Drama

Die Brandstifter (1906)

Regie: Georges Méliès
Original-Titel: Les incendiaires
Erscheinungsjahr: 1906
Genre: Kurzfilm, Krimi, Drama
IMDB-Link: Les incendiaires


Ein paar Taugenichtse zündeln herum und fackeln einen Schuppen ab. Das bringt natürlich sofort die Polizei auf dem Plan und nach einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd wird schließlich einer der Strolche geschnappt. Nach einer nicht so schönen Zeit im Gefängnis, in der er schon von der Guillotine fantasiert, wird ihm dann tatsächlich der Prozess gemacht. Der fulminante Höhepunkt dieses frühen Krimidramas ist die Exekution des Verbrechers durch die schon angesprochene Guillotine. Die Gerechtigkeit obsiegt, der Schurke ist einen Kopf kürzer. Filmpionier Georges Méliès bewegte sich mit „Die Brandstifter“ mal auf anderem Terrain als den üblichen fantastischen Tollereien oder spaßigen Zaubertricks. „Die Brandstifter“ ist eine durchaus ernste Angelegenheit und erzählt in etwas weniger als acht Minuten eine ganze Geschichte. Natürlich nutzt Méliès hier wieder stark seine Fähigkeiten als Magier, um mit frühen Special Effects filmische Illusionen zu erzeugen. Ich kann mir vorstellen, dass die Enthauptung des Bösewichts zu damaligen Zeiten für einigen Schrecken in den Vorführungen gesorgt hat. Abgesehen vom fehlenden Blut (das wäre wohl wirklich too much gewesen) wirkt die Darstellung der Exekution recht realistisch. „Die Brandstifter“ sind ein gutes Beispiel dafür, wie rasch sich Méliès in den wenigen Jahren, in denen er aktiv Filme dreht, weiterentwickelte und das neue Medium Film auf vielfältige Weise für sich nutzen konnte.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von A7A09064_017.JPG – © Archives du 7e Art/DR – Bild mit freundlicher Genehmigung photo12.com, Quelle http://www.imdb.com)

Frau im Dunkeln (2021)

Regie: Maggie Gyllenhaal
Original-Titel: The Lost Daughter
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama
IMDB-Link: The Lost Daughter


Eine Professorin für italienische Literatur macht Urlaub in Griechenland. Was zunächst nach einem ungestörten Strandurlaub aussieht, wird aber schon bald recht anstrengend, als eine Großfamilie in die Villa nebenan zieht und den Strand kapert. Die junge, überforderte Mutter, die noch dazu eines Tages ihre eigene Tochter unbeaufsichtigt lässt und kurzzeitig verliert, löst bei Leda, so der Name der Professorin, einige Flashbacks aus. Auch sie war nicht die geborene Mutter, und die beiden Töchter waren öfter Störenfriede in ihrem arbeitssamen Leben als eigentlicher Mittelpunkt desselben. „Frau im Dunkeln“ ist eine sensible Adaption von Elena Ferrantes Romanvorlage. Es passiert nicht viel in Maggie Gyllenhaals Regiedebüt, und doch bleibt der Film über zwei Stunden lang interessant. Das liegt vor allem an Oliva Colmans herausragendem Schauspiel. Ihre Leda ist voller Ambivalenz, jede Gestik und Mimik wirkt echt und authentisch. Auch Jessie Buckley als die jüngere Version von Leda, die mit den Kindern überforderte Mutter, macht ihre Sache ausgezeichnet. So entsteht das Porträt einer Frau, die sich in Rollen gepresst sieht, die sie nicht auszufüllen vermag. Und doch – bei allem Respekt vor der konzentrierten Regie und der tadellosen schauspielerischen Leitungen: Gelegentlich zieht sich das Ganze ein wenig hin. „Frau im Dunkeln“ ist einer dieser Filme, für die man in der richtigen Stimmung sein muss. Ansonsten verliert man vielleicht doch mittendrin das Interesse, da alles so subtil und flüchtig ist, dass man schon aufnahmebereit sein muss, um den Film schätzen zu können. Auch wenn der Film auf Netflix läuft, aber das ist eigentlich etwas fürs Kino, um sich ablenkungsfrei auf die Geschichte konzentrieren zu können.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Liebe 1962 (1962)

