Kriegsfilm / Anti-Kriegsfilm

Aufstieg (1977)

Regie: Larisa Shepitko
Original-Titel: Voskhozhdeniye
Erscheinungsjahr: 1977
Genre: Drama, Kriegsfilm
IMDB-Link: Voskhozhdeniye


„Aufstieg“, der letzte Film von Larisa Shepitko aus dem Jahr 1977, ist ein Film wie ein unliebsame Bekanntschaft mit einem Vorschlaghammer. Der mit voller Wucht von „The Mountain“ aus Game of Thrones durchgezogen wird. Und der direkt auf die Magengrube zielt. Man taumelt aus dem Kinosaal und ist erst einmal durch mit der Welt. Danach braucht man Gummibärchen. Und Schokolade. Und eine warme Decke. Und viele Umarmungen. Wirklich viele. (Und ja, das ist ein Hilfeschrei. Kommt und umarmt mich. Bitte!) Kaum ein anderer Film hatte jemals eine solche Wirkung auf mich. Kaum sonst ging eine Regisseurin oder ein Regisseur so unbarmherzig mit seinem Publikum um. Ja, es gibt sie, die genialen Filme, die, wie schon erwähnt, genau die Magengrube treffen, und die man, so großartig man sie auch findet, wohl kein zweites Mal sehen möchte – oder erst dann, wenn man zumindest die Wirkung der ersten Sichtung vergessen hat. „Aufstieg“ gehört zu diesen seltenen Filmen. Er erzählt die Geschichte zweier Partisanen in Weißrussland, die mit dem Sonderauftrag, Proviant zu beschaffen, durch die eisige und verschneite Landschaft geschickt werden. Diese ist unwirtlich genug, und noch dazu wimmelt es hier von Deutschen. Was wie ein (eisiger) Kriegsfilm beginnt, entwickelt sich aber in weiterer Folge zu einem Gewissensdrama, als die beiden gefangen genommen werden. Kollaborieren oder Widerstand leisten, um die eigenen Truppen nicht zu verraten? Was nach einer simplen Frage klingt, die jeder für sich selbst beantworten muss, wird in Larisa Shepitkos Händen aber viel mehr. Sie macht daraus einen spirituell anmutenden Film über die Conditio Humana, sie verarbeitet die christliche Erlösungsgeschichte darin, sie öffnet die Pforten zur schlimmsten inneren Hölle, die man sich vorstellen kann – und setzt damit dem Publikum gnadenlos zu. Musik, Bilder, die Nahaufnahmen der Gesichter der Menschen, der Augen (erschrocken, verängstigt, verletzlich), all das brennt sich unlöschbar ein. Ein wahres Monster von einem Film. Für mich gehört „Aufstieg“ zu den beeindruckendsten Werken, die ich jemals gesehen habe. Empfehlen kann ich den Film aber nicht. Ob man sich das antut, muss jeder für sich selbst entscheiden. Wer sich aber diesem Wagnis aussetzt, wird eine Erfahrung machen, die noch lange im Gedächtnis bleiben wird. So viel kann ich versprechen.


9,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Paisà (1946)

Regie: Roberto Rossellini
Original-Titel: Paisà
Erscheinungsjahr: 1946
Genre: Episodenfilm, Drama, Kriegsfilm
IMDB-Link: Paisà


