Krimi

Der Name der Rose (1986)

Regie: Jean-Jacques Annaud
Original-Titel: The Name of the Rose
Erscheinungsjahr: 1986
Genre: Drama, Historienfilm, Krimi
IMDB-Link: The Name of the Rose


Lasst uns mal über Europa reden. „Der Name der Rose“ ist eine hauptsächlich deutsche Produktion in englischer Sprache unter der Regie eines Franzosen mit einem Schotten in der Hauptrolle, basierend auf einem italienischen Roman. Ach ja, in Nebenrollen sind unter unter anderem ein Österreicher, ein Russe, ein Brite, einige Deutsche und US-Amerikaner zu sehen, und den Love Interest spielt eine Chilenin. Kann so ein Mash-Up gutgehen, vor allem, wenn der Roman, ein historischer satirischer Wälzer mit über 600 Seiten, ein literarischer Welterfolg war, der die Messlatte schon verdammt hoch angelegt hat? Ja, das geht. Denn Annaud und Produzent Bernd Eichinger machen alles richtig, indem sie nicht versuchen, das Buch mit dem Medium Film zu kopieren. Vielmehr verändern sie den Fokus auf die düstere Kriminalhandlung in der Benediktinerabtei, die der zu einem Disput angereiste Franziskaner William von Baskerville (perfekt besetzt mit Sean Connery) mit seinem Adlatus Adson von Melk (Christian Slater) zu lösen versucht. Die Mönche sterben wie die Fliegen in diesem ehrwürdigen Kloster, doch der Abt ist wenig begeistert davon, dass der logisch denkende Franziskanermönch der Wahrheit auf den Grund gehen möchte. Bald schon sind William und Adson selbst im Fokus des Killers. Und ein spannender Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Wie gesagt, die Verfilmung von Annaud fühlt sich gänzlich anders an als die Romanvorlage von Umberto Eco. Diese ist ein satirisches Meisterwerk, in dem der große Philosoph und Intellektuelle Eco gegen religiöse Verbohrtheit und naive Gutgläubigkeit ins Feld zieht und diese auch ins Lächerliche zieht. In Annauds Film sind diese Spitzen schon noch vereinzelt zu erahnen, doch ist die Stimmung des Films weitaus düsterer, und die Handlung konzentriert sich eben auf eben den Hauptstrang der Mordserie, die es aufzuklären gilt. So gesehen verfolgen Film und Buch zwei sehr unterschiedliche Ansätze. Puristen mag das vielleicht sauer aufstoßen, doch in meinen Augen hat man beim Film alles richtig gemacht, denn das Buch 1:1 zu verfilmen, wäre ein Ding der Unmöglichkeit geworden. So aber ist „Der Name der Rose“ der vielleicht beste Mittelalterkrimi aller Zeiten.


8,5 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Archive Photos/Getty Images – © 2012 Getty Images, Quelle http://www.imdb.com)

Lucky Number Slevin (2006)

Regie: Paul McGuigan
Original-Titel: Lucky Number Slevin
Erscheinungsjahr: 2006
Genre: Komödie, Action, Krimi, Thriller
IMDB-Link: Lucky Number Slevin


