Filmreisechallenge 2018

The Blot (1921)

Regie: Lois Weber
Original-Titel: The Blot
Erscheinungsjahr: 1921
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: The Blot


Lois Weber ist unzweifelhaft eine der großen Pionierinnen des Films. 1914 drehte sie den ersten Langfilm der Geschichte, bei dem eine Frau Regie führte. Ihre Fähigkeiten waren enorm – und viele Einstellungen oder Schnitte aus „The Blot“, ihrem Film aus dem Jahr 1921, wirken heute noch frisch und originell. In „The Blot“ erzählt sie vom sozialen Gefälle, das sich auch in den Roaring Twenties durch die Gesellschaft zog – ein Thema, das auch heute nichts an Aktualität und Brisanz eingebüßt hat. Der reiche Student Phil West verliebt sich in Amelia, die Tochter seines Professors. Diese erwidert seine Avancen nicht, und bald schon stellt man fest, dass auch ihr Stolz sie zurückhält. Die ganze Familie ist nämlich arm, da die Gehälter für Universitätsprofessoren unter aller Sau sind. Auch nicht besser ergeht es dem zweiten Verehrer Amelias, einem jungen Geistlichen, mit dem sich Phil anfreundet. Auch der hat kein Geld, weshalb er beispielsweise seine Schuhe mit Gänsefett polieren muss – was Amelias Katze mit Wohlwollen zur Kenntnis nimmt. Die Lage der Familie wird immer brisanter, während nebenan die Familie eines Schuhmachers lebt, der mit seinem Handwerk zu Reichtum gekommen ist. Vor allem die Ehefrau des Schuhmachers zeigt eine große Abneigung gegen das Elend auf der anderen Seite des Gartenzauns. Nicht einmal die Abfälle gönnt sie der hungrigen Hauskatze. Eines Tages kommt es zu einem Missverständnis, als Phil West der kranken Amelie ein Huhn zur Stärkung schicken lässt, was sich die Familie sonst nicht leisten könnte, diese aber ihre Mutter dabei beobachtet, wie sie in den Garten der reichen Nachbarn schleicht, wo ein frisch gebratenes Huhn vor dem Fenster steht. Und die dramatischen Verwicklungen nehmen ihren Lauf. Was ich an „The Blot“ besonders mag: Lois Weber führt niemanden vor. Niemand ist frei von Fehlern, von Stolz und Hochmut beispielsweise, von Missgunst und Neid, aber niemand gerät zur Karikatur. Es gibt (Achtung: Wortwitz, höhö) kein Schwarz-Weiß-Denken in diesem Schwarz-Weiß-Film. Und auch das Ende ist nicht ausschließlich happy, auch wenn sich die Geschichte zum Guten wendet. Aber einer bleibt immer auf der Strecke, und der geht dann mit nachdenklichem Blick die dunkle Straße entlang. Ein wunderbar differenziertes Stück Kino, handwerklich großartig gemacht und mit einem starken Thema, das auch heute noch relevant ist.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 11 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

Unter dem Pflaster ist der Strand (1975)

Regie: Helma Sanders-Brahms
Original-Titel: Unter dem Pflaster ist der Strand
Erscheinungsjahr: 1975
Genre: Liebesfilm, Drama, Politfilm
IMDB-Link: Unter dem Pflaster ist der Strand


Es dauert eine Weile, bis man hinein findet in Helma Sanders-Brahms Debütfilm „Unter dem Pflaster ist der Strand“ (übrigens ein ziemlich genialer Titel, wie ich finde). Der Beginn wirkt dokumentarisch, Helma Sanders-Brahms erzählt aus dem Off von ihren Figuren, die erst einmal in einen kahlen Raum gestellt werden, wo sie seltsame Theaterperformances zum Besten geben müssen. Sperrig. Doch wenn dann Grischa (Grischa Huber) und Heinrich (Heinrich Giskes) beim Abschminken etwas spät dran sind und versehentlich in der Garderobe eingesperrt werden, sodass sie gemeinsam die Nacht darin verbringen müssen, nimmt der Film Fahrt auf. Nach dieser Nacht verlässt Grischa ihren Mann, und sie und Heinrich werden ein Paar. Sie ziehen zusammen. Helma Sanders-Brahms beleuchtet nun die Beziehung der beiden, die Veränderungen darin, auch vor dem politischen Hintergrund einer enttäuschten 68er-Generation, die vergeblich auf den Big Bang, die große Revolution, gewartet hat. Heinrich ist so ein enttäuschter 68er. Statt auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren oder mit Gleichgesinnten zu diskutieren, träumt er davon, ein Kind zu haben, ohne eine konkrete Vorstellung davon zu besitzen. Grischa hingegen führt den Kampf für sich und für die Emanzipation der Frauen weiter. Sie interviewt Arbeiterinnen, die von ihrem harten Leben und der Fremdbestimmung darin erzählen, von männlicher Sexualität, die die weibliche unterdrückt, und von der Schwierigkeit, selbst über die eigene Familienplanung bestimmen zu können. Über die Arbeit entfremden sich Grischa und Heinrich, und die fragile Beziehung bröckelt. Helma Sanders-Brahms hat schon einen ziemlich didaktischen Zugang zum Filmedrehen, wenn man das so sagen kann. Dennoch überzeugt das Ende auf einer emotionalen Ebene. Man muss sich zeitweise ein wenig durchkämpfen, aber der Film wird mit längerer Fortdauer besser und interessanter. Schön jedenfalls, dass ich dank der Filmreisechallenge auf diese Regisseurin gestoßen bin, die ansonsten komplett an mir vorbeigegangen wäre.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 21 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

Das wandelnde Schloss (2004)

Regie: Hayao Miyazaki
Original-Titel: Hauro no Ugoku Shiro
Erscheinungsjahr: 2004
Genre: Animation, Fantasy
IMDB-Link: Hauro no Ugoku Shiro


Kaum zu glauben, aber ich musste 36 Jahre und ein paar zerquetschte Monate alt werden, um meinen ersten Animationsfilm von Hayao Miyazaki zu sehen. Die Wahl fiel auf „Das wandelnde Schloss“, und ohne jetzt eine Einordnung vornehmen zu können, wie sich die Qualität dieses Films im Vergleich zu den anderen Miyazaki-Klassikern verhält, kann ich sagen: Es hat sich definitiv gelohnt. Kaum ein anderes Fantasy-Werk, das ich bislang gesehen habe, weist eine solche Liebe zum Detail auf, so eine überbordende Fantasie und visuelle Überzeugungskraft. Jedes Bild ist ein Meisterwerk für sich, und beim Anblick des mechanisch durch die eindrucksvolle Bergkulisse stampfenden Schlosses schlägt jedes Steampunk-Herz höher. Apropos Herz: Das ist nicht nur hinter den Kulissen der treibende Motor für diesen Film, sondern auch für die Handlung selbst. Denn Sophie, eine junge Hutmacherin, hat eben dieses an den Zauberer Hauro verloren. Die böse Hexe aus dem Niemandsland, die selbst an Hauro interessiert ist, belegt Sophie aus Eifersucht mit einem Fluch: Fortan muss sie im Körper einer alten Frau ihr Dasein fristen. Durch Zufall gelangt sie in die Dienste des angebeteten Hauro. Und schon nimmt eine fantastische, durchaus komplexe und nicht immer ganz schlüssige (aber geschenkt!) Geschichte ihren Lauf, während im Hintergrund ein schrecklicher Krieg ausbricht, der von den Protagonisten bald verlangt, Flagge zu zeigen. Wie gesagt, die Stärke des Films liegt ganz eindeutig in der fantasievollen Umsetzung. Man kommt aus dem Staunen gar nicht heraus. Die Welt, die Miyazaki hier aufbaut, ist gleichermaßen fremd wie auch vertraut. Und man möchte, wenn man sich einmal eingefunden hat, in ihr verbleiben, auch wenn man nicht alles versteht. Die kleine Schwäche des Films: Nicht immer kann man die Handlungen zu 100% nachvollziehen, vor allem die Einbettung des Krieges ist voller Andeutungen und – für mich jedenfalls – schwer in allen Details zu entschlüsseln. Auch ist das Ende selbst ein bisschen zu zuckersüß ausgefallen. Aber sei’s drum – mein erster Miyazaki hat richtig viel Freude bereitet.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 30 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