Als „Paisà“ bezeichneten die Italiener während des Zweiten Weltkriegs die amerikanischen Soldaten, die in Sizilien landeten und von dort aus nordwärts Richtung Alpen marschierten. Um die Begegnungen zwischen den Soldaten und der zivilen Bevölkerung geht es auch in Rossellinis Episodenfilm, der zu den Klassikern des italienischen Neorealismus gezählt wird. Wie auch die amerikanischen Truppen selbst arbeitet sich Rossellini vom Süden in den Norden vor: Auf Sizilien begegnet ein Spähtrupp einer jungen Sizilianerin, die nach ihrer Familie sucht. Im besetzten Neapel führt ein armer Junge einen betrunkenen Militärpolizisten durch die Ruinen der Stadt. In Rom laufen sich zwei ehemals Liebende in die Arme, die sich nach den fürchterlichen Grauen, die der Krieg in die Stadt gebracht hat, nicht wiedererkennen. In Florenz versucht eine amerikanische Krankenschwester zusammen mit einem Bekannten in den noch von Deutschen besetzten Teil der Stadt vorzudringen, um ihren Geliebten zu suchen. In einem entlegenden Kloster in der Romagna nehmen Mönche amerikanische Militärkaplane bei sich auf. Und in der Po-Ebene kämpfen im Schilf des Ufers erbittert eingeschlossene Partisanen zusammen mit einer amerikanischen Einheit mit Unterstützung der Bevölkerung gegen die Deutschen. Manche dieser Geschichten sind wunderbare, in sich geschlossene Dramen (wie etwa die erste und die dritte Episode), die auch einen ganzen Film allein tragen würden. Nicht alle Episoden sind gleichermaßen fesselnd, aber alle zeichnet ein unverzerrter, jedoch nicht verbitterter Blick auf die Verhältnisse im besetzten Italien aus. Die Dialoge sind hervorragend geschrieben (am Drehbuch arbeiteten Federico Fellini und Klaus Mann mit), die Kamerarbeit ist exzellent, und hin und wieder blitzt sogar ein Funke Humor durch – der allerdings schon in der nächsten Einstellung von der Realität des Krieges unterlaufen wird. Den Fortschritt der amerikanischen Truppen zeichnet Rossellini in kurzen Zwischensequenzen mit Aufnahmen aus der Nachrichten nach, was dem Film zudem eine dokumentarische Note verleiht. Ein sehr eindringlicher und phasenweise intensiver Film, dessen einzelne Episoden zwar nicht alle durchgängig auf dem gleichen herausragenden Niveau sind, aber insgesamt ist „Paisà“ ein großes Werk, das sehr gut gealtert ist.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 15 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

Foxtrot (2017)

Regie: Samuel Maoz
Original-Titel: Foxtrot
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Anti-Kriegsfilm
IMDB-Link: Foxtrot


Einer Familie wird die traurige Nachricht überbracht, dass deren einziger Sohn, der gerade seinen Militärdienst absolviert, beim Einsatz getötet wurde. Völliger Zusammenbruch von Mutter und Vater. Der Onkel trifft bald ein, um die Familie in ihrer Trauer zu unterstützen. Der Militär-Rabbi kümmert sich um die Formalitäten der Beerdigung. Der Vater, zunächst stoisch in seiner Fassungslosigkeit, kann den Schmerz nur ausdrücken, indem er sich die Hand verbrüht. Doch dann klopfen die Militärs erneut mit gesenkten Häuptern. Es war alles eine riesengroße Verwechslung, ein Irrtum. Ein Anderer ist im Kampf gefallen, dem Sohn geht es wunderbar – er sitzt am Checkpoint im Nirgendwo und ist wohlauf. Jetzt kriegt der Vater einen Auszucker. Das Militär hat dafür zu sorgen, dass nach diesem Schock der Sohn so schnell wie möglich nach Hause kommt. Dieser sitzt in der Zwischenzeit, wie man im zweiten Teil des Films sieht, mit drei Kameraden wirklich am Arsch der Welt in einem im Sumpf versinkenden Container, wo er gelegentliche passierende Autos überprüfen muss und den Schranken für Kamele, die ungerührt auf der Straße spazieren, hebt. Doch eines Abends geht etwas fürchterlich schief bei einer Routineüberprüfung. Und sie bricht herein, die Gewalt, die schon – wie man im dritten Teil erfährt – dem Vater zu schaffen gemacht hat. „Foxtrot“ ist eine sehr intelligente, emotional starke Abhandlung über die Sinnlosigkeit des militärischen Apparates, über die Spirale der Gewalt, über Angst und unterdrückte Schuldgefühle. Exzellent gespielt, im zweiten Teil mit absurd-lakonischem Humor gewürzt, und formal spannend. Vieles wird angedeutet, aber nicht explizit erzählt, und der Film macht den Tanz, von dem er seinen Titel entleiht, zum Thema: Ein Schritt vor, ein Schritt zur Seite, ein Schritt zurück, wieder ein Schritt zur Seite – am Ende landet man beim Foxtrot immer bei der Ausgangssituation. Dieser Film ist wirklich ein Ereignis – das lediglich am Ende mit einem etwas anderen Twist noch eindringlicher hätte sein können.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Zwischen Welten (2014)

