Drama

King Richard (2021)

Regie: Reinaldo Marcus Green
Original-Titel: King Richard
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Biopic, Sportfilm, Drama
IMDB-Link: King Richard


Man hat es nicht leicht mit den Geschwistern, vor allem, wenn diese älter sind und damit zu Würden kommen, die man selbst gerne für sich beansprucht hätte. Richard von Gloucester, in William Shakespeares Drama „Richard III.“ verewigt, kann ein Lied davon singen, ist er doch in der Thronfolge hinter seinem älteren Bruder gereiht, der als König Edward IV. über England herrscht. Missgunst herrscht über sein Denken, und so schmiedet er böse Ränke, um seinen Bruder vom Thron zu stoßen. Allein: Es geht nicht gut für ihn aus. Aber Moment – es geht in Reinaldo Marcus Greens‘ Film gar nicht um diesen historischen Bruderzwist? Es handelt sich nicht um eine Adaption des Shakespeare-Stücks? Was ist da los? Noch dazu, wenn von zwei Geschwistern die Rede ist, auch wenn es sich hier um Schwestern handelt? Verwirrend, verwirrend. Und dann betoniert Will Smith auch noch vor Millionen Zusehern dem verdatterten Chris Rock eine nach einem missglückten Scherz? Doch, das ist doch Stoff shakespeare’schen Ausmaßes! Trotzdem führt der Filmtitel ein wenig in die Irre, denn King Richard ist hier Richard Williams (gespielt vom Watschenmann), seines Zeichens Vater von zwei begnadeten Nachwuchstennisspielerinnen namens Venus und Serena (wer sich für Sport interessiert, hat diese Namen möglicherweise schon einmal gehört), und der Mann hat einen Plan, an dem er stur wie ein Esel festhält: Die beiden werden Profispielerinnen und sie werden die besten Spielerinnen der Welt. Basta! Immerhin lächeln und nicken sie gnädig zu diesem Spiel und dreschen auf die Filzkugeln ein, was die muskulösen Oberarme hergeben. Und so unbeirrt, wie sie die Bälle schlagen, geht der schon bald als schwieriger Charakter berüchtigte Vater den Weg, den er für seine Tochter auf dem Reißbrett entworfen hat. Da kann kommen, wer will, und möge es der Trainer von Tennislegende Pete Sampras sein – wer nicht mitzieht, dem furzt King Richard ins Gesicht. „King Richard“ ist ein Biopic der eher ungewöhnlichen Sorte, denn es stehen nicht die künftigen Stars und ihr Werdegang im Vordergrund, sondern der fanatische Vater, der alles seinem Plan unterordnet. Der Erfolg soll ihm am Ende recht geben, doch wie schmal der Grat ist zwischen Sieg und vernichtender Niederlage, nach der man nicht mehr aufsteht, deutet der Film mehr als einmal an. Dennoch bleibt der Film auf ausgetretenen Pfaden und damit recht zahm. Die Eckpunkte jedes Biopics (Traum, Schwierigkeiten, Aufstieg, weitere und noch größere Schwierigkeiten, beinahe der Fall und schließlich doch noch der Triumph über alle Widrigkeiten) werden routiniert abgearbeitet. Unter den besten Filmen des Jahres 2021 sehe ich „King Richard“ – anders als die Oscar Academy – nicht. Dass man Will Smith für seine seriöse Darstellung für einen Oscar nominieren kann, schon eher. Am Ende wäre es wohl besser gewesen, hätte ein anderer diesen gewonnen, auch für Will Smith selbst. Es hätte jedenfalls ausreichend starke Konkurrenz gegeben.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

No Country for Old Men (2007)

Regie: Ethan und Joel Coen
Original-Titel: No Country for Old Men
Erscheinungsjahr: 2007
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: No Country for Old Men


