Experimentalfilm

Aus dem Osten (1993)

Regie: Chantal Akerman
Original-Titel: D’Est
Erscheinungsjahr: 1993
Genre: Dokumentation, Experimentalfilm
IMDB-Link: D’Est


Anfang der 90er fährt Chantal Akerman nach Russland, um Leute anzuschauen. Und das ist dann auch schon der ganze Film. Seitwärts patrouilliert die Kamera Straßen entlang, um Menschen, die (zumeist mit ausdruckslosem Gesicht) herumstehen, abzufilmen. Kaum jemand spricht, kaum jemand geht – es wirkt so, als hätte Akerman in Moskau die frühe Version von Flashmobs gefunden, zu denen sich an beliebigen Orten im Winter Leute zusammenfinden, um pelzmützenbewehrt auf etwas zu warten, was dann doch nicht kommt. Das Ganze ist ja für eine Weile recht lustig anzusehen, und man beginnt darüber zu sinnieren, dass irgendeine Firma in Russland wohl den großen Reibach mit Pelzmützen gemacht hat, denn die sehen tatsächlich alle gleich aus. Aber dann wandern die Gedanken langsam ab, von Pelzmützen zu Einkaufslisten, zu der Freundin, die zuhause in Wien sitzt, während man selbst in Locarno auf Pelzmützen im Moskauer Winter starrt, zu der Frage, ob man sich zu Abend eine Pizza gönnen soll oder lieber nicht, um irgendwann doch wieder zum Film zurückzukehren – nämlich der spannenden Frage, ob die Damen und Herren, die da abgefilmt wurden, ihre eigenen Pelzmützen mitgebracht haben oder ob die von der Produktionsfirma gestellt wurden – quasi der Obolus für das Mitwirken am Film. Ein paar Reihen weiter hinten schnarcht ein Zuseher friedlich vor sich hin, wer noch die Kraft hat, hievt sich aus dem Sessel und schleppt sich aus dem Saal, und nein, ich hatte zu Abend keine Pizza mehr, sondern eine Minestrone und danach ein Glas Montepulciano d’Abbruzzo. Und im Gegensatz zum Film war dieser vorzüglich.


2,0
von 10 Kürbissen

Die Muschel und der Kleriker (1928)

Regie: Germaine Dulac
Original-Titel: La cocquille et le clergyman
Erscheinungsjahr: 1928
Genre: Kurzfilm, Experimentalfilm
IMDB-Link: La cocquille et le clergyman


Wenn man sich für Filme interessiert, stößt man irgendwann einmal unweigerlich auf das Werk „Ein andalusischer Hund“ von Luis Buñuel und Salvador Dalí – das frühe Meisterwerk des surrealistischen Films schlechthin (und ein Film, der immer noch auf meiner Watch-List steht). Was aber kaum jemand weiß: Dieses Werk steht nicht am Beginn des Surrealismus im Film. Denn Germaine Dulac war mit ihrem „Die Muschel und der Kleriker“ noch ein Jahr früher dran. Darin thematisiert sie die nur allzu menschlichen Gelüste eines Pfarrers und dessen Versuchungen, dargestellt durch die Frau eines Generals. Der Film lebt allein von seiner Stimmung. Und wie auch in anderen Werken beweist Dulac ihr tiefgreifendes Verständnis des Handwerks. Sie gilt zurecht als Filmpionierin, und ihre Art und Weise, bewegte Bilder überraschend einzusetzen und damit Atmosphäre zu kreieren, kann auch heute noch als Vorbild dienen. Ich kann nicht genau benennen, woran es genau liegt, aber ihre Bilder wirken auch 90 Jahre nach ihrer Entstehung frisch und modern. Vielleicht liegt es am geschickten Einsatz von Licht und Schatten, vielleicht an ungewöhnlichen Perspektiven, vielleicht am Rhythmus, in dem auch Zeitlupen-Einstellungen organisch eingebaut werden – wahrscheinlich ist es einfach das Zusammenspiel all dieser Techniken, die ihre Filme so zeitlos machen. Und auch wenn es teilweise anstrengend ist, den surrealistischen Bildern zu folgen, ist „Die Muschel und der Kleriker“ in jedem Augenblick ein faszinierendes Werk.