Regie: Feo Aladag
Original-Titel: Zwischen Welten
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Anti-Kriegsfilm
IMDB-Link: Zwischen Welten


Eine Erfahrung des vergangenen Wochenendes: Wenn man einen sitzen hat, sollte die Komplexität der Handlung des Films, den man sich ansehen möchte, proportional abnehmen mit der Zunahme der Promille. Einfach mal so gesagt. Den meisten Lesern wird das nicht völlig neu sein, denke ich, aber als Spätberufener in Sachen Alkoholkonsum habe ich hier noch eine Lernkurve hinzulegen, und weil ich ja über jeden Scheiß schreibe, teile ich diese Erfahrung nun mit diesem erlauchten Kreis hier. So gesehen war „Zwischen Welten“ der österreichischen Regisseurin Feo Aladag keine schlechte Wahl. Es geht um den deutschen Soldaten Jesper, der sich als Befehlshaber in ein afghanisches Kaff stationieren lässt und dort in Zusammenarbeit mit der örtlichen Miliz für Ruhe sorgen soll. Denn immer wieder wird das Dorf von den Taliban angegriffen. Mit Hilfe des Dolmetschers Tarik versucht Jesper, die strikte Ordnung des deutschen Heeres zusammenzuführen mit den örtlichen Begebenheiten, in denen andere Werte als bloßer Befehlsgehorsam zählen. Tarik selbst hat auch seine Probleme, denn er und seine Schwester werden von den Taliban bedroht. Am Ende läuft die Sache auf eine Gewissensfrage rund um Moral, Gehorsam und die Unerbittlichkeit des militärischen Apparates hinaus. „Zwischen Welten“ ist ein ruhiger und durchaus interessanter Film, der für einen Anti-Kriegsfilm mit überraschend wenigen Kampfszenen auskommt. Der Fokus liegt hierbei eher auf dem Zusammenspiel der Kulturen im Camp, das nicht immer einfach ist. Ein wenig mehr Spannung hätte dem Film dennoch gut getan. Auch die Hintergründe werden nicht immer klar. Warum beispielsweise der Dolmetscher unbedingt für die Deutschen arbeiten möchte, auch wenn sein Leben und das seiner Schwester bedroht wird, und warum die Taliban so einen Pick auf ihn haben, wurde entweder nicht wirklich erklärt oder war mir aufgrund des doch nicht ganz nüchternen Zustands bei der Sichtung und der damit einhergehenden Abnahme der Geistesschärfe ein bisschen zu hoch. Wer weiß.  Was definitiv nicht erklärt und auch nicht angedeutet wurde, ist die Motivation von Jesper, sich dieses gefährliche Kommando anzutun. Dadurch bleiben die Figuren, allen voran eben Jesper, leider etwas oberflächlich. Dennoch ein Film, den man sich durchaus mal ansehen kann – gerne auch nüchtern.


6,0
von 10 Kürbissen

Die dunkelste Stunde (2017)

Regie: Joe Wright
Original-Titel: Darkest Hour
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Kriegsfilm, Biopic
IMDB-Link: Darkest Hour


