Dokumentation

Fyre (2019)

Regie: Chris Smith
Original-Titel: Fyre
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Fyre


Gegen die Influenza gibt es eine Impfung, gegen Influencer leider noch nicht. Die Welt von Instagram ist schon eine seltsame, zu der ich keinen Zugang finde und auch keinen Zugang finden möchte. Aber hin und wieder mal mit einem schiefen Blick drauflinsen, wenn was aus dieser Welt so grandios in die Binsen geht wie beim legendären Fyre Festival, ist dann schon auch interessant. Ausgangslage: Windiger Jungunternehmer mit narzisstischen Tendenzen gründet eine Firma, über die man Promis für private Events buchen kann. Um diese Firma zu promoten, lässt er sich mit seinem Rapper-Kumpel etwas richtig Großes einfallen: Das exklusivste Musik-Festival der Welt auf der ehemaligen Privatinsel von Pablo Escobar auf den Bahamas. Mit dabei: Internationale Topmodels. Yachten. Exklusive Bungalows am Strand. Die Ticket-Preise gehen in den fünfstelligen Bereich. Und das Ding ist nach einem gelungenen Promo-Shoot, der dank geschickter Marketingagenturen via Influencer viral geht, auch innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Und wäre das ganze Projekt auch so schon ein größenwahnsinniger Stunt gewesen mit hohen Chancen, völlig auf die Nase zu fallen, gehen dann erst die Probleme so richtig an. Geplatzte Verträge, logistische Unmöglichkeiten, Panikreaktionen, aussteigende Sponsoren, finanzielle Schwierigkeiten, sonstige Planungsfehler – doch statt es einfach sein zu lassen, macht die Truppe rund um den Selbstdarsteller Billy McFarland einfach munter weiter, bis das Desaster, das sich schon längst am Horizont zusammengebraut hat, nicht mehr abzuwenden ist und die Geschichte in einem Wahnsinn endet, der nur noch vom Gericht aufgearbeitet werden kann. Und möglich war das alles nur, weil wir in einer Zeit leben, in der man sogar Scheiße verkaufen kann, wenn du einen Influencer hast, der dafür auf Instagram wirbt. Yolo.


6,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Searching for Sugar Man (2012)

Regie: Malik Bendjelloul
Original-Titel: Searching for Sugar Man
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Searching for Sugar Man


Alle Welt redet gerade von der Netflix-Dokuserie „Tiger King“, aber so abgefahren die Dokumentation über amerikanische Rednex, die in Privatzoos Tiger halten und sich gegenseitig an die Gurgel wollen, auch ist – der Titel für die bislang beste Doku, die ich je gesehen habe, bleibt bei „Searching for Sugar Man“ von Malik Bendjelloul – der leider nicht mehr unter uns weilt. 2012 war das Ding jedenfalls eine Riesensensation, die mit Oscar-Meriten geadelt wurde. Bendjelloul zeichnet die Suche nach dem US-amerikanischen Folksänger Rodriguez nach, der in den 70ern zwei in der Heimat völlig gefloppte Platten herausbrachte, aber über irrwitzige Umwege in Südafrika zur Ikone wurde. Eines der größten Missverständnisse der jüngeren Musikgeschichte ist dabei die Tatsache, dass ein Mann mit seinen Songwriter-Qualitäten nicht ohnehin in den Olymp zu Bob Dylan, Leonard Cohen & Co. aufgestiegen ist. Was aber den Zuseher dann völlig fassungslos macht, ist die Tatsache, dass er jahrzehntelang nichts von seinem Ruhm in Südafrika wusste. Und dass die Südafrikaner nichts von ihm wussten, da er nach dem Misserfolg seiner Alben in den USA von der Erdoberfläche verschwand. Die Suche zweier Musikjournalisten nach Rodriguez nimmt im ersten Teil des Films den größten Raum ein. Aber gerade, als man denkt, dass sich der Film seinem Ende nähert, baut sich im Anschluss an diese Story-Line eine zweite Geschichte auf, die emotional noch mal eine Schippe drauflegt. Was man Bendjelloul vielleicht vorwerfen kann, ist, dass er eine wichtige Info (Stichwort: Australien, Ende 70er) komplett ausspart, um seine eigene Geschichte die größte Wirkung entfalten lassen zu können. Das sieht man im Dokumentarfilm nicht so gerne. Aber unbestritten ist „Searching for Sugar Man“ eine spannend inszenierte Feelgood-Geschichte mit ganz viel Herz und guter Musik – sollte man auf jeden Fall gesehen haben.