2007 waren die Coen-Brüder längst überfällig für einen Regie-Oscar, und der Filmgott hatte ein Einsehen mit ihnen. In einem epischen Kopf-an-Kopf-Rennen stachen sie Paul Thomas Anderson aus, der mit „There Will Be Blood“ ebenfalls einen modernen Klassiker hingelegt hatte. Doch nichts ging in diesem Filmjahr über die fatalistische Abrechnung der Coens mit dem Schicksal und hollywood’schen Dei ex machina. In „No Country for Old Men“ stößt ein Jäger (Josh Brolin) im Texas der 80er Jahre (Josh Brolin) zufällig auf einen schief gelaufenen Drogendeal. Dealer und Käufer liegen nach einer Schießerei tot im Sand, das Geld muss nur eingesammelt werden. In einem Versuch, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, macht sich Llewelyn Moss in der Nacht noch einmal auf zum Schauplatz des Geschehens, um einem angeschossenen Mexikaner, dem einzigen Überlebenden, eine Flasche Wasser zu bringen. Doch genau damit setzt er eine Katz-und-Maus-Jagd in Gang, die nicht gut enden kann. Schon bald ist ihm der eiskalte Killer Anton Chigurh (Javier Bardem als einer der eindrucksvollsten Filmbösewichter aller Zeiten mit legendärer Prinz Eisenherz-Frisur) auf den Fersen. Der alte und altersmüde Sheriff Ed Tom Bell (Tommy Lee Jones) hat zwar schon bald eine Ahnung, was hier abgeht, ist aber immer mindestens einen Schritt zu langsam. Was nach einem gewöhnlichen Thriller-Plot klingt, wird durch die inszenatorische Meisterschaft der Coen-Brüder auf ein völlig neues Niveau gehoben. Das Besondere an diesem Film ist die Verweigerung klassischer Erzählmuster. Chigurh kommt wie das Schicksal selbst über die Hauptfiguren. Dazu passt es, dass er gelegentlich die Münze entscheiden lässt über Leben und Tod, und die Fairness des Zufalls als einzige Gerechtigkeit betrachtet. So ist „No Country for Old Men“ nicht nur ein spannungsgeladener, atmosphärisch dichter Thriller, sondern auch ein filmischer Resonanzkörper für die Unberechenbarkeit des Lebens selbst.


9,5 Kürbisse

(Bildzitat:© 2007 Paramount Vantage – Miramax, Quelle http://www.imdb.com)

The Hand of God (2021)

Regie: Paolo Sorrentino
Original-Titel: È stata la mano di Dio
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: È stata la mano di Dio


Paolo Sorrentino gehört für mich zu den interessantesten Regisseuren unserer Zeit. Er hat eine ganz eigene, sinnliche Bildsprache, die er in „La Grande Bellezza“ zur Meisterschaft brachte. „The Hand of God“ ist sein persönlichster Film und stark autobiographisch geprägt. Die Geschichte spielt in Neapel, wo der junge Fabietto davon träumt, dass sich sein großes Idol Diego Maradona dem hiesigen Fußballclub anschließt (daher auch der Titel, der Bezug nimmt auf das berühmt-berüchtigte Tor von Maradona gegen England im WM-Halbfinale 1986, das er mit der Hand erzielte). In Fabiettos Familie geht es italienisch chaotisch zu – die Tante, an die juvenile erotische Fantasien geknüpft sind, kann kein Kind bekommen und tickt zunehmend aus, Vater und Mutter haben trotz offensichtlicher Zärtlichkeit in ihrer Beziehung doch auch Probleme, die Fabietto bislang vorenthalten wurden, der Bruder ist ein Taugenichts, die restliche Verwandtschaft ein Skurrilitätenkabinett. Der Sommer vergeht, man geht schwimmen und spielt sich gegenseitig Streiche. In dieser ersten Hälfte ist der Film eine grandiose Liebeserklärung an die Familie und die Adoleszenz, wenn sich Fabietto allmählich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickelt. Doch die unerträgliche Leichtigkeit des Seins ist nicht von langer Dauer, und bald bricht das Schicksal über Fabietto hinein. Ab diesem Zeitpunkt wird der Film schwer und schwermütig, auch ein wenig ziellos (was allerdings die Entwicklung der Figur widerspiegelt). Es ist ein harter Bruch, auf den man sich einstellen muss. Ich wäre gerne länger beim unbeschwerten Fabietto geblieben und hätte ihm und seiner Familie zugesehen, wie sie in den Tag hineinleben. Daher fällt die Bewertung auch etwas schaumgebremster aus als für „La Grande Bellezza“ oder auch „Youth“, die ich insgesamt für die konzentrierteren Filme halte. Nichtsdestotrotz ist „The Hand of God“ ein weiterer sehenswerter Film aus der Feder Sorrentinos, den man nicht verpassen sollte.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von JoJo Whilden/JoJo Whilden / Netflix – © 2022 © Netflix, Quelle http://www.imdb.com)

