Dokumentation

Alien on Stage (2020)

Regie: Lucy Harvey und Danielle Kummer
Original-Titel: Alien on Stage
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Alien on Stage


Britischer wird’s nicht mehr: Eine Laientheatergruppe eines Busunternehmens in Dorset, England, wird durch einen glücklichen Zufall für eine Nacht im Leicester Square Theatre in London für ihre Darstellung von „Alien“ gebucht. Vom Dorseter Gemeindetheater ans West End – und das mit handgemachten Requisiten, die man eilig selbst zusammengebastelt hat, und null schauspielerischer Erfahrung, aber viel Herzblut und Enthusiasmus und britischem Humor. Was soll da schon schiefgehen? „Alien on Stage“ von Lucy Harvey und Danielle Kummer ist eine liebevoll inszenierte Dokumentation über einen Box Office-Hit in der Londoner Theaterszene, den man eigentlich nicht für möglich halten kann. Im Fokus stehen dabei die Vorbereitungen der sichtlich überforderten Truppe auf den großen Abend, wobei der Regisseur des Laientheaters Dave Mitchell besonders viel Raum einnimmt – sehr zum Gaudium des Publikums, denn dem Mann mit dem staubtrockenen Humor, der sichtlich keine Ahnung hat, wie er sich nur in diese Situation hineintheatern konnte, plötzlich für eine ausverkaufte West End-Produktion verantwortlich zu sein, sollte man ein Denkmal bauen. Was er und seine Leute mit viel Improvisationstalent, Fantasie und Leidenschaft auf die Bühne stellen, ist schlicht grandios. Den Weg dahin zu begleiten und das Endresultat dann in einem Zusammenschnitt der besten Szenen auch noch zu sehen, macht wahnsinnig viel Spaß. „Alien on Stage“ ist eine Feelgood-Dokumentation, der man gerne folgt. Vielleicht hätte man die Hintergründe, wie es überhaupt zu dieser Schnapsidee gekommen ist, noch mehr beleuchten können, aber geschenkt. Nun würde mich interessieren, was Ridley Scott dazu sagt. Ich bin mir sicher, er wäre begeistert, denn kreativer kann eine Hommage an einen der besten Science Fiction-Filme der Geschichte nicht ausfallen.


7,5 Kürbisse

(Foto: Slash Filmfestival)

Mein Lehrer, der Krake (2020)

Regie: Pippa Ehrlich und James Reed
Original-Titel: My Octopus Teacher
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: My Octopus Teacher


Manchmal ist es so einfach. Du schnorchelst einfach jeden Tag im Meer zu deinem neuen besten Freund, der zeigt dir spannende Dinge und wie vielfältig und bunt das Leben ist, und du findest zu dir, zu deiner inneren Mitte, zu einer tiefen Ruhe. Und nebenbei erkennst du, dass du vielleicht nicht das cleverste Kerlchen in diesem Ozean bist. So ist es dem südafrikanischen Tierfilmer Craig Foster ergangen. Eigentlich wollte er beim Tauchen einfach nur ein bisschen abschalten, aber dann macht er die Bekanntschaft eines neugierigen Oktopus-Weibchens. Und zwischen dem Taucher, der jeden Tag wiederkommt, und dem Tier entsteht tatsächlich mit der Zeit eine Art Bindung, die Foster komplett neue Dinge über das Unterwasserlebewesen lernen lässt. Und nebenbei auch über sich selbst und sein Selbstverständnis als Filmemacher. „My Octopus Teacher“ (auf Deutsch übersetzt als „Mein Lehrer, der Krake“, was eher nach einem 70er-Jahre Lehrvideo aus dem Biologieunterricht klingt) mag vielleicht nicht das größte Schwergewicht unter den Dokumentationen der letzten Jahre sein, dennoch räumt der Film so ziemlich alle Preise ab, die man gewinnen kann, und geht auch in die diesjährige Oscarverleihung als Frontrunner. Und ich versteh’s. Denn der Film ist einerseits lehrreich und andererseits hochemotional und sensibel erzählt. Es ist so ein kleines, sympathisches Ding, das plötzlich und unerwartet groß geworden ist – und man vergönnt dem Film sämtliche Preise dieser Welt. Denn irgendwie brauchen wir das gerade in dieser seltsamen Zeit der Pandemie, der Isolation, der hysterischen Verschwörungstheoretiker und politischen Skandale – die Rückbesinnung auf das, was uns Menschen eigentlich ausmacht bzw. ausmachen sollte: ein Leben im Einklang mit der Natur, fernab esoterischer Spinnereien, einfach nur Mensch und Fauna und Flora, und irgendwie finden auf dieser seltsamen, immer noch so unergründlichen blauen Kugel alle ihren Platz für eine friedliche Koexistenz. Manchmal ist es so einfach.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Amanda Knox (2016)