8,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

We Stand Alone Together (2001)

Regie: Mark Cowen
Original-Titel: We Stand Alone Together
Erscheinungsjahr: 2001
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: We Stand Alone Together


Anfang des neuen Jahrtausends feierte HBO mit der 10-teiligen Miniserie „Band of Brothers“ einen großen Erfolg. Die Geschichte rund um die „Easy Company“, ein Trupp wagemutiger Fallschirmspringer, die im Zweiten Weltkrieg nahezu immer mitten im Zentrum des Geschehens standen, wenn es brenzlig wurde, war sehr gut recherchiert und gut gespielt. Zu Beginn jeder Folge kamen die Veteranen von damals zu Wort, die den ganzen Scheiß wie D-Day, Operation Market Garden und die Ardennenoffensive unter großen Verlusten durchstehen mussten. Was lag also näher, als diese Stimmen zu einer Dokumentation der damaligen Ereignisse zusammenzufassen? Und es braucht tatsächlich nicht mehr als die teils lakonischen, teils aufwühlenden Berichte der Männer, die durch die Hölle gingen, untermalt mit gut ausgehobenem Archivmaterial. Natürlich ist das alles mit einem patriotischen Blick versehen – die Kameradschaft der Männer wird immer wieder thematisiert – aber Mark Cowen übertreibt es damit nicht. Er versucht, eine differenzierte Darstellung des Krieges zu finden, der per se schlimm genug ist. Da braucht es gar keine eindimensionalen Feindbilder – im Gegenteil: Gegen Ende hin sinnieren die Veteranen darüber, ob man unter anderen Umständen nicht Freundschaft mit den Deutschen hätte schließen können. Was vielleicht etwas hinten ansteht, und dafür gibt es dann auch Punkteabzüge in der B-Note, ist die Frage, was der Krieg und die Taten, die sie darin begingen, mit den Männern im weiteren Leben gemacht hat. Dies wird nur am Rande gestreift, vielmehr steht die schon erwähnte Kameradschaft im Fokus. Aber Unschuldslämmer waren die Soldaten der Easy Company natürlich auch nicht, und gerade die Frage, welchen moralischen Kompass man für sein weiteres Leben ansetzt, wenn man schon unmoralisch handeln musste, wäre eine spannend gewesen, hätte Mark Cowen sie den Überlebenden gestellt.


6,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

American Factory (2019)

Regie: Steven Bognar und Julia Reichert
Original-Titel: American Factory
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: American Factory


Dayton, Ohio, ist echt kein gemütlicher Ort. Vor allem nicht, wenn die größte dort ansässige General Motors-Fabrik im Zuge der Wirtschaftskrise schließt und Tausende Menschen auf einen Schlag arbeitslos sind. Da erscheint dann der chinesische Milliardär, der die alte Fabrik nach einigen Jahren aufkaufen und als Produktionsstätte für Windschutzscheiben nutzen will, wie der Heiland persönlich. Und fortan produzierten Amerikaner und Chinesen Seite an Seite für einen weltumspannenden chinesischen Konzert Glasscheiben und lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Doch ganz so ist es dann doch nicht. Denn nicht nur Sprachbarrieren zwischen den amerikanischen Arbeitern und den Chinesen, die die Amerikaner einschulen und managen sollen, tun sich auf, sondern auch gröbere kulturelle Differenzen und vor allen Dingen eklatante Unterschiede in der Auffassung, wie produziert werden soll. Der Chinese mag es schnell und billig. Der Amerikaner mag es sicher und mit fairen Zusatzleistungen verbunden. Dass sich schon bald eine Diskussion über den Beitritt zur Gewerkschaft entzündet, kommt wenig überraschend. Und die Fronten verhärten sich allmählich. „American Factory“ ist eine spannende Dokumentation mit hoher Relevanz und Aktualität. Multinationale Konzerne müssen genau diese Herausforderung, an der die Firma in „Amercan Factory“ zu scheitern droht, für sich lösen – nämlich unterschiedliche Mentalitäten, Arbeitsweisen, gesetzliche Vorgaben und deren Interpretation sowie Firmeninteressen unter einen Hut bringen. Und wer sich schon mal mit dem Thema M&A, also Mergers and Acquisitions, beschäftigt hat, der weiß, dass die meisten Firmenübernahmen ganz einfach an kulturellen Differenzen scheitern. Und dafür braucht es noch nicht einmal so dramatische Unterschiede zwischen der amerikanischen und chinesischen Kultur, da können sich schon zwischen Gramatneusiedl und St. Anton am Arlberg Gräben auftun, die nicht zu überwinden sind. Das zeigt „American Factory“ gekonnt auf. Etwas schade ist, dass in der zweiten Hälfte des Films der Fokus von den Mentalitätsunterschieden wegrückt und stattdessen das Hickhack mit der Gewerkschaft ins Zentrum gerückt wird. Und natürlich, das ist ein wichtiges Thema, und gerade am Schluss werfen Steven Bognar und Julia Reichert noch mal die spannenden Fragen nach Automatisation, Digitalisierung und die damit verbundene Veränderung der Arbeitswelt und der Stellung des Arbeitnehmers auf, aber die Würze des Films ist eindeutig das Aufzeigen kultureller Differenzen, und das bzw. die Frage, wie diese Differenzen trotz allem überwunden werden können, gerät dann etwas in den Hintergrund.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Felix in Wonderland (2019)