Regie: Michelangelo Antonioni
Original-Titel: L’eclisse
Erscheinungsjahr: 1962
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: L’eclisse


Es braucht wohl ein trauriges Gesicht wie jenes von Monica Vitti, um mit dermaßen wenigen Worten gleich zu Beginn glaubhaft eine langjährige Beziehung zerbrechen zu lassen. Generell wird in Michelangelos Drama „Liebe 1962“ wenig gesprochen, zumindest nicht zwischen den Hauptprotagonisten Vitoria und Piero, ein von Alain Delon mit köstlicher Arroganz gespielter Börsenmakler. Dieser ist nach einigem Herummäandern Vitorias durch die Stadt der neue Auserkorene nach dem nächtlichen Drama mit ihrem Ex. Aber ist er auch der richtige bzw. ist Vitoria die richtige für ihn? „Liebe 1962“ ist beileibe kein konventioneller Liebesfilm, sondern ein Film, der sich auf das Ungesagte und Ungeschriebene zwischen den Zeilen konzentriert. In einer hektischen Welt, in der jeder eine Rolle zu spielen hat, eindrucksvoll verkörpert durch den Wahnwitz der Börse, reicht es vielleicht nicht aus, lieben zu wollen – man muss auch dazu fähig sein. Vitorias und Pieros Liebe ist hingegen die Liebe von Verzweifelten, die mehr mit sich selbst beschäftigt sind als mit allem Anderen und daher nicht lieben können. Alain Delon spielt Piero als Arschloch erster Güte, der sowohl die Börse als auch die Liebe eher als Spiel begreift. Die Börse ist fast ein dritter Protagonist im Bunde. Antonioni fängt den kompletten Irrsinn, die seelenlose Gier und Jagd nach Geld und Gewinn, hervorragend ein. Stark ist im ersten Drittel die Szene, als der Handel für eine Schweigeminute unterbrochen wird, aber auf die Sekunde genau nach Ablauf die Hektik wieder hereinbricht wie ein Krieg, der auf die Köpfe donnert. Hervorheben muss man auch die kunstvollen und stimmungsvollen Kameraeinstellungen, die zu meisterhaften Bildern führen – ein jedes davon könnte großflächig ausgedruckt und an die Wand gehängt werden. Das Ende ist konsequent und schlägt die Brücke zurück zum Anfang. Kleine Abzüge mag es aus heutiger Sicht für die Rassismusprobleme und eine Blackfacing-Szene geben, aber die muss man natürlich im Kontext der Zeit betrachten. Über die Zeit hinaus ist „Liebe 1962“ ein Meisterwerk.


8,0 Kürbisse

(Bildzitat: © 1962 – Cineriz, Quelle http://www.imdb.com)

Spencer (2021)

Regie: Pablo Larraín
Original-Titel: Spencer
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Biopic, Drama
IMDB-Link: Spencer


