Garth Davis

Maria Magdalena (2018)

Regie: Garth Davis
Original-Titel: Mary Magdalene
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Historienfilm, Biopic
IMDB-Link: Mary Magdalene


Da regen sie sich auf, die rechten Socken: Der Simon Petrus ist ein Neger, das gibt’s ja gar nicht, ab da war der Film mein absoluter Hassfilm, ganz schlimm, so was sollte verboten werden! Dabei könnte man bei Garth Davis‘ Bibelfilm/Biopic „Maria Magdalena“ tatsächlich so einiges kritisieren. Nämlich den zähen Erzählfluss zum Beispiel. Die Geschichte schleppt sich dahin wie Moses durch die Wüste. Oder auch die arg idealisierte Darstellung der Maria Magdalena (Rooney Mara), die einfach so makellos ist, dass selbst Jesus neben ihr wie der ärgste Strizzi wirkt. Oder Jesus selbst, von Joaquin Phoenix arg weinerlich dargestellt. (Das erste Mal, dass ich einer Leistung von Joaquin Phoenix nichts abgewinnen kann, der ist ansonsten für mich eine sichere Bank für Bombenleistungen.) Irgendwie stolpert der Film durch seine zweistündige Laufzeit wie eine angeschossene Milchkuh (Zitat des Biathleten Christoph Sumann nach seinem von Krämpfen geplagten Zieleinlauf beim Olympia-Rennen 2010 in Vancouver). Pflichtbewusst werden die wichtigsten Ereignisses des Neuen Testaments abgeklappert, und man glaubt, es wäre interessant und subversiv, wenn man die Figur der Maria Magdalena als moralisches Gewissen des Fischervereins aufbauen, Judas als Sympathieträger positionieren und Petrus als unsympathischen Nörgler und Zweifler darstellen würde. Nein, es macht einen Film nicht interessant, wenn man Figuren ein klein wenig gegen die bekannten Rollen bürstet, aber ansonsten einfach wie bei Malen nach Zahlen von einem Pflichtfeld zum nächsten hatscht – und das noch in einem wirklich langsamen Tempo. Dafür, dass der schwarze Petrus bei den ganzen FPÖ- und AfD-Jüngern Schnappatmung hervorruft, würde ich dem Film ja gerne noch einen Extrapunkt geben, aber dafür ist er dann doch zu simpel, zäh und schlecht geraten.


4,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Lion (2016)

Regie: Garth Davis
Original-Titel: Lion
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Lion


Ich muss zugeben, vor „Lion“, dem diesjährigen Weinstein’schen Oscar-Vehikel, hatte ich ein wenig Bammel. Große Gefühle, eine Geschichte basierend auf wahren Begebenheiten, ein sentimentales Drama – das waren so die ersten Schlagworte, die ich in Zusammenhang mit dem Spielfilm-Regiedebüt von Garth Davis gelesen habe. Das kann – für mich jedenfalls – auch ordentlich in die Hose gehen. So bin ich dann auch mit einer nicht allzu hohen Erwartungshaltung in den Film gegangen. Ich wurde aber sehr rasch eines Besseren belehrt. Die Geschichte des indischen Kinds Saroo, das mit seiner Mutter, seinem älteren Bruder und seiner kleinen Schwester in ärmsten Verhältnissen aufwächst und durch ein Unglück von seiner Familie getrennt wird, worauf es ihn ins 1.600 Kilometer entfernte Kalkutta und in weiterer Folge zu einer Adoptivfamilie nach Tasmanien verschlägt, ist zwar gefühlvoll inszeniert, behält aber immer einen realistischen, ungeschönten, und genau deswegen herzzerreißenden Blick auf die Lebensrealität in Indien bei. Etwa die erste Hälfte des Films spielt in Indien und erzählt die Geschichte von Saroo, wie er verloren geht und wie er schließlich nach Australien kommt. Viele Szenen sind dabei kaum zu ertragen, ohne dass man das Gefühl hat, dass die Dramaturgie vielleicht etwas verschärft wurde, um die großen Gefühle herauszulocken. Btw., wenn es einen Oscar für die beste Leistung einer Kinderdarstellerin/eines Kinderdarstellers gäbe, dann müsste dieser in diesem Jahr an Sunny Pawar gehen.

Der erwachsene Saroo auf der Suche nach seiner eigenen Identität, die irgendwo zwischen dem Indien, das er vergessen hat, und dem Australien, das ihn aufgenommen hat, liegt, wird herausragend gespielt von Dev Patel, der durch „Slumdog Millionär“ bekannt wurde und nun mit „Lion“ die beste Leistung seiner Karriere hinlegt. Man muss in diesem Zusammenhang aber durchaus Weinsteins gängige Praxis bekritteln, solche großen Rollen wie jene von Dev Patel dann als Nebendarsteller zu deklarieren, um die Chancen auf einen Oscar-Gewinn zu erhöhen. Denn Dev Patel ist definitiv die Hauptfigur des Films, und er hätte auch als bester Hauptdarsteller nominiert werden müssen. Tatsächliche Nebenrollen, und zwar verdammt gut gespielte, sind jene von Nicole Kidman und Rooney Mara. Da kann man wiederum ein bisschen darüber streiten, warum Kidman nominiert wurde und Mara nicht, denn beide sind toll in ihren Rollen. Aber gut, Nicole Kidman hat ihren Oscar ja schon, und Rooney Mara wird sicher noch einen gewinnen – die Frau ist einfach gut.

Insgesamt ist „Lion“ ein großartig erzählter, zu Tränen rührender, aber nicht sentimentalisierender, herausragend gespielter Film über Identität, über Heimat, über die Bedeutung der Familie, der Mutter. Hat mich sehr positiv überrascht.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin)