Krimi

Rush Hour (1998)

Regie: Brett Ratner
Original-Titel: Rush Hour
Erscheinungsjahr: 1998
Genre: Action, Komödie, Krimi
IMDB-Link: Rush Hour


Es gab mal eine Zeit, in der Chris Tucker angesagt war. Es waren die 90er, Cancel Culture war noch kein Begriff, Jackie Chan war der heißeste Asien-Export seit Toyota und man hat in Actionkomödien noch politisch unkorrekt auf alles eingeprügelt, solange es der Unterhaltung diente. (Möglicherweise färbt das gerade ein wenig auf diese Filmrezension ab, *hüstel*.) Und Chris Tucker durfte sich als legitimer Nachfolger von Eddie Murphy sehen, wenn es darum ging, ein möglichst breites Grinsen und eine große Klappe als Asset in leichtgewichtige Komödien einzubringen. Wie eben „Rush Hour“. Die Story ist dabei nicht wirklich relevant. Asiatisches Mafiazeug schwappt auf die USA über, Hongkong sendet seinen besten Polizisten (Jackie Chan), der mit einem überforderten und gleichzeitig übermotivierten Großmaul einen Kindersitter zur Seite gestellt bekommt, da die Amis ja immer alles besser können, und man lässt sich schon gar nicht bei laufenden Ermittlungen von so einem dahergelaufenen Schlitzauge reinpfuschen. Natürlich raufen sich Großmaul und Hongkong-Cop zusammen und lösen den Fall dann auf ihre (eher unkonventionelle) Weise. „Rush Hour“ lebt von seinem ungleichen Hauptdarstellergespann, der Tatsache, dass es Jackie Chans erster Großauftritt in Hollywood war und natürlich den aberwitzigen Prügeleien. Wie gut so ein Rezept funktionieren kann, zeigen ja auch die unzähligen Terence Hill & Bud Spencer-Filme, die den gleichen Modus Operandi schon Jahrzehnte früher angewendet haben. „Rush Hour“ war dermaßen erfolgreich, dass daraus gleich zwei Fortsetzungen sowie eine Fernsehserie entstanden. Der Film ist eindeutig ein Kind seiner Zeit. Ist er vielleicht ein bissi rassistisch? Ja, das ist er. Aber lustig und kurzweilig ist er trotzdem.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat:© 1998 – New Line Cinema, Quelle http://www.imdb.com)

No Country for Old Men (2007)

Regie: Ethan und Joel Coen
Original-Titel: No Country for Old Men
Erscheinungsjahr: 2007
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: No Country for Old Men


2007 waren die Coen-Brüder längst überfällig für einen Regie-Oscar, und der Filmgott hatte ein Einsehen mit ihnen. In einem epischen Kopf-an-Kopf-Rennen stachen sie Paul Thomas Anderson aus, der mit „There Will Be Blood“ ebenfalls einen modernen Klassiker hingelegt hatte. Doch nichts ging in diesem Filmjahr über die fatalistische Abrechnung der Coens mit dem Schicksal und hollywood’schen Dei ex machina. In „No Country for Old Men“ stößt ein Jäger (Josh Brolin) im Texas der 80er Jahre (Josh Brolin) zufällig auf einen schief gelaufenen Drogendeal. Dealer und Käufer liegen nach einer Schießerei tot im Sand, das Geld muss nur eingesammelt werden. In einem Versuch, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, macht sich Llewelyn Moss in der Nacht noch einmal auf zum Schauplatz des Geschehens, um einem angeschossenen Mexikaner, dem einzigen Überlebenden, eine Flasche Wasser zu bringen. Doch genau damit setzt er eine Katz-und-Maus-Jagd in Gang, die nicht gut enden kann. Schon bald ist ihm der eiskalte Killer Anton Chigurh (Javier Bardem als einer der eindrucksvollsten Filmbösewichter aller Zeiten mit legendärer Prinz Eisenherz-Frisur) auf den Fersen. Der alte und altersmüde Sheriff Ed Tom Bell (Tommy Lee Jones) hat zwar schon bald eine Ahnung, was hier abgeht, ist aber immer mindestens einen Schritt zu langsam. Was nach einem gewöhnlichen Thriller-Plot klingt, wird durch die inszenatorische Meisterschaft der Coen-Brüder auf ein völlig neues Niveau gehoben. Das Besondere an diesem Film ist die Verweigerung klassischer Erzählmuster. Chigurh kommt wie das Schicksal selbst über die Hauptfiguren. Dazu passt es, dass er gelegentlich die Münze entscheiden lässt über Leben und Tod, und die Fairness des Zufalls als einzige Gerechtigkeit betrachtet. So ist „No Country for Old Men“ nicht nur ein spannungsgeladener, atmosphärisch dichter Thriller, sondern auch ein filmischer Resonanzkörper für die Unberechenbarkeit des Lebens selbst.


9,5 Kürbisse

(Bildzitat:© 2007 Paramount Vantage – Miramax, Quelle http://www.imdb.com)

The Good Nurse (2022)

Regie: Tobias Lindholm
Original-Titel: The Good Nurse
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Krimi, Drama
IMDB-Link: The Good Nurse


Treffen sich zwei Oscarpreisträger in einem Netflix-Krimi. Vorhang auf für Jessica Chastain und Eddie Redmayne, erstere von mir aufgrund ihrer Vielseitigkeit sehr geschätzt, zweiterer hatte seine Sternstunde als Stephen Hawking in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ und trägt die Fantastic Beasts-Reihe mit sympathischer Schüchternheit. Dazu noch Darren Aronofsky als Produzent für ein True Crime-Drama, die Vorzeichen stehen also mal nicht schlecht für „The Good Nurse“. Es geht hierbei um eine mysteriöse Todesserie in der Intensivstation des Krankenhauses, für das die aufopfernde Krankenschwester Amy arbeitet. Immer wieder versterben hier überraschend Patientinnen, sodass das Krankenhaus schließlich auch die Polizei einschaltet. Dies aber sehr widerwillig, und rasch wird klar, dass etwas unter den Teppich gekehrt werden soll. Währenddessen schließt Amy Freundschaft mit dem neuen Kollegen Charlie, der schon in diversen Krankenhäusern tätig war, aber nie Fuß fassen konnte. Es entwickelt sich ein Krimi-Plot, der leider so vorhersagbar ist wie die Wetterlage in fünf Minuten. Spannungsarm wird der Plot heruntergekurbelt, und das, was man dem Film eigentlich positiv zugestehen müsste, nämlich, dass er die wahren Begebenheiten nicht überhöht und Dramatisierungen einbringt, die nicht nötig sind, wird ihm tatsächlich zum Verhängnis: Der Film tröpfelt ohne große Höhepunkte vor sich hin. Dass er nicht zum Rohrkrepierer verkommt, liegt am engagierten Spiel von Jessica Chastain, auch wenn der Rest des Casts blass bleibt (inklusive Eddie Redmayne). Der (für mich) fast interessantere Part des Films, nämlich das seltsame Gebaren des Krankenhaus-Managements bei den polizeilichen Ermittlungen, wird nur am Rande gestreift und funktioniert hier bloß als Hindernis, an dem sich die ermittelnden Polizisten (Noah Emmerich und Nnamdi Asomugha) vorbeiwinden müssen. Gerade darin läge aber die vielleicht ergiebigere Geschichte. Doch die ließe sich wohl nicht erzählen, ohne zu sehr ins Fabulieren zu geraten und wurde wohl deshalb auch ausgeklammert. So bleibt „The Good Nurse“ ein routinierter, aber spannungsarmer Krimi.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von JoJo Whilden/JoJo Whilden / Netflix – © 2022 © Netflix, Quelle http://www.imdb.com)

Tori and Lokita (2022)

Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne
Original-Titel: Tori et Lokita
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: Tori et Lokita


Zum Abschluss meiner persönlichen Viennale gab es noch mal richtiges Wohlfühlkino, wie man es von den Brüdern Dardenne gewohnt ist. Die Jungs sorgen immer für Spaß. „Tori et Lokita“ ist da keine Ausnahme und reiht sich in ihr Gesamtwerk stimmig ein. Erzählt wird von einer sehr engen Beziehung zweier minderjähriger Flüchtlinge, die nach langer und beschwerlicher Reise in Belgien gelandet sind und nun – für die Aufenthaltsgenehmigung – beweisen müssen, dass sie Geschwister sind. Was nicht so einfach ist, da sie sich tatsächlich erst auf dem Boot nach Europa kennengelernt haben. In der Zwischenzeit verticken sie Drogen für einen Pizzabäcker, der sich dadurch ein Nebenbrot verdient. Außerdem müssen sie sich mit der Schlepperbande herumplagen, der sie immer noch Geld schulden. Alles wird von Minute zu Minute prekärer, und so bleibt Lokita bald kein Ausweg mehr, als das Angebot des Pizzabäckers anzunehmen, für ihn zwei Wochen lang als „Gärtnerin“ zu arbeiten, sprich: auf der geheimen Hanfplantage. „Tori et Lokita“ zeigt einmal mehr die schier ausweglose Situation von Menschen am Rande der Gesellschaft auf. Die Dardenne-Brüder haben einen sehr nüchternen, gleichzeitig aber intimen Blick auf diese Figuren, der die tragischen Schicksale nicht dramaturgisch überhöht, doch gerade deshalb eine Kraft entfaltet, die sich in der Magengrube entlädt. Viennale-Festivalkino par excellence. Wer dann noch fröhlich ist, hat sich echt gute Drogen reingepfiffen.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Stars at Noon (2022)

Regie: Claire Denis
Original-Titel: Stars at Noon
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Drama, Liebesfilm, Krimi, Erotik
IMDB-Link: Stars at Noon


Trish ist eine junge, durchaus aufmüpfige und selbstbestimmte Journalistin, die während ihres Aufenthalts in der Militärdiktatur kritische Texte über das Regime verfasst hat, was die hiesige Obrigkeit nicht so leiwand findet. Kurzerhand hat man ihren Pass konfisziert und ihr sämtliche Dollars, die einzige Währung, mit der man im Land etwas erreichen kann, abgeknöpft. Kurz: Sie steckt in der Scheiße. Auch ihr widerwilliges Panscherl mit einem höheren Tier im Militär bringt sie nicht weiter. Als sie den charismatischen englischen Geschäftsmann Daniel kennenlernt, wittert sie einen Ausweg aus ihrer Situation, doch je mehr sie sich auf ihn einlässt, desto tiefer wird sie in einen Strudel von Gefühlen, Abhängigkeiten und politischen Verwicklungen hineingezogen. Denn verglichen mit Daniels Problemen sind die eigenen kaum der Rede wert. „Stars at Noon“ ist ein sperriger Film. Claire Denis, die den Roman von Denis Johnson von den 80ern in die heutige Pandemiezeit verlegt hat, erzählt die komplizierte und vielschichte Story eher indirekt und durch Aussparungen. Ihr Fokus liegt auf Trish und ihre zunehmende Verunsicherung, die durch die aufkeimenden Gefühle für Daniel verstärkt wird. Margaret Qualley spielt die sich immer mehr selbst verlierende Journalistin mit vollem Einsatz und scheut auch nicht vor der Menge an Nacktszenen zurück, die das Skript verlangt. Wären diese notwendig gewesen? Auf den ersten Blick vielleicht nicht unbedingt, doch spiegeln die Liebeszenen zwischen ihr und ihren Partnern die Beziehungen zu den Männern wider: Während sie den Sex mit dem Kommandanten ausdruckslos über sich ergehen lässt, ist das Betthupferl mit dem smarten Engländer voller Leidenschaft – sie ist zunehmend nicht mehr Herrin der Lage. Generell ist „Stars at Noon“ ein äußerst sinnlicher Film, also einer, der mit allen Sinnen spielt: Das schwüle Klima Mittelamerikas, in dem es abwechselnd wie aus Eimern schüttet oder die Sonne herunterbrennt, ist ebenfalls ein zentrales Element des Films. Fast vermeint man die Mischung. aus Schweiß und stickiger Luft riechen zu können. In der Trägheit der Mittagshitze werden auch die Bewegungen träge, die Geschichte kommt zunehmend ins Stocken, Fluchtversuche werden ungeplant und halbherzig ausgeführt. Für den Zuseher mag das zeitweise anstrengend sein, und doch entwickelt „Stars at Noon“ dadurch eine geheimnisvolle Sogwirkung. Alles fließt. Auch wenn die Lage aussichtslos scheint, so steuert die Geschichte dennoch auf ihr logisches Ende hin, es lässt sich einfach nicht verhindern.