 


8,0
von 10 Kürbissen

Meshes of the Afternoon (1943)

Regie: Maya Deren und Alexander Hammid
Original-Titel: Meshes of the Afternoon
Erscheinungsjahr: 1943
Genre: Kurzfilm, Experimentalfilm
IMDB-Link: Meshes of the Afternoon


Unter den „1001 Filmen, die Sie sehen sollten, bevor das Leben vorbei ist“ befindet sich auch der avantgardistische Kurzfilm „Meshes in the Afternoon“ von Maya Deren und Alexander Hammid. Darin beschäftigt sich das Ehepaar Deren/Hammid mit Depressionen und Träumen aus der Perspektive einer Frau. Interessant sind vor allem die stilistischen und handwerklichen Mittel, die zum Einsatz kommen: Doppelungen und Spiegelungen, Zeitlupen, sehr subjektive Kameraperspektiven, Stop-Motion – hier wird alles aufgefahren, was filmtechnisch in der damaligen Zeit möglich war. Allein das schon macht „Meshes of the Afternoon“ zu einem sehenswerten und filmhistorisch interessanten Stück. Tatsächlich ist es aber die rätselhafte und verschachtelte Handlung als Sinnbild für Depression und Melancholie, die dem Film auch heutzutage Relevanz verleiht. Der Film lädt dazu ein, sich bei einem Glas Wein in einem verrauchten Kaffeehaus mit Freunden heftigste Diskurse über mögliche Interpretationen zu liefern. Ich weiß. „I feel so bohemian like you …“ Ich möchte mit meiner Filmbesprechung und der Einladung zum gemeinsamen Philosophieren wirklich nicht die nächste Generation an Hipstern heranzüchten. Aber Rotwein (beispielsweise ein Gläschen Monastrell „Finca Bacara Time Waits for No One Red Skull 2017“) passt tatsächlich hervorragend zu diesem gut gealterten cineastischen Meilenstein. In diesem Sinne: Prost!


7,5
von 10 Kürbissen

Das melancholische Mädchen (2019)

Regie: Susanne Heinrich
Original-Titel: Das melancholische Mädchen
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Experimentalfilm, Komödie, Episodenfilm
IMDB-Link: Das melancholische Mädchen


Es gibt Dinge, die einfach nicht zusammenpassen. Vegetarier und Schlachthäuser zum Beispiel. Oder Marillenlikör und Schweinsbraten. FPÖ-Politiker und die Menschenrechtskonvention. Mario Barth und Humor. Wiener und Tiroler. Und: Der Filmkürbis und nach Brecht’schen Stilmitteln verfremdete Essayfilme. Das musste ich bereits mit den Filmen von Helma Sanders-Brahms feststellen, die im Übrigen in Susanne Heinrichs Spielfilmdebüt „Das melancholische Mädchen“ auch erwähnt wird. Darin stolpert ein junges, melancholisches Mädchen (Marie Rathscheck mit wirklich wunderbar traurigen Augen) durch verschiedene Episoden, die allesamt vereint, dass das Mädchen auf der Suche nach einem Bett für eine Nacht ist und dabei mit ihren männlichen Gesprächs- (und teilweise) Bett-Gefährten kritische Gedanken über Feminismus und Neoliberalismus austauscht. Bekannte Sätze wie „Der Körper einer Frau ist ein Kriegsgebiet“ fallen. Vorgetragen wird alles stark verfremdet, ausdruckslos und abgehakt. Susanne Heinrich war es wichtig, wie sie im anschließenden (sehr interessanten) Q&A beschrieb, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler auf alles vergessen sollten, was man üblicherweise an Schauspielschulen so lernt. Sie sollten jede Verbindung zu ihren Figuren kappen und stattdessen die Sätze nach Brecht’schem Vorbild rezitieren. So weit, so gut. Ich mag es ja prinzipiell, wenn man beim Film die klare Sprache und Intention der Regisseurin erkennt. Nur mag ich abstrakte Brecht’sche Deklamation von intellektuellen Problemstellungen, die damit „in your face“ geschmissen werden und sich auf diese Weise dem Publikum gegenüber erhöhen, noch weniger als ich eine klare, identifizierbare Filmsprache mag. Das ist nun blöd für den Film und die Bewertung. Aber ehrlich. Für alle Helma Sanders-Brahms-Fans wird dieser Film ein Genuss sein, da kann ich auf jeden Fall eine Empfehlung aussprechen. Wer aber Wert auf konventionelles Storytelling legt (was Susanne Heinrich für sich und ihre Filme ablehnt – was ja auch wiederum voll okay ist) und wer gelegentlich bei einer Komödie auch mal lachen möchte, sitzt hier im falschen Film.


