Julia Niemann

Davos (2020)

Regie: Daniel Hoesl und Julia Niemann
Original-Titel: Davos
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Davos


Gleich zu Beginn der Dokumentation „Davos“ ist man bei einer Totgeburt einer Kuh dabei. Wenn es sich hierbei um eine Andeutung handelt, dass die heilige Milchkuh des Kapitalismus, die nur wenige Kilometer weiter in einem feinen Kongresshotel unter den Mitgliedern des alljährlich stattfindenden World Economic Forum verhandelt wird, ebenfalls zu nichts Vitalem mehr fähig ist, dann Hut ab vor Daniel Hoesl und Julia Niemann für dieses zwar nicht besonders subtile, aber doch auch raffinierte Bild. Es ist halt alles recht kompliziert. Die Reichen und Mächtigen teilen sich den Kuchen untereinander auf, wirken aber ehrlich erschüttert, wenn sie mal im Rahmen einer Performance das Leid, das Flüchtlinge durchlaufen, am eigenen Leib erfahren (dürfen), daneben kämpfen die Bäuerinnen und Bauern um ihr Überleben und das Bestehen ihres Hofes, wobei der Jammer ein wenig aufgesetzt wirkt, wenn man das Leben dieser Menschen mit jenem von weniger Privilegierten aus den armen Regionen der Welt vergleicht. Selbst die afghanischen Flüchtlingskinder und portugiesischen Migranten, die man in der Stadt vor mächtiger Gebirgskulisse ebenfalls zu Wort kommen lässt, haben zwar ein vergleichsweises hartes Los, sind aber immerhin in Sicherheit und einem der reichsten Länder der Welt. Natürlich, die Gefahr der Abschiebung lauert hinter jedem Kalenderblatt, da gibt es nichts zu beschönigen. Dennoch steckt eine gewisse Ambivalenz in den Bildern, und ich wiederhole mich: Es ist alles recht kompliziert. Daniel Hoesl und Julia Niemann bleiben den Prinzipien des Dokumentarfilms treu: sie zeigen, ohne zu kommentieren. Und gerade dadurch bleibt der Film auch in der Schwebe. Es wäre einfach gewesen, mit dem Finger auf die bösen Kapitalisten im teuren Kongresshotel zu zeigen, es wäre noch einfacher gewesen, sich einfach den Demonstranten gegen das WEF anzuschließen und mit ihnen mitzulaufen, aber Hoesl und Niemann vermeiden diesen Fehler geschickt. So ist am Ende aber die Stärke des Films auch seine größte Schwäche: Er bleibt beliebig und findet damit zu keiner Aussage, die man im Anschluss noch länger diskutieren könnte.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)