Dokumentation

Skandal! Der Sturz von Wirecard (2022)

Regie: James Erskine
Original-Titel: Skandal! Bringing Down Wirecard
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Skandal! Bringing Down Wirecard


Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Da verdrängt ein junges, aufstrebendes FinTech-Unternehmen namens Wirecard die Deutsche Bank aus dem DAX, dem Deutschen Aktienindex der 40 größten Unternehmen des deutschen Aktienmarktes, und dann kommt so ein neugieriger Journalist aus England und zeigt mit den Fingern auf das Unternehmen: „Aber es hat ja gar keine Kleider an!“ Klar, dass die deutsche Politik da schon mal grantig reagieren kann, wie auch die Führungsebene des bloßgestellten Unternehmens selbst. Aber was ist dran an den Vorwürfen? Ist Wirecard tatsächlich eine windige Organisation, die mit illegalen Mitteln den großen Reibach macht vor den Augen der ganzen Weltbevölkerung? So eine Chuzpe wäre ja kaum jemanden zuzutrauen. Und doch – es verdichten sich die Hinweise, dass hier jemand Luftschlösser gebaut hat, die jederzeit in sich zusammenfallen können. Der Rest ist Geschichte, wie man so schön sagt. James Erskine geht dem Aufstieg und Fall des berüchtigten deutschen Unternehmens nach, lässt Journalisten und Broker zu Wort kommen, denen das alles von Anfang an ziemlich „fishy“ vorkam und zeichnet so eine recht interessante Dokumentation über eines der größten Wirtschaftsverbrechen der jüngeren Vergangenheit. Allerdings hat die Doku ein fundamentales Problem: Zu viele Fragen sind aktuell noch ungeklärt, sodass das Ende unbefriedigend und offen bleibt. Man kann davon ausgehen, dass das finale Kapitel in dieser Geschichte noch nicht geschrieben wurde. Gerade das würde mich aber noch interessieren.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat:Quelle http://www.imdb.com)

Was Katzen denken (2022)

Regie: Andy Mitchell
Original-Titel: Inside the Mind of a Cat
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Inside the Mind of a Cat


Was Katzen denken, das weiß so ziemlich jeder Katzenbesitzer eigentlich ganz gut. ‚Hm … es ist Nacht, mein Mensch schläft gerade tief und fest, das ist doch ein guter Zeitpunkt, um mal mit vollem Gewicht über ihn drüber zu latschen.‘ Oder: ‚Das Fressen, das ich vor fünf Minuten hinuntergeschlungen habe, interessiert mich nicht, das ist Schnee von gestern – ich habe HUNGER! JETZT!‘ Oder auch: ‚Ich bin hier voll der Macker, der Herr im Haus, hier habe ich das Sagen … HUI! DIE TÜRKLINGEL!!! HILFE!!!!!‘ Die Liste ließe sich beliebig weiterführen. Als Dosenöffner für zwei solche Gfraster war ich natürlich sehr an der Netflix-Doku interessiert in der Hoffnung, ich könne hier neues Insider-Wissen direkt aus dem Hirn dieser unergründlichen Geschöpfe aufsaugen. Doch leider weit gefehlt. Dass Katzen miauen, wenn sie ihren Menschen etwas mitteilen wollen, ist nun keine bahnbrechende Erkenntnis. Auch nicht, dass sie auf ihren Namen hören (wenn sie wollen) oder dass ihnen per Clicker-Training Kunststücke beigebracht werden können. Gut, das war der Teil der Doku, bei dem mir der Kater einen vernichtenden Blick a la ‚Wage es nicht!‘ zugeworfen hat, aber ja, Katzen sind schlauer und lernfähiger, als es Nicht-Katzen-Besitzer glauben wollen. Insofern richten sich Inhalt und Erkenntnisse dieser Dokumentation wohl eher an jene, die bislang noch kaum Berührungspunkte mit Katzen hatten. Doch die Zielgruppe wird damit schon recht eng: Menschen, die mit Katzen bislang kaum zu tun hatten (ergo bislang kein großes Interesse an Katzen gezeigt haben), sollen sich einen Film über Katzen ansehen. Das klappt nur, wenn draußen gerade ein Sauwetter herrscht, einem fad ist und man keinen großen Bock auf zweistündige Familiendramen hat. Für Katzenliebhaber und Dosenöffner im Dienst gibt es immerhin ein paar süße Katzen zu bewundern. („Keine Sorge, Faber, ich tausche dich schon nicht gegen Carl ein!“ Der nächste warnende Blick.). Mehr ist es nicht. Aber immerhin kurz(weilig).