The Good Nurse (2022)

Regie: Tobias Lindholm
Original-Titel: The Good Nurse
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Krimi, Drama
IMDB-Link: The Good Nurse


Treffen sich zwei Oscarpreisträger in einem Netflix-Krimi. Vorhang auf für Jessica Chastain und Eddie Redmayne, erstere von mir aufgrund ihrer Vielseitigkeit sehr geschätzt, zweiterer hatte seine Sternstunde als Stephen Hawking in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ und trägt die Fantastic Beasts-Reihe mit sympathischer Schüchternheit. Dazu noch Darren Aronofsky als Produzent für ein True Crime-Drama, die Vorzeichen stehen also mal nicht schlecht für „The Good Nurse“. Es geht hierbei um eine mysteriöse Todesserie in der Intensivstation des Krankenhauses, für das die aufopfernde Krankenschwester Amy arbeitet. Immer wieder versterben hier überraschend Patientinnen, sodass das Krankenhaus schließlich auch die Polizei einschaltet. Dies aber sehr widerwillig, und rasch wird klar, dass etwas unter den Teppich gekehrt werden soll. Währenddessen schließt Amy Freundschaft mit dem neuen Kollegen Charlie, der schon in diversen Krankenhäusern tätig war, aber nie Fuß fassen konnte. Es entwickelt sich ein Krimi-Plot, der leider so vorhersagbar ist wie die Wetterlage in fünf Minuten. Spannungsarm wird der Plot heruntergekurbelt, und das, was man dem Film eigentlich positiv zugestehen müsste, nämlich, dass er die wahren Begebenheiten nicht überhöht und Dramatisierungen einbringt, die nicht nötig sind, wird ihm tatsächlich zum Verhängnis: Der Film tröpfelt ohne große Höhepunkte vor sich hin. Dass er nicht zum Rohrkrepierer verkommt, liegt am engagierten Spiel von Jessica Chastain, auch wenn der Rest des Casts blass bleibt (inklusive Eddie Redmayne). Der (für mich) fast interessantere Part des Films, nämlich das seltsame Gebaren des Krankenhaus-Managements bei den polizeilichen Ermittlungen, wird nur am Rande gestreift und funktioniert hier bloß als Hindernis, an dem sich die ermittelnden Polizisten (Noah Emmerich und Nnamdi Asomugha) vorbeiwinden müssen. Gerade darin läge aber die vielleicht ergiebigere Geschichte. Doch die ließe sich wohl nicht erzählen, ohne zu sehr ins Fabulieren zu geraten und wurde wohl deshalb auch ausgeklammert. So bleibt „The Good Nurse“ ein routinierter, aber spannungsarmer Krimi.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von JoJo Whilden/JoJo Whilden / Netflix – © 2022 © Netflix, Quelle http://www.imdb.com)

Tori and Lokita (2022)

Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne
Original-Titel: Tori et Lokita
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: Tori et Lokita


