Kathryn Bigelow

Strange Days (1995)

Regie: Kathryn Bigelow
Original-Titel: Strange Days
Erscheinungsjahr: 1995
Genre: Science Fiction, Thriller
IMDB-Link: Strange Days


Millennium. Das neue Jahrtausend, der Wechsel von 1999 auf 2000. Wer erinnert sich nicht? An die Hysterie um den angeblichen Millennium-Bug, der am 1. Jänner 2000 sämtliche Computer lahmlegen würde? An die Prophezeiungen des Maya-Kalenders, dass die Welt untergehen würde? An die Gewissheit, dass Eurodance endgültig tot war? Und dann ist alles doch nicht so schlimm gekommen. 19 Jahre später blicken wir mit einem selbstgefälligen Lächeln auf eine friedvolle Welt, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht, uns das Klima davonläuft, weil wir immer noch CO2 hinausheizen wie die Blöden, der Nahe Osten zu einem einzigen Minenfeld geworden ist, wir Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen und allesamt keinen Dunst haben, wie wir in Zukunft all die hungrigen Mäuler inklusive unserer eigenen füttern wollen. Aber Hauptsache, eine Orange mit dem Intellekt einer Amöbe und eine Vogelscheuche mit Stroh im Kopf sind die Leader unserer Welt. (Und ja, ich weiß, die Vogelscheuche ist noch nicht im Amt, aber das ist nur eine Frage der Zeit, denn wenn wir aktuell eines aus der Geschichte lernen können, dann, dass die Grenze der Dummheit bei weitem noch nicht erreicht ist und Niveau zu einem fröhlichen Limbodance geworden ist, bei dem so gut wie alle Länder und Völker fleißig mitspielen.) Aber vielleicht sollte ich mal was über den Film schreiben, in dem in den letzten Tagen des 20. Jahrhunderts auch so einiges aus den Fugen gerät. Ralph Fiennes spielt den gestressten Ex-Polizisten Lenny Nero, der eine neue Art entdeckt hat, Kohle zu scheffeln: Er vertickt Erinnerungen, die quasi direkt aus dem Gehirn gezapft werden, an zahlungskräftige Kunden, die dann diese Erinnerungen nachempfinden können. Eh ganz lustig, quasi eine Vorwegnahme der Go Pro-Action-Cams. Blöd nur, dass Lenny eines Tages ansehen muss, wie eine solche Erinnerung gar unschön ausfällt – und fortan befindet er sich mit Angela Bassett auf der Flucht vor bösen Schurken und versucht, seine Verflossene, gespielt von Juliette Lewis, der grungigste Feger der 90er, zu retten – die aber nicht wirklich gerettet werden will. „Strange Days“ ist zwar nicht unbedingt würdevoll gealtert, aber einige gesellschaftliche Entwicklungen werden dennoch auf spannende Weise vorweggenommen, und die Thrillerhandlung ist handwerklich sauber inszeniert, wie man das von Kathryn Bigelow kennt. So unterhält der Film auch heute noch sehr gut und lässt im Anschluss an die Sichtung tiefschürfende philosophische Diskurse über Vorwegnahmen von Fehlentwicklungen zu. Aber vielleicht sollten wir uns auch einfach mal um unseren eigenen Kram des Jahres 2019 kümmern. Da haben wir ohnehin genug zu tun.


7,0
von 10 Kürbissen

K-19: Showdown in der Tiefe (2002)

Regie: Kathryn Bigelow
Original-Titel: K-19: The Widowmaker
Erscheinungsjahr: 2002
Genre: Thriller, Historienfilm, Drama
IMDB-Link: K-19: The Widowmaker