4,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Salaryman (2021)

Regie: Allegra Pacheco
Original-Titel: Salaryman
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Salaryman


Kein Wunder, dass S.T.S. in Japan nie groß wurden. Wer hätte unter diesen scheuen, arbeitswütigen, sich einem Ehrenkodex verpflichtet fühlenden Japanerinnen und Japanern schon die Textzeilen von „Irgendwann bleib i dann dort“ verstanden? „Doch bevor der Herzinfarkt / mi mit 40 in die Windln prackt / lieg i scho irgendwo am Strand / a Bottle Rotwein in der Hand / und steck die Fiaß in weißen Sand“. Niemals vereinbar mit der japanischen Arbeitsmoral! Die beißen die Herrschaften die Zähne zusammen, arbeiten als Sklaven ihrer Konzerne bis spät in die Nacht, trinken dann noch mit dem Chef oder mit Kollegen, und wenn sie Glück haben, schaffen sie es, sturzbetrunken in die letzte U-Bahn zu torkeln und zuhause zumindest drei, vier Stunden zu schlafen, ehe sich der Tag erneut wiederholt. Wer nicht so glücklich ist und länger feiert, als die U-Bahnen fahren, pennt einfach auf dem Gehsteig. Genau diese ihren Rausch ausschlafenden Anzugträger haben es der Costa Ricanerin Allegra Pacheco angetan. Was als Fotoprojekt begann – sie markierte mit Kreide die Umrisse der Schlafenden und fotografierte diese dann (probier das mal bei uns, so schnell kannst du gar nicht „DSGVO“ sagen, wie schon die Verwaltungsstrafe ins Haus flattert) – wuchs sich aus zu einem Dokumentarfilm, als sie begann, diese Leute zu interviewen. Das Resultat ist ein tiefer Einblick in die japanische Arbeitskultur und deren unmenschliche Auswüchse. Sie versucht auch, durch Interviews mit Historikern und Soziologen die Hintergründe dieser gewachsenen Kultur nachzuzeichnen, doch leider kommt gerade dieser interessante Part ein wenig zu kurz. Die Stärken ihres Films liegen eindeutig in diesen kleinen, intimen Porträts der „Salarymen“, die bis an die Grenzen der Belastungsgrenze und darüber hinaus gehen. Durchaus ein Film, der nachhallt. Und schön dann der nachgereichte Epilog, der aufzeigt, dass auch feste Krusten aufbrechen können.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Der 13. (2016)

Regie: Ava DuVernay
Original-Titel: 13th
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: 13th


„Weder Sklaverei noch Zwangsdienstbarkeit darf, außer als Strafe für ein Verbrechen, dessen die betreffende Person in einem ordentlichen Verfahren für schuldig befunden worden ist, in den Vereinigten Staaten oder in irgendeinem Gebiet unter ihrer Gesetzeshoheit bestehen.“ So lautet der 13. Zusatzartikel der US-amerikanischen Verfassung, auf die man im land of the free besonders stolz ist. Mit diesem Zusatzartikel wurde de jure die Sklaverei in den USA abgeschafft. Wie bei fast allen Gesetzestexten steckt der Teufel im Detail, nämlich im Zwischensatz „außer als Strafe für ein Verbrechen“. Heißt: Wer eingebuchtet ist, kann zum Zwangsdienst verdonnert werden. Eh nicht schlecht, denkt man sich, denn wer etwas ausgefressen hat, darf dafür gerne Buße tun. Jetzt gibt es aber in diesem Konstrukt einen gewaltigen Pferdefuß. Mit der Abschaffung der Sklaverei verloren die USA ihre billigen Arbeitskräfte. Die muss man sich irgendwie wiederholen. Also warum sich nicht einfach diesen Zusatz im Zusatzartikel zu Diensten machen und versuchen, die Anzahl der Menschen hinter schwedischen Gardinen subtil zu erhöhen? Und weil man ja nicht einfach so wahllos Leute einsperren darf, braucht es dafür einen rechtskonformen Grund. Auftritt Richard Nixon und später auch Ronald Reagan, deren Politik, wie Ava DuVernay in ihrer wichtigen und gut recherchierten Dokumentation aufzeigt, den Grundstein dafür legte, dass heute im schon genannten land of the free so viele Bürgerinnen und Bürger im Gefängnis sitzen wie sonst nirgends, mehr noch als im vielgescholtenen China. Mit 655 Inhaftierten pro 100.000 Einwohner stellen die USA auch im relativen Vergleich den Spitzenwert. Ava DuVernay nutzt die Fachkompetenz ihrer Interviewpartner, um mit einfachen filmischen Mitteln, die aber wirkungsvoll eingesetzt werden, eine komplexe Geschichte verständlich aufbereitet zu erzählen. Ein guter und wichtiger Film.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