Zum Abschluss meiner persönlichen Viennale gab es noch mal richtiges Wohlfühlkino, wie man es von den Brüdern Dardenne gewohnt ist. Die Jungs sorgen immer für Spaß. „Tori et Lokita“ ist da keine Ausnahme und reiht sich in ihr Gesamtwerk stimmig ein. Erzählt wird von einer sehr engen Beziehung zweier minderjähriger Flüchtlinge, die nach langer und beschwerlicher Reise in Belgien gelandet sind und nun – für die Aufenthaltsgenehmigung – beweisen müssen, dass sie Geschwister sind. Was nicht so einfach ist, da sie sich tatsächlich erst auf dem Boot nach Europa kennengelernt haben. In der Zwischenzeit verticken sie Drogen für einen Pizzabäcker, der sich dadurch ein Nebenbrot verdient. Außerdem müssen sie sich mit der Schlepperbande herumplagen, der sie immer noch Geld schulden. Alles wird von Minute zu Minute prekärer, und so bleibt Lokita bald kein Ausweg mehr, als das Angebot des Pizzabäckers anzunehmen, für ihn zwei Wochen lang als „Gärtnerin“ zu arbeiten, sprich: auf der geheimen Hanfplantage. „Tori et Lokita“ zeigt einmal mehr die schier ausweglose Situation von Menschen am Rande der Gesellschaft auf. Die Dardenne-Brüder haben einen sehr nüchternen, gleichzeitig aber intimen Blick auf diese Figuren, der die tragischen Schicksale nicht dramaturgisch überhöht, doch gerade deshalb eine Kraft entfaltet, die sich in der Magengrube entlädt. Viennale-Festivalkino par excellence. Wer dann noch fröhlich ist, hat sich echt gute Drogen reingepfiffen.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Stars at Noon (2022)

Regie: Claire Denis
Original-Titel: Stars at Noon
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Drama, Liebesfilm, Krimi, Erotik
IMDB-Link: Stars at Noon


Trish ist eine junge, durchaus aufmüpfige und selbstbestimmte Journalistin, die während ihres Aufenthalts in der Militärdiktatur kritische Texte über das Regime verfasst hat, was die hiesige Obrigkeit nicht so leiwand findet. Kurzerhand hat man ihren Pass konfisziert und ihr sämtliche Dollars, die einzige Währung, mit der man im Land etwas erreichen kann, abgeknöpft. Kurz: Sie steckt in der Scheiße. Auch ihr widerwilliges Panscherl mit einem höheren Tier im Militär bringt sie nicht weiter. Als sie den charismatischen englischen Geschäftsmann Daniel kennenlernt, wittert sie einen Ausweg aus ihrer Situation, doch je mehr sie sich auf ihn einlässt, desto tiefer wird sie in einen Strudel von Gefühlen, Abhängigkeiten und politischen Verwicklungen hineingezogen. Denn verglichen mit Daniels Problemen sind die eigenen kaum der Rede wert. „Stars at Noon“ ist ein sperriger Film. Claire Denis, die den Roman von Denis Johnson von den 80ern in die heutige Pandemiezeit verlegt hat, erzählt die komplizierte und vielschichte Story eher indirekt und durch Aussparungen. Ihr Fokus liegt auf Trish und ihre zunehmende Verunsicherung, die durch die aufkeimenden Gefühle für Daniel verstärkt wird. Margaret Qualley spielt die sich immer mehr selbst verlierende Journalistin mit vollem Einsatz und scheut auch nicht vor der Menge an Nacktszenen zurück, die das Skript verlangt. Wären diese notwendig gewesen? Auf den ersten Blick vielleicht nicht unbedingt, doch spiegeln die Liebeszenen zwischen ihr und ihren Partnern die Beziehungen zu den Männern wider: Während sie den Sex mit dem Kommandanten ausdruckslos über sich ergehen lässt, ist das Betthupferl mit dem smarten Engländer voller Leidenschaft – sie ist zunehmend nicht mehr Herrin der Lage. Generell ist „Stars at Noon“ ein äußerst sinnlicher Film, also einer, der mit allen Sinnen spielt: Das schwüle Klima Mittelamerikas, in dem es abwechselnd wie aus Eimern schüttet oder die Sonne herunterbrennt, ist ebenfalls ein zentrales Element des Films. Fast vermeint man die Mischung. aus Schweiß und stickiger Luft riechen zu können. In der Trägheit der Mittagshitze werden auch die Bewegungen träge, die Geschichte kommt zunehmend ins Stocken, Fluchtversuche werden ungeplant und halbherzig ausgeführt. Für den Zuseher mag das zeitweise anstrengend sein, und doch entwickelt „Stars at Noon“ dadurch eine geheimnisvolle Sogwirkung. Alles fließt. Auch wenn die Lage aussichtslos scheint, so steuert die Geschichte dennoch auf ihr logisches Ende hin, es lässt sich einfach nicht verhindern.


