François Truffaut

Jules und Jim (1962)

Regie: François Truffaut
Original-Titel: Jules et Jim
Erscheinungsjahr: 1962
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Jules et Jim


1912 lernen sich in Paris der Franzose Jim (Henri Serre) und der Deutsche Jules (Oskar Werner) kennen. Kurz darauf begegnen die beiden nun Unzertrennlichen der impulsiven Catherine (Jeanne Moreau). Beide sind interessiert an ihr, Jules macht schließlich das Rennen. Er heiratet Catherine, und im Laufe der Zeit, die durchbrochen wird vom Ersten Weltkrieg, als die beiden Freunde auf unterschiedlichen Seiten der Geschichtsbücher stehen, stellt sich heraus, dass es zwar recht einfach war, Catherine zu gewinnen, doch sie zu halten, ist eine gänzlich andere Geschichte. Sein Freund Jim, der ihm immer wieder mit Rat und Tat zur Seite steht, hat auch keine Patentlösung dabei, und blöd ist auch, dass er noch immer ein bisschen in Catherine verliebt ist, die es mit der Treue nicht so genau nimmt. Auf den ersten Blick ist „Jules und Jim“ von Truffaut ein sehr leichtfüßiges Drama mit humorvoll-ironischen Einschüben über die Liebe, über Treue, Freundschaft und das Dreieck zwischen diesen Themen. Der zweite Blick offenbart eine gewisse Trostlosigkeit, die von der erzählerischen Leichtfüßigkeit überspielt wird und sich erst im unerwarteten, zynischen Ende offenbart. Auf der Plusseite des Films steht zudem die Schauspielkunst der drei Hauptdarsteller, wobei mich vor allem Oskar Werner als naiver, von der Liebe gebeutelter Jules überzeugt hat. Allerdings macht es der Film dem Zuseher auch schwer. Er ist … geschwätzig. Aus dem Off ertönt immer wieder die Stimme des Erzählers, der darüber berichtet, was auf den Bildern zu sehen ist. Zwar bringt die Erzählstimme auch eine ironische Distanz hinein, allerdings wäre hier weniger eindeutig mehr, denn ein Film sollte kein Hörbuch sein. Ich habe nichts gegen einen externen Erzähler in Filmen, wenn denn dieser geschickt eingebaut ist (wie man es macht, hat einige Jahrzehnte später „Little Children“ gezeigt mit einem wunderbar sarkastischen Erzähler), aber hier ist er eben nur aufdringlich und trägt wenig bis gar nichts zur Plotentwicklung bei. Zudem ist mir auch das Trauma des Ersten Weltkrieges zu leichtfüßig nebenbei abgehandelt. Von seelischen Verwundungen keine Spur. Da war halt Krieg. Und jetzt weiter. All das macht „Jules und Jim“ am Ende für mich zu einer etwas zwiespältig aufgenommenen Kost. Die Geschichte ist interessant, die Figuren sind es auch, die Dialoge sind auch sehr gut geschrieben und überzeugend vorgebracht, aber der Film hat unübersehbare Redundanzen, die dem Publikum von einem geschwätzigen Erzähler noch mal so richtig deutlich unter die Nase gerieben werden. So kann ich dem Film leider weniger abgewinnen als ich es eigentlich möchte.


6,0
von 10 Kürbissen

Sie küssten und sie schlugen ihn (1959)

Regie: François Truffaut
Original-Titel: Les Quatre Cents Coups
Erscheinungsjahr: 1959
Genre: Drama
IMDB-Link: Les Quatre Cents Coups


Es ist nicht ganz einfach, Filme, die ganze Strömungen oder Genres (mit)begründet haben, viele Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen einer Bewertung zu unterziehen. Vieles von dem, was damals bahnbrechend und neu war, wurde zum Standard und später von anderen Filmen vielleicht sogar besser umgesetzt. Und so ist „Sie küssten und sie schlugen ihn“, jener Film, der nicht nur Truffauts Karriere begründete, sondern gleich die gesamte Strömung der französischen Nouvelle Vague, filmhistorisch höchst interessant, aber aus heutiger Sicht eben manchmal auch etwas sperrig. Der Film folgt dem 14jährigen Antoine Doinel, der zwischen innerfamiliären Spannungen (eine kaltherzige, abweisende Mutter, ein überforderter, in der Erziehung richtungsloser Vater), schulischem Leistungsdruck und dem Gefühl, an einem Scheidepunkt seines Lebens zu stehen und aus gewohnten Bahnen ausbrechen zu müssen, aufgerieben wird. Truffaut zeigt auf, welche Faktoren aus dem unmittelbaren Umfeld dazu führen (können), dass man als junger Mensch die Richtung verliert und eventuell in Bahnen gerät, die sich später als falsch herausstellen. „Sie küssten und sie schlugen ihn“ ist ein Coming-of-Age-Film, allerdings ein nicht unbedingt optimistischer. Der Versuch der Selbstbefreiung zeigt immer wieder ungewünschte Konsequenzen, und ob der junge Antoine den Sprung in ein freies, glückliches Erwachsenenleben schafft, wird sich erst nach dem Abspann weisen. Auf diese Weise ist der Film sehr ehrlich und authentisch. Gleichzeitig ist er nicht frei von Schwächen. Er hat seine langweiligen Momente und seine Redundanzen, für die man ein bisschen Sitzfleisch benötigt. Das eindringliche Ende entschädigt aber dafür.


7,0
von 10 Kürbissen