14 Gipfel: Nichts ist unmöglich (2021)

Regie: Torquil Jones
Original-Titel: 14 Peaks: Nothing is Impossible
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: 14 Peaks: Nothing is Impossible


Über 8.000 Metern Seehöhe beginnt die sogenannte Todeszone. Der Sauerstoff ist so dünn, dass das Atmen schwer fällt, und wem die Kräfte verlassen oder wer von einem Wetterumschwung überrascht wird, kann sich eigentlich schon darauf einstellen, oben am Berg zu bleiben. Auf einen 8.000er zu klettern, ist purer Wahnsinn und ein Spiel mit dem Tod. Auf alle 14 8.000er zu klettern, ist komplett irre. Und das alles in nur wenigen Monaten zu schaffen, ein Fall für die Geschlossene. Aber Grenzen sind da, um überwunden zu werden, das denkt sich jedenfalls der nepalesische Extrembergsteiger Nirmal Purja, der mit seinem waghalsigen Projekt, die 14 höchsten Berge der Welt alle innerhalb von 7 Monaten zu besteigen (der bisherige Weltrekord lag bei 7 Jahren, um das einmal einzuordnen), die lange nepalesische Bergsteigertradition, ohne der die Besteigung der 8.000er gar nicht erst möglich gewesen wäre, in den Geschichtsbüchern verewigen möchte. Nirmal Purja ist schon ein verrückter Hund – und noch verrückter müssen eigentlich seine Begleiter sein, die sich auf diesen Irrsinn einlassen. „14 Gipfel“ steigt dieser Pionierleistung sozusagen nach, zeichnet die Gipfelstürme in eindrucksvollen Bildern nach und berichtet von den Schwierigkeiten, die sich nicht nur aufgrund von Wind und Wetter und Höhenkrankheit ergeben, sondern manchmal auch schlicht organisatorischer oder bürokratischer Natur sind. Nirmal Purja kommt dabei gar nicht mal so sympathisch weg – er ist ein Besessener, ein Getriebener, aber auch einer, der dem großen Ruhm nacheifert. Das macht seine Leistung aber nicht weniger spektakulär. Was man an dem Film über sein abenteuerliches Projekt aber kritisieren kann, ist, dass er gehetzt wirkt. Von Gipfel zu Gipfel, und plötzlich verlieren sie in der Aufzählung, wenn einer nach dem anderen richtiggehend abgearbeitet wird, ihre Faszination und ihren Schrecken. Eine Mini-Serie mit 14 Folgen wäre wohl geeigneter gewesen, um diesen irren Weg nachzuzeichnen und dabei die Würde der Berge zu bewahren.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Der Tinder-Schwindler (2022)

Regie: Felicity Morris
Original-Titel: The Tinder Swindler
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: The Tinder Swindler


In Schillers „Lied von der Glocke“ heißt es: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet / Ob sich das Herz zum Herzen findet“. Eine bekannte Abwandlung des Spruchs lautet: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet / Ob sich nicht was Bess’res findet.“ Pernilla, Cecilie und Ayleen können die inhaltliche Wahrheit dieses Spruches durchaus bestätigen. Ein kurzer Swipe nach rechts, und schon kann das Leben eine unerwartete Wendung nehmen, und das nicht immer zum Positiven. Was, wenn sich der Traummann, ein smarter, charismatischer Millionärssohn, der in seinem Privatjet quer über den Globus düst, als Schwindler herausstellt? Simon Leviev nennt sich dieser Herzensbube, und seine Masche ist so ausgefeilt wie abgefeimt, dass einem die Spucke wegbleibt. Die porträtierten Frauen wirken durchaus geerdet und mit Hausverstand gesegnet – und dennoch konnte sie besagter Simon Leviev um den Finger wickeln. Felicity Morris geht in ihrer Netflix-Dokumentation den Machenschaften dieses Oberschurken nach, erzählt durch seine Opfer, nachgezeichnet anhand von Text- und Sprachnachrichten und einer akribischen Recherche quer durch Europa. Was sich als Bild herauskristallisiert, ist, als wäre Frank Abagnale Jr. aus Catch Me If You Can auf die unsägliche, manipulative Pick-Up-Szene gestoßen und mit dieser zu einem widerlichen Schleimbatzen verschmolzen, der die tiefsten, menschlichen Gefühle missbraucht, um zu Reichtum zu kommen. Insgesamt eine sehr lehrreiche Dokumentation, wenngleich das Ende auch recht unbefriedigend wirkt – aber auch das gehört wohl zur Lektion, die man daraus lernen kann, dazu.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: 2021 Warner Bros. Entertainment Inc., Quelle http://www.imdb.com)