Ringo (1939)

Regie: John Ford
Original-Titel: Stagecoach
Erscheinungsjahr: 1939
Genre: Western
IMDB-Link: Stagecoach


Fahren ein Outlaw, ein Sheriff, eine anständige Dame, eine Hure, ein Glücksspieler, ein Handelsvertreter für Whiskey, ein Banker und ein permanent besoffener Arzt in einer Postkutsche. Was wie ein Witz beginnt, ist eigentlich einer der großen Western-Klassiker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit einem gut gelaunten John Wayne in der Hauptrolle. Die Story ist so simpel, das sie selbst fast als Witz durchgeht: Diese bunt zusammengewürfelte Reisetruppe möchte von A nach B, hat aber das Problem, das die Apachen unter ihrem legendären Häuptling Geronimo gerade auf Kriegspfad sind, weshalb sie weiter müssen nach C und D, ehe es dann doch zum finalen Showdown mit den grimmigen Ureinwohnern kommt. Die Gründe für die Reise sind unterschiedlich, aber alle zwingender Natur, weshalb ein Aussteigen unterdessen nicht in Frage kommt. Und am Ende, wenn die Apachen wild heulend ihre Pfeile in die Postkutsche nageln, zeigt sich, wer im Angesicht der Gefahr seine Murmeln beisammen hält und wer sich als Aufschneider entpuppt, der in einer solchen Situation nicht zu gebrauchen ist. (Überraschungsfreier) Spoiler: John Wayne als Outlaw Ringo mit großem Herz und noch größeren Eiern ist natürlich am Ende der Held des Tages. Man kann an „Ringo“ so einiges kritisieren aus heutiger Perspektive: Die eindimensionale Darstellung der Apachen, die nur als gesichtslose Antagonisten herhalten müssen. Die dünne Story. Das Happy End. Aber geschenkt. „Ringo“ ist trotz seiner mittlerweile fast 80 Lenze auf dem Buckel immer noch ein erstaunliches Stück Kinogeschichte, mitreißend erzählt und gefilmt mit zum Teil abenteuerlichen Stunts. Der Überfall der Apachen auf die Postkutsche weiß auch im Jahre 2018 noch zu überzeugen. Im Höllenritt reiten die Angreifer neben der Kutsche her, werden von den Pferden geschossen, fallen spektakulär in den Staub und zwischen die Pferdebeine – das bekommt man heute auch nicht viel sehenswerter hin. Schön ist auch, dass sich der Film Zeit nimmt für seine Charaktere und die auch interessant und vielschichtig ausgestaltet. Eigentlich ist „Ringo“ ein Kammerspiel mit Pferden mit einem fulminanten Showdown. Und zu Recht ein Meilenstein der Filmgeschichte.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 43 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

Le Mans (1971)

Regie: Lee H. Katzin
Original-Titel: Le Mans
Erscheinungsjahr: 1971
Genre: Sportfilm
IMDB-Link: Le Mans