Es ist auch schon wieder eine Weile her, dass Josh Hartnett angesagt war. Aber Anfang der 2000er hatte er einen richtig guten Lauf. Und auch in Paul McGuigans amüsanten Thriller „Lucky Number Slevin“ passt er mit seinem unschuldigen G’schau richtig gut. Der etwas verpeilte Slevin, eben Hartnett, ist einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Er ist gerade in die Stadt gekommen und will einfach ein paar Tage bei seinem Kumpel Nick übernachten, aber Nick ist nicht da. Dafür zunächst die süße und extrem quirlige Nachbarin Lindsey (Lucy Liu), dann ein paar finstere Schlägertypen – blöderweise von zwei verfeindeten Gangsterbossen (Morgan Freeman und Ben Kinglsey), in dessen Kleinkrieg der sichtlich ratlose Slevin hineingezogen wird. So will der eine die Schulden von Nick beglichen haben und der andere, dass Slevin den Sohn des Rivalen meuchelt. Nichts eben, was man so alltäglich mal macht. Gemeinsam mit Lindsey versucht Slevin, irgendwie den Kopf über Wasser zu halten, um aus der Nummer wieder rauszukommen. Aber da ist dann auch noch Mr. Goodkat (Bruce Willis), der ein undurchschaubares Spiel spielt. „Lucky Number Slevin“ erinnert stark an ähnliche Kracher wie „Kiss Kiss Bang Bang“ oder Gangsterfilme von Guy Ritchie. Man nehme stoische, zwielichtige Hauptfiguren, absurde Plot-Twists, gewitzte Dialoge, Sonnenbrillen, einen Haufen Kanonen und viel Kunstblut, und das Ding läuft. Das Schöne bei diesen Filmen ist, dass sie im besten Fall trotz aller Formelhaftigkeit bis zum Schluss überraschen können, ohne dabei ihren Plot ad absurdum zu führen. Den Twist am Ende habe ich jedenfalls lange nicht kommen gesehen. Die Darstellerriege – und da versammelt sich schon die Crème de la Crème Hollywoods – hat sichtlich Spaß an der Sache und spielt gekonnt auf. Und so kommt am Ende eben ein einfach guter Film heraus, der bei der ersten Sichtung aufgrund der Kapriolen, die die Handlung schlägt, sicherlich noch besser unterhalten kann als beim wiederholten Male, jedenfalls aber große Qualität aufweist.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Der Supercop (1980)

Regie: Sergio Corbucci
Original-Titel: Poliziotto superpiù
Erscheinungsjahr: 1980
Genre: Komödie, Krimi, Fantasy
IMDB-Link: Poliziotto superpiù


Hier mal ein kleiner Exkurs für die jüngere Leserschaft dieses Blogs. Es gab Zeiten – bevor das Internet alles veränderte, indem es alles jederzeit verfügbar machte – als man mittels VHS-Kassetten und Recorder Filme, die zur Prime Time im Fernsehen liefen, aufnahm, um sie später erneut ansehen zu können. Dabei zitterte ein Finger immer über der Pausetaste des Recorders, um jede Werbeunterbrechung zu erwischen, was aber nie gelang, weshalb der aufgenommene Film dann immer wieder von ein paar Sekunden Werbung unterbrochen war, während die ersten Sekunden nach dem Ende der Werbung in der Regel fehlten, weil man nicht wieder schnell genug auf Record gedrückt hatte. Mit der Zeit und bei öfter wiederholter Sichtung nudelten sich die Kassettenbänder ab, und Film- und Tonspur wurden zum Teil verzerrt wiedergegeben. „Der Supercop“ mit Terence Hill in der Hauptrolle und Ernest Borgnine als Support gehörte zu jenen Filmen in unserer VHS-Sammlung, die am Ende meiner Kindheit schon arg zernudelt waren. Wie sehr habe ich den Film geliebt? Terence Hill als Polizist, der nach einem Atomumfall mit Superkräften ausgestattet ist, die sich beim Anblick der Farbe Rot in Luft auflösen, war ein verwegenes Kerlchen und einfach der coolste. Natürlich malte sich der kleine Kürbis insgeheim aus, was er für tolle Sachen anstellen könnte, hätte er diese Fähigkeiten. Ein paar sehr irre Tagträume, die bis heute nachwirken, entstanden dabei. Und da gab es kein Zögern und kein Zaudern, als ich diese Filmperle meiner Kindheit mal als DVD wiederfand. Man muss aber sagen: Manche Filme überstehen die Transformation vom kindlichen Betrachter zum erwachsenen Filmkritiker nicht so gut. „Der Supercop“ gehört da leider dazu, auch wenn bei der erneuten Sichtung nach vielen Jahren Pause immer noch der kleine Kürbis im Inneren vor Freude hüpft, wenn Terence Hill saftige Watschen an die bösen Jungs verteilt. Aber wenn man härtere Maßstäbe anlegt als die kindliche Freude an satten Schlägereien, bleibt nicht viel übrig, was die Messlatte überspringen kann. So fällt das Fazit verhalten aus: Objektiv betrachtet ist „Der Supercop“ mit seinen käsigen Dialogen und seiner hanebüchenen Story kein guter Film und bleibt hinter vielen anderen Filmen von Terence Hill (und Bud Spencer) zurück. Aber wenn man damit aufgewachsen ist und den Film in Dauerschleife gesehen hat, was will man machen? Es ergibt sich damit das salomonische Urteil von 5,5 Kürbissen, von denen mindestens 3 dem Nostalgiefaktor zugeschrieben werden müssen. 