Charlotte Rampling – The Look (2011)

Regie: Angelina Maccarone
Original-Titel: The Look
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: The Look


Es ist an der Zeit, meine Charlotte Rampling-Geschichte von der Berlinale vor einigen Jahren aufzuwärmen. Der Filmkürbis eures Vertrauens zog nichtsahnend mit flottem Schritt über den roten Teppich, um rechtzeitig zur Vorstellung von Der Nachtportier zu kommen, drückte sich dabei versehentlich und unwissentlich an der deutschen Kulturministerin vorbei, um etwas versetzt eine Reihe hinter Charlotte Rampling selbst zu sitzen zu kommen. Für eine Dauer von etwa zwei Stunden habe ich ihren Hinterkopf gesehen. Wer kann das sonst von sich behaupten? Nun, ich war nicht erst seit dieser Beinahe-Begegnung ein Charlotte Rampling-Fan. Diese Grand Dame des europäischen Kinos besitzt eine außergewöhnliche Präsenz sowie ein vielseitiges schauspielerisches Talent, mit dem sie jeden Film adelt. In „The Look“ taucht man nun tief in ihre Gedanken- und Gefühlswelt ein, wenn sie sich in kurzen Begegnungen und Episoden mit früheren Weggefährt:innen über diverse Themen austauscht, die sie und ihr Dasein als Schauspielerin beschäftigen. Da geht es um Tabus, um die Liebe, um den Tod, um Leidenschaft und das Gefühl des Ausgesetztsein. Man erfährt dabei einiges über ihren Zugang zur Schauspielerei, aber auch private Details, ohne dass diese Gespräche zur Bauchnabelschau geraten. So ist „The Look“ eine interessante Collage über eine interessante Frau und Schauspielerin. Allerdings nutzt sich das Konzept mit der Zeit ab, mit manchen Gesprächspartner:innen läuft der Dialog auch schleppend, und gelegentlich hat man das Gefühl, dass Rampling dennoch einen Schutzmantel umgelegt hat und nur das zeigt, was sie wirklich zeigen will. Das ist selbstverständlich zu respektieren, und dennoch gibt es da so manche Distanz zum Zuseher. Man hätte die Dokumentation durchaus straffen können, ohne allzu viel Inhalt zu verlieren. Dennoch gibt „The Look“ nicht nur Charlotte Rampling-Fans einen aufschlussreichen Einblick in die Welt der Schauspielerei.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: © 2011 Les Films d’Ici, Quelle http://www.imdb.com)

Jack’s Ride (2021)

Regie: Susana Nobre
Original-Titel: No Táxi do Jack
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: No Táxi do Jack


Jack heißt eigentlich Joaquim, steht drei Monate vor der Pensionierung, hat aber seinen Job verloren und muss nun stempeln gehen. Währenddessen erzählt der Mann mit dem Elvis-Gedächtnis-Toupet aus seinem Leben, von seiner Zeit, die er in den USA verbracht hat und als gelernter Flugzeugmechaniker zunächst Taxi und dann Limousinen gefahren ist. All das ist unaufgeregt, unspektakulär und direkt aus dem Leben gegriffen. Und genau das ist auch das Problem des Films, der zwar sympathisch das Leben eines Einzelnen aufgreift, um darauf auf das große Ganze zu verweisen, aber dabei so vage und unbestimmt bleibt, dass das alles ins Leere läuft. Susana Nobre hegt sichtlich Sympathie für Joaquim, und ja, der ist definitiv ein Original, dem man gerne zusieht. Aber ein bisschen mehr Substanz hätte es gebraucht. Man hätte viel herausholen können, mehr erzählen können über die prekäre Lage der Arbeitssuchenden in Portugal bzw. überall weltweit. Man hätte mehr erzählen können über das Leben jener, die ihr Glück woanders versucht haben und dann schließlich doch gescheitert sind. Vieles wird angedeutet, doch in die Tiefe geht es zu selten. Dafür hätte es wohl mehr Zeit gebraucht als die 70 Minuten, die der Film dauert, doch das wiederum hätte die ohnehin schon langsame Erzählweise noch zäher gemacht – ein Teufelskreis. Insgesamt also leider ein Film, der zwischen all den guten Festivalfilmen untergeht.