2,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Die Kinder der Toten (2018)

Regie: Kelly Copper und Pavol Liska
Original-Titel: Die Kinder der Toten
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Satire, Horror, Experimentalfilm, Fantasy, Heimatfilm
IMDB-Link: Die Kinder der Toten


Es ist schon ein paar Donnerstage her, dass ich Elfriede Jelineks Roman „Die Kinder der Toten“ gelesen habe. Woran ich mich noch erinnere: Dass mir das Buch außerordentlich gut gefallen hat, so sperrig es auch war. Woran ich mich nicht mehr erinnere: Den allergrößten Teil des Inhalts. Insofern erspare ich mir an dieser Stelle die Einschätzung, ob die filmische Adaption nah dran ist an der Buchvorlage. Ein paar augenfällige Freiheiten hat sich das Regieduo Kelly Copper und Pavol Liska schon genommen, wenn beispielsweise eine Gruppe syrischer Poeten vor dem Kirchenportal verhungert. Und damit wären wir auch schon mitten drin in der Besprechung von „Die Kinder der Toten“. Denn Subtilität gehört nicht zu den Stärken dieser Heimatgroteske. Dafür hat der Film ganz andere Stärken. Jene der Überzeichnung beispielsweise. Gefilmt auf körnigem Super 8 als Farb-Stummfilm mit völlig überzogener Geräuschkulisse (ich ziehe meinen Hut vor den Foley Artists und Sounddesignern, die einen grandiosen Job hingelegt haben) erzählt der Film, wie nach einem Autounfall die Heldin Karin (Andrea Maier) durch die Wälder rund um ein steirisches Dorf irrt, halb im Diesseits, halb im Jenseits. Währenddessen geht man im Dorf den üblichen Beschäftigungen nach: Saufen, fressen, schmusen. Irgendwann stolpert Karin in eine cineastische Séance, in der in einer Filmvorführung Bilder von Verstorbenen gezeigt und betrauert werden. Die Veranstalterin bittet Karin, die Zugang zu beiden Welten hat, ihren geliebten Mann zurückzubringen, der sich selbst das Leben genommen hat. Damit öffnet Karin aber das Tor zur Unterwelt, und schon marschieren sie in einer fröhlichen Parade auf, die Untoten, und bald schon tanzen Nazis mit Juden beschwingt im Dorfgasthaus, vögeln die Lebenden mit ihren verblichenen Geliebten auf dem Tisch und kochen verhungerte Syrer in der Küche Halal-Gerichte. Subtil ist das nicht, aber dieser bissig-zynische Kommentar auf die Nazis, die wir noch immer im Keller haben, und die typisch österreichische Ignoranz macht einen Riesenspaß – sofern man einen Zugang zu diesem derben Humor findet und sich an der filmischen Umsetzung der Ideen mit (sichtbar) geringsten Mitteln anfreunden kann. Ich konnte es. Insgesamt aber mit Sicherheit ein Film, der polarisiert. Ob man eineinhalb Stunden fröhlich vor sich hin gluckst oder so intensiv den Kopf schüttelt, dass man ein Schleudertrauma davon trägt, liegt in diesem Fall ganz klar am eigenen Humorempfinden. Insofern eine Empfehlung mit Vorwarnung. Nur eines kann ich sagen: Nazis werden mit dem Film fix keine Freude haben.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Ulrich Seidl Filmproduktion)

Mein Herz – Niemandem! (1997)

Regie: Helma Sanders-Brahms
Original-Titel: Mein Herz – Niemandem!
Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Drama, Biopic, Experimentalfilm
IMDB-Link: Mein Herz – Niemandem!


