Crossing Europe Linz 2018

4 Tage Crossing Europe – 13 Filme: Ein Fazit

Vier spannende und abwechlungsreiche Festivaltage am Crossing Europe Film Festival in Linz liegen hinter mir. Ich sitze im Zug zurück nach Wien, alle Filme sind gut verdaut und hier auch schon besprochen – es ist Zeit für ein Fazit. Zunächst mal zum Festival selbst, denn es war mein erster Besuch des Crossing Europe Festivals in Linz. Und es ist zwar abgedroschen, aber der Einfachheit halber gibt’s eine Pro-und-Kontra-Liste.

Pro:

  • Das Festival der kurzen Wege. Während man in Wien von Kino zu Kino teils einen ordentlichen Hatscher hinlegen kann (Du stehst vor der Urania und stellst zehn Minuten vor Filmbeginn fest, dass dein Film im Stadtkino im Künstlerhaus läuft? Vergiss es. Geh zum Schwedenplatz und kauf dir ein Eis.), spielt die Musik des Crossing Europe Festivals innerhalb eines kleinen Bereichs. Man ist entweder im Ursulinenhof, wo mit Ursulinensaal und Moviemento-Kino zwei Spielstätten untergebracht sind, oder im City-Kino, gerade mal hundert Meter entfernt.
  • Die Atmosphäre. Wenn das Wetter so schön ist wie in den letzten Tagen, kann man sich zwischen den Filmen im Ursulinenhof auf ein Bankerl setzen und sich in der Sonne braten lassen. Alles sehr entspannt und gemütlich hier. Auch das Personal ist sehr freundlich und gelassen. Man fühlt sich hier einfach rundum wohl.
  • Die Filmauswahl. Natürlich laufen viele Filme, die schon im Vorjahr über diverse Festivals getingelt sind, aber das muss ja kein Nachteil sein. Hier wird wirklich eine Rundschau zum europäischen Film gezeigt; das Festival lebt von seiner Vielfalt. Auch die Nachtsicht-Schiene, in der aktuelle europäische Horror- und Fantasy-Filme gezeigt werden, macht richtig Spaß. So ist für jeden was dabei.

Kontra:

  • Der Ursulinensaal. Sorry, liebes Team vom Crossing Europe, aber die Kritik muss jetzt sein: Ein Veranstaltungssaal, in dem man eine Leinwand montiert und zwanzig Reihen Konferenzsesseln aufstellt, ist kein Kinosaal. Das größte Manko ist die Akustik. Der Ton wirkt blechern bis dumpf. Was legendär beschissene Akustik betrifft, so haben wir in Wien eh die Stadthalle – da muss Linz nicht unbedingt nachziehen.
  • Die Ausgabe der Pressetickets. Prinzipiell ist das kein großes Problem, ich habe alle Karten bekommen, für die ich angesucht habe. Allerdings hat man immer nur ein Zeitfenster direkt vor dem Film zur Verfügung, um die Karten zu holen. Je nach Kino eine Stunde oder eine halbe Stunde vorher bis eine Viertelstunde vor Filmbeginn. Das führt dazu, dass es sich manchmal nicht ausgeht, eine Pressekarte zu besorgen, wenn nämlich die Wechselzeit zwischen zwei Filmen recht kurz ist. Ich würde es begrüßen, wenn man die Tickets zumindest für alle Vorstellungen des gleichen Tags auf einmal abholen könnte.

Aber ansonsten: Sehr nett, das Festival, sehr locker und gemütlich, und ich werde es definitiv wieder besuchen. Und dann halt Vorstellungen meiden, die im Ursulinensaal gezeigt werden. Mein Learning aus diesen vier Tagen.

Und nun zu den Filmen selbst. Ich habe hier im Blog eh schon über alle geschrieben, aber hier noch mal eine Kurzzusammenfassung, was ich empfehlen kann und was eher weniger.

Festival-Highlights
A Woman Captured
Duty

Sehr empfehlenswert
Cobain
Good Favour
Double Date
Lucica und ihre Kinder

Durchaus sehenswert
The Heart
Revenge
Namrud (Troublemaker)

Eher nicht so gelungen
The Cured – Infiziert. Geheilt. Verstoßen.

