Experimentalfilm

Drift (2017)

Regie: Helena Wittmann
Original-Titel: Drift
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Experimentalfilm
IMDB-Link: Drift


Es ist an der Zeit, meine Leserschaft mit Jacques (Name von der Redaktion geändert) bekannt zu machen. Jacques ist ein kunstsinniger Filmliebhaber und in der Wiener Film- und Kinoszene gut vernetzt. Er ist höflich, zurückhaltend, voller Liebe und Respekt für Filme – und ich weiß, dass zwei harte Stunden auf mich zukommen, wenn ich etwas anschaue, was ihm gefällt. Unsere Filmgeschmäcker dürften zwei entgegengesetzte Pole sein. Und so schwante mir Übles, als ich ihn gestern mit erwartungsvollem Blick im Saal des Urania-Kinos antraf zur Vorstellung von Helena Wittmanns Essay-Film „Drift“. Darin geht es um zwei junge Frauen in Hamburg, die voneinander Abschied nehmen, da die eine zurück geht in ihre Heimat Argentinien, und die andere zu einer Reise nach Papua-Neuguinea und über den Ozean zurück antritt. Kernstück des Films, der fast ohne Dialog auskommt, ist eine halbstündige Sequenz, in der in langen Einstellungen nur die Wellen des Ozeans zu sehen sind. So gesehen ist „Drift“ ein sehr publikumsfreundlicher Film: Man kann zwischendurch jedenfalls aufs Klo gehen, ohne etwas zu verpassen, selbst wenn die Sitzung mal länger dauern sollte. Oder man notiert sich gedanklich Einkaufslisten für den nächsten Tag. Man kann natürlich auch den Steuerausgleich machen. Oder man träumt sich an einen hübschen Strand (die Bilder der Wellen helfen beim Imaginieren) mit der heimlichen (oder unheimlichen) Flamme. Alles (inklusive Stuhlgang) ist spannender als das, was auf der Leinwand geschieht. Dennoch entwickelt überraschenderweise genau diese halbstündige Sequenz so etwas wie eine meditative Atmosphäre, in der man sich gut verlieren kann – und die damit dem Film eine sinnliche Komponente hinzufügt, die man tatsächlich so im Kino noch nicht oder nur selten wahrgenommen hat. Dafür wäre ich ja fast geneigt, eine höhere Bewertung zu vergeben – aber dann erinnere ich mich wieder an minutenlange Einstellungen von schlafenden Menschen, und der Kürbisbarometer geht wieder nach unten. Jacques hingegen dürfte der Film gefallen haben.


2,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Flaming Creatures (1963)

Regie: Jack Smith
Original-Titel: Flaming Creatures
Erscheinungsjahr: 1963
Genre: Experimentalfilm, Kurzfilm
IMDB-Link: Flaming Creatures


Ich muss zugeben: Für diese Art von avantgardistischem Experimentalfilm fehlen mir die Antennen. Godards „Adieu au Langage“ verursachte bei mir Kopfschmerzen, und Jack Smiths „Flaming Creatures“ hinterlässt mich zumindest ratlos und genervt. Aber gut, wenn ich das Ding schon gesehen habe, kann ich auch darüber schreiben. Zunächst einmal muss man das Werk zeitlich einordnen. 1963. Die sexuelle Revolution ist noch ein Stück weit entfernt, aber die Libido macht natürlich, was sie will, ohne sich an Zeitpläne zu halten. Insofern ist „Flaming Creatures“ immerhin ein sehr gewagtes Experiment – kein Wunder, dass er bei seinem Erscheinen einen großen Aufschrei verursachte und sich sogar die Gerichte damit beschäftigten. Gezeigt wird nämlich explizit ein fröhliches Mit- und Durcheinander von eigenartigen Kreaturen, Frauen und Transvestiten. Auch eine seltsame mehrminütige Vergewaltigungsszene hat Smith im Repertoire. Eines kann der Film unbestritten: Aufmerksamkeit erregen. Und wenn er nur eine zehnminütige Sequenz geblieben wäre, dann hätte ich das als interessante Erfahrung ablegen können (ohne darüber in Begeisterungsstürme zu verfallen – das überlasse ich lieber Susan Sontag, die ein großer Fan des Films ist). Aber wenn sich diese wahllos aneinandergereihten Tanz- und Vögel-Sequenzen, unterbrochen durch wackelige Großaufnahmen beliebiger Körperteile, über 40 Minuten lang hinziehen, läuft irgendwann jeder Kürbis orangen an und entwickelt ausgefeilte Fluchtpläne. Es wird eine Menge Leute da draußen geben, die den Film richtig feiern können, denn er ist originell und schreit geradezu danach, Kunst zu sein, aber für mich ist das nichts, außer ich möchte mich mal wieder in Zen-mäßiger Gleichmütigkeit üben. Wer sich dennoch dafür interessiert, kann sich den kompletten Film auf Youtube ansehen.