Regie: Rod Blackhurst und Brian McGinn
Original-Titel: Amanda Knox
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Amanda Knox


Amanda Knox? Ja, das klingelt was. Das war doch das Mädel, das in Italien brutal eine Mitbewohnerin ermordet hat? Ganz scheußliche Sexspiele waren da im Spiel, nicht wahr? Ist verurteilt worden, voll die Psychopathin. Ja, das ist hängengeblieben, wenn man an den Namen Amanda Knox denkt. Zumindest ist es das, was bei mir hängengeblieben ist. Und schon sind wir mittendrin in der aufsehenerregenden Dokumentation „Amanda Knox“, die den Mordfall in Perugia aus dem Jahr 2007 und die darauf folgenden Ermittlungen sowie den Prozess aufrollt. 2009 wurden Amanda Knox und ihr damaliger Freund Raffaele Sollecito für schuldig gesprochen und zu einer Freiheitsstrafe von 26 Jahren verurteilt. Alles, was danach passiert ist, ist weniger präsent im kollektiven Gedächtnis. Der Mordfall selbst sorgte für großes Aufsehen in der internationalen Presse, die Einsprüche und Wiederaufnahmen der Verhandlungen und Vertagungen danach waren hingegen schon weniger berichtenswert. Dass Knox und Sollecito 2015 letztinstanzlich sogar freigesprochen wurden, wissen heute nicht viele. Und unter jenen, die den Freispruch mitverfolgten, gab es einen Aufschrei der Empörung – ein Fehlurteil, ein Versagen der Justiz! Zu sehr hat sich das Bild der brutalen und psychopathischen Mörderin festgekrallt, dass Fakten nur noch eine untergeordnete Rolle spielten. Genau dieses Thema greift der Dokumentarfilm von Rod Blackhurst und Brian McGinn auf. Welche Rolle spielten die Medien in diesem Prozess? Wie stark sind solche Prozesse und Urteile mitunter abhängig von vorgefertigten Meinungen der Ermittelnden und schließlich auch der Urteilssprechenden? Wie wichtig ist die Story, die man dem neugierigen Volk erzählen möchte? Und was stellt es mit dem Leben der Betroffenen an, jenem der Verdächtigen wie auch der Angehörigen der Opfer? So gesehen ist „Amanda Knox“ eine kritische Abrechnung mit uns allen und unserem Medienkonsum. Der Film ist damit brandaktuell. Und er sollte allen hinter die Löffeln geschrieben werden, die einem Youtube-Video mehr Glauben schenken als wissenschafts- und expertisegestützten Fakten.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Das geheime Leben der Bäume (2020)

Regie: Jörg Adolph
Original-Titel: Das geheime Leben der Bäume
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Das geheime Leben der Bäume


Dafür, dass sie für ein funktionierendes Ökosystem so unerlässlich sind, wissen wir noch relativ wenig über das Leben der Bäume. Wie gelingt es ihnen zum Beispiel, viele Jahrhunderte alt zu werden und immer noch so vital auszusehen? Und was genau bringt sie zum Explodieren? Der deutsche Förster Peter Wohlleben geht dem Leben der Bäume seit vielen Jahren auf den Grund und hat seine Erkenntnisse in den Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ verpackt, der nun auch verfilmt wurde. America first, Austria Förster? Von wegen. Wenn es ein Land gibt, in dem sich ein Buch über Bäume millionenfach verkaufen kann, dann Deutschland. Aber Ehre, wem Ehre gebührt: Peter Wohlleben ist ein grundsympathischer Typ, der die doch eher trockene und wenig actiongeladene Materie auf humorvolle Weise rüberbringt und dabei interessante Analogien zum menschlichen Dasein findet. Das fetzt natürlich. Der Film zum Buch verheddert sich hingegen im Unterholz zwischen der Ambition, die Person Peter Wohlleben zu zeigen und greifbar zu machen, und der inhaltlichen Wiedergabe seiner Theorien. Ein Hybridgewächs, das sich nicht entscheiden kann, ob es lieber Porträt oder Lehrfilm sein will und dadurch keines von beidem ist. Dabei sind die Passagen, in denen Peter Wohlleben seine Beobachtungen zu Wäldern und Bäumen teilt, durchaus spannend. Bildungsfernsehen im besten Sinne. Man beginnt sehr rasch zu begreifen, wie wenig man tatsächlich weiß über die Lunge der Erde. Aber immer dann, wenn es interessant wird, kommt schon der nächste Schnitt, und der Film springt zum nächsten Thema, zum nächsten Abschnitt aus Peter Wohllebens Werdegang oder zu einer Talkshow, in der er ein paar Sätze sagen darf, die man zehn Minuten früher ohnehin schon gehört hat. Als Film hat „Das geheime Leben der Bäume“ unübersehbare Schwächen, auch wenn der Inhalt per se faszinierend genug ist, damit man trotzdem dabei bleibt. Man hätte es halt besser machen können.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © CF, Quelle http://www.imdb.com)

