Historienfilm

Die Königin des Nordens (2021)

Regie: Charlotte Sieling
Original-Titel: Margrete den første
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Historienfilm, Drama, Biopic
IMDB-Link: Margrete den første


„Die Königin des Nordens“ klingt nicht nur wie ein Episodentitel aus „Game of Thrones“, die Intrigen im eisigkalten Skandinavien fühlen sich auch so an, als wären sie aus dem Hirn von George R. R. Martin entsprungen – während einer sehr depressiven Phase seines Lebens. Denn die politischen Scharmützel in der HBO-Erfolgsserie fühlen sich im Vergleich zum historischen Durcheinander rund um Königin Margrethe von Dänemark wie ein Kindergeburtstag an. Huch, da geht es finster zu! Gerade noch hat Königin Margarethe, die an ihres Adoptivsohns statt lieber das Regieren übernimmt, die nordischen Länder in der Kalmarer Union vereint und illustre Hochzeitspläne für ihren Sohn Erik geschmiedet, taucht unverhofft ein Typ auf, der sich als längst für tot geglaubter leibeigener Sohn ausgibt und den Thron für sich beansprucht. A blede Gschicht, wie man so schön sagt. Vor allem, weil dadurch der ganze Hofstaat in Aufruhr ist. Die Norweger sagen, ja, das ist ihr König, die Dänen und Schweden sagen, nein, das ist ein Hochstapler, und Margarethe, mit Grandezza gespielt von Trine Dyrholm, lässt sich nicht in die Karten blicken. Proklamiert sie den jungen Mann zu ihrem leiblichen Sohn, gibt’s Chaos, die Kalmarer Union zerbricht, und aus der Ehe ihres Adoptivsohns mit der Tochter des britischen Königspaars wird es auch nichts. Verleugnet sie ihn, geht’s dem jungen Herrn an den Kragen – dann hätte sie womöglich ihren eigenen Sohn (sofern er es ist) ans Schafott geliefert. Eine Cersei aus Game of Thrones hätte mit dieser moralischen Frage wohl kein Problem gehabt – der Mann wäre am Galgen gebaumelt, bevor sie noch ihr erstes Glas Wein ausgetrunken hätte. Margarethe hingegen plagt sichtlich das Gewissen, und so zittert man als Zuseher auch zwei Stunden gebannt mit, wie im Intrigantenstadel die Karten ständig neu gemischt werden und die Zukunft der Herrscherin, ihres Adoptivsohns und der ganzen Union am seidenen Faden hängen. „Die Königin des Nordens“ ist ein Historiendrama, wie ein Historiendrama sein soll. Vor exzellenten Kulissen und Schauplätzen spielen exzellente Darsteller:innen nach einem exzellenten Drehbuch, in dem jede Szene, sei sie auch noch so klein, von inneren Konflikten und Spannungen getragen wird, sodass keine Sekunde langweilig wird. Ein frühes Highlight in diesem Kinojahr.


8,0 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Dušan Martinček – © SF Studios, Quelle http://www.imdb.com)

Titanic (1997)

Regie: James Cameron
Original-Titel: Titanic
Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Drama, Historienfilm, Liebesfilm
IMDB-Link: Titanic