7,0 Kürbisse

(Foto: (c) Viennale)

Broker (2022)

Regie: Hirokazu Koreeda
Original-Titel: Beurokeo
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: Beurokeo


Hach, die Viennale und ihre Feelgood-Filme. Begonnen hat alles vor 60 Jahren als „Festival des heiteren Films“, und dieser Linie ist man bis heute treu geblieben, was der diesjährige Überraschungsfilm „Broker“ von Hirokazu Koreeda unterstreicht. In dieser leichten koreanischen Komödie geht es um lustige Themen wie Kindsweglegung, Menschenhandel und Mord. Der Saal hat sich gebogen vor Lachen. Das ist genau diese Art von Unterhaltung, die man in politisch düsteren Zeiten wie heute braucht. Aber jetzt mal Spaß beiseite. „Broker“ schlägt in eine ähnliche Kerbe wie Shoplifters – Familienbande, mit der Koreeda vor einigen Jahren die Goldene Palme in Cannes gewinnen konnte. Aus ungewöhnlichen und tragischen Umständen formt sich so etwas wie eine Familie. In diesem Fall besteht die Familie aus zwei „Brokern“, die weggelegte Babys für gutes Geld an kinderlose Paare verkaufen, der leiblichen Mutter selbst, einer Prostituierten, die nach einem Todesfall auf der Flucht ist, einem ausgebüxten Waisen und natürlich dem Baby selbst. Mutter und Broker verfolgen das gleiche Ziel: Den kleinen Woo-sung verkaufen – die Broker des Geldes wegen, die Mutter, damit sie das Kind in guten Händen weiß. Auf ihren Fersen sind aber zwei Polizistinnen, die die Menschenhändler auf frischer Tat ertappen wollen, sowie ein Schläger der lokalen Mafia. Was allerdings mehr als der Krimi bzw. die kriminelle Handlung selbst im Vordergrund steht, ist eben dieses vorsichtige Entstehen einer fragilen Beziehung zwischen allen Beteiligten, wobei hier selbst die beiden Polizistinnen davon berührt werden. Das alles ist mit leichter Hand und viel Sensibilität erzählt – hier zeigt sich die inszenatorische Stärke Koreedas. Weniger gelungen ist der Handlungsrahmen der polizeilichen Ermittlungen, der doch stark aufgesetzt wirkt, auch wenn die Entwicklung darin der Geschichte dient. So erreicht der Film vielleicht nicht ganz die Stringenz von „Shoplifters – Familienbande“, ist aber ein weiterer gelungener Beitrag Koreedas zum Thema Familie und wichtigen ethischen Fragen, die damit verbunden sind.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Tod auf dem Nil (2022)

Regie: Kenneth Branagh
Original-Titel: Death on the Nile
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Krimi
IMDB-Link: Death on the Nile


Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erleben. So lautet in etwa der bekannte Spruch. Hercule Poirot (Kenneth Branagh) sollte das wissen, denn man kann nicht behaupten, dass seine letzte Reise im Orient-Express langweilig gewesen sei. Aber das hindert ihn nicht daran, einen Luxusdampfer auf dem Nil zu boarden und gen Schicksal zu schippern. Immerhin ist er dabei in guter Gesellschaft, die vielleicht nicht so illuster ist wie jene seiner letzten Zugreise, aber Gal Gadot, Armie Hammer, Emma Mackey, Annette Bening, Sophie Okonedo, Letitia Wright, Russell Brand und erneut Tom Bateman sind dabei – schöne Menschen zumindest. Das Problem dabei: Schöne Menschen sind nicht immer gute Menschen, und wenn sich dann ein Eifersuchtsdrama entfaltet, das ein wenig ausartet, hat ein Meisterdetektiv wie Poirot bald viel zu tun. Wie es so schön heißt: Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft. Das alles wäre vor exotischer (und sichtlich CGI-gepimpter) Kulisse ja recht nett anzusehen, wenn der Film – anders als sein Vorgänger – nicht zwei fundamentale Probleme aufs Deck geladen hätte. Problem Nummer 1: Die Krimigeschichte und Poirots Versuche, diese aufzuklären, sind diesmal wirklich fad erzählt. Problem Nummer 2: Die Besetzung. Diejenigen, die gefordert wären (Gal Gadot, Emma Mackey, Armie Hammer), sehen zwar hübsch aus, können aber schauspielerisch nicht überzeugen. Und jene, die es könnten (Annette Bening, Sophie Okonedo), sind schlicht zu irrelevant und haben nichts zu tun. Was schließlich Russell Brand in dem Film tut, weiß kein Mensch. Vermutlich ist er nur zufällig über den Dreh gestolpert, und da man noch jemanden brauchte und er gerade nichts zu tun hatte, durfte/musste er in die Rolle des stoischen Arztes schlüpfen. So bleibt also alles an Kenneth Branagh hängen. Der macht seine Sache wieder richtig gut, er gibt seinem brillanten Superhirn emotionale Tiefe mit, das passt. Aber eine Kenneth Branagh-Soloshow macht halt noch keinen guten Film aus. Vielleicht klappt es ja bei der nächsten Poirot-Verfilmung wieder besser. Diese hier kann man jedenfalls auslassen.


4,5 Kürbisse

(Bildzitat:  Photo courtesy of 20th Century S/Photo courtesy of 20th Century – © 2022 20th Century Studios., Quelle http://www.imdb.com)

Red Notice (2021)

Regie: Rawson Marshall Thurber
Original-Titel: Red Notice
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Action, Abenteuerfilm, Komödie, Krimi
IMDB-Link: Red Notice


Jessas, der Ryan Reynolds schon wieder! Über den und seine Filme habe ich in den letzten Monaten nicht zu selten geschrieben. Reynolds dürfte jedenfalls seine Seele an Netflix verkauft haben, denn es ist fast schon unmöglich, sich durch die Startseite des Streaming-Anbieters zu zappen, ohne sein Gesicht zu sehen. In „Red Notice“ von Rawson Marshall Thurber spielt Ryan Reynolds diesmal Ryan Reynolds, der als Ryan Reynolds Karriere als Superkunstdieb macht. Dwight „The Rock“ Johnson ist ihm als FBI-Profiler auf den Fersen, was immerhin einen netten Gag hergibt, da The Rock hier mal jemanden spielen muss, der befähigt zu sein scheint, auch sein Hirn und nicht nur Muskelkraft einsetzen zu können (was ihm aber ehrlicherweise nicht wirklich gelingt). Und da Gal Gadot als Gal Gadot dem Super-Dieb und dem Super-Profiler ein Schnippchen schlagen möchte, müssen sich die beiden ungleichen Herren zusammentun, um eben jene Super-Schurkin aufs Kreuz zu legen, was auch wieder nur mäßig gelingt, denn Gadot hat eine israelische Militärausbildung genossen, und wenn sie einen Roundhouse-Kick austeilt, geht der direkt in Reynolds Gesicht (und The Rocks Eier). Was soll man da sagen? Auf der positiven Seite: Alle haben sichtlich ihren Spaß mit dem Film, der ein bisschen wirkt, als hätte man Indiana Jones und James Bond verschmelzen wollen, Gal Gadot sieht sexy aus, Ryan Reynolds wirkt wieder hochgradig sympathisch und The Rock macht alle Defizite mit Selbstironie wett. Auf der negativen Seite: Gal Gadot hat ihre Talente (siehe Roundhouse-Kicks), aber schauspielern gehört leider nicht dazu, Ryan Reynolds spielt mal wieder sich selbst und The Rock wirkt im Anzug immer irgendwie, als hätte sich die zu eng geschnittene Hose in der Arschbacke verheddert und würde ihn irrsinnig zwicken. Aber was soll’s – das Teil bietet ein paar flotte Sprüche, kernige Action-Szenen und schöne Prügeleien, wie sie Bud Spencer und Terence Hill nicht besser hinbekommen hätten. Hirn aus, Film ab.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: © 2021 – Netflix, Quelle http://www.imdb.com)