Die erste große Überraschung der Award Season: Kristen Stewart ist eine seriöse Anwärterin auf die wichtigsten Schauspielpreise. Die zweite große Überraschung der Award Season: Ausgerechnet beim Preis der Screen Actors Guild, den SAG Awards, ist sie nicht nominiert. Was ist da los? Warum einmal hü und einmal hott? Liefert sie als Prinzessin Diana eine der besten Leistungen des Jahres ab, oder ist ihre Darstellung überschätzt und exaltiert und daher doch nicht der heißeste Scheiß der Award Season? Die Wahrheit liegt in der Mitte. Zwar muss man ihr zweifelsfrei zugestehen, als innerlich zerrissene und von der höfischen Etikette unterdrückte Prinzessin die vielleicht beste Darstellung ihrer Karriere zu liefern, allerdings presst sie gleichzeitig ihre Sätze so heraus, als würde sie unter fürchterlicher Verstopfung leiden. Interessanterweise passt aber gerade dieser hochdramatische Ausdruck perfekt zu Pablo Larraíns kunstvollen, mit surrealen Versatzstücken verfremdeten Zugang zu einer Weihnachtsfeier, in der höfische Etikette und die Freiheitsliebe der depressiven Lady Di aufeinanderprallen. Larraín geht es hier nicht um Realismus (daher fügt sich auch Stewarts Schauspiel so gut ein). Jonny Greenwoods eindrücklicher Score begleitet eine filmische Reise in die tiefsten Abgründe und Ängste einer Person, die niemals öffentlich leben wollte und doch der Inbegriff der Öffentlichkeit wurde. Dazu kommen symbolhaft aufgeladene Momente, wenn Diana durch die ehrwürdigen Hallen des königlichen Schlosses tanzt oder ihr Anne Boleyn in den Gängen begegnet. Keine Frage – das ist richtig gut gemacht. Vielleicht braucht es ein bisschen, um sich in diese verfremdete Welt hineinzufinden, aber wenn man sich mal auf diese abenteuerliche Reise zu den dunkelsten Stellen einer verwundeten Seele eingelassen hat, ist die Geschichte durchaus packend, und alles fügt sich zu einem in sich stimmigen Gesamtkunstwerk zusammen. Larraín ist eben keiner, den klassische Biopics sonderlich interessieren, sondern er findet stets seinen ganz eigenen Zugang zu seinem Thema. Das muss man wissen, bevor man sich auf diesen Film einlässt.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

The Room (2003)

Regie: Tommy Wiseau
Original-Titel: The Room
Erscheinungsjahr: 2003
Genre: Drama
IMDB-Link: The Room


Kommen wir zu einem ganz besonderen Schmankerl. In der Filmwelt wird ja trefflich darüber diskutiert, wer nun wirklich der schlechteste Regisseur aller Zeiten war – Ed Wood oder Tommy Wiseau. Nach Sichtung des Meisterwerks „The Room“ ist für mich die Antwort nun völlig klar: Tommy Wiseau. Während die Filme von Ed Wood lustiger Trash sind, ist „The Room“ ein Unfall, ein Totalschaden, auf seine Weise auch wieder enorm lustig, ja, viel lustiger, als es jeder Ed Wood-Film sein könnte, aber das liegt auch daran, dass man bei Ed Wood immerhin noch ernsthafte Ambitionen gemerkt hat, auch wenn diese schrecklich umgesetzt wurden. „The Room“ hingegen ist … unbeschreiblich. Fangen wir beim unfassbar dilettantischen Drehbuch an mit banalsten Dialogen, völlig zusammenhanglosen Szenen und Storylines, die währenddessen komplett fallengelassen werden. Dazu jede Menge Sexismus und ein Tommy Wiseau, dessen Narzissmus aus jeder Dialogzeile jeder Figur tropft. „The Room“ ist eine Tommy Wiseau-Ego-Show, in der sein Johnny der beste Mensch der Welt ist, der von seiner bösen Freundin betrogen wird (das ist dann auch schon die ganze Geschichte). Gehen wir dann zu den Darsteller:innen – vor allem den Hauptfiguren. Man hätte Dummys aus Holz und Stroh basteln können, die eine bessere Leistung abgeliefert hätten. Vor allem der größenwahnsinnige Tommy Wiseau schießt den Vogel ab. James Franco muss in The Disaster Artist einen Höllenspaß gehabt haben, diesen komplett talentfreien Exzentriker zu spielen. Und schließlich Ausstattung und Kostüme und Kameraführung, also die technischen Komponenten. Nichts, wirklich gar nichts passt hier bei diesem Film. Man kommt 1,5 Stunden aus dem Lachen nicht raus. Und dabei habe ich die auf Youtube kostenfreie unzensierte Version gesehen. Was für ein Glück, dass ich zumindest nicht die Sexszenen miterleben musste. Ich kann hier gar nicht anders, als voller Enthusiasmus und mit wärmster Empfehlung, sich das mal anzutun, meine niedrigste Wertung von 0,5 Kürbissen zu zücken. Die sind so was von verdient!