Regie: Marie Losier
Original-Titel: Felix in Wonderland
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation, Musikfilm
IMDB-Link: Felix in Wonderland


Wenn Marie Losier dokumentarische Porträts dreht, dann ist sie weniger an biographischen Inhalten interessiert, sondern mehr in der von den gefilmten Personen selbst gewollten Inszenierung. So schon gesehen bei Cassandro the Exotico! und nun auch in „Felix in Wonderland“. In ihrem Film zeigt sie, wie Felix Kubin, ein deutscher Avantgardemusiker, die Welt sieht. Für ihn ist alles Musik, alles Rhythmus, und am liebsten sind ihm Dissonanzen, Interferenzen, die „Zwischenräume“, wie er sie beschreibt. Dass er dabei immer wieder wie ein Alien wirkt, dass nach einem Besäufnis auf der Erde notlanden musste und nun verkatert herauszufinden versucht, wie man sich auf diesem seltsamen Planeten verständlich macht, kann man durchaus als beabsichtigt voraussetzen. Denn Felix Kubin inszeniert sich selbst als Kunstfigur, und Marie Losier ist dabei Erfüllungsgehilfin. Die Stärken dieses unkonventionellen Films, der auch immer wieder avantgardistische Einschübe aufweist, sind Stellen anarchischen Humors, wenn zum Beispiel Felix Kubin eine Reihe von Experimenten durchführt, wie man Mikrofonen Schaden zufügen kann. Die witzigste dabei ist gleich zu Beginn zu sehen, wenn er das Mikrofon in ein Brötchen steckt, um einen Hund darauf herumkauen zu lassen. Allerdings muss man auch hinnehmen, dass all das, was Felix Kubin von sich präsentiert, verständlich allein für jemanden in der Welt Felix Kubins ist, im Zweifelsfall ausschließlich für Felix Kubin selbst. Kunst muss sich nicht erklären. Das ist schon okay so. Aber dann kann man als Zuseher auch für sich vermerken, dass die Angelegenheit zwar stellenweise spaßig anzusehen ist, aber darüber hinaus keinen Mehrwert bringt. Der Versuch, die Welt aus der Sicht von Felix Kubin zu zeigen, erklärt diese eben nicht.


5,0
von 10 Kürbissen

Diego Maradona (2019)

Regie: Asif Kapadia
Original-Titel: Diego Maradona
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation, Sportfilm
IMDB-Link: Diego Maradona