2,0
von 10 Kürbissen

Manifesto (2017)

Regie: Julian Rosefeldt
Original-Titel: Manifesto
Erscheinungsjahr: 2015/2017
Genre: Episodenfilm, Experimentalfilm
IMDB-Link: Manifesto


Gleich vorweg: „Manifesto“ ist ein sperriges Ding. Hochgradig interessant – allein schon durch die Beteiligung der faszinierend wandelbaren Cate Blanchett – aber eben nichts, was man mal eben im Vorbeigehen konsumiert. Denn „Manifesto“ vom deutschen Filmkünstler Julian Rosefeldt basiert auf seiner gleichnamigen Videoinstallation aus dem Jahr 2015 und macht nichts Anderes, als Cate Blanchett in gleich zwölf unterschiedlichen Rollen (ob als Punkerin, als trauernde Witwe, Obdachloser, konservative Mutter, Nachrichtensprecherin etc.) Manifeste zu diversen Kunstströmungen rezitieren zu lassen. Mit dabei: Auszüge aus dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels, aus Dogma 95 von Thomas Vinterberg und Lars von Trier, Texte zu Futurismus, Dadaismus, Performance-Kunst usw. Das ist natürlich alles sehr anstrengend zu beobachten, vor allem, wenn die Bild-Text-Schere ein Stück weit aufgeht und hochkomplexe Gedanken in einem dafür unpassenden Setting wiedergegeben werden, zum Beispiel eben als Traueransprache oder über einen Lautsprecher in einer Fabrikhalle. Gerade diese Brechung zwischen Text und Bild ist allerdings jener Faktor, der den Film einerseits faszinierend und anders macht, andererseits aber auch bei mir die größten Probleme aufgeworfen hat – denn nie wird ganz klar, ob Rosefeldt seine Manifeste ernst nimmt oder ironisch bricht. Die Intention hinter dem Ganzen wird – mir zumindest – nicht ganz klar. Rosefeldt selbst hat sein Projekt als „Hommage an die Schönheit von Künstlermanifesten“ genannt, doch auch diese Aussage könnte wieder mit ironischem Unterton gelesen werden in Anbetracht der verschwurbelten, teilweise auch absurden Gedanken, die in diesen Manifesten niedergeschrieben sind. Worüber allerdings kein Zweifel besteht, ist die Schönheit der Bilder. Dank sensationeller Kamerafahrten und hochinteressanter, teils futuristisch anmutender Settings prägen sich die Bilder von „Manifesto“ ein. Oft kreist die Kamera von oben wie das Auge Gottes über den Schauplätzen, überall entdeckt die Kamera Symmetrie und Ordnung, die dann wiederum gebrochen wird – durch verfallene Gebäude oder auch mal einen überraschenden Blick ins Nebenzimmer, der Unerwartetes preisgibt. Allein dafür lohnt es sich bereits, „Manifesto“ anzusehen. Allerdings sei noch einmal gewarnt: Es ist kein Film im herkömmlichen Sinne. „Manifesto“ hat keine Handlung, keine Figuren (nur Rollen), und lässt die meisten Zuseher wohl erst einmal ratlos zurück.

Dieser Film ist als Reiseetappe # 70 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen Filmverleih)