0,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Midsommar (2019)

Regie: Ari Aster
Original-Titel: Midsommar
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Horror, Thriller, Drama
IMDB-Link: Midsommar


Der legendäre Hans Huber wusste es schon lange, nachzusehen auf Youtube: „Die Schweeeeeeden sind ein ganz harter Brocken.“ Und so ist trotz schönstem Wetter und langer Tage während des Midsommar-Fests in einer entlegenen schwedischen Kommune bei weitem nicht alles eitel Sonnenschein, wie Dani (Florence Pugh), die sich kurzerhand ihren Freunden bei diesem ethnologisch interessanten Trip angeschlossen hat, im Verlauf von Ari Asters Horrordrama feststellen muss. Dabei hätte Dani ein bisschen Ruhe und Abstand gebraucht, nachdem sich ihre depressive Schwester umgebracht hat und dabei auch noch gleich ihre Eltern mitgerissen hat. Freund Christian (Jack Reynor, das Ergebnis einer wilden Party der Gene von Chris Pratt und Chris Hemsworth) ist keine große Unterstützung. Immerhin bietet sich hier in der Kommune seines schwedischen Kumpels Pelle (Vilhelm Blomgren) die Möglichkeit einer interessanten Abschlussarbeit in Anthropologie. Doch Vorsicht, hätten sie bloß Herbert Prohaska dabei gehabt: Seine Warnung „Da san a poa Hurnkinda dabei“ wäre wohl nicht ungehört verhallt. Aber gut, der Mensch lernt durch Erfahrungen. Das einzige Problem: Diese Erfahrungen müssen erst mal überlebt werden, damit man von ihnen lernen kann. Ari Aster hat ein richtig stimmungsvolles und gleichzeitig abgründiges Horrordrama vorgelegt, das eingefleischte Horroraficionados ob des Mangels an Schreckmomenten wohl eher enttäuschen wird. Vielmehr schleicht sich das Grauen auf leisen Füßen ein. Es ist genau dieser Kontrast zwischen den in der Mittagssonne grell ausgeleuchteten Szenen und der rätselhaften Handlung, die die Stimmung immer bedrückender macht. „Midsommar“ ist kein Horrorfilm im klassischen Sinne, eher ein langsamer, aber unentrinnbarer Strudel ins Herz des Mystischen und der Folklore. In Schweden wird der Film angeblich als schwarze Komödie gefeiert. So kann man es auch sehen. Jedenfalls ist „Midsommar“ ein starker Film, der sich alle Zeit nimmt, die er für seine Geschichte braucht, doch die Zeit ist gut investiert, denn viele Bilder und Szenen lassen einen lange nicht mehr los.


8,0 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Gabor Kotschy – © A24, Quelle http://www.imdb.com)

Opfer der Unterwelt (1949)

Regie: Rudolph Maté
Original-Titel: D.O.A.
Erscheinungsjahr: 1949
Genre: Thriller, Drama, Krimi
IMDB-Link: D.O.A.


Die Abkürzung D.O.A., so auch der englische Titel des Film Noirs von Rudolph Maté mit Edmond O’Brien in der Hauptrolle, steht unter anderem für „Dead on Arrival“. Und das passt, denn als der Buchhalter und Notar Frank Bigelow in einer denkwürdigen Auftaktszene ins Polizeiquartier stolpert, um einen Mord anzuzeigen, überrascht er alle, als er sich als den Ermordeten nennt. In seinem Körper ist ein hochgradig wirksames Gift, gegen das es kein Gegenmittel gibt. Eingefangen hat er sich dieses ungute Zeug während eines Kurzurlaubs in San Francisco. Da soll einer noch mal sagen: Wenn einer eine Reise tut, kann er was erleben. Dass er tödlich vergiftet wurde, ist ihm rasch klar, doch aus welchen Gründen, das nicht. Und so macht er sich in der geringen Zeit, die ihm noch verbleibt, auf die Suche nach seinen Mördern. In seiner Grundprämisse ähnelt „Opfer der Unterwelt“ dem 2021 erschienenen Netflix-Actionblockbuster Kate. Doch damit enden die Ähnlichkeiten auch schon. Denn auch wenn „Opfer der Unterwelt“ mit einigen guten Actionszenen aufwarten kann, so ist der Held der Geschichte ein ganz normaler, ja sogar ziemlich unscheinbarer Typ, der nicht auf Rache aus ist, sondern schlicht und ergreifend verstehen will, warum ihm so etwas Schreckliches widerfährt. Der Film bezieht seine Spannung aus dem Wettlauf gegen die Zeit. Nach und nach wird ein dichtes Netz an halbseidenen Figuren und kriminellen Machenschaften sichtbar, in das sich Bigelow eher zufällig verfangen hat. „Opfer der Unterwelt“ ist ein gelungener Genrebeitrag zum Film Noir, der auch heute noch spannend anzusehen ist.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Macbeth (2021)