7,0 Kürbisse

(Foto: (c) Viennale)

The Whale (2022)

Regie: Darren Aronofsky
Original-Titel: The Whale
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Drama
IMDB-Link: The Whale


Standing Ovations in Toronto für Brendan Fraser, der für Aronofskys „The Whale“ den ersten Schauspielpreis seiner Karriere erhalten hat. Hollywood liebt solche Comebacks, und wen würde es wundern, würde Anfang nächsten Jahres die erste Oscar-Nominierung für den sympathischen Kanadier folgen? Die wäre aber auch so etwas von verdient – wie auch für Hong Chau als beste Nebendarstellerin sowie die Maske bzw. das Make-Up-Department. „The Whale“ erzählt die Geschichte des krankhaft übergewichtigen Schreibcoaches Charlie, der nach einem tragischen Verlust den Boden unter den Füßen verloren hat. Seine medizinische Situation ist mehr als angespannt, und Charlie weiß, dass ihm nur noch wenig Zeit bleibt, um den größten Fehler, den er in seinem Leben gemacht hat, geradezurücken. „The Whale“ basiert auf einem Theaterstück von Samuel D. Hunter und spielt demnach ausschließlich (mit Ausnahme einiger kurzer Rückblenden) im Apartment von Charlie, für ihn eine Schutz bietende Höhle. Regelmäßig Besuch bekommt er von seiner besten Freundin Liz (Hong Chau), seiner Tochter Ellie (Sadie Sink) und einem zufällig an seine Tür klopfenden Missionar (Ty Simpkins). Wir erleben eine Woche, die wohl entscheidende Woche, im Leben von Charlie. Was reichlich unspektakulär klingt, ist dank Aronofskys präziser Regie und dem herausragenden Spiel von Fraser und auch Chau ein einziger Schlag in die Magengrube, wenn man sieht, wie der gutherzige Charlie gegen die Dämonen der Vergangenheit ankämpft und zusätzlich zweihundert Kilo weiterer Dämonen durch die Wohnung schleppt. Es geht um Fehler und Läuterung, um Familienbande und Liebe, es geht auch darum, den Glauben an die Menschen nicht zu verlieren. Vielleicht mag der Film an der einen oder anderen Stelle inszenatorisch stark überhöht sein, aber diese Überhöhung ist ein Stilmittel, das das Ende des Films konsequent vorbereitet. Ein drastischer Film, wie so oft bei Aronofsky einer aus der Kategorie „großartig, kann ich aber kaum ein zweites Mal sehen“. Spannend ist, dass es aktuell noch keine offiziellen Trailer zu finden gibt.


