Jane Campion

The Power of the Dog (2021)

Regie: Jane Campion
Original-Titel: The Power of the Dog
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Western, Drama
IMDB-Link: The Power of the Dog


Benedict Cumberbatch mal gegen den Strich gebürstet: In „The Power of the Dog“ darf der charmante Brite mal ungewaschen sein, schlechte Manieren zeigen und generell ein Arschloch erster Güte spielen. Hier ist er nämlich einer von zwei Brüdern, die ihren Lebensunterhalt als Rancher in den Weiten von Montana verdienen. Er ist dabei der klassische Antiheld des Westerns, ein richtiges Raubein, während sein Bruder (Jesse Plemons) auf der sensiblen Seite ist, ein gelegentliches Bad zu schätzen weiß und auch weiß, wann und wie man einer traurigen Witwe (Kirsten Dunst) Trost spenden muss. Das führt dazu, dass die Witwe samt Sohn (Kodi Smit-McPhee) bald in die Ranch einzieht, sehr zum Missfallen des Raubeins Phils. Und überhaupt der Sohn: Der ist ein bisschen creepy, ein Bücherwurm, der mal Arzt werden will, der dabei aussieht wie der erste Prototyp eines Goths, und viel zu zartbesaitet für das Leben im Wilden Westen scheint. Natürlich passiert erst mal das, was passieren muss: Für das Raubein ist das Sensibelchen samt Mutter ein gewaltiger Dorn im Auge. Und so baut sich eine unheilvolle Spannung auf. In Jane Campions Western „The Power of the Dog“ liegen die Dinge aber oft anders, als man sie erwartet, und selten habe ich einen Film gesehen, der so geschickt falsche Fährten legt und Zusehererwartungen so gnadenlos unterläuft, ohne das zum Stilmittel verkommen zu lassen. Die Geschichte ist absolut stimmig, und doch überrascht sie jeden Moment aufs Neue. Das ist schlicht großartig gemacht, da kann man nur seinen Cowboyhut ziehen. Und es fällt somit auch kaum ins Gewicht, dass der Film (zu) viele Westernklischees bedient, denn wenn diese Klischees unterm Strich dann doch unterwandert werden, kann man sich damit auch gut abfinden. Ach ja, der ebenfalls grandiose Score stammt von Johann Strauss und Jonny Greenwood. Eine wilde Mischung.


7,5 Kürbisse

(Foto: (c) Viennale)

Das Piano (1993)

Regie: Jane Campion
Original-Titel: The Piano
Erscheinungsjahr: 1993
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: The Piano


Sam Neill im Dschungel. Warum muss ich da immer an Jurassic Park denken? Sei’s drum – in Jane Campions dreifachem Oscar-Gewinner „Das Piano“ wird er nicht von hungrigen Dinosauriern attackiert, sondern als Alistair Stewart von den Wirrnissen der Liebe. Soeben hat es seine neue Angetraute, die stumme Witwe Ada (Holly Hunter, Oscar), samt deren Tochter Flora (Anna Paquin, ebenfalls Oscar) an den neuseeländischen Strand gespült, doch die Gewöhnung aneinander läuft nicht ganz so reibungslos ab, wie man sich das im Vorfeld ausmalt. Ein bisschen spröde ist die Neue, und dass sie nichts redet, macht es auch nicht einfacher, sich anzunähern. Schwerer taktischer Fehler gleich zu Beginn: Das heiß geliebte Piano, für Ada mehr als nur ein Musikinstrument, sondern ihre Weise, sich der Welt gegenüber auszudrücken, bleibt aufgrund der Sperrigkeit und des Gewichts am Strand zurück. Klar hat sich da Alistair gleich mal selbst ein Ei gelegt, denn so gewinnt man keine Zuneigung, sondern nur Probleme. Man kann nicht wirklich sagen, dass sich Ada in die starken Arme von George Baines (Harvey Keitel) flüchtet, ein eher schweigsamer Geselle mit interessanten Tattoos, der sich mit den Maori gut gestellt hat. Es ist vielmehr so, dass er die Gunst der Stunde (und Alistairs Dummheit) nutzt, seinem Bekannten das am Strand verwaiste Piano abluchst und in Folge dessen Ada um, sagen wir mal, kleine Gefälligkeiten bittet, wenn sie es wiederhaben möchte. Auftakt zu einer mit viel melancholischer Musik unterlegter Ménage à trois. Und weil’s ständig schifft wie aus Eimern und die Pianomusik gar so traurig klingt, lässt sich schon bald erahnen: Das geht nicht lange gut. Allerdings bleibt der Film über seine gesamte Spieldauer interessant und sehenswert. Zum Einen liegt das an der poetischen, aber selten kitschigen Inszenierung von Jane Campion, zum Anderen an den tollen Leistungen aller Beteiligten – wobei Holly Hunter als stumme Ada, hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Verlangen, noch einmal deutlich herausragt. Auch das neuseeländische Setting und die Einbettung der Maori in den Alltag ist durchaus gelungen. Das Ende ist schön und stimmig. Wer den Film noch nicht kennt, kann hier jedenfalls mal einen Blick riskieren, ungeachtet spezieller cineastischer Präferenzen.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 1 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