Regie: Joel Coen
Original-Titel: The Tragedy of Macbeth
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama
IMDB-Link: The Tragedy of Macbeth


Joel Coen fühlt sich ohne seinen kongenialen Bruder Ethan wohl einsam. Anders ist kaum zu erklären, wie der Regisseur, dessen Filme für gewöhnlich von lakonischem Humor durchzogen sind, plötzlich einen auf depressiven Emo macht. Wobei – vielleicht gibt es ja doch einen alternativen Erklärungsansatz. Nämlich jenen, dass William Shakespeares „Macbeth“ einfach per se ein verdammt tragisches und depressives Stück ist und Joel Coen einfach nur ein Meisterregisseur, der es versteht, diese Stimmung aufzugreifen und auf die Leinwand zu bringen. Ihm zur Seite steht dabei ein hervorragender Cast, angeführt von Denzel Washington, dessen Oscarnominierung schon als fix gilt, und der in einem Coen-Film obligatorischen Frances McDormand, die, ebenfalls obligatorisch, großartig aufspielt, sich aber mit weniger Screentime begnügen muss als Washington in der Titelrolle. Shakespeare auf der großen Leinwand zu rezitieren – das muss der feuchte Traum eines jeden ambitionierten Darstellers bzw. einer jeden ambitionierten Darstellerin sein. Die Originaltexte auf Film zu bannen, ist allerdings ein riskantes Unterfangen, denn was fürs Theater passt, passt nicht unbedingt auch fürs Kino. Dessen ist sich Joel Coen bewusst – also verschmelzt er einfach die beiden Formen. Die Kulissen sind spärlich und wirken wie ein Zwischending aus Theaterbühne und realer Welt, die Geschichte ist in weißen Nebel gehüllt, der den Hintergrund verschluckt und die Protagonist:innen und ihre aus schwerer Brust deklamierten Worte in den Mittelpunkt rückt, und die Musik simpel und bedrohlich gehalten und spärlich eingesetzt. Auch das Format von 1,19:1 bildet einen die Szenerie verfremdenden Rahmen, in dem sich das Auge stark auf die handelnden Personen fokussiert. Natürlich fordert das Artifizielle des Theaters seine Opfer. Man muss schon sehr konzentriert bei der Sache bleiben, sonst verliert man den Faden. Auch schlägt sich die düstere Stimmung aufs Gemüt. Aber diese Reise in den Wahnsinn ist perfekt umgesetzt und exzellent gespielt. Da gibt’s nicht viel zu meckern.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: © Photo by Alison Cohen Rosa, Quelle http://www.imdb.com)

Liebe in der Stadt (1953)

Regie: Michelangelo Antonioni, Federico Fellini, Alberto Lattuada, Carlo Lizzani, Francesco Maselli, Dino Risi und Cesare Zavattini
Original-Titel: L’amore in città
Erscheinungsjahr: 1953
Genre: Episodenfilm, Drama
IMDB-Link: L’amore in città