Sitzt du in einer Runde von Fußballfans und möchtest dich mal für ein, zwei Stunden aus der Diskussion zurückziehen oder aber auch einfach ein bisschen Spaß haben, stelle ganz unschuldig die Frage: „Und wer war jetzt eigentlich besser? Maradona oder Pelé?“ Die Fußballfans werden dann mal eine ganze Weile lang beschäftigt sein, sich Argumente und Gegenargumente an den Kopf zu werfen, und wenn du das in Südamerika machst, artet das vielleicht noch in eine handfeste Schlägerei aus. Unbestritten ist aber, dass Diego Maradona ein fußballerisches Genie war und eine äußerst ambivalente Persönlichkeit ist. Der bereits mit einem Oscar für „Amy“ ausgezeichnete Regisseur Asif Kapadia wühlte sich durch mehr als 500 Stunden Archivmaterial zum Leben von Maradona und konnte neben fünf persönlichen Interviewterminen mit dem Star auf eine sehr außergewöhnliche Quelle zugreifen: Maradona beschäftigte nämlich während seiner aktiven Zeit zwei Kameramänner, die ihn Schritt für Schritt begleiteten. Das allein sagt schon einiges über die Persönlichkeitsstruktur des zunächst als Halbgott (bis Gott) verehrten Fußballers, der dann so tief fiel. Jedenfalls konnte Kapadia somit auf sehr intime, unglaublich nahe Aufnahmen zugreifen, die unter Anderem auch das Privatleben von Maradona beleuchten. Aus dem Off kommen dazu die Stimmen von Weggefährten und Angehörigen – seiner Schwester, seiner Frau, seinem Fitnesstrainer, Journalisten und ehemalige Mitspieler. Bei einem solchen Vorhaben besteht natürlich die Gefahr, sich zu verzetteln, alles zu wollen und damit nichts zu erreichen. Kapadia umschifft diese Klippe routiniert, indem er sich einzig auf die prägenden Jahre zwischen 1984 und 1990, seiner erfolgreichen Zeit bei Napoli konzentriert. Diese eher mittelmäßige Mannschaft führte er quasi im Alleingang zu zwei italienischen Meistertiteln, und auch mit der argentinischen Nationalmannschaft bestritt er zwei WM-Endspiele, wovon er eines gewann. In diese sportlich so erfolgreiche Phase liegt aber auch die Wurzel für den Untergang. Sein Kokainkonsum liegt darin begründet, die Beziehungen zur Camorra, in die er blauäugig geschlittert ist, sind auch damit in Zusammenhang zu bringen. Das alles erzählt Kapadia anhand der Archivaufnahmen, ohne anzuklagen. Vielmehr ist er daran interessiert, zu zeigen, wie Erfolg und falsche Freunde, die man mit diesem Erfolg unweigerlich anzieht, die Persönlichkeit verändern können. Nach einem solch rasanten Aufstieg bis zur Vergötterung scheint der Fall fast unausweichlich zu sein, wenn man nicht mit einer sehr starken Persönlichkeit und einer Menge Selbstdisziplin gesegnet ist. Das legt Kapadia mit seinem Film offen, der weit über sein fußballerisches Topos hinausreicht und universell umlegbar ist. Ein guter, kluger Beitrag im diesjährigen Wettbewerb von Locarno.


8,0
von 10 Kürbissen

Lovemobil (2019)

Regie: Elke Margarete Lehrenkrauss
Original-Titel: Lovemobil
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: –


Filme, auch Dokumentationen, über Prostitution sind eine ganz heikle, schwierige Angelegenheit. Es besteht die Gefahr, dass der Film zu einer Art Sozialporno gerät, der auf die Betroffenheit der Zuseher abzielt. Es besteht auch die Gefahr, dass Freier überzeichnet und ausschließlich als perverse Schweine dargestellt werden. Die Schwierigkeit der Gratwanderung besteht darin, dass das Schicksal der Frauen tatsächlich arg sein kann und Betroffenheit auslöst, und das viele Freier tatsächlich perverse Schweine sind, die sich einen Dreck um die Frauen scheren. Also kann und darf man auch nichts beschönigen. Elke Lehrenkrauss gerät diese Gratwanderung mit ihrer Dokumentation „Lovemobil“ recht gut. Der Schlüssel dazu ist, dass sie sowohl eine offenkundig gute und dokumentarische Nähe zulassende Beziehung zu zwei wirklich interessanten Frauen aufgebaut hat – der Bulgarin Milena, die ihrem jüngeren Bruder eine Zukunft ermöglichen möchte, und die kluge und toughe Nigerianerin Rita – und zur anderen Seite, der „Vermieterin“ der Trailer, Uschi. Am Ende will jede nur Geld machen, Geld, Geld, Geld, darum dreht sich alles, wie Uschi einmal selbst bemerkt. Es bedarf schon eines Passanten, eines Mannes Gottes, wie er von Uschi genannt wird, um in einem Streitgespräch mit der betagten Zuhälterin die Ausbeuterei und das Machtgefälle deutlich aufzuzeigen. Wenn dann von der bislang eher sympathisch gezeichneten Uschi Sätze fallen wie „die afrikanischen Frauen werden da unten ja gebrütet, um diesen Beruf auszuüben“, dann verschlägt es nicht nur dem Mann Gottes die Sprache. Vielmehr wird dann deutlich, wie sich diese ausbeuterischen Abhängigkeiten überhaupt erst ergeben konnten. Solange Prostituierte wie Menschen zweiter Klasse wahrgenommen werden, wird sich an ihrem Schicksal wohl nie etwas ändern können. So gesehen wartet „Lovemobil“ zwar nicht mit bahnbrechend neuen Erkenntnissen auf, ist aber empathisch inszeniert und regt zu Diskussionen und weiteren Gedanken an.


6,5
von 10 Kürbissen