Eliza Hittman

Niemals Selten Manchmal Immer (2020)

Regie: Eliza Hittman
Original-Titel: Never Rarely Sometimes Always
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama
IMDB-Link: Never Rarely Sometimes Always


Eliza Hittman ist mir schon mit Beach Rats sehr positiv aufgefallen. In „Never Rarely Sometimes Always“ richtet sie ihren Blick einmal mehr auf die Verwirrungen und Unwägbarkeiten der Adoleszenz. Diese fragile Kippe zwischen Jugend und dem Ernst des Erwachsenenlebens wird traditionell gern beleuchtet, und es gab dazu schon unzählige Filme – gute wie schlechte. Was Eliza Hittman allerdings herausstechen lässt, ist ihre neutrale Sicht. Die urteilt nicht, sie kommentiert nicht, sie lässt die Figuren für sich selbst sprechen und handeln, und gerade dadurch werden sie und ihre Probleme so greifbar und real. Hittman erzählt von der 17jährigen Autumn (Sidney Flanigan mit einer Leistung, die ihren Namen mit Sicherheit in die Notizbücher der großen Casting Agents bringt). Ihr familiäres Umfeld ist schwierig, ohne aber dramatisch zu sein. Jedenfalls ist es nicht das geeignete Umfeld, um eine ungewollte Teenager-Schwangerschaft aufs Parkett zu bringen. Anvertrauen kann sie sich eigentlich nur ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder). Die begleitet sie auf einem schwierigen Weg, denn für Autumn ist klar: Sie möchte das Kind nicht haben. Und auch klar ist: In Pennsylvania, ihrem Heimatstaat, ist eine Abtreibung bei einer Minderjährigen nur mit Zustimmung der Eltern möglich. Und so befinden sich die beiden Mädchen schon bald auf einer Odyssee, die sie direkt ins Erwachsensein segeln lässt. „Never Rarely Sometimes Always“ ist ein in allen belangen konsequenter und wahrhaftiger Film. Eine einfühlsame Regiearbeit mit dem Blick für das Wesentliche und Reduzierte, das gerade durch diese klare Fokussierung emotionale Kraft entfaltet. Bei der titelgebenden Sequenz musste nicht nur ich schlucken – und das nicht, weil Hittman hier emotionale Knöpfchen drückt und manipulativ triggert. Im Gegenteil. Die Szene ist einfach so ehrlich und konzentriert, dass sie unter die Haut geht und dort bleibt. Mit ihrem Film wirft Eliza Hittman Fragen auf, die man nicht einfach beantworten kann und die sie selbst auch nicht beantworten möchte. Aber diese Fragen werden sensibel und vorurteilsfrei gestellt und ermöglichen einen Diskurs. Ein großartiger Film! Und ich bin hiermit offiziell Eliza Hittman-Fan!


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Beach Rats (2017)

Regie: Eliza Hittman
Original-Titel: Beach Rats
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Beach Rats


Als Heranwachsender hat man es nicht einfach. Das war schon immer so, das ist überall so. Wenn allerdings auf dem Weg ins Erwachsenenleben weitere Stolpersteine auftauchen wie ein schwer kranker und dahinsiechender Vater, eine prekäre finanzielle Haushaltssituation und das Entdecken der eigenen homosexuellen Neigungen, während im Freundeskreis selbst eine latente Homophobie vorherrscht, wird die Sache so richtig kompliziert. Diese Erfahrung muss Frankie (wunderbar zurückhaltend gespielt von Harris Dickinson) machen. Und dann wirft auch noch die hübsche Simone (Madeline Weinstein) ein Auge auf den Feschak. Weil eben eine gewisse Erwartungshaltung seitens des Freundeskreises und der Mutter zu spüren ist, lässt sich Frankie auf eine Beziehung ein. Doch auch wenn er Simone mag, er mag eben den Videochat mit älteren schwulen Männern mehr. Dass das zu Komplikationen führt, oft auch in Verbindung mit exzessivem Drogenkonsum, ist dann keine sonderliche Überraschung. Was allerdings schon eine positive Überraschung ist: Dass der Film trotz der Schwere des Themas und der schwierigen Verhältnisse des sozialen Milieus, die er zeigt, nie zu einer Nabelschau wird. Vielmehr erzählt Eliza Hittman in ihrem Spielfilmdebüt sehr einfühlsam und trotzdem mit einer gewissen wertfreien Distanz von diesen Schwierigkeiten. Man spürt: Sie nimmt ihre Protagonisten ernst. Und sie verzichtet auf den erhobenen moralischen Zeigefinger. In „Beach Rats“ versucht einfach nur ein 17jähriger, mit den Anforderungen, die das Leben an ihn stellt, zurecht zu kommen. Das gelingt ihm mal mehr, mal weniger. Eine Entwicklung ist aber zu spüren. Und das macht „Beach Rats“ zu einem wirklich sehenswerten Film, den man aktuell auf Netflix sichten kann.


7,5
von 10 Kürbissen