Jumana Manna

Wild Relatives (2018)

Regie: Jumana Manna
Original-Titel: Wild Relatives
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Wild Relatives


Als „Wild Relatives“ bezeichnet man a) bei Weihnachtsfeiern über die Stränge schlagende Tanten und b) wild wachsende Verwandte von gezüchteten Pflanzensorten. In Jumana Mannas Dokumentarfilm des gleichen Namens geht es um Letzteres. Bzw. um Saatgut generell. Und um den Krieg in Syrien. Denn vor dem Krieg befand sich in Aleppo eine wichtige Gen-Bank für Saatgut. Zum ersten Mal in der Geschichte musste 2012 aus dem weltweit wichtigsten Samen-Lager im norwegischen Spitzbergen, wo auch Samen aus Aleppo gelagert wurden, Saatgut entnommen werden, um im Libanon die Pflanzen aus Syrien neu anpflanzen zu können. Das norwegische Lager ist eine interessante Einrichtung. Von den 21 weltweit wichtigsten Pflanzenarten werden dort Samen aufbewahrt, tief in den Bergen und atombombensicher. Bezeichnend wird das Lager auch als „Doomsday Vault“ bezeichnet. Wenn wir es also aus Dummheit schaffen sollten, eine oder mehrere dieser Nutzpflanzen in der Natur auszurotten (und ich halte es in dieser Beziehung mit Albert Einstein, der schon gesagt hat, dass zwei Dinge grenzenlos seien, das Universum und die menschliche Dummheit, nur beim Universum sei er sich noch nicht ganz sicher), gibt es also auf dieser entlegenen Insel noch ein Backup. Und da die ICARDA (Internationales Zentrum für Landwirtschaftsforschung in Trockengebieten) im Zuge des Bürgerkrieges ihre Gen-Bank in Syrien aufgeben musste, mussten zum ersten Mal überhaupt eben Samen aus dem Doomsday Vault angefordert werden, um die Forschungen im Libanon weiterbetreiben zu können. Was in diesem Film natürlich unterschwellig mitschwingt, ist die Frage der Nachhaltigkeit. Es ist erstaunlich, dass so ein Saatgutlager wie in Norwegen überhaupt erst notwendig ist. Schlicht, weil wir zu deppert sind im Umgang mit der Natur, und immer wieder Gefahr laufen, ganze Pflanzenarten auszurotten. Der Inhalt des Films ist also hochgradig interessant. Der Film selbst ist es jedoch nicht. Zusammenhänge werden nur unzureichend behandelt und erklärt – das Meiste von dieser inhaltlichen Einleitung musste ich tatsächlich nachrecherchieren. Auch finden sich Szenen in dem Film, die völlig entbehrlich für den Inhalt sind – wie beispielsweise Gespräch eines Priesters auf Spitzbergen mit einem Wissenschaftler. Da gäbe es ja durchaus Potential, die Rolle des Menschen in der Natur zu verhandeln. Stattdessen verlieren sie sich in Betrachtungen über die schöne Landschaft und über Eisbären. Hier wurde leider ein spannendes Thema auf eine recht belanglose und langweilige Weise umgesetzt. Ein Film über besoffene Tanten wäre kurzweiliger gewesen.

 


4,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)