Gary Oldman ist unbestritten einer der besten und wandlungsfähigsten Schauspieler der Gegenwart. Dass er bislang noch nicht zu Oscar-Meriten gekommen ist, verwundert doch sehr. Das wird sich aber mit dem 4. März 2018 ändern. Denn dann wird Gary Oldman für seine Rolle als Winston Churchill in „Darkest Hour“ ausgezeichnet werden. Alles Andere wäre absurd bis grob fahrlässig von der Academy. Der Film selbst ist ein klassisches Biopic-Drama mit allen diesem Genre zuordenbaren Stärken und Schwächen. Will man halbwegs seriös bleiben in diesem Genre, lassen sich halt nur wenige dramaturgische Veränderungen der Handlung vornehmen, was dieser – neben der Tatsache, dass sie den meisten Zusehern ohnehin geläufig ist – fast immer etwas an Spannung kostet und die Möglichkeiten, die Geschichte interessant und frisch zu erzählen, drastisch reduziert. Gleichzeitig aber lebt das Genre vom Bezug auf die historisch realen Personen und lässt und diese besser kennenlernen. Auch das kann interessant sein bzw. ist es auch im Fall von „Darkest Hour“. Womit wir wieder beim überragenden Gary Oldman wären, der Churchill nicht nur spielt, sondern ihn wieder lebendig werden lässt. Ähnliches ist Daniel Day-Lewis vor einigen Jahren in „Lincoln“ gelungen. Es braucht aber Ausnahmekapazunder wie eben Daniel Day-Lewis, Gary Oldman oder Helen Mirren (als Queen Elizabeth II.), damit diese Unternehmung gelingt und der Film nicht zu spannungsarmer Dutzendware verkommt. Denn an sich ist die Geschichte in „Darkest Hour“ trotz der historischen Relevanz und inhärenten Dramatik nur bedingt dazu geeignet, das Publikum in die Sitze zu kleben: Es geht um die ersten Wochen der Regierungszeit von Winston Churchill, der die undankbare Aufgabe übertragen bekommt, im Kriegsjahr 1940 die Kohlen für Großbritannien, das im Krieg gegen das Deutsche Reich schon verloren aussieht, doch noch aus dem Feuer zu holen, und das gegen innere Widerstände, denn die meisten seiner Parteifreunde bevorzugen die Kapitulation in Form von Friedensgesprächen mit Hitler. Joe Wright, der Regisseur, zeichnet dabei ein durchaus privates und intimes Porträt von Winston Churchill, konzentriert sich dabei im Großen und Ganzen aber dennoch auf seine Funktion als Staatsmann und auf das politische Hickhack seiner Zeit. Wie gesagt, das alles ist historisch relevant, aber für die Dramaturgie eines Films nicht ganz ideal. So bleibt Joe Wright auch auf sicheren konventionellen Pfaden. Allerdings wird der Film veredelt durch die schauspielerische Glanzleistung von Gary Oldman. Und allein deshalb schon funktioniert „Darkest Hour“ wirklich gut und bleibt jeden Augenblick interessant.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 51 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

 

Dunkirk (2017)

Regie: Christopher Nolan
Original-Titel: Dunkirk
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Historienfilm, Kriegsfilm
IMDB-Link: Dunkirk