Definitiv nicht zu empfehlen
Little Crusader
Scary Mother
Dreaming Under Capitalism

Insgesamt jedenfalls eine gute Ausbeute, mit der ich sehr zufrieden bin. Außerdem: Es lebe die Vielfalt. Immerhin habe ich in den vergangenen vier Tagen Filme aus diesen Ländern gesehen: Österreich, Deutschland, Niederlande, Schweden, Georgien, Israel, Großbritannien, Irland, Belgien, Tschechien und Ungarn. Ich habe interessante Q&As miterlebt und in vielerlei Hinsicht meinen Horizont erweitern können. Linz, wir sehen uns wieder.

Duty (2017)

Regie: Annemarie Jacir
Original-Titel: Wajib
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Wajib


Mein letzter Festival-Film des diesjährigen Crossing Europe Film Festivals in Linz spielt wieder in Israel, und wieder, wie auch in „Namrud (Troublemaker)“ geht es um die palästinensische Gemeinschaft. Shadi ist aus Italien zurückgekehrt in die alte Heimat, die er schon seit Jahren nicht mehr gesehen hat, um seinem Vater bei der Organisation der Hochzeit seiner Schwester zu helfen. Der Film konzentriert sich dabei auf einen Tag, an dem die beiden die offiziellen Einladungen zustellen. Das muss persönlich erfolgen, denn das ist „Wajib“, also die Pflicht des Vaters, der die Hochzeit ausrichtet. Vater und Sohn kommen gut miteinander aus, doch bald werden die Gräben sichtbar, die im Laufe der Jahre durch die unterschiedlichen Lebensweisen entstanden sind. Während der Vater sein ganzes Leben lang in Israel gelebt hat und gelernt hat, sich den Gepflogenheiten und Verpflichtungen, die man als Palästinenser im Land hat, anzupassen, findet sich der Sohn, vom westlichen Leben in Italien geprägt, nur schwer zurecht inmitten der Rituale, die notwendig sind. Diese sind zum Einen kulturell geprägt, zum Anderen zum Teil auch pragmatisch. So muss der Israeli Ronnie Avi zur Hochzeit eingeladen werden. Der Vater bezeichnet Ronnie Avi als alten Freund, der Sohn als Spitzel des israelischen Geheimdienstes, der hauptverantwortlich dafür war, dass er damals das Land verlassen musste. Doch die Einladung von Ronnie Avi ist nicht der einzige Streitpunkt zwischen Vater und Sohn. Der Sohn lebt in Italien in einer glücklichen Beziehung und denkt nicht an die dauerhafte Rückkehr in die Heimat, der Vater hätte gern, dass er hier wieder sesshaft wird und eine Einheimische heiratet. Auch über den Hochzeitssänger wird lauthals gestritten. Und über die Mutter, die in den USA lebt, nachdem sie die Familie verlassen hat. Und nun liegt ihr zweiter Ehemann im Sterben und es ist unklar, ob sie zur Hochzeit kommen kann – was der Vater persönlich nimmt. All diese Konflikte und Reibereien werden aber mit viel Humor vorgetragen, und es ist klar, dass die beiden, Vater und Sohn, trotz aller Unterschiede viel Liebe füreinander empfinden. Und das ist die große Stärke des Films: Er ist wunderbar menschlich und zeigt die Protagonisten mit Stärken und Schwächen, aber im ehrlichen Bemühen, miteinander gut auszukommen. Auf einer subtilen Ebene wird auch vom Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern erzählt. Aber das Herzstück des Films ist die Vater-Sohn-Geschichte und die Annäherung der beiden, wie sie versuchen, ihre beiden Welten in Einklang zu bringen und sich neu kennenzulernen. Und das zeigt Annemarie Jacir mit viel Einfühlungsvermögen, ehrlichen Charakteren, einer Prise Humor und einem guten Gefühl für Rhythmus, denn auch wenn der Film ruhig und unspektakulär erzählt wird, ist er nie auch nur einen Moment lang uninteressant oder gar langweilig. Ein weiteres Festival-Highlight zum Abschluss.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

Little Crusader (2017)

Regie: Václav Kadrnka
Original-Titel: Křižáček
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Historienfilm
IMDB-Link: Křižáček