Ehre, wem Ehre gebührt. James Cameron hat 1997 mit Titanic einen monumentalen Zwitter aus Katastrophenfilm und Liebesfilm vorgelegt, der seine jeweiligen Genres definiert bzw. auf ein komplett neues Level gehoben hat. Vergesst Romeo und Julia – hier sind Jack und Rose! Gibt es irgendwen, der den Film nicht kennt? „Titanic“ war ein Ereignis – selbst meine Großeltern, die wirklich nie ins Kino gegangen sind, haben sich aufgerafft und die drei Stunden im Kinosessel durchgedrückt. „So schee!“, das einhellige Urteil damals. Doch auch jetzt, fast ein Vierteljahrhundert später, kann man nur den Hut ziehen vor diesem ambitionierten Mammutprojekt, das neue Maßstäbe gesetzt hat. Seien es die eindrucksvollen Aufnahmen des Riesenschiffs, wenn die Kamera über die Decks gleitet, seien es die Ausstattung und Kostüme, die diese historische Epoche kurz nach der Jahrhundertwende wieder zum Leben erwecken oder die grandiosen und bahnbrechenden Spezialeffekte, wenn das Schiff den schicksalshaften Eisberg gerammt hat und langsam zu sinken beginnt. Was aber fast am meisten Eindruck auf mich macht, sind die ungeschönten Darstellungen von Chaos und Panik, als auch die letzten begreifen, dass es kein Entrinnen gibt und sie wohl sterben werden. Ständig fallen Menschen von der Reling ins eiskalte Wasser, zerkleschen an den gewaltigen Antriebsrädern oder ertrinken qualvoll in ihren Kajüten. James Cameron gelingt es tatsächlich, die Schauwerte hochzuhalten und gleichzeitig Entsetzen und Mitgefühl beim Zuseher auszulösen. Da braucht es nicht einmal die tragische Liebesgeschichte der reichen, unglücklichen Aristokratentochter mit dem bettelarmen Zeichner – die emotionale Wucht, die der Film vor allem in der zweiten Hälfte entfaltet, sucht heute noch ihresgleichen. Dabei ist die erste Hälfte, die sich auf die Anbahnung der Beziehung von Jack und Rose konzentriert, ebenfalls auf herausragendem Niveau. Vielleicht ein bisschen schnulzig, das kann man dem Film vorwerfen, aber eine solche Liebesgeschichte muss nun mal episch inszeniert werden. Das wusste schon Shakespeare, und wer wagt es, sich mit dem Meister anzulegen? Geschmäcker sind subjektiv, keine Frage, aber ganz nüchtern betrachtet handelt es sich bei „Titanic“ um einen der besten Filme aller Zeiten.


9,5 Kürbisse

(Bildzitat: © 1997 – Paramount Pictures, Quelle http://www.imdb.com)

The Last Duel (2021)

Regie: Ridley Scott
Original-Titel: The Last Duel
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Historienfilm, Drama, Action
IMDB-Link: The Last Duel


Das Mittelalter war schon eine schwierige Zeit. Die Hygienebedingungen waren fürchterlich, an sich gut aussehende Männer wie Matt Damon mussten skurrile Bärte und Frisuren tragen, und mit allen Wassern gewaschene Anwälte gab es auch nicht an jeder Ecke. Stattdessen wurden die Zwistigkeiten dem König vorgetragen, und wenn die Sache unklar war, dann hat man eben auf ein Gottesurteil vertraut – sprich: sich die Köpfe eingeschlagen, und wer am Ende steht, hat recht. Heutzutage hätte der von Adam Driver gespielte Knappe Jacques Le Gris wohl einen Manfred Ainedter verpflichtet, und sie wären bis zur Renaissance nicht fertig geworden mit dem Prozess. So aber bringt der furiose, aber recht mittellose Jean de Carrouges (Matt Damon) seinen Fall eben vor den König, um das Schwert sprechen zu lassen. Was ist passiert? Carrouges sagt, dass seine Frau (Jodie Comer) während seiner Abwesenheit von seinem alten Freund und nunmehrigen Widersacher Le Gris vergewaltigt worden sei. Le Gris hingegen behauptet, sein Besuch hätte in beidseitiger Leidenschaft geendet. Mittendrin: Marguerite, die Frau, die im ganzen Disput zum Besitztum degradiert wird. Wie gesagt, das Mittelalter war eine zache Angelegenheit. Erfrischend ist an Ridley Scotts neuestem Film, dass er die Geschichte aus drei Perspektiven erzählt – eben jener von Carrouge, dann jener von Le Gris und schließlich aus der Sichtweise von Marguerite. Und genau durch diesen Kniff wird klar, wie glitschig manchmal die Wahrheit ist – kaum meint man, sie in den Händen zu halten, rutscht sie auch schon wieder aus den Fingern. Genau dieser Kniff macht den Film aber auch streckenweise etwas zäh. Was hingegen jegliches Gemüt erschüttern wird, ist die ungeschönte Brutalität der Kampfszenen. Hier werden keine halben Sachen gemacht, und Ridley Scott stellt auch jenseits der 80 Jahre keine Altersmilde zur Schau. Ebenfalls hervorragend ist das Schauspiel – von allen. Selbst Ben Affleck als sexsüchtiger und selbstverliebter Fürst war selten besser als in diesem Historienfilm. Die ungewöhnlichen Blickwinkel, der Dreck und Gestank des Mittelalters und eben die darstellerischen Leistungen machen „The Last Duel“ zu einem Film, der zu Unrecht beim Publikum durchgefallen ist. Womöglich liegt es einfach am Timing der Veröffentlichung. Nicht alles passt zu jeder Zeit. Frage nach bei guten Anwälten, die können ein Lied davon singen.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Hinterland (2021)