Steve McQueen – der alte Bleifuß. Eigentlich wollte er nur ein paar Runden in Le Mans beim legendären 24-Stunden-Rennen drehen und seine bübische Freude dokumentarisch festhalten. Weil das aber dann doch etwas schwer zu vermarkten war, bastelte er einfach eine rudimentäre Geschichte drumherum um einen Rennfahrer, der nach einem schlimmen Unfall zurückkehrt auf die Rennstrecke, und die Witwe eines Freundes, der bei einem weiteren Rennunfall ums Leben gekommen ist. „Racing is life. Everything in between is just waiting“, heißt einer der wenigen Sätze, die in diesem Film gesprochen werden. Und genau das ist Programm hier. Das erste Wort eines Schauspielers wird nach 38 Minuten gestoppt. Ansonsten hört man nur das Publikum, die Kommentatoren aus Fernsehen und Radio – und natürlich die Motoren der Rennwagen. Diese sind hier die Hauptprotagonisten. Porsche gegen Ferrari, das ist Brutalität! Der Mensch hinter dem Steuer: eine Nebenfigur. Der Film interessiert sich genau Nüsse für die Rennfahrer. Steve McQueen fasst diese Grundeinstellung ja eh im oben zitierten Satz zusammen. Am Ende ist es sogar egal, ob man gewinnt oder verliert. Hauptsache, man hat seine Runden gedreht und den Tod, der ständig auf der Schulter mitfährt, ein weiteres Mal bezwungen. Denn natürlich waren die Rennfahrer in den 70er-Jahren wilde Hunde, die genau wussten, dass nicht alle von ihnen das Karriereende erleben. Das spiegelt sich in ihren stoischen Bewegungen, den kargen Worten, den ausdruckslosen Blicken. Jeder kleinste Fehler kann tödlich sein. Dies vermittelt „Le Mans“ in seinem dokumentarischen Stil durchaus gekonnt. Auch die Rennszenen sehen extrem realistisch aus und sind auch nach heutigem Maßstab atemberaubend spannend inszeniert. Das Problem, das der Film hat, ist ein hausgemachtes: Dadurch, dass er eben den Aufbau einer Bindung mit den Protagonisten konsequent verweigert, ist das Ergebnis dann eigentlich auch egal. Und wenn sich nicht gerade packende Rad-an-Rad-Duelle auf der Rennstrecke ereignen, läuft er oftmals einfach ins Leere und ist schlicht fad. Wie gesagt: „Racing is life. Everything in between is just waiting.“ Das haben Lee H. Katzian und Steve McQueen ein bisschen zu wörtlich genommen.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 31 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

Die Geierwally (1956)

Regie: Franz Cap
Original-Titel: Die Geierwally
Erscheinungsjahr: 1956
Genre: Heimatfilm, Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Die Geierwally


Mir war von Anfang an klar, dass die Kategorie 17, ein deutscher Heimatfilm der 50er Jahre, zu meinen mühsamsten Aufgaben der diesjährigen Filmreisechallenge zählen würde. Und die Befürchtung sollte sich bestätigen. Meine Wahl fiel auf „Die Geierwally“ von Franz Cap aus dem Jahr 1956 – weil dieser Heimatfilm zumindest noch einige dramatische Ereignisse zu verarbeiten versprach und damit angeblich aus der Riege der Heimatschnulzen positiv hervorsticht. Nach Sichtung des Films muss ich sagen: Ich habe große Angst vor allen weiteren Heimatfilmen. Lieber hocke ich mich in ein Triple Feature der grauslichsten Horrorfilme oder lasse die chinesische Tröpfchenfolter über mich ergehen, als dass ich da tiefer in die Abgründe der Heimatfilme eintauchen würde. Die Geschichte und die handelnden Charaktere sind dermaßen strunzdumm, dass man sich permanent auf den Kopf greift. Bemerkt ihr die seltsame Rötung auf meiner Stirn? Ja, die kommt daher. Nur der Geier „Hansi“ macht etwas richtig in diesem Film – er ergreift am Ende die Flucht. I feel you, Bro‘! Der Zuseher, der bis zum bitteren Ende durchhält, muss eineinhalb Stunden lang ertragen, wie sich Leute, die man offenbar willkürlich auf der Straße eingesammelt hat und die von der Schauspielerei so viel Ahnung haben wie ein Pferd vom Schach, unglaublich dümmliche Sätze an den Kopf werfen, für die sich der Drehbuchautor eigentlich wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses vor Gericht verantworten sollte. Lediglich für Trinkspiele eignet sich „Die Geierwally“ hervorragend. Man könnte beispielsweise jedes Mal einen Kurzen hinunterstülpen, wenn irgendjemand in diesem Film „Vergelt’s Gott“ sagt. Andererseits verpasst man auf diese Weise garantiert den Freiflug des Geiers am Ende und damit den einzigen Moment der Erlösung. Auch wieder blöd. Soll ich eigentlich noch was zum Inhalt schreiben? Ach, wurscht. Wer sich den Schmarren antun möchte, kann auf Wikipedia nachlesen, worum es geht. Und wer sich das dann tatsächlich noch ansieht, dem ist eh nicht mehr zu helfen. Vergelt’s Gott.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 17 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