„Little Crusader“ ist der erste tschechische Film, der mit dem Hauptpreis auf dem heimischen Filmfestival in Karlovy Vary ausgezeichnet wurde. Und wie so oft: Man kann über solche Preisverleihungen trefflich streiten. Der in blassen Farben und im ungewöhnlichen Academy-Format (1 : 1,37) gedrehte Film erzählt eine sehr simple Geschichte: Der junge Jenik reißt von der Heimatburg aus, um auf Kreuzzug zu gehen, sein Vater, der alte Ritter Borek, sucht ihn. Und ja, das ist dann auch schon die ganze Geschichte. Zwischendurch schließt sich ein junger Ritter dem Suchenden an, und mal spielen Kinder im Feld oder führen ein Theaterstück auf. Meistens aber wird schweigend durch die Gegend geritten. Es entsteht der Eindruck, dass man im Mittelalter nicht gesprochen, sondern nur das Gegenüber nach einer Frage minutenlang angestarrt hat. Passiv-aggressive Reaktionen auf blöde Fragen hatten die offenbar drauf. Eine Entwicklung der Charaktere ist nicht bemerkbar, dramaturgische Höhepunkte gibt es keine – der Film fließt mit minutenlangen Einstellungen einfach so dahin, ohne das Publikum mit Handlung zu schocken. Irgendwie hat das ja auch etwas. Und die Bilder sind schön anzusehen. Unterm Strich ist „Litte Crusader“ aber eine sehr dünne Suppe. Schöne Bilder allein reichen nicht. Handlungsarmut ist auch okay, aber wenn man das Gefühl hat, dass nicht die kleinste Veränderung in den Figuren passiert, dass man am Ende keine Botschaft mitnehmen kann, keinen Gedanken, den man selbst fortführen könnte, so ist das halt einfach zu wenig. Das haben offenbar auch einige andere Filmkritiker gesehen, die eine Diskussion darüber losgetreten haben, warum dieser Film den Hauptpreis in Karlovy Vary erhalten hat. Denn, wie gesagt: Über solche Preisverleihungen kann man trefflich streiten.


4,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

Namrud (Troublemaker) (2017)

Regie: Fernando Romero-Forsthuber
Original-Titel: Namrud (Troublemaker)
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Namrud (Troublemaker)


Nach „Lucica und ihre Kinder“ und „A Woman Captured“ war „Namrud (Troublemaker“ nun der dritte Dokumentarfilm in Folge, in dem die persönliche Beziehung zwischen  dem Filmschaffenden und der gefilmten/porträtierten Person dem Film eine zusätzliche Komponente hinzufügt. Jowan Safadi, der Held von Fernando Romero-Forsthubers Film, ist nämlich ein guter Freund des Filmemachers. Dieser hat den Palästinenser Jowan in seiner Heimat Haifa besucht. Jowan gehört der arabischen Minderheit des Landes an. Mit seiner Musik versucht er, die Alltagsdiskriminierung, die dem Volk der Palästinenser widerfährt, aufzuzeigen und gleichzeitig aber auch Brücken zu schlagen. Ein Song, den er auf Hebräisch veröffentlicht und in dem er die jüdische Bevölkerung direkt adressiert, sorgt für einigen Wirbel. Der Film zeichnet die Entstehungsgeschichte des Songs bis zu einem Konzert in Jerusalem nach. Gleichzeitig zeigt Romero-Forsthuber aber auch die Beziehung zwischen Jowan und seinem Sohn Don, der lange Zeit in den USA gelebt hat. Sowohl Jowan als auch Don sind progressive, weltoffene Menschen, die gerne die Restriktionen, die durch Nationalismus in unserer Gesellschaft entstehen, überwinden möchten, die aber aus ihrer eigenen persönlichen Lebenserfahrung heraus knapp davor stehen, zu resignieren. „Palästina ist tot“, meint einmal Don bei einem Strandspaziergang. Und wenn man sich die verhärteten Fronten im Nahen Osten ansieht, glaubt zu begreifen, wie ein unmittelbar Betroffener zu dieser Einschätzung kommt. Jowan weiß, dass seine Musik nicht viel ändern wird, aber sie ist sein Mittel, um mit den Umständen zurecht zu kommen, um sein eigenes, persönliches Zeichen zu setzen. Das alles ist durchaus interessant – da sowohl der Riss durch die Gesellschaft spürbar gemacht wird als auch die Momente gezeigt werden, in denen die Menschen zusammenfinden – und wenn es auch nur für einen Abend bei einem Konzert ist. Allerdings ist der Film durch seinen engen Fokus auf Jowan recht einseitig. Es wird die Gemeinschaft der arabischen Palästinenser gezeigt – weniger aber das direkte Zusammenleben, die Repressalien des Alltags, auch kommen keine jüdischen Stimmen zu Wort. So ist „Namrud (Troublemaker)“ ein interessantes Künstlerporträt, aber nicht unbedingt ein Film, der den Konflikt in Israel breiter beleuchtet.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