Regie: Stefan Ruzowitzky
Original-Titel: Hinterland
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Krimi, Thriller, Historienfilm
IMDB-Link: Hinterland


Man will es sich als wohlstandsverwahrlostes, verhätscheltes Kind der 80er ja gar nicht vorstellen, was unsere Urgroßväter und -mütter mitmachen mussten. Vier Jahre lang Krieg, den man noch dazu verloren hat, der alte Kaiser ist tot, der neue im Exil, von den Fahnenmasten flattern so seltsame rot-weiß-rote Fahnen, und man versucht herauszufinden, was dieses seltsame Konstrukt der Republik nun bedeutet. In diese fremde Welt wird der Kriegsheimkehrer Peter Perg (Newcomer Murathan Muslu) hineingeworfen. „Für Gott, Kaiser und Vaterland“ war einmal. Heute ist er, der ehemalige Spitzeninspektor der Wiener Polizei, ein Niemand. Noch dazu werden alte Gefährten bestialisch gemeuchelt. Irgendjemand hat es auf Kriegsheimkehrer abgesehen, die er zunächst grausam foltert und dann schön drapiert zur Schau stellt. „Sieben“ lässt grüßen. Also muss sich Perg, seelische Verwundungen hin oder her, der Sache stellen. „Hinterland“ von Stefan Ruzowitzky ist ein expressionistischer Albtraum – die (computergenerierten) Wände der Stadt stehen schief und spiegeln die Schieflage, in der sich die ganze Gesellschaft befindet. Die Morde könnten grauslicher nicht sein, die Mienen sind verzerrt, die Blicke leer, und stinken wird’s auch, so ungewaschen, wie die Leute aussehen. Das alles verfehlt seine Wirkung nicht – selten zuvor habe ich Wohlstandskind drastischer nachempfinden können, was es heißt, in eine kriegsversehrte Welt hineingeworfen zu werden. Ein ganzes Land hat sich selbst verloren. Das wird in „Hinterland“ erlebbar. Allerdings ist Ruzowitzky halt auch jemand, der gerne dick aufträgt. Gerade das Ende versucht sich, in jeder Sekunde selbst zu übertreffen, was dazu führt, dass der Film von einer Klischeefalle in die nächste schlingert. Eine interessante und empfehlenswerte Seherfahrung bleibt „Hinterland“ dennoch. Man hätte sich nur gewünscht, dass die Story der außergewöhnlichen Qualität der Bilder folgen kann.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by freibeuter film – © freibeuter film, Quelle http://www.imdb.com)

Benedetta (2021)

Regie: Paul Verhoeven
Original-Titel: Benedetta
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama, Biopic, Historienfilm
IMDB-Link: Benedetta


Subtilität ist nicht Paul Verhoevens Stärke. Aber immerhin fällt ihm immer wieder was Neues und Spektakuläres ein. Da werden Eispickel zu Mordwaffen, gewaltige Insekten mit brachialer Militärgewalt bekämpft und eine Marienstatue auch mal als Dildo zweckentfremdet. Willkommen bei „Benedetta“, der lose auf der wahren Geschichte einer lesbischen Nonne mit Jesus-Erscheinungen beruht. Die handelt sich nicht nur mit ihren Visionen handfeste Schwierigkeiten ein, sondern vor allem mit ihrer Liebschaft zur Novizin Bartolomea (Daphne Patakia). Das missfällt nicht nur der Oberin (Charlotte Rampling, wie immer mit einer souveränen Vorstellung). Und vor allem handelt sie sich Schwierigkeiten mit dem Filmpublikum ein, das ihre Handlungen und Visionen nicht wirklich einordnen kann: Sind es tatsächlich Momente der Erleuchtung oder haben wir es hier mit einer schelmischen Hochstaplerin zu tun, wie sie sich ein Umberto Eco nicht besser hätte ausdenken können? Virginie Efira als Schwester Benedetta lässt uns darüber im Unklaren, und Paul Verhoeven erfreut sich in der Zwischenzeit an den wohlgeführten Brüsten seiner Hauptdarstellerinnen und tut das, was von ihm erwartet wird: Er provoziert. Siehe Mariendildo. Ja, das ist sehr spaßig und kurzweilig, viele Szenen und Ideen sind rundum gelungen, aber irgendwie ist mir die Intention dahinter, eben die Provokation, zu durchsichtig – allmählich wird das zu einer Masche bei Verhoeven wie der unvorhersehbare Story-Twist bei M. Night Shyamalan. Als verkanntes Meisterwerk a la „Starship Troopers“ wird „Benedetta“ wohl nie gefeiert werden, aber Verhoeven hat auch schon schlechtere Filme abgeliefert. Dennoch bleibt am Ende bei mir das ungute Gefühl, einem Gaukler aufgesessen zu sein.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