The Portrait of a Lady (1996)

Regie: Jane Campion
Original-Titel: The Portrait of a Lady
Erscheinungsjahr: 1996
Genre: Drama, Historienfilm
IMDB-Link: The Portrait of a Lady


„The Portrait of a Lady“, Jane Campions opulente Verfilmung des Romans von Henry James, erhielt nur gemischte Kritiken. Und ja, es ist immer ein schwieriges Unterfangen, wenn man ein 600 Seiten starkes Buch auf Filmlänge zusammendampfen muss, zumal Henry James für das präzise Herausarbeiten sehr feiner psychologischer Nuancen bekannt war, die sich filmisch halt auch nur schwer darstellen lassen. So schreibt das Lexikon des internationalen Films zum Beispiel: „Gediegene Adaption eines Romans von Henry James, der es jedoch nicht ganz gelingt, die Beweggründe ihrer Protagonisten zu verdeutlichen […].“ Doch gerade darin liegt für mich der ganz große Reiz des Films, der seine Figuren eben nicht erklärt. Sie bleiben rätselhaft und in ihren Handlungen zuweilen auch unverständlich. Aber sind wir Menschen nicht so? Die Figuren in James‘ Roman sind ja auch extrem ambivalent angelegt, und dem wird Jane Campions Umsetzung gerecht. Isabel Archer (eine hinreißende Nicole Kidman) versteht ihre eigenen Entscheidungen oft nicht, sie folgt einem Gefühl, einem Impuls, immer aus ihren eigenen Vorstellungen von Freiheit und Unabhängigkeit heraus. Doch genau diese Vorstellungen und Ideen können sie aber auch in die Irre führen. So schlägt sie die Heiratsanträge der noblen Verehrer Lord Warburton (Richard E. Grant) und Caspar Goodwood (Viggo Mortensen) aus, nur um sich in die Arme des egozentrischen Gilbert Osmond (John Malkovich, undurchschaubar bis dämonisch wie immer) zu werfen, mit dem sie fortan eine unglückselige Ehe führt. Macht das Sinn? Nein. Aber manchmal trifft man eben mit vollem Bewusstsein und aus eigenem Antrieb heraus depperte Entscheidungen. Wenn das noch dazu so herausragend gespielt ist wie in „The Portrait of a Lady“, dann besteht die große Chance, dass man gefesselt am Bildschirm kleben bleibt. Zu nennen sind da neben dem Hauptcast noch die oscarnominierte Barbara Hershey sowie Martin Donovan, die extrem facettenreiche und interessante Nebenfiguren spielen.  Und zu nennen ist natürlich Mr. Henry James himself, der mit seinem Roman die Vorlage für die scharfzüngigen und hintersinnigen Dialoge geschaffen hat, die hier so geschliffen vorgetragen werden. Ein Film, der mehr wie ein Theaterstück wirkt, und genau das muss man eben nicht mögen, aber man kann, wenn man eine Antenne für diese Art von Geschichten hat.


8,0
von 10 Kürbissen