A Woman Captured (2017)

Regie: Bernadett Tuza-Ritter
Original-Titel: A Woman Captured
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: A Woman Captured


Ich konnte ja bislang auf dem Crossing Europe Festival schon einige gute Filme sehen, aber der Film, der wohl am meisten hängenbleiben wird, ist die Dokumentation „A Woman Captured“ von Bernadett Tuza-Ritter. Eigentlich wollte Tuza-Ritter für ihr Filmstudium nur eine fünfminütige Dokumentation über einen Tag einer beliebigen Person drehen. Sie wusste, dass eine ihr bekannte Familie Haushälter beschäftigen würden – und so hatte sie die Idee, Marish, eine der Haushälterinnen, zu porträtieren. Während des Filmens stellte sie aber fest, dass etwas im Argen lag. Marish bekam keinen Lohn, ihr Pass und ihre ID waren von der Familie eingezogen worden, und sie erzählte von körperlichem Missbrauch. Unter der Bedingung, dass nur Marish zu sehen sein würde, und im Glauben, dass es sich immer noch um eine unverfängliche Darstellung eines normalen Arbeitstages handeln würde, willigten Eta und ihre Familie ein, dass Tuza-Ritter weiterdrehen durfte. Insgesamt 1,5 Jahre verbrachte sie mit Marish, und aus dem Kurzporträt der Frau wurde eine erdrückende Dokumentation über moderne Sklaverei und die wiederum zu einer Geschichte über eine Befreiung – möglich nur dank der Unterstützung von Tuza-Ritter, die Marish die ganze Zeit über beistand. Denn schon sehr früh in dieser Arbeitsbeziehung, die sich bald zu einer Freundschaft ausweitete, wusste Tuza-Ritter, dass sie die wichtigsten Regeln des Dokumentarfilmens, nämlich unbeteiligt und objektiv zu bleiben, außer acht lassen würde, um der Frau zu helfen. Zumal es die Behörden im Land nicht taten, denen solche Probleme zwar bekannt sind, die sie aber ignorieren. Heute noch leben laut Tuza-Ritter 22.000 Menschen in Ungarn in einem der Sklaverei ähnlichen Abhängigkeitsverhältnis und 1,2 Millionen innerhalb der Europäischen Union. Auch in Österreich gibt es laut dem Global Slavery Index immerhin 1.500 Menschen, die als moderne Sklaven arbeiten. „A Woman Captured“ ist ein aufrüttelndes Plädoyer dafür, sich diesem Problem endlich zu stellen. Gleichzeitig ist der Film ein einfühlsames Porträt einer unglaublich starken Frau, die von einem Leben in Terror zwar gezeichnet ist (die 53jährige sieht mindestens zwanzig Jahre älter aus), aber die dennoch ihren Lebensmut und ihren Humor nicht verloren hat. Die Szenen, in denen Tuza-Ritter Marish (die eigentlich Edit heißt, wie sie zu diesem Zeitpunkt erklärt – Marish war ihr Sklavenname, den ihr Eta gegeben hat) auf der Flucht und auf dem Weg in die Freiheit begleitet, möchte man eigentlich durchgehend bejubeln und beklatschen. Es macht sicherlich keine Freude, den Film anzusehen, zu sehr geht das Thema, geht das Schicksals von Marish an die Nieren, aber ich kann ihn uneingeschränkt empfehlen.

 


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

Good Favour (2017)

Regie: Rebecca Daly
Original-Titel: Good Favour
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Good Favour


Mitten im Wald liegt ein Dorf, in dem die Zeit stillgestanden zu sein scheint. In diesem Dorf lebt eine christliche Gemeinschaft, die sich sektengleich völlig abschottet von der Außenwelt. Allerdings sind die Menschen nicht fanatisch, nur sehr gläubig. Dass sie freundliche Zeitgenossen sind, zeigt sich schon bald, als es den siebzehnjährigen Tom ins Dorf verschlägt. Er kommt aus dem Wald, ist verwundet, hungrig und durstig und hat keine Erinnerung an ein Vorher. Die Menschen nehmen den schweigsamen Außenseiter auf, und allmählich gliedert er sich in das Dorfleben ein. Doch er trägt ein Geheimnis mit sich, von dem er sogar selbst nichts wusste. Rebecca Dalys Film ist vor allen Dingen rätselhaft. Nur wenig wird erklärt. Was hat es mit der englischsprachigen, christlichen Gemeinschaft in einem deutschen Wald auf sich? (Dass sich das Dorf in Deutschland befindet, bekommt man nur recht spät in einer kleinen, unbedeutenden Szene mit.) Woher kommt Tom, und warum hat er keine Erinnerungen? Was hat es mit den Wunden auf sich, die er aus dem Wald mitgebracht hat? Nichts davon wird wirklich aufgeschlüsselt, und viele Szenen bleiben symbolhaft und verschließen sich allzu schneller Interpretationen. Am Ende wird das Bild klarer (da hätte ich mir an einer Stelle sogar ein wenig mehr Subtilität gewünscht), aber auch da lässt Rebecca Daly viele Möglichkeiten offen. „Good Favour“ ist ein Film, über den man noch lange nachdenkt, und der zu Diskussionen anregt. Definitiv sehenswert!


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

Revenge (2017)

Regie: Coralie Fargeat
Original-Titel: Revenge
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Thriller, Action
IMDB-Link: Revenge


„Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird.“ So ein Klingonen-Sprichwort. Das junge Model Jennifer (Matilda Lutz) hat Star Trek offenbar nie gesehen, denn ihr kann es nicht schnell genug gehen mit dem Zahltag, nachdem sie vergewaltigt, einen Abgrund hinabgestoßen und aufgespießt worden ist. Wie durch ein Wunder überlebt sie diese Tortur, und klar, sie hat jetzt nicht nur einen Pflock, sondern auch eine Mordswut im Bauch. Dass die drei Herrschaften, die ihr das angetan haben, den nur halbherzig ausgeführten Job, sie über den Jordan gehen zu lassen, nun beenden wollen, kommt ihr gerade recht. Und so entspinnt sich ein Katz-und-Maus-Spiel in der Wüste. „Die Schwierigkeit beim Katz-und-Maus-Spiel ist zu wissen, wer die Katze ist.“ Ein weiteres schönes Filmzitat aus „Jagd auf Roter Oktober“. „Revenge“ von Coralie Fargeat ist eine heiße Angelegenheit. Hier wird geschwitzt und geflucht und vor allem geblutet, was nur geht. Ein schwer verletztes Model gegen drei bewaffnete Jäger. Subtile Zwischentöne oder allzu viel Wert auf Logik darf man von diesem Film nicht erwarten. Jeder Mensch hat zwischen 5 und 7 Litern Blut im Körper. In diesem Film blutet jeder mindestens 20 Liter raus. Aber egal, der Film macht einfach Spaß. Vielleicht ist „Revenge“ nicht unbedingt der originellste Beitrag zum Exploitation-Genre, aber wohl einer der am besten gefilmten. Wenn beispielsweise eine Ameise unter aus subjektiver Ameisensicht wahrgenommenem Artilleriebeschuss durch Blutstropfen steht und ihr Heil zwischen den donnernden Einschlägen sucht, so ist das einfach verdammt gut gemacht und extrem unterhaltsam. Auch ist stets spürbar, dass der Film von einer Frau gedreht wurde. Jennifer ist einfach badass. Wird sie zu Beginn noch als leicht dümmliches Sexspielzeug des reichen Schnösels dargestellt, zeigt sie im weiteren Verlauf den zunehmend weinerlichen Männern, wo der Barthel den Most herholt. Allerdings sei gewarnt: Wer mit empfindlichem Magen in den Film geht, wird den Inhalt desselben früher wieder zu Gesicht bekommen als erhofft. Und wer beim Anblick vom Blut in Ohnmacht fällt (soll’s ja geben), wird mindestens zwei Drittel des Films darniederliegen. Fazit: Gut gemachte, blutige Unterhaltung, die es einfach nur krachen lassen will, ohne weitere Ansprüche an Logik oder Anspruch zu stellen.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