They Carry Death (2021)

Regie: Samuel M. Delgado und Helena Girón
Original-Titel: Eles transportan a morte
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama, Historienfilm, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Eles transportan a morte


Drei Männer werden an die Küste einer einsamen Insel gespült. Die haben ein Segel dabei und flüchten vor ihren Verfolgern, die, wie man schon bald herausfindet, zur Crew von Christoph Kolumbus gehören. Parallel dazu kratzt in Galizien eine Frau ihre schwer verletzte Schwester von einem Felsen und macht sich auf dem Weg zu einer Heilerin. Was wie zwei völlig voneinander getrennte Episoden wirkt, wird am Ende auf subtile Weise zusammengeknüpft – mit einem Verweis auf nicht weniger als die letzten 500 Jahre Kolonialisierungsgeschichte. Da genau diese umfassende Geschichte für einen einzelnen Film zu viel ist, versuchen Samuel M. Delgado und Helena Girón gar nicht erst, einen epischen Historienfilm aus dem Stoff zu machen. Sie fokussieren sich vielmehr auf die Flucht der drei Männer über karges Lavagestein und bröckelige Felsen und der Wanderung der Frau mit ihrer verletzten Schwester auf einem Esel festgebunden durch ebenfalls unwegsames Gelände in Spanien. Schritt für Schritt wird hier gesetzt, das große Ganze bleibt im Hintergrund und spielt für die Figuren auch keine Rolle. Dass sie Teil einer weltumspannenden Geschichte sind, könnte ihnen nicht weniger egal sein. Gerade dieser Rückzug auf das kleine Detail am Rande macht den Film schwer verdaulich – der Applaus am Ende war verhalten und etwas ratlos. Allerdings betört der Film mit wunderschönen Bildern und entwickelt einen eigenwilligen, fast meditativen Sog, wie er sich oft in langsamen spanischen Filmen aufbaut. Das grandiose Zama von Lucrecia Martel sei hier als Beispiel genannt. Nichts für jeden Filmgeschmack, aber wenn man sich auf solche meditativen Übungen einlassen kann, sollte man durchaus mal einen Blick riskieren.


6,5 Kürbisse

(Foto: (c) Viennale)

Wife of a Spy (2020)

Regie: Kiyoshi Kurosawa
Original-Titel: Supai no tsuma
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Historienfilm, Drama, Krimi
IMDB-Link: Supai no tsuma


