Fontaine

Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft (2009)

Regie: Anne Fontaine
Original-Titel: Coco avant Chanel
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Biopic, Drama
IMDB-Link: Coco avant Chanel


Coco Chanel ist eine französische Ikone. Amélie aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“, verkörpert von Audrey Tautou, ist ebenfalls eine. Was liegt also näher als diese beiden Ikonen zusammenzubringen und mit Audrey Tautou in der Hauptrolle die Lebensgeschichte von Coco Chanel zu verfilmen? Regie führte Anne Fontaine, deren Gemma Bovery – Ein Sommer mit Flaubert ich entzückend fand, während ich mit Marvin weniger anfangen konnte. Leider schlägt sich „Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“ auf die Seite von „Marvin“. Denn auch wenn die forsche Coco Chanel, die die adelige Männerwelt aufmischt, Stoff für eine gute Erzählung hergeben würde und sich Audrey Tautou auch nach Kräften bemüht, diese toughe Frau zu verkörpern, so zündet das Werk zu keiner Minute richtig. Das liegt zum Einen daran, dass Audrey Tautou ihre Coco zu hart anlegt, als dass man als Zuseher mit ihr mitfiebern und mitleiden könnte. Frauenpower und Emanzipation gut und schön – aber es fehlt dem Film durch diese Darstellung ein emotionaler Anker. Zum Anderen ist das Biopic sehr klassisch erzählt – und damit schlicht und ergreifend fad. Die Lebensstationen bis zum Ruhm werden abgehandelt, im Zentrum steht dabei die On-Off-Beziehung mit dem Adeligen und Lebemann Étienne Balsan (Benoit Poelvoorde) und die Liebe zu dem englischen Lord Capel (Alessandro Nivola), aber alles wird hübsch vorhersehbar und nach den üblichen schematischen Abläufen routinierter Biopics erzählt. Hier bleibt kein Platz für Überraschungen. Selbst Alexandre Desplats Musik geht zwar gut ins Ohr, klingt aber alles in allem genau so, wie man sich einen Alexandre Desplat-Soundtrack zu einem Coco Chanel-Film vorstellt. Jo eh. Überraschend ist nur, dass Coco Chanels eigentliche Bestimmung, das Modedesign, kaum zur Sprache kommt und fast beiläufig abgehandelt wird. So ist „Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“ zwar kein völliger Rohrkrepierer, aber ansehen muss man sich den Film definitiv nicht.


4,5
von 10 Kürbissen

Gemma Bovery – Ein Sommer mit Flaubert (2014)

Regie: Anne Fontaine
Original-Titel: Gemma Bovery
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Gemma Bovery


In einer kleinen Stadt in der Normadie lebt der Bäcker Martin (Fabrice Luchini) mit seiner Familie. Eines Tages ziehen neue Nachbarn in das halb verfallene Haus nebenan – die Engländer Charlie (Jason Flemyng) und Gemma Bovery (Gemma Arterton). Angesichts der jungen Frau regen sich bei Martin lange verschollen geglaubte Gefühle, doch er ist damit nicht allein. Und angesichts seiner jungen Nebenbuhler gibt er schon bald das Feld auf, um sich stattdessen als ironisch distanzierter Kommentator des Geschehens mal mehr, mal weniger einzubringen. Dabei fällt ihm auf, dass sich die Geschichte der jungen Gemma immer mehr jener ihrer Namensvetterin Emma Bovary aus Flauberts berühmtestem Roman angleicht. Und wie der belesene Bäcker so weiß: Mit der hat es kein gutes Ende genommen. Also schreitet er ein. „Gemma Bovery“ hat zwei sehr überzeugende Argumente, warum der Film wirklich sehenswert ist. Das eine heißt: Gemma. Das andere: Arterton. Immer, wenn Gemma Arterton auf dem Bildschirm zu sehen ist und versonnen lächelt, wird alles ein bisschen leichter, die eigenen Probleme rücken in den Hintergrund, das Leben wird um eine Nuance lebenswerter. Die Frau ist einfach wahnsinnig schön und hat dabei (vor allem in diesem Film) eine geheimnisvolle, romantisch-sinnliche Ausstrahlung. Der Moment, wenn der arme Martin, der gar nicht so recht weiß, wie ihm geschieht, der hysterischen Gemma einen Bienenstich am Rücken aussaugen soll, ist auf der einen Seite komisch und überdreht, aber allein die Tatsache, dass es sich um Gemma Arterton handelt, deren Kleid am Rücken aufgeknöpft wird, verleiht dieser Szene plötzlich eine unfassbar erotische Komponente. „Gemma Bovery“ ist luftiges, heiteres Sommerkino mit viel Sinnlichkeit und literarischen Referenzen. Vielleicht kein Meisterwerk für die Ewigkeit, dazu ist der Film insgesamt zu leichtgewichtig, aber allemal sehenswert. Und für Gemma Arterton gibt es den Bonuspunkt obendrauf.