Scary Mother (2017)

Regie: Ana Urushadze
Original-Titel: Sashishi Deda
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Thriller, Drama
IMDB-Link: Sashishi Deda


Im Nachhinein ist man immer schlauer: Wäre ich doch mal lieber im Q&A zu „Lucica und ihre Kinder“ sitzengeblieben, anstatt in den Nebensaal zu „Scary Mother“ zu hetzen. Selbst wenn Regisseurin Bettina Braun in diesem Q&A nur ihre besten Backrezepte verraten hätte, wäre das mit Sicherheit noch spannender gewesen als der Film der georgischen Regisseurin Ana Urushadze. Dabei hätte die Synopsis geradezu danach geschrieen, mich ins Kino zu locken. Es geht um die Schriftstellerin und liebevolle dreifache Mutter Manana, die kurz vor der Vollendung ihres neuen Romans steht. Der Ladenbesitzer gegenüber, ein Hobby-Literaturkritiker, den sie das ansonsten streng geheime Werk probelesen ließ, ist von dem Werk begeistert und hält es für ein Meisterwerk. Die Familie – bei der ersten gemeinsamen Lesung – ist weniger angetan davon, denn schon nach wenigen Zeilen wird klar, dass Manana hier ihre eigene Familiengeschichte erzählt, allerdings pervertiert und mit unglaublich viel Hass und Verachtung zwischen den Zeilen. Hier strampelt sich jemand ganz klar heraus aus einer vordefinierten Rolle der Hausfrau und Mutter. Klar, dass vor allem der Ehemann und Vater, der ja sowieso immer alles besser weiß, vor allem in Bezug auf die Frage, was Manana tun oder lassen soll, recht unfreundlich reagiert. Der Ladenbesitzer, der einen kleinen Crush auf Manana zu haben scheint, hat diese Situation vorausgesehen und in seinem Laden ein Zimmer für sie eingerichtet, in dem sie den Roman fertig schreiben kann, während er sich auf die Suche nach einem Verleger macht. So weit, so gut. Der Rest des Films besteht allerdings darin, dass Manana mit irrem Blick durch die Gegend schleicht, mal hinter dem Ladenbesitzer her, mal durch die Stadt, mal durch die Wohnung ihres Vaters. Falls noch jemand einen deutschen Verleihtitel für den Film suchen sollte: „Schleichende Mutter“. Bitte, gern geschehen. Das Ende ist dann wieder ganz okay, aber der (schleichend langsame) Weg dahin eine ziemlich mühsame Angelegenheit.


3,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

Lucica und ihre Kinder (2018)

Regie: Bettina Braun
Original-Titel: Lucica und ihre Kinder
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: –