8,0 Kürbisse

(Foto: (c) Viennale)

Broker (2022)

Regie: Hirokazu Koreeda
Original-Titel: Beurokeo
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: Beurokeo


Hach, die Viennale und ihre Feelgood-Filme. Begonnen hat alles vor 60 Jahren als „Festival des heiteren Films“, und dieser Linie ist man bis heute treu geblieben, was der diesjährige Überraschungsfilm „Broker“ von Hirokazu Koreeda unterstreicht. In dieser leichten koreanischen Komödie geht es um lustige Themen wie Kindsweglegung, Menschenhandel und Mord. Der Saal hat sich gebogen vor Lachen. Das ist genau diese Art von Unterhaltung, die man in politisch düsteren Zeiten wie heute braucht. Aber jetzt mal Spaß beiseite. „Broker“ schlägt in eine ähnliche Kerbe wie Shoplifters – Familienbande, mit der Koreeda vor einigen Jahren die Goldene Palme in Cannes gewinnen konnte. Aus ungewöhnlichen und tragischen Umständen formt sich so etwas wie eine Familie. In diesem Fall besteht die Familie aus zwei „Brokern“, die weggelegte Babys für gutes Geld an kinderlose Paare verkaufen, der leiblichen Mutter selbst, einer Prostituierten, die nach einem Todesfall auf der Flucht ist, einem ausgebüxten Waisen und natürlich dem Baby selbst. Mutter und Broker verfolgen das gleiche Ziel: Den kleinen Woo-sung verkaufen – die Broker des Geldes wegen, die Mutter, damit sie das Kind in guten Händen weiß. Auf ihren Fersen sind aber zwei Polizistinnen, die die Menschenhändler auf frischer Tat ertappen wollen, sowie ein Schläger der lokalen Mafia. Was allerdings mehr als der Krimi bzw. die kriminelle Handlung selbst im Vordergrund steht, ist eben dieses vorsichtige Entstehen einer fragilen Beziehung zwischen allen Beteiligten, wobei hier selbst die beiden Polizistinnen davon berührt werden. Das alles ist mit leichter Hand und viel Sensibilität erzählt – hier zeigt sich die inszenatorische Stärke Koreedas. Weniger gelungen ist der Handlungsrahmen der polizeilichen Ermittlungen, der doch stark aufgesetzt wirkt, auch wenn die Entwicklung darin der Geschichte dient. So erreicht der Film vielleicht nicht ganz die Stringenz von „Shoplifters – Familienbande“, ist aber ein weiterer gelungener Beitrag Koreedas zum Thema Familie und wichtigen ethischen Fragen, die damit verbunden sind.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

The Banshees of Inisherin (2022)

Regie: Martin McDonagh
Original-Titel: The Banshees of Inisherin
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: The Banshees of Inisherin


Das Trio Martin McDonagh, Colin Farrell und Brendan Gleeson hat mit der schwarzen Komödie Brügge sehen … und sterben? für Furore gesorgt. Die drei passen auch wunderbar zusammen: Gleeson spiegelt die McDonagh’sche Lakonie, und Colin Farrell trägt mit seiner Verhuschtheit die Geschichte. Doch funktioniert das auch ein zweites Mal? Die Antwort als Spoiler vorab: Und wie! „The Banshees of Inisherin“ spielt auf der titelgebenden abgeschiedenen Insel vor der irischen Küste zu Beginn der 20er Jahre. Auf dem Festland tobt ein Bürgerkrieg, den niemand hier verstehen kann, und die einzigen Freizeitbeschäftigungen bieten das lokale Pub sowie das Verbreiten von Klatsch im Dorf. Klar bricht da erst einmal eine Welt zusammen, wenn der langjährige beste Freund einen plötzlich meidet, und, noch schlimmer, dann unumwunden zugibt, dass er nichts mehr mit dieser Freundschaft zu tun haben möchte, er langweile sich und habe Besseres vor in seinem Leben, Musikstücke komponieren zum Beispiel. Pádraic, der Abgewiesene, versteht die Welt nicht mehr und versucht, seinen alten Freund Colm von diesem Nonsens abzubringen. Der droht mit drastischen Maßnahmen, würde seine Privatsphäre weiterhin verletzt werden. Und so schaukelt sich die Geschichte allmählich hoch, aber mit einer solchen Lakonie und einem dermaßen trockenen Witz, dass man die Handschrift McDonaghs schon von weitem erkennt. „The Banshees of Inisherin“ ist so vieles gleichzeitig: Lakonische Komödie wie Shakespeare’sches Drama, und dazu auch noch (man muss genau hinblicken, aber dann erkennt man es) eine Allegorie auf den irischen Bürgerkrieg von 1922 bis 1923, als aus Freunden plötzlich verbitterte Feinde wurden. Man könnte in stundenlangen Diskussionen Schicht für Schicht des Films abtragen und würde immer noch neue Facetten entdecken. Verletzter Stolz? Soziale Zwänge? Die Sprachlosigkeit der Männer, die sich stur lieber ihrem Schicksal ergeben, als aufeinander zuzugehen? Die Machtlosigkeit, mit der man manchen Veränderungen gegenübersteht? Die Spirale von Gewalt und Gegengewalt? Alles da in Martin McDonaghs Meisterwerk. Dennoch hätte das alles auch fürchterlich schief gehen können, hätte er nicht mit Farrell (mit seiner vielleicht besten Schauspielleistung überhaupt) und Gleeson zwei Giganten an seinem Set gehabt, die diesen Facettenreichtum stemmen können. So aber ist der Film ein großer Wurf und eines der Highlights des Jahres.