Wenn man sich die Filmographie von Kathryn Bigelow ansieht, dann stellt man fest, dass sie ein Faible für Genres hat, die man in einer ersten spontanen Eingebung eher männlichen Filmschaffenden zuordnen würde: Ob Kriegsfilm („The Hurt Locker – Tödliches Kommando“), Polizeithriller ohne politischer Dimension („Blue Steel“) oder mit (Detroit) oder im Surfer-Milieu („Gefährliche Brandung“) oder Polit-Thriller („Zero Dark Thirty“) – die Dame fühlt sich wohl im Kreise ihrer männlichen Kollegen. In „K-19: Showdown in der Tiefe“ von 2002 taucht sie nun mit ihrer ausschließlich männlichen Besatzung (angeführt von Harrison Ford und Liam Neeson) in einem russischen U-Boot ab. Das soll Anfang der 60er mitten im Kalten Krieg der ganze Stolz der Sowjetarmee werden, aber da man die tauchende Zigarre ein wenig zu früh ihre Raketen abschießen lässt (quasi ein militärischer ejaculatio praecox), darf man sich schon bald mit ein paar Problemchen herumplagen, die man auf einem U-Boot nicht so gerne hat: zum Beispiel mit einem Leck im Kühlkreis des Kernreaktors, der das Boot antreibt und der in Folge dessen in die Luft zu gehen droht. Und weil man gerade recht nahe an einer NATO-Basis herumschippert und somit weit weg ist von russischer Erde, ist man erst mal auf sich allein gestellt. Weil: Die Amis anrufen und denen die Malaise zu schildern, käme politisch gesehen nicht so toll, da verliert man doch ein bisschen das Gesicht. Ein U-Boot als Atombombe neben ihren Schiffen hochgehen zu lassen, kommt aber auch nicht so gut. Und auch wenn man ein treuer russischer Volksgenosse ist, möchte man doch irgendwann mal gemütlich in der Tundra auf seiner Veranda sitzen und den Enkelkindern beim Spielen zusehen. Also sind Kreativität und Mut und Schnelligkeit gefragt. Und die Bereitschaft, das eigene Leben für das Wohl der Kameraden aufs Spiel zu setzen. Denn irgendwer muss da hinein zu diesem blöden Reaktor und das Ding wieder zusammenflicken. Die Geschichte von „K-19: Showdown in der Tiefe“ beruht auf wahren Begebenheiten. Dieses Unglücksboot, das sich noch vor dem Stapellauf den Beinamen „The Widowmaker“ verdient und diesen dann mit Havarien wie der hier beschriebenen weiter einzementiert hat, gab es tatsächlich. Natürlich werden die Ereignisse von damals stark verkürzt und dramatisiert erzählt – das ist eben Hollywood. Das eigentliche Problem des ansonsten sehr passablen, aber recht routiniert abgespulten Thrillers liegt in der Besetzung. Ich kaufe weder Harrison Ford noch Liam Neeson die russischen Offiziere ab. Da können sie sich noch so sehr mit einem pseudo-russischen Akzent abmühen (der bei Ford nach keiner nachvollziehbaren Logik kommt und geht), die Diskrepanz ist einfach da und nicht wegzuwischen.


6,0
von 10 Kürbissen

Detroit (2017)

Regie: Kathryn Bigelow
Original-Titel: Detroit
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Thriller, Politfilm
IMDB-Link: Detroit


Detroit 1967. Motor City leidet unter Arbeitslosigkeit und der Abwanderung der Menschen in die Suburbs. Die schwarze Bevölkerung ist in engen Vierteln zusammengepfercht. Wut über die soziale Ungerechtigkeit und Hoffnungslosigkeit führen dazu, dass es in diesem Kochtopf gewaltig zu brodeln beginnt. Die Polizei begegnet der Bevölkerung mit zunehmender Härte. Als schließlich eine Razzia eskaliert, kommt es zu gewalttätigen Aufständen der Schwarzen, die kurzerhand ein ganzes Viertel zerlegen und abfackeln. Es herrschen bürgerkriegsartige Zustände. Mitten in die Klimax hinein erlaubt sich ein junger Schwarzer im Algier-Motel, eine Mischung aus Partyzone und Refugium, einen folgenschweren Scherz. Die Polizei vermutet einen Heckenschützen im Motel und stürmt dieses ohne Rücksicht auf Verluste.

Die letzten beiden Filme von Kathryn Bigelow, „The Hurt Locker“ und „Zero Dark Thirty“, kann man als politische Kriegsfilme bezeichnen. „Detroit“, obwohl es um die Bürgerrechtsbewegung geht und der Film ausschließlich in der US-amerikanischen Stadt spielt, reiht sich da nahtlos ein. Bigelow ist eine Regisseurin, die wie keine zweite das Chaos des Krieges und die Traumata, die daraus entstehen, festhalten kann. Umso erschreckender, dass die Handlungen, die sie in „Detroit“ zeigt, nicht aus einem fernen Kriegsgebiet stammen, sondern sich tatsächlich in den 60ern in der fünftgrößten Stadt der USA zugetragen haben. Kathryn Bigelow bleibt, auch dank der nervös zuckenden Handkamera von Barry Ackroyd (oscarnominiert für „The Hurt Locker“), stets nah am Geschehen. Die ersten zwei Stunden des Films sind ein permanenter Schlag in die Magengrube. Selten habe ich das Ungleichgewicht von Macht und Ohnmacht so überzeugend und physisch spürbar auf Film gebannt gesehen. Leider fällt das Ende dann ein bisschen ab. Die Aufarbeitung der Geschehnisse bräuchte nämlich im Grunde einen eigenen Film und wird hier etwas lieblos und fast zu schnell abgespult, sodass der Film am Ende trotz 2,5 Stunden Laufzeit etwas gehetzt wirkt. Trotzdem: Die ersten 1,5 bis 2 Stunden gehören zum Besten, was ich in diesem Filmjahr gesehen habe. Unglaublich eindringlich und mitreißend.

Eine Anmerkung am Rande noch: Nach „Licht“ ist das der zweite Film in jüngerer Zeit, in dem mir die Abmischung des Tons extrem positiv aufgefallen ist. Auch das trägt zu der beklemmenden Stimmung von „Detroit“ bei.


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin Filmverleih)