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

I Care a Lot (2020)

Regie: J Blakeson
Original-Titel: I Care a Lot
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Thriller, Komödie, Krimi
IMDB-Link: I Care a Lot


Wie gut, dass es Menschen wie Marla Grayson (Rosamund Pike) gibt, die sich selbstlos aufopfern, um ihren älteren Mitmenschen das Leben so angenehm und komplikationsfrei wie möglich zu machen. Besitztümer können da durchaus Komplikationen mit sich bringen, also sorgt Marla dafür, dass sich die Menschen, die sich in ihrer Fürsorge befinden, nicht länger mit diesen profanen Problemen herumplagen müssen. Auf Marlas Konto ist das Geld sicherlich auch gut verwahrt, nicht wahr? Doch eines Tages legt sich die resolute junge Dame, die vor allem auf ihren eigenen Vorteil bedacht ist, mit dem falschen Opfer an. Denn an Jennifer Petersons Wohlergehen sind auch durchaus einflussreiche Herrschaften mit zum Teil unorthodoxen Geschäftsgebaren interessiert. Und manche Warnungen, die von windigen Anwälten überbracht werden, sollte man nicht so einfach in den Wind schlagen, wie Marla schon bald feststellen muss. „I Care a Lot“ von J Blakeson beginnt als zynische Komödie über eine gewissenlose Geschäftsfrau, die die Schwächen anderer gnadenlos unter Mithilfe des Rechtsstaates zu ihren Gunsten auszunutzen versteht, und wendet sich dann zu einem teils recht atemlosen Thriller, der sich hätte vermeiden lassen, wenn Marla nicht so verdammt von sich selbst überzeugt gewesen wäre. Wie gesagt, manche Fehler bereut man bitterlich, aber dann ist es schon zu spät, und du rennst um dein nacktes Leben. Eine runde Geschichte ist das zwar nicht, aber unterhaltsam allemal. Das liegt vor allem an einer grandiosen Rosamund Pike, kürzlich für ihre Darstellung erst mit einem Golden Globe geadelt, der es gelingt, beim Zuseher eine unangenehme Ambivalenz entstehen zu lassen: Einerseits wünscht man ihrem Miststück alles erdenklich Schlechte, andererseits fiebert man dann doch auch wieder mit und hofft auf ihr Überleben. Begleitet wird Pike von einem soliden Nebencast: Peter Dinklage (mal richtig grimmig), Dianne Wiest und Eiza González an vorderster Front, die ihre Sache allesamt sehr gut machen. Dennoch ist und bleibt „I Care a Lot“ eine Rosamund Pike-Soloshow. Und das reicht aus für einen spannenden Filmabend.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Catch Me If You Can (2002)

Regie: Steven Spielberg
Original-Titel: Catch Me If You Can
Erscheinungsjahr: 2002
Genre: Biopic, Krimi
IMDB-Link: Catch Me If You Can


Leonardo DiCaprio zählt heute zu den profiliertesten Schauspielern überhaupt und wird oft in einer Reihe mit den Allzeitgrößten genannt. 2002, fünf Jahre nach seinem Megaerfolg mit „Titanic“, war seine Karriere gerade so richtig am Durchstarten. Da hatte er schon eine ganze Reihe gewichtiger und vielbeachteter Rollen auf seinem Buckel, aber die Zusammenarbeit mit den Meistern Martin Scorsese („Gangs of New York“) und Steven Spielberg (eben in „Catch Me If You Can“) hat dem weiteren Verlauf seiner Karriere sicherlich nicht geschadet, um es mal so zu formulieren. „Catch Me If You Can“ schultert er trotz seiner renommierten Nebenleute (Tom Hanks, Christopher Walken, Martin Sheen, Amy Adams etc.) quasi im Alleingang. Als Hochstapler Frank Abagnale Jr. macht er den großen Reibach als falscher Pilot, als falscher Arzt, als falscher Anwalt und nutzt gnadenlos die Schwächen eines Systems aus, in dem mehr Wert auf Schein als auf Sein gelegt wird. Selbst sein Widersacher Carl Hanratty (Tom Hanks), der ihm immer auf den Fersen, aber meist einen Schritt zu spät ist, hegt eine gewisse Bewunderung für den charmanten und gerissenen jungen Mann, der nicht nach den Regeln spielen will, sondern lieber seine eigenen erfindet. Wie von Spielberg gewohnt, ist die Story dynamisch und nuanciert umgesetzt mit von einer gewissen Leichtfüßigkeit getragen, die vielen seiner Filme innewohnt, jedenfalls seinen Komödien und familiengerechten Unterhaltungsfilmen. Da fallen auch die fast 2,5 Stunden Spieldauer nicht arg ins Gewicht. Allerdings: Auch wenn ich den Film mag und gerne sehe und er auch schauspielerisch über alle Zweifel erhaben ist, irgendwie hatte ich trotzdem immer das Gefühl, dass „Catch Me If You Can“ eine Art bessere Fingerübung des Meisters war. Für mich ein guter Spielberg, der bei allem Unterhaltungswert nicht ganz die Brillanz seiner besten Filme erreicht.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 2002 – Dreamworks LLC, Quelle http://www.imdb.com)

Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen (2013)

Regie: Steven Soderbergh
Original-Titel: Side Effects
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Thriller, Krimi
IMDB-Link: Side Effects


Was wären wir alle ohne den Wundern, die die Pharmaindustrie bewirkt? Doch manchmal scheint man sich auch dort in den milliardenschweren Konzernen, die eigentlich eh unter permanenter Beobachtung stehen und sich keine Fehler erlauben dürfen, kräftig zu verhauen. Traue niemals etwas, das als „Wundermittel“ angepriesen wird. Diesen Rat hätte sich Psychiater Jonathan (Jude Law, sehr judelawig, was aber nicht negativ gemeint ist) besser zu Herzen nehmen sollen. Aber stattdessen verschreibt er seiner Patientin Emily (Rooney Mara, mit einer nuancierten Darstellung wie von ihr gewohnt) das neue Antidepressivum Ablixa, und das zeigt schon bald ungewollte Nebenwirkungen in Form eines toten Ehemannes (Channing Tatum, der tatsächlich nicht viel zu tun hat in diesem Film). Emily landet vor Gericht, und Jonathan ist schwer damit beschäftigt, sie aus dem Schlamassel, an dem er nicht unbeteiligt ist, wieder herauszuhauen. Doch wie von Soderbergh gewohnt, bleibt es nicht bei dieser straighten Geschichte, sondern das Drama verzweigt sich immer mehr und bald schon scheint sich Jonathan in diesem Winkelspiel zu verlieren. Der Auftritt von Emilys ehemaliger Psychiaterin Victoria (Catherine Zeta-Jones) macht die Sache auch nicht durchsichtiger. (An dieser Stelle ein kleiner Schritt zur Seite, denn was raus muss, muss raus: Ich kann’s immer noch nicht ganz fassen, dass Catherine Zeta-Jones Oscarpreisträgerin ist. Denn eigentlich spielt Catherine Zeta-Jones immer Catherine Zeta-Jones, und ja, ich schaue ihr dabei gerne zu, sie macht das auf ihre Weise sehr gut, aber ihr wenig subtiles Schauspiel in „Side Effects“ ist im Grunde ein einziger Spoiler, was vor allem neben den sehr guten Darstellungen von Law und Mara ins Auge fällt.) Aber gut, Zeta-Jones hin oder her, Steven Soderbergh hat die Zügel routiniert in der Hand und führt uns so durch einen guten, wenngleich nicht herausragenden Thriller, der vielleicht ein oder zwei Kapriolen zu viel schlägt und so gegen Ende hin ein bisschen den Fokus verliert. Der Weg dahin ist aber sehr sehenswert und lädt zum Miträtseln ein.


6,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Photo by Eric Liebowitz – © 2013 – Open Road Films Quelle http://www.imdb.com)

Die Haut, in der ich wohne (2011)

Regie: Pedro Almodóvar
Original-Titel: La piel que habito
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Thriller, Drama, Krimi
IMDB-Link: La piel que habito