1940. Der Kessel von Dünkirchen. 400.000 britische (fast die gesamte Berufsarmee Großbritanniens) und französische Soldaten sind abgeschnitten von der Heimat und warten am Strand auf Rettung. Mitten drin der einfache Soldat Tommy (Fionn Whitehead), der den Zuseher die nächsten 1,5 Stunden lang durch die spektakulärste militärische Rettungsaktion der Geschichte führt. Es sind einfache Fischer und Segler (darunter der von Mark Rylance gespielte Dawson), die zu Hilfe eilen und über den Ärmelkanal setzen. Über ihnen versuchen britische Kampfflieger wie zB Farrier (Tom Hardy) die Schiffe gegen deutsche Flugzeuge zu beschützen. Es geht hier nicht mehr um den Kampf gegen den Feind, um Heldenmut oder waghalsige Manöver. Es geht um das schiere Überleben. Und das zeigt „Dunkirk“, der neue Film von Christopher Nolan, ohne Kitsch und Pathos (ganz anders als das unsägliche „Hacksaw Ridge“ von Mel Gibson), aber mit nervenzerfetzender Spannung auf. „Dunkirk“ ist ein unkonventioneller Kriegsfilm, da er den Krieg und seine Protagonisten nicht überhöht. Die Luftgefechte zwischen den Kampffliegern sehen unspektakulär aus, ohne dabei an Spannung einzubüßen. Man spürt: Jeder Fehler kann sofort schwerwiegende Konsequenzen haben. Und doch versucht jeder einfach nur, seinen Job zu machen. Die Männer, die hier um ihr Überleben und das der Evakuierten auf den Schiffen kämpfen, sind keine wagemutigen Draufgänger. Sie sind einfach nur Menschen, die schon Vieles erlebt haben und durchleiden mussten, die traumatisiert sind, schweigsam, aber sie tun, was getan werden muss. Was zur Spannung beiträgt, ist der grandiose Soundtrack von Hans Zimmer, in den immer wieder das Ticken einer Uhr eingebaut ist, sowie die nicht chronologische Erzählform. Immer wieder werden Szenen aus verschiedenen Blickwinkeln neu gezeigt – was ich durchaus als Verweis auf die improvisierte und auch chaotische Rettungsaktion verstehe sowie als Metapher für den Verlust des Zeitgefühls der Soldaten, für die sich in ihrer schier aussichtslosen Lage Minuten wie Stunden und Stunden wie Ewigkeiten hinziehen. All das erzählt der Film ziemlich matter of fact. Er überhöht nichts. Gerade deshalb wirkt der Schrecken des Krieges lange nach. Und auch der Film wird lange überdauern und auch künftig in Christopher Nolans ohnehin schon eindrucksvoller Filmografie als eines seiner Meisterwerke herausragen.


8,5
von 10 Kürbissen

Wonder Woman (2017)

Regie: Patty Jenkins
Original-Titel: Wonder Woman
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Abenteuerfilm, Action, Fantasy, Kriegsfilm
IMDB-Link: Wonder Woman


Nach der Dark Knight-Trilogie von Christopher Nolan ging es qualitativ mit den DC-Comic-Verfilmungen eher bergab. Doch nun sorgt „Wonder Woman“ für Furore. Der erfolgreichste Film einer Regisseurin ever tritt den Cape-bewehrten Macho-Muskelprotzen, die sonst die Leinwand bevölkern, kräftig in den Hintern. Gefeiert wird der Film als feministisches Action-Kino. Das ist schon mal gut – ein breiter Diskurs in dieser Sache ist wichtig. Aber funktioniert der Film auch als solcher, wenn man sich nicht allein auf die Tatsache stützt, dass er eine sehr starke, Ärsche tretende weibliche Hauptfigur hat? Funktioniert er als Sommer-Blockbuster-Action-Kracher? Da fällt mein Urteil ein bisschen differenzierter aus. Zwar unterhält der Film über seine Spielzeit sehr gut und bietet wirklich gute Unterhaltung mit soliden Action-Szenen, aber die Neu-Erfindung der Comic-Verfilmung, als die ihn manche Kritiker gerne sehen würden, ist „Wonder Woman“ nicht. Die Story ist dann doch recht vorhersehbar, die CGI hat auch schon mal besser ausgesehen und Nebenfiguren wie Schurken sind im Grunde recht eindimensional. Was das betrifft, so bleibt die Dark Knight-Trilogie weiterhin der Maßstab für die Branche. Aber geschenkt. „Wonder Woman“ ist gutes Action-Kino mit einer wichtigen Botschaft – nämlich, dass es heutzutage wirklich wurscht sein soll, ob die Welt von einem Mann oder einer Frau gerettet wird, denn Letztere kann das mindestens genauso gut.