Mit Unter dem Pflaster ist der Strand war mein Erstkontakt mit der Filmemacherin Helma Sanders-Brahms ein durchaus interessanter und erfreulicher. So war ich durchaus gespannt auf ihre Verfilmung der Liebelei zwischen den deutschen Dichtergrößen Else Lasker-Schüler (Lena Stolze) und Gottfried Benn (Cornelius Obonya). Wie für Helma Sanders-Brahms üblich wird die Geschichte halb dokumentarisch, halb inszeniert erzählt. Historische Fotos werden in die Handlung hineingeschnitten und aus dem Off kommentiert. Dazu kommt eine reduzierte, spartanische Inszenierung mit Schauspielern vor Kulissen, die an Schülertheater erinnern. Kann ja funktionieren, so ein minimalistischer Ansatz, tut er hier aber nicht. Denn das historische Setting, das verzweifelt mit geringsten Mitteln heraufbeschworen wird, will sich einfach nicht einstellen und unterläuft damit die Glaubwürdigkeit der Figuren. Dazu kommt erschwerend, dass diese Figuren einfach schnarchlangweilig sind und im schlimmsten Fall ohne Qualitätsverlust durch Pappfiguren ersetzt werden könnten (gilt für alle Nebenfiguren). Am interessantesten ist noch Lena Stolzes Else Lasker-Schüler, aber auch sie bleibt austauschbar und motivationslos. Gottfried Benn ist einfach nur ein Unsympathler, dem man die Genialität zu keinem Zeitpunkt abnimmt. Und irgendwie ist es wirklich völlig wurscht, was die Figuren sagen, denn keine der Dialogzeilen hilft dabei, die Figuren besser zu verstehen – selbst wenn es sich um historische Zitate handelt. So werden Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn wie Spielfiguren in einem Spiel verschoben, dessen Regeln niemand kennt und niemand versteht. Helma Sanders-Brahms vielleicht, das wage ich ja schon zu hoffen, aber leider hat sie vergessen, dem Film eine Spielanleitung beizulegen. Daher eine 1-Stern-Rezension bei Amazon: „Produkt leider mangelhaft, wird wieder retourniert.“


2,5
von 10 Kürbissen

Drift (2017)

Regie: Helena Wittmann
Original-Titel: Drift
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Experimentalfilm
IMDB-Link: Drift


Es ist an der Zeit, meine Leserschaft mit Jacques (Name von der Redaktion geändert) bekannt zu machen. Jacques ist ein kunstsinniger Filmliebhaber und in der Wiener Film- und Kinoszene gut vernetzt. Er ist höflich, zurückhaltend, voller Liebe und Respekt für Filme – und ich weiß, dass zwei harte Stunden auf mich zukommen, wenn ich etwas anschaue, was ihm gefällt. Unsere Filmgeschmäcker dürften zwei entgegengesetzte Pole sein. Und so schwante mir Übles, als ich ihn gestern mit erwartungsvollem Blick im Saal des Urania-Kinos antraf zur Vorstellung von Helena Wittmanns Essay-Film „Drift“. Darin geht es um zwei junge Frauen in Hamburg, die voneinander Abschied nehmen, da die eine zurück geht in ihre Heimat Argentinien, und die andere zu einer Reise nach Papua-Neuguinea und über den Ozean zurück antritt. Kernstück des Films, der fast ohne Dialog auskommt, ist eine halbstündige Sequenz, in der in langen Einstellungen nur die Wellen des Ozeans zu sehen sind. So gesehen ist „Drift“ ein sehr publikumsfreundlicher Film: Man kann zwischendurch jedenfalls aufs Klo gehen, ohne etwas zu verpassen, selbst wenn die Sitzung mal länger dauern sollte. Oder man notiert sich gedanklich Einkaufslisten für den nächsten Tag. Man kann natürlich auch den Steuerausgleich machen. Oder man träumt sich an einen hübschen Strand (die Bilder der Wellen helfen beim Imaginieren) mit der heimlichen (oder unheimlichen) Flamme. Alles (inklusive Stuhlgang) ist spannender als das, was auf der Leinwand geschieht. Dennoch entwickelt überraschenderweise genau diese halbstündige Sequenz so etwas wie eine meditative Atmosphäre, in der man sich gut verlieren kann – und die damit dem Film eine sinnliche Komponente hinzufügt, die man tatsächlich so im Kino noch nicht oder nur selten wahrgenommen hat. Dafür wäre ich ja fast geneigt, eine höhere Bewertung zu vergeben – aber dann erinnere ich mich wieder an minutenlange Einstellungen von schlafenden Menschen, und der Kürbisbarometer geht wieder nach unten. Jacques hingegen dürfte der Film gefallen haben.


2,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)