Gunda (2020)

Regie: Victor Kossakovsky
Original-Titel: Gunda
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Gunda


An solchen Tagen kommt man ins Grübeln. Am Vorabend ist ein Oaschloch ausgetickt und hat mehrere Menschen mit sich gerissen. Kann man da überhaupt noch über Filme schreiben, oder relativiert sich nicht alles angesichts des Terrors und der Trauer? Nun, ohne pathetisch wirken zu wollen – aber lässt man es zu, dass das Oaschloch über das Leben und die weiteren Handlungen bestimmt, dann hat es gewonnen. Und das will ich nicht zulassen. Also weiter mit den Viennale-Filmen. Stellen wir der Angst die Kunst entgegen. Und die ist in „Gunda“ von Victor Kossakovsky höchst lebendig. In ruhigen Schwarz-Weiß-Bildern folgt der Film, der übrigens von Joaquin Phoenix produziert wurde, einer Sau, die gerade frisch geworfen hat. Der Mensch ist abwesend. In einem großen Freigelände können die Tiere das tun, was sie eben so tun: Sich im Schlamm suhlen, sich über die Zitzen der Mutter streiten, herumlaufen und größer werden. Zwischendurch wird das schweinische Leben unterbrochen durch Aufnahmen von Hühnern, die freigesetzt werden, und zunächst übervorsichtig und sichtlich ratlos durchs Gras stapfen. Und von Kühen, die aus dem Stall rennen und ausgelassen  auf der Wiese herumhüpfen. Und dabei geschieht Erstaunliches: Die Emotionen der Tiere werden erlebbar, ohne dass dies über die Krücke der Vermenschlichung geschieht. „Gunda“ ist ein kleiner, ganz großer Film. Ein Film, der den Tieren gerecht wird, der sie in all ihrem tierischen Verhalten zeigt, aber darin auch das Verbindende findet. Und genau das passt wiederum zu diesen schweren Tagen. Lasst uns das Verbindende finden und das Trennende vergessen.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Intimate_Distances (2020)

Regie: Phillip Warnell
Original-Titel: Intimate_Distances
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Intimate_Distances


Nicht mal Halbzeit meiner persönlichen Viennale 2020 (mein 9. Langfilm), und schon gibt es einen klaren Gewinner in der Kategorie „Effektivste Publikumsvertreibung“. Das war eine Karawane, die da ab etwa Minute 20 in Richtung Ausgang geströmt ist. Die wenigen Verbliebenen, darunter der Kürbis eures Vertrauens, haben Folgendes gesehen: Eine verwackelte Handkamera, die von einem Hausdach oder Balkon herab filmt, folgt wie ein Stalker der Casting-Direktorin Martha Wollner (sehr sympathisch), wie sie das erste Drittel des Films in einer Straßenecke von New York herumläuft, und danach Männer auf der Straße anspricht und sie nach Erfahrungen befragt, an denen ihr Leben eine unvermutete Wendung genommen hat – um am Ende die Frage einzustreuen, ob es rote Linien gäbe, von denen sie gedacht hätten, sie würden sie nie überschreiten, nur um dann doch vielleicht einmal mit einer solchen Grenzübertretung konfrontiert zu sein. Kurz: Sie lotet im Gespräch die Einschätzung der Männer aus, ob diese das Zeug hätten, Dummheiten zu tun. Aus dem Off hört man dazu eine Stimme, die von Selbstreflektion im Gefängnis erzählt. Unterm Strich wirkt das alles sehr ziellos. Was will Phillip Warnell damit aussagen? Dass wir alle versuchen, friedfertige Menschen zu sein, aber gelegentlich aufgrund äußerer Umstände daran scheitern? Ist es eine Art Rechtfertigung im Vorhinein für Gewaltausbrüche? Oder das genaue Gegenteil davon, indem Warnell im Gespräch mit Martha Wollner einfach nette Burschen zeigt, die reflektiert genug wirken, um nie in eine solche Situation zu kommen, auch wenn sie vom Leben manchmal arg eines übergebraten bekommen? Zu einer Aussage rafft sich der Film nicht auf. Dazu ist der Aufbau schlicht langweilig. So gehen am Ende auch die letzten Verbliebenen mit ratlosen Gesichtern und einem Gähnen aus dem Saal.