7,0
von 10 Kürbissen

Unter dem Sand – Das Versprechen der Freiheit (2015)

Regie: Martin Zandvliet
Original-Titel: Under Sandet
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Anti-Kriegsfilm
IMDB-Link: Under Sandet


„Unter dem Sand“ von Martin Zandvliet ist Dänemarks diesjähriger Oscar-Beitrag und wurde tatsächlich auch nominiert. Der Film handelt von einer Geschichte, die heutzutage kaum jemand auf dem Schirm hat: Nach Kriegsende und dem Abzug der deutschen Wehrmacht aus dem besetzten Dänemark blieben an der Küste Dänemarks fast zwei Millionen Landminen zurück. Zum Aufspüren und Entschärfen wurden deutsche Kriegsgefangene herangezogen. Die meisten davon stammten aus Hitlers allerletztem Aufgebot und waren daher Jugendliche, fast noch Kinder. Diese mussten nun die Strandabschnitte nach den tödlichen Sprengfallen absuchen. Nur etwa die Hälfte der dabei eingesetzten Gefangenen überlebten diese Arbeit bis zum Ende. „Unter dem Sand“ zeigt die Soldaten der deutschen Wehrmacht als Opfer. Verschreckte Jungen, die eigentlich nur nach Hause zu ihren Eltern möchten und davon träumen, zum ersten Mal mit einem Mädchen zusammen zu sein, müssen nach Kriegsende immer noch ihr Leben aufs Spiel setzen für eine Sache, an der die allermeisten von ihnen gar nicht beteiligt waren. Durch die Perspektive, die der Film einnimmt, gibt er ein sehr starkes Plädoyer gegen die Sinnlosigkeit des Krieges ab – mehr als es zB Mel Gibsons in meinen Augen völlig überschätzte „Hacksaw Ridge“ mit seiner Brutalität und seinen drastischen Bildern tut. Stark ist auch die Wandlung des dänischen Feldmarschalls, dem eine Gruppe von Kriegsgefangenen zugeteilt ist, und der allmählich lernt, seinen Hass abzulegen und die Menschen, die er vor sich hat, als solche wahrzunehmen. Allerdings ist „Unter dem Sand“ kein Film, den man mehr als einmal sehen möchte. Er geht unter die Haut und ist zum Teil nervenzerfetzend, wenn die Jungs, die sich vor Angst ankotzen, im Sand nach Minen stochern. Auch ist manches dramaturgisch nicht ganz schlüssig (warum zB die Kriegsgefangenen laut Befehl des Kommandos keine Nahrung bekommen sollen). Trotzdem ist „Unter dem Sand“ aber ein guter und vor allem wichtiger Film.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Koch Media)

Hacksaw Ridge – Die Entscheidung (2016)

Regie: Mel Gibson
Original-Titel: Hacksaw Ridge
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Kriegsfilm / Anti-Kriegsfilm
IMDB-Link: Hacksaw Ridge


Standing Ovations in Venedig. Das gefeierte Regie-Comeback von Mel Gibson. Ein harter, düsterer Kriegsfilm über einen Soldaten, der zum Helden wurde, ohne einen einzigen Schuss abgefeuert zu haben. Das ist „Hacksaw Ridge“. Zumindest für viele Zuseher, die unter der zentimeterdicken Schicht Pathos und Religionsfanatismus, die Mel Gibson auf die Filmrollen gekleistert hat, noch etwas erkennen können. Ich konnte es nicht. Im Gegenteil. Viele pathetische Stellen offenbarten für mich eine sehr unfreiwillige Komik, und mir sind beim Ansehen mindestens drei Trinkspiele zu diesem Film eingefallen. Zum Beispiel jedes Mal, wenn Gott erwähnt wird oder der Glaube, einen Kurzen. Oder einen Doppelten für jedes „Just one more!“ von Andrew Garfield (der sich mit zwei Gesichtsausdrücken, grinsend und betroffen, in die Riege der Oscarnominierten gemogelt hat), wenn er einen weiteren blutenden Kollegen vom Schlachtfeld zieht. Wenn man eines dieser Trinkspiele wirklich durchzieht, geht’s einem so wie den meisten Soldaten im blutigen Gemetzel auf Okinawa: Man erlebt das Ende des Films nicht mehr. Was mir ebenfalls missfallen hat, waren die rassistischen Untertöne (irgendwann während des Films hat sich meine Oscar-Gefährtin, die das Leid mit mir durchgestanden hat, zu mir gedreht und gemeint: „Ist dir eigentlich aufgefallen, dass es keinen einzigen schwarzen Soldaten in der Truppe gibt? Nicht mal einen Quoten-Schwarzen, nichts.“), so sind auch die Japaner einfach nur gesichtslose, fanatische Schlächter, und der Film zeigt keine einzige originelle Szene – alles läuft schön nach Klischee ab, als wäre „Hacksaw Ridge“ eine Best-Of-Compilation aller bisher gedrehter Kriegsfilme – von „Full Metal Jacket“ über „Die Akte Jane“ und „Forrest Gump“ bis hin zu „Der Soldat James Ryan“. Alles da. Vom erbarmungslosen Drill Sergeant über das Robben durch Schlamm bis hin zum theatralischen Abtransport des verwundeten Kampfgenossen auf den Schultern. Habe ich alles schon dutzendfach gesehen, muss ich nicht noch mal sehen.