4,0 Kürbisse

(Foto: (c) Viennale)

The Witches of the Orient (2021)

Regie: Julien Faraut
Original-Titel: Les Sorcières de l’Orient
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Les Sorcières de l’Orient


Letztes Jahr hatten wir mit Druk den „betrunkenen Film“, dieses Jahr einen Film, der unter dem Viennale-Publikum nur als „Der Mila Superstar-Film“ bezeichnet wird. Man kann sich das Leben ja einfacher machen, und bevor ich mich mit meinen Nullkenntnissen der französischen Sprache vollends im Gespräch blamiere, greife ich dann doch lieber auf diese charmante Alternative zurück. Um Hexen geht es in „Les Sorcières de l’Orient“ nur am Rande, um Mila Superstar hingegen schon viel mehr, denn die Heldin der Anime-Serie beruht auf wahren Begebenheiten – was vielleicht viele (inklusive mir) nicht wussten. Jedenfalls wurde in den 60er Jahren in einer japanischen Textilfabrik eine Volleyball-Mannschaft herangezüchtet, die über 250 Spiele lang ungeschlagen war und für Japan den Weltmeistertitel und Gold bei den olympischen Spielen holte. Julien Faraut widmet diesem Sportwunder einen herrlich überdrehten Dokumentationsfilm, der tief eintaucht in die japanische Gesellschaft und ihrem Verständnis von Disziplin und Erfolg. Als fast schon grandios empfinde ich die Verknüpfung des japanischen Wiederaufbaus und Wirtschaftswunders mit den sportlichen Erfolgen – fußen die doch beide auf dem gleichen Verständnis von Ehrgefühl für das Heimatland und eisernem Willen. Der Film macht sehr viel richtig, indem er Elemente der Popkultur mit historischem Filmmaterial vermischt. Das ist ungemein unterhaltsam anzusehen. Was vielleicht ein bisschen fehlt, ist die kritische Distanz. Man hätte da durchaus mehr hinterfragen können, was die harten Trainingsmethoden betrifft und was das mit der Psyche der Spielerinnen gemacht hat. Man hätte auch zeigen können, wie das Leben der Spielerinnen nach diesen großen Erfolgen weiterging, was sie daraus mitgenommen haben und was eben auch nicht. Aber sei’s drum – „Les Sorcières de l’Orient“ ist dennoch großartige Unterhaltung und ein bisschen Good-Feel-Kino zwischen all den sonstigen „Problemfilmen“ des Festivals.


7,5 Kürbisse

(Foto: (c) Viennale)

Ein Polizei-Film (2021)

Regie: Alonso Ruizpalacios
Original-Titel: Una película de policías
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Una película de policías


Mehr Meta-Ebene geht nicht als eine Dokumentation über ein Polizisten-Paar in Mexiko Stadt, in der sich nach etwa knapp der Hälfte der Spielzeit herausstellt, dass dieses Paar von Schauspielern gespielt wird, die als Vorbereitung für die Rollen selbst eine Polizeiausbildung gemacht haben und darüber in Videotagebüchern berichten. Zentrale Frage ist hierbei: Was bedeutet es, Polizist zu sein – vor allem in einer gefährlichen Stadt wie eben Mexiko Stadt, in der Anfang 20jährige Rekruten nach einer 6-monatigen Basisausbildung schon auf die Straße geschickt werden, weil so viele Polizist:innen erschossen werden? Alfonso Ruizpalacios geht in „Una película de policías“ sehr eigene und verschlungene Pfade, um zu zeigen, woran es in Mexiko krankt. Korruption ist allgegenwärtig, und wie ein (echter) Polizist mal erzählt, als er mit dem Schauspieler auf Streife fährt: „Es gibt gute und schlechte Cops. Ganz wie in der Zivilbevölkerung. Auch dort gibt es gute und schlechte Menschen.“ Die Aussage klingt resignierend, denn ohne eine kleine Bestechung hier, eine verdeckte Erpressung da, scheint das System nicht zu funktionieren. So interessant das alles auch anzusehen ist, so anstrengend ist der Film aufgrund seiner verschachtelten Struktur aber auch. Gelegentlich driftet die Aufmerksamkeit auch mal kurz weg, vor allem in der ersten Hälfte des Films, die sich in scheinbaren Banalitäten verliert, und erst, als klar wird, wohin die Reise geht, bleibt man gebannt dabei – aber bis dahin muss man aber auch einigen Leerlauf erdulden. Insgesamt also ein ambivalentes Ereignis.


6,0 Kürbisse

(Foto: (c) Viennale)