David Lowery

Ein Gauner & Gentleman (2018)

Regie: David Lowery
Original-Titel: The Old Man & the Gun
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Krimi, Komödie
IMDB-Link: The Old Man & the Gun


Mit der Anhebung des Pensionsantrittsalter ist es so eine Sache. Prinzipiell natürlich richtig, dass wir bei gesteigerter Lebenserwartung auch länger einzahlen. Dass man aber wie der Redford Bertl bis 82 hackeln muss, ist dann jedoch ein ziemlicher Härtefall. Der Bertl hat es aber wie der Gentleman genommen, der er ist, und seine wohl endgültig letzte Kinorolle mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen veredelt. Gelernt ist gelernt. Und so darf er in David Lowerys 80er-Hommage noch mal zeigen, weshalb ihm ein halbes Jahrhundert lang die Frauenherzen zugeflogen sind. Ganz ehrlich: Eine bessere Abschluss-Rolle als jene des Gentleman-Gauners, der höflich und gewaltfrei Banken ausraubt, hätte es für ihn nicht geben können. Tatkräftig zur Seite stehen ihm dabei Danny Glover und Tom Waits, die ihrerseits auch schon langsam über den Ruhestand nachdenken dürfen. Sissy Spacek spielt den Love Interest, Casey Affleck den (grundsympathischen) Gegenspieler. In diesem Film ist selbst das Schlechte der Welt (und Banküberfälle zähle ich ehrlicherweise dazu) irgendwie gut. Wohlfühlkino eben. Das Erzähltempo ist extrem reduziert, und es braucht auch eine Weile, um sich darauf einzustellen. Überhaupt ist alles an diesem Film gedrosselt – das Tempo, die Schnittfolge, das Schauspiel selbst, die Dialoge. Was vielleicht nicht jedem gleichermaßen zusagt, folgt aber David Lowerys System. Denn der Film spielt Anfang der 80er. Und David Lowery ist bei der Umsetzung enorm konsequent. Es reicht ihm nicht aus, die Sets mit hübschen Requisiten aus jener Zeit vollzustopfen und den Protagonisten lustige Frisuren und Bärte zu verpassen. Nein, „The Old Man & the Gun“ lebt und atmet das Jahrzehnt, das er verkörpert. Das Bild ist körnig, die Farben weisen gelegentlich einen leichten Rotstich auf, und dazu passt eben auch das langsame Tempo, dazu gehören die unspektakulären, vor sich hinplätschernden Dialoge. Der Film will nicht 80er-Jahre sein, er ist 80er-Jahre. Nach dem grandiosen Mid90s von Jonah Hill der zweite Film, den ich innerhalb kürzester Zeit gesehen habe, der sein Jahrzehnt so völlig absorbiert. Allerdings ist „The Old Man & the Gun“ zwar gut umgesetzt, die Story aber tatsächlich nicht unbedingt mitreißend, sodass die Spuren, die er hinterlässt, wohl nicht allzu tief ausfallen werden. Als Robert Redfords Abschied vom Schauspiel passt er aber perfekt. Mach’s gut in der Pension, Bertl. Und wenn dir fad sein sollte, kannst du gern mal in Wien vorbeischauen, und wir gehen auf eine Melange. In Ordnung?


6,0
von 10 Kürbissen

A Ghost Story (2017)

Regie: David Lowery
Original-Titel: A Ghost Story
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Fantasy
IMDB-Link: A Ghost Story


Ein junges Paar (Rooney Mara und Casey Affleck) im Glück. Er stirbt bei einem Unfall, kehrt zurück als Geist und sieht der trauernden Frau dabei zu, wie sie versucht, ihr Leben weiterzuleben. Was zunächst wie eine Arthouse-Version von „Ghost – Nachricht von Sam“ klingt, entpuppt sich als interessante und ungewöhnliche Abhandlung über die Vergänglichkeit. Schon allein die Idee, den Toten als klassisches Kinder-Gespenst in einem Laken spuken zu lassen, ist großartig, denn dadurch bekommt der Geist etwas Naives, Unschuldiges – und dabei gleichzeitig auch etwas Erhabenes und Unpersönliches, wenn er langsam durch die Zimmer schreitet oder einfach nur in einer Ecke steht und aus den tiefen, schwarzen Höhlen seiner ausgeschnittenen Augen dem Alltag zusieht. Diese Entkörperung ist ein zentrales Element des Films, denn losgelöst von Casey Afflecks Figur sehen wir den Geist, wie er nach und nach sich selbst und sein Verständnis von Zeit verliert. Er hat keine Aufgabe mehr, er ist einfach nur da und beobachtet teilnahmslos, während die Zeit vergeht. Und so stellt der Film nach und nach eine zweite Frage neben der, wie wir mit Verlust und Trauer umgehen, nämlich: Was bedeutet es, vergessen zu werden? „A Ghost Story“ dreht nämlich die Frage im Grunde um und nähert sich so einer Antwort, indem die Figur von Casey Affleck im Geist aufgeht, dieser aber selbst beginnt, alles zu vergessen und einfach nur noch zu sein – ohne Bedeutung, ohne Ziel. Eine Existenz in Bedeutungslosigkeit ist eine Nicht-Existenz – womit der Bogen gespannt wäre zum kollektiven Vergessen nach dem Ableben. Toll in diesem Zusammenhang die Szene, als der Geist selbst eine Geistererscheinung hat, im Nebenhaus nämlich ebenfalls ein Lakengespenst sieht, das ihm erklärt, es warte auf jemanden, aber es habe vergessen, auf wen. Dass „A Ghost Story“ dennoch nicht in allen Belangen als Film gut funktioniert, liegt an dem sehr langsamen Erzähltempo und einer vielleicht etwas unnötig komplexen Struktur, die im letzten Drittel einen Dreh hinlegt, der ein bisschen nach gewolltem Mindfuck aussieht. Ich hatte das Gefühl, dass der Film in dem Moment mehr sein möchte als er ist. Dennoch eine lohnenswerte Erfahrung, und selten wurde Trauer so adäquat und herzzerreißend dargestellt wie durch Rooney Mara, die einfach nur einen Kuchen isst.


6,5
von 10 Kürbissen