8,5 Kürbisse

(Foto: Photo by Jonathan Hession. Courtesy of Searchlight Pictures (c) 2022 20th Century Studios. All Rights Reserved. Quelle: http://www.viennale.at)

Close (2022)

Regie: Lukas Dhont
Original-Titel: Close
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Drama
IMDB-Link: Close


Den Belgier Lukas Dhont muss man im Auge behalten. Schon Girl war ein sehr gelungener Beitrag zu Fragen der Geschlechteridentität. In „Close“, seinem neuesten Film, geht er weiteren Fragen nach Identität und sozialer Rolle nach, biegt dann aber überraschend in ein komplett anderes Terrain ab, nämlich dem Umgang mit Verlust, Schuldgefühlen und Trauer. Da schlägt das misanthropische österreichische Herz höher. Feel-Bad-Movies – auch die Belgier haben’s drauf. Allerdings ist „Close“ nicht einfach nur Tristesse pur, sondern ein hochsensibel erzähltes Drama rund um die Freundschaft zweier unzertrennlicher Jungs, die eines Tages in der Schule mit der Frage konfrontiert werden, ob sie denn ein Paar wären. Während der sensible, träumerische Rémi (Gustav de Waele) auf diese Frage einfach schweigt, grenzt sich Léo (Eden Dambrine) sofort von dieser Frage ab und in weiterer Folge von Rémi. Intimität und Nähe nehmen zunehmend ab, es entsteht eine Kluft, die unüberbrückbar scheint. Und so muss man als Zuseher mitansehen, wie alles immer schlimmer und schlimmer wird, bis es zu Ereignissen kommt, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Yay, dafür geht man doch gerne ins Kino. Ein bisschen die Depressionen auffrischen, bevor uns der Winter so richtig in die Glieder fährt. In diesem Sinne ist diese Anmerkung durchaus als Triggerwarnung zu verstehen – wer ein sensibles Gemüt hat, dem wird der Film ordentlich in die Magengrube treten. Es ist dieser pure Realismus, der den Film so schwer verdaulich macht. Hier wird nichts der Story wegen überhöht, die auf der Leinwand gezeigte Geschichte wirkt echt, die Gefühle sind nachvollziehbar, das Leben läuft einfach immer weiter und weiter, man muss funktionieren, man muss leben. Diese Zerrissenheit, die sich aus der Diskrepanz zwischen sozialen Anforderungen und der inneren Gefühlswelt ergibt, zeigt Jungdarsteller Eden Dambrine mit einer Meisterschaft, die sämtlichen erwachsenen Darsteller:innen (und das sind u.a. mit Émilie Dequenne und Léa Drucker in den Mutterrollen keine unbekannten) in den Schatten stellt. „Close“ ist herausragendes realistisches Kino, aber eben mit Vorsicht zu genießen.


8,0 Kürbisse

(Foto: (c) Viennale)