1,5
von 10 Kürbissen

Mittwoch zwischen 5 und 7 (1962)

Regie: Agnès Varda
Original-Titel: Cléo de 5 à 7
Erscheinungsjahr: 1962
Genre: Drama
IMDB-Link: Cléo de 5 à 7


Die Sängerin Cléo (die eigentlich Florence heißt) hat schwere Stunden vor sich. Gerade noch war sie bei einer Wahrsagerin. Die Tarotkarten haben ihr Übles prophezeit, Krankheit und Tod. Und nun ist es fünf Uhr nachmittags, und am Abend soll sie vom Arzt das Ergebnis ihrer Biopsie erfahren. Sie schlendert durch die Stadt, geht mit ihrer Vertrauten Angèle Kaffee trinken und shoppen, trifft in der Wohnung auf den Lover, der ihre Sorgen nicht ernst nimmt, übt mit ihrem Komponisten ein neues Lied ein, trifft sich mit der Freundin Dorothée und lernt schließlich im Park den Fremdenlegionär Antoine kennen. Überall sieht das Publikum Todesboten, sei es der schwarze Hut, den Cléo kauft, oder der Text des Chansons, den sie einstudieren soll. Es passiert aber nicht viel – man weiß nicht, ob Cléos Ängste begründet sind oder einem Hirngespinst entstammen – einer eingebildeten Todessehnsucht der jungen, sensiblen Seele, die damit einen ansonsten eher hohlen Geist zu überhöhen versucht. Doch je länger wie Cléo folgen, desto größer werden auch unsere eigenen Zweifel, vor allem, was Cléo und unsere Einschätzung ihres Charakters selbst betrifft. So hält Agnès Varda dem Publikum mit dem Film einen Spiegel hin. „Mittwoch zwischen 5 und 7“ war eines der ersten Werke der Nouvelle Vague. Ich persönlich tue mir mit dieser Art des Kinos ziemlich schwer, zu geschwätzig und pseudo-intellektuell erscheinen mir viele der bislang gesichteten Werke. „Mittwoch zwischen 5 und 7“ ist hierbei eine wohltuende Ausnahme. Geschwätzig? Ja, vielleicht ein wenig. Aber dennoch ist die Kamera hauptsächlich neugierig auf Cléo gerichtet und versucht, diese junge Frau in vielen Facetten zu zeigen, ohne sie als reine Fassade für intellektuelle Gedankenspiele zu missbrauchen. So ist Agnès Vardas Frühwerk ein Nouvelle Vague-Film, der mir tatsächlich gut gefallen hat.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 20 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

Vox Lux (2018)

Regie: Brady Corbet
Original-Titel: Vox Lux
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Musikfilm
IMDB-Link: Vox Lux