2,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Davos (2020)

Regie: Daniel Hoesl und Julia Niemann
Original-Titel: Davos
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Davos


Gleich zu Beginn der Dokumentation „Davos“ ist man bei einer Totgeburt einer Kuh dabei. Wenn es sich hierbei um eine Andeutung handelt, dass die heilige Milchkuh des Kapitalismus, die nur wenige Kilometer weiter in einem feinen Kongresshotel unter den Mitgliedern des alljährlich stattfindenden World Economic Forum verhandelt wird, ebenfalls zu nichts Vitalem mehr fähig ist, dann Hut ab vor Daniel Hoesl und Julia Niemann für dieses zwar nicht besonders subtile, aber doch auch raffinierte Bild. Es ist halt alles recht kompliziert. Die Reichen und Mächtigen teilen sich den Kuchen untereinander auf, wirken aber ehrlich erschüttert, wenn sie mal im Rahmen einer Performance das Leid, das Flüchtlinge durchlaufen, am eigenen Leib erfahren (dürfen), daneben kämpfen die Bäuerinnen und Bauern um ihr Überleben und das Bestehen ihres Hofes, wobei der Jammer ein wenig aufgesetzt wirkt, wenn man das Leben dieser Menschen mit jenem von weniger Privilegierten aus den armen Regionen der Welt vergleicht. Selbst die afghanischen Flüchtlingskinder und portugiesischen Migranten, die man in der Stadt vor mächtiger Gebirgskulisse ebenfalls zu Wort kommen lässt, haben zwar ein vergleichsweises hartes Los, sind aber immerhin in Sicherheit und einem der reichsten Länder der Welt. Natürlich, die Gefahr der Abschiebung lauert hinter jedem Kalenderblatt, da gibt es nichts zu beschönigen. Dennoch steckt eine gewisse Ambivalenz in den Bildern, und ich wiederhole mich: Es ist alles recht kompliziert. Daniel Hoesl und Julia Niemann bleiben den Prinzipien des Dokumentarfilms treu: sie zeigen, ohne zu kommentieren. Und gerade dadurch bleibt der Film auch in der Schwebe. Es wäre einfach gewesen, mit dem Finger auf die bösen Kapitalisten im teuren Kongresshotel zu zeigen, es wäre noch einfacher gewesen, sich einfach den Demonstranten gegen das WEF anzuschließen und mit ihnen mitzulaufen, aber Hoesl und Niemann vermeiden diesen Fehler geschickt. So ist am Ende aber die Stärke des Films auch seine größte Schwäche: Er bleibt beliebig und findet damit zu keiner Aussage, die man im Anschluss noch länger diskutieren könnte.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Imperial Irrigation (2020)

Regie: Lukas Marxt
Original-Titel: Imperial Irrigation
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Dokumentation, Experimentalfilm
IMDB-Link: –


Der Salton Sink ist ein künstlich entstandener See in Kalifornien. Im experimentellen Kurzfilm „Imperial Irrigation“, der als Vorfilm zu FREM gelaufen ist, lässt Lukas Marxt die Kamera über die Wüstenlandstriche der Ufer schweifen und eine Frau per Voice Over von der Geschichte des Sees erzählen, von Atombombentests, die hier durchgeführt wurden, vom Giftstaub, der sich über die Jahrzehnte angesammelt hat. Das alles klingt interessanter, informativer und unterhaltsamer, als es sich dann darstellt. Die Bilder sind verzerrt und verfremdet, eine Art Organismus scheint sich immer wieder durchs Bild zu ziehen, teilweise sind die Bilder an den Rändern mit schwarzen Kacheln abgeschnitten. Auch die Geräuschkulisse wirkt dissonant und verfremdet. Die mit monotoner Stimme vorgetragenen Schnipsel aus der Geschichte des Sees bzw. die Kommentare dazu (denn die Stimme bezieht auf ihre Weise Position) passen mal zu den Bildern, mal eher nicht, und schaffen es nicht, in ihrer Beliebigkeit ein Narrativ zu formen. So können auch zwanzig Minuten auf einmal sehr lang werden. Ein ganz klarer Fall von verkopfter Kunst. Für diese Art von Filmen bin ich aber einfach zu blöd.