Ich habe ja so meine Probleme mit dem umtriebigen japanischen Kult-Regisseur Kiyoshi Kurosawa. Ob nun seine Horror-Thriller-Anfänge (Cure) oder sein Ausflug ins Science Fiction-Genre (Before We Vanish) – bislang konnte mich nichts restlos überzeugen. „Wife of a Spy“, ein ruhig erzähltes Agentendrama im historischen Setting, ist jedoch nun mal ein Film, bei dem ich voll mitgehe. Zum Einen liegt das an der wirklich großartigen aufspielenden Besetzung (Yū Aoi als titelgebende Ehefrau Satoko, Issey Takahashi als ihr Mann Yūsaku mit Geheimnissen), zum Anderen an der grundsoliden Inszenierung, die das Drama fast schon als Kammerspiel aufzieht, in der die große Geschichte im Kleinen, nämlich im eigenen Wohnzimmer, auf die Familie Fukuhara hereinbricht. Hier gibt’s keine Action a la James Bond zu bestaunen – manchmal sind es eben auch kleine Fabriksbesitzer, die zu Helden der Geschichte werden können und große Wagnisse eingehen. Die Story ist kurz vor Japans Eintritt in den Zweiten Weltkrieg angesiedelt, die Kernfrage beschäftigt sich mit Moral und Glaubensgrundsätzen, und wie diese die Ehe der Fukuharas gefährden. Wie weit geht man, wenn man großes Unrecht vermutet und dieses zu verhindern versucht, und damit die Menschen, die man liebt, in Gefahr bringen könnte? Und vor allem: Wie geht die andere Seite, eben die eigene Ehefrau, mit der Situation um, wenn sie nach und nach hinter das doppelte Spiel des eigenen Mannes kommt? „Wife of a Spy“ zieht seine Spannung aus genau diesen Fragen und ist somit mehr Ehedrama als Spionagethriller, verbindet aber beide Genres geschickt. Einzig für das etwas langatmige Ende gibt’s Abzüge in der B-Note, das hätte man deutlich straffen können, ohne dass dabei etwas verlorengegangen wäre. Dennoch: „Wife of a Spy“ ist vielleicht die Tür zu Kiyoshi Kurosawa, die mir bislang verschlossen blieb.


7,5 Kürbisse

(Foto: Slash Filmfestival)

Hannah Arendt (2012)

Regie: Margarethe von Trotta
Original-Titel: Hannah Arendt
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Drama, Biopic, Historienfilm
IMDB-Link: Hannah Arendt


Hannah Arendt gilt als eine der bedeutendsten Politologinnen und Philosophinnen des 20. Jahrhunderts. Für eine massive Kontroverse sorgte ihr Bericht für den New Yorker über den Prozess gegen Adolf Eichmann. Dieser war in Argentinien gefasst und für seine NS-Verbrechen in Jerusalem vor Gericht gestellt worden. Während die ganze Welt gebannt auf den Prozess gegen diese Bestie schaute, kam Arendt zu dem Urteil, dass diese Bestie bloß ein Papiertiger war, der gehorsam Befehlen gehorchte, ganz gleich, welch unmenschliche Konsequenzen diese auch hatten. Sie kam damit zum Schluss der „Banalität des Bösen“ und hielt fest, dass die ganze Grausamkeit der Verbrechen des NS-Regimes darin lag, Menschen zu entmenschlichen und damit auch von persönlicher Verantwortung und Moral zu lösen. Harter Tobak? Aber sicher. Das muss auch die von Barbara Sukowa brillant gespielte Hannah Arendt am eigenen Leib erfahren, denn naturgemäß stoßen ihre Überlegungen vor allem in ihrem jüdischen Freundeskreis nicht auf Gegenliebe. Doch sie bleibt sich und ihren Prinzipien treu, auch wenn das zu Lasten langjähriger Freundschaften geht. Auf dieser Beharrlichkeit, auf dieses „Intellekt vs. Gefühl“-Dilemma, liegt Margarethe von Trottas Fokus in diesem sperrigen Biopic. Das ist schon ein Film zum Mitdenken, zum selbst Erarbeiten. Die Einspielungen der tatsächlichen historischen Aufnahmen aus dem Eichmann-Prozess machen die ganze Angelegenheit zu einer semidokumentarischen Abhandlung, was den Zugang einerseits noch mal etwas erschwert, andererseits dem Film eine enorme Glaubwürdigkeit verleiht. Unterm Strich ist „Hannah Arendt“ Kino für den Kopf, bei dem der Bauch außen vor bleibt.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: © 2013 – Zeitgeist Films, Quelle http://www.imdb.com)

Die Herzogin (2008)

Regie: Saul Dibb
Original-Titel: The Duchess
Erscheinungsjahr: 2008
Genre: Historienfilm, Biopic, Drama
IMDB-Link: The Duchess