Grenzerfahrungen im Rahmen der Viennale: Um Viertel nach 4 in der Früh aufstehen, damit man sich „Vox Lux“ von Brady Corbet als Frühstücksfilm vor der Arbeit hineinziehen kann. Das Team des Gartenbaukinos wappnete sich gut für den Ansturm der Kinozombies und stellte neben Süßgebäck, Müsli und Kakao gleich drei Ausgabestellen für einen richtig starken Espresso zur Verfügung. Doch spätestens nach der heftigen Eröffnungsszene waren ohnehin alle munter im Kinosaal. Diese heftige Szene führt in weiterer Folge zum Aufstieg der 14jährigen Celeste in den Pop-Himmel. Begleitet wird sie dabei von ihrer älteren Schwester und dem von Jude Law gespielten Manager. Man muss nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und die Chance ergreifen, auch wenn die richtige Zeit und der richtige Ort die Gedenkfeier für die Toten eines Massakers ist. Und selbst wenn die Gefühle echt sind, so geht man doch gewissermaßen über Leichen. Wenn man bereits in so jungen Jahren hofiert wird und eigentlich gar keine Zeit hat zur Trauerbewältigung, weil man plötzlich der neue Superstar am Firmament ist, ist es kaum verwunderlich, wenn man in späteren Jahren ein wenig exzentrisch und entrückt von der Welt wirkt. So geht es Celeste 17 Jahre später, herausragend und Oscar-verdächtig gespielt von Natalie Portman. Sie hat nun selbst eine Tochter im Teenager-Alter (und man wundert sich nicht wirklich darüber, dass es dazu gekommen ist), und ist vollends gefangen in der PR-Maschinerie, die einen fast unweigerlich schnetzelt, wenn man jung und beeinflussbar zu großem Ruhm kommt. Dass darunter die Beziehung zur Tochter, zur Schwester, zu allen Menschen, die ihr eigentlich nahestehen sollten, leidet, überrascht ebenso wenig. Ein großes Comeback-Konzert soll der Karriere des einstigen Teenager-Stars zu neuem Schub verleihen. Doch dieses wird im Vorfeld überschattet von einer neuerlichen Gewalttat, die Celeste in ihre eigene Vergangenheit zurückschleudert und mit alten Ängsten konfrontiert. In dieser Beziehung ist „Vox Lux“ klug konzipiert. Der Film kreist um mehrere Spielarten von Massenhysterie – sei es um die Angst vor Anschlägen in unserer heutigen Zeit oder aber auch die Hysterie, die man Popstars entgegenbringt. Das vermischt sich zu einem gefährlichen Cocktail. Im Mittelpunkt steht dabei immer Celeste – und was diese Ängste und Erwartungen mit ihr machen.  Das alles wird ironisch distanziert von Willem Dafoe als Erzähler aus dem Off. Allerdings hat der Film auch trotz aller Stärken unübersehbare Schwächen, darunter vor allem das Ende, das aus einer überlangen Konzertszene besteht, die zwar Celeste noch einmal in ihrem Element zeigt, aber die Geschichte nicht zu einem runden Abschluss bringen kann. Auch werden die Beziehungen der Figuren untereinander im Grunde nur am Rande und sehr oberflächlich betrachtet – trotz vieler Dialogzeilen. Vielleicht ist das auch ein von Brady Corbet gewünschter Effekt – die Protagonisten bleiben isoliert voneinander. Aber es fördert nicht unbedingt das Interesse an den Figuren, jedenfalls nicht bei mir. Und so ist „Vox Lux“ ein zwar durchaus aktueller und zeitgemäßer Film mit einer überragend aufspielenden Natalie Portman, lässt den Zuseher dann aber doch auch etwas ratlos zurück.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 50 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

A Star is Born (2018)

Regie: Bradley Cooper
Original-Titel: A Star is Born
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm, Musikfilm
IMDB-Link: A Star is Born