Auf so eine Geschichte musst du erst mal kommen. Also echt, als Vera (Elena Anaya) herausfindet, was ihr Robert (Antonio Banderas) angetan hat, nämlich, dass … aber halt! Ich hätte ja jetzt fast den ganzen Film gespoilert, so aufgeregt, wie ich bin. Doch was schreibt man über Pedro Almodóvars verstörenden Mindfuck „Die Haut, in der ich wohne“, ohne zu viel Inhalt vorwegzunehmen und das WTF der ersten Sichtung zu spoilern? Dass dieser Chirurg Robert sichtlich einen an der Waffel hat, ja, das kann man schreiben. Und dass die bildhübsche Vera von ihm gefangen gehalten wird, auch das erschließt sich relativ schnell. Aber das sind auch schon alle Andeutungen zum Inhalt, die man gefahrlos geben kann, ohne jemandem, dessen Erstsichtung dieses Films aus dem Jahr 2011 noch aussteht, den Spaß zu verderben. Ansonsten bleibt einem nicht viel mehr, als den Einfallsreichtum des Pedro Almodóvar zu rühmen, der sein Ding einfach konsequent durchzieht und mit „Die Haut, in der ich wohne“ einen Film realisiert hat, über den sich andere etabliere Filmemacher vielleicht gar nicht erst getraut hätten aus Sorge, mit einem solch schrägen und unbequemen Werk die treue Fangemeinde zu verstören. Und man kann einmal mehr Antonio Banderas loben, der wohl auf Basis seiner eindimensionalen Hollywood-Rollen, die ihm nicht mehr zugestehen wollen als den glutäugigen Latin Lover, immer noch vielfach unterschätzt wird. Aber unter Almodóvars Regie zeigt er, dass viel mehr in ihm steckt. Was man vielleicht ein wenig an dem Film kritisieren kann, ist dann doch eine gewisse Neigung zur Effekthascherei. Diese verhindert eine durchaus mögliche höhere Wertung. Nichtsdestotrotz die unbedingte Empfehlung an alle Cineasten, die für Grenzerfahrungen offen sind: Anschauen! Aber nichts vorab über den Inhalt des Films lesen, sondern ihn einfach wirken lassen.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 2011 – Sony Pictures Classics, Quelle http://www.imdb.com)

Official Secrets (2019)

Regie: Gavin Hood
Original-Titel: Official Secrets
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Thriller, Krimi, Biopic
IMDB-Link: Official Secrets


Spionagethriller, vor allem, wenn sie auf wahren Begebenheiten beruhen, können eine zähe Angelegenheit sein. Da werden irgendwelche Geheimdokumente, deren Inhalt ohnehin kaum jemand versteht, auf USB-Sticks gespeichert und durch die Weltgeschichte geschickt, man flüstert sich in dunklen Ecken Geheimnisse zu, aber ehrlich: Wer kapiert die schon, wenn man nicht zufälligerweise selbst für einen Geheimdienst arbeitet? Gavin Hoods „Official Secrets“ mit Keira Knightley in der Rolle der realen britischen Whistleblowerin Katherine Gun geht mit der Materie überraschend eingängig um. So komplex der Sachverhalt auch ist, er wird dem Zuseher durchaus nachvollziehbar präsentiert, ohne aber allzu sehr simplifiziert werden so müssen (so jedenfalls mein Eindruck). Unterm Strich ist es eine einfache Geschichte: Haben Großbritannien und die USA die Invasion des Irak 2003 unter Zuhilfenahme illegaler Methoden gegen UNO-Staaten durchgepeitscht, um ihre eigenen Interessen zu wahren? Das Memo, das Katherine Gun der Zeitung The Observer zuspielt, lässt ebendies jedenfalls annehmen. Natürlich möchte man in einem solchen Fall, wenn man es sich mit gleich zwei Weltmächten auf einmal verscherzt, lieber anonym bleiben, aber weil Katherine Gun halt keine Jane Bond ist, sondern nur eine einfache Geheimdienstmitarbeiterin, die noch dazu recht frisch dabei ist, fliegt sie bald auf. Natürlich sind George W. Bush und Tony Blair keine Blofelds, also wird Katherine Gun nicht an einen Stuhl gefesselt, der langsam in ein Haifischbecken abgesenkt wird, während Bush und Blair fies grinsend die letzten Details ihres perfiden Plans verraten, aber auch der Rechtsstaat findet unangenehme Druckmittel, um ein bürgerliches Leben ungemütlich zu gestalten. Da hilft dann nur Rechtsbeistand in Form von Ralph Fiennes. „Official Secrets“ ist ein angenehm gedrosselter, auf das Wesentliche reduzierter Spionagethriller mit echten Figuren und echten Problemen. Er geht nicht tief genug, um nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben, aber für die Dauer der Sichtung unterhält er spannend und ist handwerklich gut erzählt. Wie wir Österreicher sagen: Passt schon.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Genus Pan (2020)