Anfang der 50er taten sich einige renommierte italienische Regisseure, darunter Michelangelo Antonioni und Federico Fellini, zusammen, um in einem dokumentarisch angehauchten Episodenfilm mit Laiendarsteller:innen jene Aspekte der Liebe zu zeigen, die im klassischen Kino zu kurz kommen. Da gibt es die käufliche Liebe wie im ersten Teil des Films, der einige Prostituierte interviewt zu ihren Lebensumständen. Da gibt es die dramatisch gescheiterte Liebe, die bis zum Suizid führen kann, was Antonioni im zweiten Film dokumentarisch aufarbeitet. Dann die flüchtige, spaßige Liebe, die junge Menschen fühlen, wenn sie tanzen. Die arrangierte Liebe, die im besten Kurzfilm der Reihe, gedreht von Federico Fellini, dargestellt wird durch einen Journalisten, der eine Reportage über eine Heiratsvermittlungsagentur schreiben möchte und sich für die Recherche in eben diese begibt und schließlich auch ein Mädchen kennenlernt, das keinen anderen Ausweg für sich findet, als zu heiraten und sich vom Mann aushalten zu lassen. Weiters gibt es die Liebe einer mittellosen Mutter geht, die für das Wohl ihres Sohnes bis zum Äußersten geht. Und schließlich wird die verführerische Liebe gezeigt, wenn auf der Straße Herren (zumeist ältere) den gut gekleideten und frisierten Damen hinterherschauen und -pfeifen. Nicht jede Episode zündet, doch im Gesamten ergeben sie ein interessantes Panoptikum ihrer Zeit und Moralvorstellung. Für die damalige Zeit war es schon eine Hausnummer, Sexarbeiterinnen mit Empathie und Verständnis zu begegnen, oder die Nöte der einfachen und oft mittellosen Frauen in den Fokus zu rücken. Überhaupt ist der Film stark auf Frauen am Rande der Gesellschaft fokussiert und allein daher schon sehenswert. Den einen oder anderen Leerlauf kann man dafür in Kauf nehmen.


6,5 Kürbisse

Glen or Glenda (1953)

Regie: Ed Wood
Original-Titel: Glen or Glenda
Erscheinungsjahr: 1953
Genre: Drama
IMDB-Link: Glen or Glenda


Ed Wood, der sich mit Tommy Wiseau um den Titel „Schlechtester Regisseur aller Zeiten“ streitet, hat immerhin cojones bewiesen (pun intended), als er 1953 das halb-dokumentarische Drama „Glen or Glenda“ über einen Transvestiten und seinen Beziehungsproblemen vorgelegt hat. Das Projekt war eine Herzensangelegenheit von Wood, der sich selbst gern in Schale, sprich: in Frauenkleider geschmissen hat. Und für einen Film aus den 50ern ist das Werk durchaus als mutig zu bezeichnen. Leider (oder zum Glück: je nach cineastischen Präferenzen) ist Ed Wood aber Ed Wood, und so wurde aus „Glen or Glenda“ ein stellenweise zum Schreien komisches Durcheinander mit einem komplett unnötigen Bela Lugosi, der in wüsten Schnittmontagen auf fahrende Autos hinunterblickt und bedeutungsschwere Texte rezitiert, die wirklich überhaupt nichts mit der Handlung zu tun haben. Als wäre das Ganze nicht schon schlimm genug, entschloss sich der Produzent des Streifens aufgrund der kurzen Laufzeit, die Ed Wood vorgelegt hatte, einfach mal willkürlich Softporno-Szenen hineinzuschneiden und die Reaktionen von Lugosi und Wood auf diese Szenen zu zeigen. Das alles kann man nicht anders als surreal bezeichnen – kein Wunder, dass sich David Lynch vom Film begeistert zeigte. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: „Glen or Glenda“ ist ein wirklich schlechter Film. Aber durch diese surrealen Elemente weist er dennoch einen gewissen Unterhaltungswert auf, wenn man sich darauf einlassen möchte. Und damit ist der Film fast sehenswerter als andere cineastische Unfälle des Regisseurs wie Plan 9 From Outer Space oder Bride of the Monster.


3,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)