Die zehn Gebote sind soweit allgemein bekannt. Weniger bekannt ist das elfte Gebot für Filmschaffende: „Du sollst Keira Knightley in historischen Kostümdramen besetzen.“ Und da Gebote ernst zu nehmen sind, spielt Keira Knightley in Saul Dibbs Historiendrama die titelgebende Herzogin Georgina Cavendish of Devonshire, Mode-Ikone ihrer Zeit und Gebärmaschine für den Duke (Ralph Fiennes, der in Historienfilmen auch nie fehlplatziert wirkt), der sich nichts sehnlicher wünscht als einen männlichen Erben – und den Beischlaf mit allen Damen in seinem Einflussbereich, die bei drei nicht auf den Bäumen sind. Letzteres hat er ja selbst in der Hand, für Ersteres ist das Mitwirken der Angetrauten hingegen unerlässlich. Und so sehr sich diese auch abmüht mit der Aufgabe, es kommen halt nur Mädels aus ihr heraus, was der Göttergatte mit der Zeit persönlich nimmt. „Die Herzogin“ ist ein langsam aufgebautes, eher subtil gespieltes Drama rund um familiäre Probleme, Erwartungshaltungen, Eifersucht und Leidenschaft, das hintersinnig aber die Rolle der Frau zur damaligen Zeit auf eine Weise beleuchtet, dass man ohne große Anstrengung diese in die heutige Zeit transferieren kann. Auch wenn sich natürlich seit damals viel geändert hat, diese patriarchalischen Strukturen, die der Film offenlegt, kann man auch heutzutage vielerorts noch nachzeichnen. So behandelt der Film (leider) immer noch recht aktuelle Themen, ohne diese aber dem Publikum direkt ins Gesicht zu watschen. Allerdings schlägt das gemäßigte Tempo an manchen Stellen in Langeweile um. Man muss schon konzentriert bei der Sache bleiben, um dem Film die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die er verdient.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: © 2008 Paramount, Quelle http://www.imdb.com)

Der Name der Rose (1986)

Regie: Jean-Jacques Annaud
Original-Titel: The Name of the Rose
Erscheinungsjahr: 1986
Genre: Drama, Historienfilm, Krimi
IMDB-Link: The Name of the Rose


Lasst uns mal über Europa reden. „Der Name der Rose“ ist eine hauptsächlich deutsche Produktion in englischer Sprache unter der Regie eines Franzosen mit einem Schotten in der Hauptrolle, basierend auf einem italienischen Roman. Ach ja, in Nebenrollen sind unter unter anderem ein Österreicher, ein Russe, ein Brite, einige Deutsche und US-Amerikaner zu sehen, und den Love Interest spielt eine Chilenin. Kann so ein Mash-Up gutgehen, vor allem, wenn der Roman, ein historischer satirischer Wälzer mit über 600 Seiten, ein literarischer Welterfolg war, der die Messlatte schon verdammt hoch angelegt hat? Ja, das geht. Denn Annaud und Produzent Bernd Eichinger machen alles richtig, indem sie nicht versuchen, das Buch mit dem Medium Film zu kopieren. Vielmehr verändern sie den Fokus auf die düstere Kriminalhandlung in der Benediktinerabtei, die der zu einem Disput angereiste Franziskaner William von Baskerville (perfekt besetzt mit Sean Connery) mit seinem Adlatus Adson von Melk (Christian Slater) zu lösen versucht. Die Mönche sterben wie die Fliegen in diesem ehrwürdigen Kloster, doch der Abt ist wenig begeistert davon, dass der logisch denkende Franziskanermönch der Wahrheit auf den Grund gehen möchte. Bald schon sind William und Adson selbst im Fokus des Killers. Und ein spannender Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Wie gesagt, die Verfilmung von Annaud fühlt sich gänzlich anders an als die Romanvorlage von Umberto Eco. Diese ist ein satirisches Meisterwerk, in dem der große Philosoph und Intellektuelle Eco gegen religiöse Verbohrtheit und naive Gutgläubigkeit ins Feld zieht und diese auch ins Lächerliche zieht. In Annauds Film sind diese Spitzen schon noch vereinzelt zu erahnen, doch ist die Stimmung des Films weitaus düsterer, und die Handlung konzentriert sich eben auf eben den Hauptstrang der Mordserie, die es aufzuklären gilt. So gesehen verfolgen Film und Buch zwei sehr unterschiedliche Ansätze. Puristen mag das vielleicht sauer aufstoßen, doch in meinen Augen hat man beim Film alles richtig gemacht, denn das Buch 1:1 zu verfilmen, wäre ein Ding der Unmöglichkeit geworden. So aber ist „Der Name der Rose“ der vielleicht beste Mittelalterkrimi aller Zeiten.


8,5 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Archive Photos/Getty Images – © 2012 Getty Images, Quelle http://www.imdb.com)