Regie: Lav Diaz
Original-Titel: Lahi, Hayop
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Krimi, Drama
IMDB-Link: Lahi, Hayop


Für seine Verhältnisse hat Lav Diaz mit „Genus Pan“ (im Original: „Lahi, Hayop“) einen Kurzfilm gedreht. In flotten 157 Minuten ist man durch. Seine Filme können auch schon mal die 8-Stunden-Marke überschreiten. Bei einem achtstündigen „Lahi, Hayop“ wäre ich allerdings ausgestiegen, hat der Film ja auch jetzt schon seine Längen. Die Geschichte kann nämlich recht einfach zusammengefasst werden: Drei Minenarbeiter schlagen sich von der Insel, auf der sie arbeiten und ausgebeutet wurden, durch den Dschungel in ihr Heimatdorf durch. Einer von ihnen ist finanziell besonders gebeutelt, denn das wenige Geld, das ihm bleibt, reicht nicht aus, um die Medikamente der kranken Schwester zu bezahlen. Nach einem langen, beschwerlichen Weg kommt nur er im Dorf an. Was ist passiert? Dass er den Dorfbewohnern von seinem Geld nichts abgeben möchte, macht die Menschen noch misstrauischer. „Lahi, Hayop“ bringt unter allen Figuren das Schlechteste hervor. Man ist nicht besser als der vom Instinkt geleitete „Pan“, also Menschenaffe. Es gibt wenig Hoffnung auf Läuterung – trotz eines starken Beginns, der den beschwerlichen Weg der drei Männer minutiös nachzeichnet und die drei ungleichen Typen auch zueinanderfinden lässt. Aber was bleibt davon übrig im Angesicht der Not? „Lahi, Hayop“ ist eine finstere Reise an die dunkelsten Stellen der Herzen. Allerdings fällt der Film nach einer starken ersten Hälfte stark ab, wird mühsam und zieht sich wie ein alter Kaugummi. Erst das bittere Ende lässt den Zuseher wieder mitfiebern und rettet den Film über die letzte Kurve. Die 157 Minuten Laufzeit sind aber mehr als üppig bemessen für den Inhalt, der damit trotz der kürzeren Laufzeit deutlich mühsamer zu sehen ist als der grandiose The Woman Who Left aus dem Jahr 2016. Wie schon gesagt: Acht Stunden lang hätte ich hier nicht durchgehalten. 


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Shirley (2020)

Regie: Josephine Decker
Original-Titel: Shirley
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Krimi, Thriller
IMDB-Link: Shirley


Shirley (Elisabeth Moss) ist eine renommierte Schriftstellerin, die an einer Schreibblockade und einer Depression leidet. Ihr Ehemann Stanley (Michael Stuhlbarg), Dozent an der Uni, bringt seinen neuen Assistenten Fred (Logan Lerman) und Rose (Odessa Young) ins Haus. Rose soll Shirley im Haushalt unter die Arme greifen, dafür bekommt das junge Paar Kost und Logis. Zwischen den beiden Frauen entspinnt sich eine zarte Freundschaft, und über den realen Fall einer verschwundenen Studentin, die Shirley fiktional aufarbeitet, findet sie auch wieder zum Schreiben. Doch wie sehr greifen Realität und Fiktion ineinander, und was macht das mit den Betroffenen? „Shirley“ von Josephine Decker spielt diese Frage auf mehrere Ebenen durch. Vordergründig ist der Film eine Biographie der Horror- und Mystery-Autorin Shirley Jackson, doch werden reale Kernelemente des Biographischen ausgespart und durch Inhalte ersetzt, die eher an Jacksons fiktive Geschichten erinnern. Gleichzeitig verschmelzen Rose und die verschwundene Studentin Paula, die junge Rose wird zum Inhalt von Shirleys Geschichte. Und auch die Beziehung zwischen Shirley und Stanley wirkt oft dramatisch überhöht und inszeniert. Ein Fest für großartige Schauspieler/innen wie eben Michael Stuhlbarg und Elisabeth Moss, die zur Hochform auflaufen. Beide spielen sich damit in den Vordergrund für die großen Schauspielpreise der kommenden Monate. Und dieser Aspekt macht den Film auch wirklich sehenswert, während die Story selbst dann doch recht beliebig und ziellos bleibt. 


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)