1,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

FREM (2019)

Regie: Viera Cákanyová
Original-Titel: FREM
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation, Experimentalfilm
IMDB-Link: FREM


Man hat’s nicht leicht mit der Kunst. Der Grat zwischen Faszination und Langeweile ist zuweilen sehr schmal. „FREM“ von Viera Cákanyová hat beides zugleich geschafft: mich zu faszinieren und zu langweilen. Einerseits gibt es atemberaubende Bilder, Einstellungen und Kamerafahrten über die Ödnis der Antarktis zu genießen. Andererseits stellt sich angesichts der repetitiven Bilder, in die nur allmählich die Natur und schließlich der Mensch eindringt, vor verfremdeter Geräuschkulisse auch eine gewisse Fadesse ein. Das Zusammenspiel von Mensch und Natur bleibt vage und rätselhaft. Die Regisseurin versucht auch erst gar nicht, ein Narrativ oder Kontext zu schaffen. Es gibt nur diesen verfremdeten Blick auf eine fremde Welt. Natürlich kann man da nun alles Mögliche hineininterpretieren. Der Film gibt nichts vor, ist pure Projektionsfläche und erinnert mehr an eine Kunstinstallation als an einen Film. Was man davon mitnimmt, hängt davon ab, was man dort hineinbringt. Und über die Spielzeit von 73 Minuten hat man immerhin viel Zeit, sich Gedanken zu machen, was man in den Film hineinprojizieren möchte – sofern man das will und die Zeit nicht für andere, pragmatischere Gedanken nutzt. Eine Herausforderung, Anstrengung und interessante Erfahrung, aber keine, die man mal wiederholen muss. „FREM“ ist für mich ein Film, nach dessen Sichtung Kunststudenten mit Nickelbrillen und Rollkragenpullovern über einer Melange im Café Alt-Wien begeistert abendelang durchdiskutieren können – über Begriffe wie Posthumanismus, Conditio humana und Namen wie Roland Barthes und Noam Chomsky. Wer dafür empfänglich ist, wird seine Freude mit dem Film haben. Banausen wie der Filmkürbis nehmen das gerade Gesehene mit einem Achselzucken hin und freuen sich stattdessen einfach auf den nächsten Film, der hoffentlich wieder so etwas wie eine Handlung aufweist.


3,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Aufzeichnungen aus der Unterwelt (2020)

Regie: Tizza Covi und Rainer Frimmel
Original-Titel: Aufzeichnungen aus der Unterwelt
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Aufzeichnungen aus der Unterwelt


Oft braucht es nicht viel für einen bemerkenswerten Film. Interessante Gesprächspartner, die etwas zu erzählen haben. Einen sensiblen Fragesteller. Und eine Kamera, die die zerfurchten Gesichter der Interviewpartner in Schwarz-Weiß festhält und so die Brücke in die Vergangenheit schlägt, über die berichtet wird. Tizza Covi und Rainer Frimmel ist mit „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ ein spannendes Porträt einer Episode gelungen, die wohl nur wenigen Wienern selbst bekannt ist. In den 60er und 70er Jahren hat es sich abgespielt in der Stadt. Illegale Glücksspiele. Messerstechereien. Prügeleien. Und eine Schießerei am Neujahrsabend, die zu einem Todesopfer und mehreren Verletzten geführt hat. Mittendrin der Schmutzer Lois und sein mittlerweile verstorbener Bruder. Und der erzählt von seiner Vergangenheit in Meidling, als er verbotene Kartenspiele veranstaltet und Leute, die ihm blöd gekommen ist, zusammengeschlagen hat. Stark wie ein Bär ist er gewesen, wie Freund und Zeitzeuge Kurtl berichtet. Um diese beiden betagten Herren dreht sich der Film. Die Geschichten von Lois und Kurtl. Windige Gestalten waren sie, der eine ein Schläger, der andere ein Heurigensänger, der halt auch immer irgendwie dabei war. Und so unterschiedlich sie auch waren, der feine Herr Kurt und der brachiale Lois, das Schicksal hat sie zusammengeschweißt. Und man merkt auch: What goes around, comes around. Manchmal ist das Schicksal auch eine schlecht gelaunte Diva, die zugefügte Ungerechtigkeiten durch andere Ungerechtigkeiten ausgleicht. Was bleibt ist eine Mischung aus Bitterkeit, später Einsicht und der Akzeptanz, dass das Leben die Karten ungleich verteilt. „So ist das eben“, lautet ein Satz, den man von allen Beteiligten öfter hört. Und man kann nicht umhin, ein wenig Bewunderung für den Lois und den Kurtl zu empfinden, die stoisch akzeptieren, was ihnen das Leben gebracht hat, im Guten wie im Schlechten. Ein frühes Highlight dieser Viennale.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)