Lucica hat es wirklich nicht leicht. Die 29jährige Rumänin lebt allein mit ihren 6 Kindern in Dortmund. Ihr Mann Daniel ist gerade aus dem Gefängnis raus, wo er wegen Diebstahl eingesessen ist, und direkt nach Rumänien abgeschoben worden. Nun darf er fünf Jahre lang nicht nach Deutschland einreisen. Lucica hat hinten und vorne kein Geld, manchmal gibt es für sie und ihre Kinder nur trockenes Brot zu essen. Der Job als Teilzeitreinigungskraft wirft eben nicht genug ab. Erschwerend kommt dazu, dass die junge Frau nur wenig Englisch und noch weniger Deutsch spricht. Übersetzen muss dann oft Stefan, der zweitälteste Sohn, dessen Deutsch zwar auch holprig ist, aber der zumindest in die Schule geht und dort lernt. Als Daniel aus dem Gefängnis kommt, reist die Familie nach Rumänien, um ihn persönlich in Empfang zu nehmen. Da aber Lucica kein Geld für die Erneuerung des Reisepasses ihrer jüngsten Tochter Marta hat, kommt es auf dem Weg zurück nach Deutschland, wo die Kinder weiterhin zur Schule gehen sollen, zum Drama. Marta muss in Rumänien bei der Großmutter bleiben. Fortan ist die einzige Sorge von Lucica, ihre geliebte Tochter wieder zurück nach Deutschland zu bringen. Und an diesem Punkt wird das Verhältnis zwischen Lucica und Bettina Braun, der Dokumentarfilmerin, zunehmend schwieriger. Man merkt die Erwartungshaltung Lucicas, dass die reiche Deutsche ihre Probleme löst. Schon in den ersten Szenen des Films gibt es Momente, in denen Lucica die Filmemacherin als Schwester oder einmal gar als Mutter bezeichnet. Wie kann man hier noch Distanz zu dem Thema, das man filmt, wahren? Genau das ist einer der spannendsten Aspekte des Films. Wir haben hier eine sichtlich überforderte, unter der Armutsgrenze lebende Migrantin, die zudem kein großes Interesse daran zeigt, in Deutschland mit der hiesigen Bürokratie und den hier geltenden Regeln zurecht zu kommen, und auf der anderen Seite die Filmemacherin, die persönlich involviert wird – die sicherlich etwas ändern könnte an der Situation der Familie, doch wie nachhaltig wären diese Veränderungen, und würden diese Hilfen nicht den Sinn des Dokumentarfilms unterlaufen? „Lucica und ihre Kinder“ ist ein schonungslos ehrlicher Film, der zum Einen die schwierigen Verhältnisse von Migranten aufzeigt und zum Anderen die Grenzen des Dokumentarfilms an sich. Dass der Film dennoch keine rein triste Angelegenheit ist, liegt an den Kindern, die immer wieder mit ihrer Neugierde und Lebensfreude für positive Momente sorgen.

 


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

The Cured – Infiziert. Geheilt. Verstoßen. (2017)

Regie: David Freyne
Original-Titel: The Cured
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Horror
IMDB-Link: The Cured


So eine Zombie-Karriere taugt auf die Dauer nichts. Es ist halt ein bisschen eintönig: Herumschlurfen, gelegentlich auszucken, wenn Menschenfleisch in Sicht kommt, und wenn sich die Gfraster wehren, wird einem oft der Schädel eingeschlagen. Daher denkt sich die Regierung nach dem Ausbruch einer Zombie-Epidemie in Irland: So ein Gegenmittel wäre schon leiwand. Und dank heller Köpfe gelingt es auch, 75% der Zombies wieder zurückzuverwandeln in friedfertige Bürger. Doch wie geht man damit um, wenn man weiß, dass man gegen seinen Willen seine Verwandtschaft verspeist hat? Mit dieser Frage plagt sich der geheilte Ex-Zombie Senan (Sam Keeley) herum. Seine Schwägerin (Ellen Page), die nach der Epidemie ohne Ehemann, aber mit Sohn auskommen muss, nimmt ihn dankenswerterweise auf. Ist ja technisch gesehen immer noch sein Haus. Blöd sind zwei Dinge: Die Erinnerung daran, was man getan hat, die sich immer wieder in Albträumen manifestiert, und die Tatsache, dass die Bevölkerung einen regelrechten Hass auf die Geheilten entwickelt hat. Klar, wenn dein Nachbar nicht nur deinen Hund, sondern auch noch deine ganze Familie gegessen hat, kann man gewisse Animositäten nicht verhindern. Dass sich zudem 25% der Infizierten durch das Gegenmittel nicht heilen lassen und in Armeelagern gefangen gehalten werden, löst die Spannungen in der Bevölkerung auch nicht gerade. „The Cured“ hat eine wirklich geniale Ausgangsbasis. Die Frage der Schuld, der Vergebung, der Wiedereingliederung jener, die willenlos Abscheuliches getan haben – all das würde einen solchen Film mit Leichtigkeit tragen. Leider geht „The Cured“ diesen Weg nicht konsequent zu Ende. Stattdessen biegt er in der zweiten Hälfte in Richtung eines recht klassischen Zombie-Horrors ab, der in einem chaotischen und irgendwie unlogischen Showdown mündet. Immer öfter drängt sich die Frage nach der Motivation für viele Handlungen auf – und nicht selten lautet die unbefriedigende Antwort: Weil’s die Dramaturgie so will. So ist „The Cured“ ein Film der vergebenen Chancen. Unterhaltsam und genregerecht spannend, aber der große Twist im Zombie-Genre bleibt damit aus.

 


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)