7,0
von 10 Kürbissen

Marvin (2017)

Regie: Anne Fontaine
Original-Titel: Marvin
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Marvin


(Disclaimer: Beim Betrachten dieses Films hatte der Rezensent nach einer Nacht (bzw. einem Vormittag) mit nur drei Stunden Schlaf und der Tatsache, dass es sich beim Screening von Anne Fontaines „Marvin“ um den bereits dritten Film des Tages, und das um 21 Uhr abends, handelte, ziemlich mit der Müdigkeit zu kämpfen und hat daher wahrscheinlich trotz durchgängig offener Augen die eine oder andere Untertitel-Zeile schlicht verpasst. Diese Review ist also unter erschwerten Bedingungen zustande gekommen. #DieViennaleFordertIhreOpfer)

Marvin kommt aus einem kleinen französischen Dorf und hat heftig zu kämpfen – mit den homophoben Mitschülern, die ihn als verweichlicht betrachten und ihn daher heftig mobben, mit den Eltern, einfache Menschen, die ebenfalls mit ihren Vorurteilen nicht hinterm Berg halten, mit den Geschwistern, die ihn in den Hintergrund drängen. Im Schauspielkurs seiner Schule findet er eine Insel, auf der er diese ganzen Sorgen ein Stück weit loslassen kann. Später als junger Mann besucht er die Schauspielschule in Paris, freundet sich mit anderen Künstlern an, trifft auf Isabelle Huppert, gewinnt sie dafür, in seinem eigenen Stück, das seine Lebensgeschichte erzählt, die weibliche Hauptrolle zu übernehmen. „Marvin“ ist ein sehr klassisches, langsam und figurenzentriert erzähltes Coming of Age-Drama über einen Außenseiter in einer ihm feindlich gesinnten Gesellschaft. Nach und nach erkämpft er sich Akzeptanz. Das ist schön, solche Filme braucht es. Aber warum müssen dann fast alle Nebenfiguren ans Lächerliche grenzende Stereotypen sein? Der dicke, schnauzbärtige, cholerische und chauvinistische Vater? Die sich unterbuttern lassende, devote Mutter? Das schwule Künstlerpaar, die Marvin als einen der ihren aufnehmen? Dadurch, dass hier wirklich jede Nebenfigur in ihrer Ausgestaltung und ihren Handlungen vorhersehbar ist, nimmt sich der Film viele Möglichkeiten – und wird langweilig. Und diese Langeweile ist nicht ausschließlich der Tatsache geschuldet, dass ich ihn müde gesehen habe, sondern begründet sich eben in dem strukturellen Problem, dass Marvin, die Hauptfigur, zwar recht nachvollziehbar gezeichnet ist (auch wenn Vieles in dessen Entwicklung bloße Behauptung bleibt, die nicht mit den entsprechenden Bildern oder Szenen unterfüttert wird), aber alles rund um ihn herum pures Klischee zu sein scheint. Selbst Isabelle Huppert spielt Isabelle Huppert so, wie man sich das Klischee von Isabelle Huppert vorstellt. Immerhin ist der Film konsequent darin.


5,0
von 10 Kürbissen