Mit keinem anderen Film habe ich mich in der jüngeren Vergangenheit so schwer getan wie mit Bradley Coopers Regiedebüt „A Star is Born“, in dem er selbst einen alkoholkranken Musiker spielt, der mit Lady Gaga das nächste große Talent und die große Liebe entdeckt. Denn: Der Film macht so vieles richtig bis grandios. Bradley Cooper ist in seiner Rolle überzeugend wie selten zuvor. Sein physisches Spiel macht seinen von Dämonen getriebenen Charakter auf eine unheimlich nachvollziehbare Weise sichtbar, ohne aber die Gründe dafür jemals allzu sehr in den Vordergrund zu rücken. Lady Gaga als Schauspielerin (ohne Tonnen von Schminke) ist eine Offenbarung. Sie ist verletzlich und anmutig und schüchtern und stark und begehrenswert. Eine ganz starke Vorstellung, die Lust auf mehr macht. Ich bin kein großer Fan von ihrer Musik, auch wenn ich ihr musikalisches Talent durchaus schätze. Aber hier könnte sich eine leidenschaftliche Gefolgschaft in Sachen Schauspiel entwickeln. Zudem kann „A Star is Born“ immer wieder mit sehr starken Szenen aufwarten, die authentisch und echt wirken. Die Konzertszenen beispielsweise sind großartig inszeniert, der Bass wummert, die Energie aus dem Publikum greift auf das Kinopublikum über – hier macht Bradley Cooper fast alles richtig. Allerdings gibt es gleichzeitig eine Story zu beklagen, die unverdrossen und unbelehrbar von Klischee zu Klischee springt. Hier gibt es auf über zwei Stunden wahrlich nichts Neues zu entdecken. Und das nervt auf die Dauer. Denn auch wenn die Klischees wirklich auf eine großartige Weise mit viel Feingefühl für Dramaturgie und Authentizität in Szene gesetzt sind – es bleiben eben doch Klischees, die mit der Zeit nerven, weil man sie schon hunderte Mal erzählt bekommen hat. Und so bleibt am Ende Respekt vor Bradley Cooper, der diese Doppelfunktion als Regisseur und Hauptrolle bravourös stemmt, ein kleiner Crush auf Lady Gaga und das Bedauern, dass die vielen guten Einzelteile, die der Film zu bieten hat, von diesen Klischees überlagert werden – denn dieser Film hätte das Potential zum Meisterwerk gehabt.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 49 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,5
von 10 Kürbissen

Inuyashiki (2018)

Regie: Shinsuke Sato
Original-Titel: Inuyashiki
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Action, Komödie, Fantasy, Science Fiction
IMDB-Link: Inuyashiki


Herr Inuyashiki ist schon etwas in die Jahre gekommen. Für seine Firma verkauft er recht erfolglos mit Mineralen angereichertes Sportwasser, seine Kinder verachten ihn, ihm läuft ein Hund zu, den seine Frau nicht im Haus haben will, und dann bekommt er noch die Diagnose: Krebs. Drei Monate zu leben. Da kann man es schon nachvollziehen, wenn der gute Mann zum nächtlichen Sinnieren in den Park geht. Dort ist er aber nicht allein. Er bekommt Gesellschaft durch einen High School Schüler – und seltsame Entitäten, die ihn ausknocken. Als Inuyashiki wieder zu sich kommt, ist fortan alles ein bisschen anders. Denn das nächtliche Rendezvous mit den Gästen From Outer Space hat ihm ein paar lässige Zusatz-Features eingebracht. Einen Düsenantrieb zum Beispiel, oder einen Waffe im Arm, und nicht zuletzt die Fähigkeit zu heilen. Damit kann man schon ein paar nette Dinge anstellen. Nur blöd, dass sich an seiner Rolle als gering geschätzter Familienvater erst einmal nichts geändert hat. Und noch blöder, dass der Junge, der in jener Nacht ebenfalls im Park war, die gleichen Special Effects mitbekommen hat, diese schneller zu beherrschen versteht und mit einer Mordswut im Bauch gleich mal ganz Japan den Krieg erklärt. So muss der betagte Bürohengst seine Düsen in die Hand nehmen und hinausziehen ins Gefecht. Die japanische Live-Action-Verfilmung des Animes „Last Hero Inuyashiki“ ist ein durchaus spaßiges und actionreiches Vergnügen mit soliden visuellen Effekten und einem sympathischen Anti-Helden als Hauptfigur. Wenn der völlig überforderte Inuyashiki zum ersten Mal mit seinen neuen Modifikationen konfrontiert wird, sind seine Reaktionen darauf brüllend komisch anzusehen. Was dem Film aber eindeutig fehlt, ist eine nachvollziehbare Handlung. Zwar wird versucht, dem Bösewicht auch eine Geschichte zu geben, aber es bleibt dennoch völlig unschlüssig, warum er dermaßen austickt. Und das ist schade, denn dadurch wird der Film auf ein spaßiges Action-Abenteuer reduziert, das die wirklich tolle Grundprämisse, nämlich den alltägliche Büroangestellten zum Superhelden zu machen, nicht wirklich ausspielen kann. Dennoch hatte ich im Kino meinen Spaß mit dem Film, auch wenn er kaum im Gedächtnis hängenbleiben wird.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 64 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)