3,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin)

Rogue One: A Star Wars Story (2016)

Regie: Gareth Edwards
Original-Titel: Rogue One: A Star Wars Story
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Science Fiction, Kriegsfilm, Abenteuerfilm, Action, Fantasy
IMDB-Link: Rogue One: A Star Wars Story


Als ich hörte, dass Gareth Edwards einen Star Wars-Film mit Felicity Jones dreht, bekam ich Schnappatmung. Gareth Edwards ist für mich einer der interessantesten Regisseure derzeit („Monsters“ halte ich für einen der intelligentesten Science Fiction-Streifen der letzten Jahre, und er hat nach dem Emmerich-Desaster auch Godzilla wieder ein würdevolles zweites Leben eingehaucht), und in Felicity Jones bin ich seit „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ ein bisserl verliebt. Dazu kommen solche Kapazunder wie der stets überragende Mads Mikkelsen oder Oscar-Preisträger Forest Whitaker (kleiner Vorgriff: da ist er mal wieder verschenkt – by the way, ich kenne kaum einen zweiten Schauspieler, der so sehr zwischen „grandiose Performance“ und „völliger Griff ins Klo“ schwankt wie Whitaker), der sympathische Diego Luna und das eine oder andere Wiedersehen mit alten Bekannten. Herzliche Grüße an die CGI-Abteilung an dieser Stelle – Jungs, I’ve noticed! Dazu soll „Rogue One“ düsterer sein als es die bisherigen Star Wars-Filme waren. Alles war also angerichtet für den Film des Jahres. Aber ist er das auch?

*trommelwirbel*

Nein. Denn obwohl der Film verdammt viel richtig macht, vor allem in der zweiten Hälfte, hat er auch seine Schwächen, die dazu führen, dass ich zwar einen wirklich guten Film gesehen habe, einen düsteren (ohmeingottmeingottdasende!), einen dem Star Wars-Universum auf jeden Fall gerecht werdenden und es bereichernden, aber, ganz ehrlich, von Perfektion sind wir noch ein gutes Stückerl entfernt. Für einen perfekten Film hätte „Rogue One“ am Anfang weniger zwischen Schauplätzen und Figuren herumhüpfen dürfen (man könnte die erste halbe Stunde auch wunderbar als „Star Wars-Reiseführer“ verkaufen – jeder Ort kompakt in fünf Minuten beschrieben, und auf zur nächsten Sehenswürdigkeit), für einen perfekten Film hätten die Figuren, die an sich toll und vielfältig zusammengestellt wurden, mehr Tiefe gebraucht, aber was „Rogue One“ dafür am Ende richtig gut macht: Es wird konsequent aufgeräumt. Aktionen haben Folgen. So ist es nun mal im Leben – und wenn auch viel zu selten im Film, so diesmal in Star Wars. Macht euch gefasst auf eine letzte halbe Stunde, die euch in den Sessel kleben wird, auch weit nach dem Abspann hinaus. Dafür applaudiere ich Gareth Edwards und den Leuten, die am Drehbuch mitgewirkt haben. So bleibt als Fazit: Man hätte zwar einiges besser machen können und ein 100%ig runder Film wollte das Ding einfach nicht werden, aber ein Kinobesuch lohnt sich allemal.


8,0
von 10 Kürbissen