Nightmare Alley (2021)

Regie: Guillermo del Toro
Original-Titel: Nightmare Alley
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: Nightmare Alley


Wer diesen Blog in den vergangenen Monaten etwas intensiver verfolgt hat, dem ist vielleicht aufgefallen, dass ich einige Film Noirs aus den 40ern besprochen habe. „Nightmare Alley“, der neueste Film von Guillermo del Toro, würde gut in diese Reihe passen – wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass es bereits eine Verfilmung aus dem Jahr 1947 gibt unter dem Titel „Der Scharlatan“, ein Film Noir, der auf dem gleichnamigen Roman von William Lindsay Gresham beruht. Nun, ich kenne weder den Roman noch die Originalverfilmung, aber ich kann mir die Vibes des Films aus den 40ern sehr gut vorstellen, denn del Toros „Nightmare Alley“ ist eine Zeitreise in die Blütezeit des Film Noirs. Und wenn wir schon bei Zeitreisen sein: Cate Blanchett stammt ebenfalls eindeutig aus dieser Zeit. Ihre Femme Fatale, die das selbsternannte Medium Stanton Carlisle straucheln lässt, wirkt wie aus der Zeit gefallen. Überhaupt gibt sich del Toro jede Mühe, einen Film zu machen, der nicht nur Hommage an eine frühere Dekade des Kinos ist, sondern diese Zeit wieder auferstehen lässt. Die Detailversessenheit, an der man bei wohl jeder Einstellung die Handschrift des Regisseurs erkennt, zeitigt zwar ein visuell eindrucksvolles Ergebnis, führt aber auch zu erzählerischen Längen. Vielleicht ist del Toro selbst ein bisschen zu verliebt in seinen Film. Und so geht man die Reise zwar gerne mit, aber am Ende macht sich schon das Steißbein bemerkbar und ohne Proviant, sprich: einer großen Portion Popcorn, kommt man kaum gut durch. Dabei stimmt schon jedes Detail – die Darsteller:innen, allen voran Bradley Cooper, machen ihre Sache ausgezeichnet (da fällt mir ein: warum zum Teufel hat David Strathairn noch keinen Oscar?), Kostüme, Ausstattung und Score sind exzellent, die Geschichte diabolisch und spannend – aber für einen richtig großen Film ist von allem halt ein bisschen zu viel da. Klotzen, nicht kleckern, kann gut gehen, aber führt nicht immer zum bestmöglichen Ergebnis. So ist „Nightmare Alley“ ein unbestritten guter Film, aber nicht das Ereignis, das er selbst gerne wäre.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Kerry Hayes, Quelle http://www.imdb.com)

Der Mann mit der Narbe (1948)

Regie: Steve Sekely
Original-Titel: Hollow Triumph
Erscheinungsjahr: 1948
Genre: Thriller, Krimi
IMDB-Link: Hollow Triumph


Paul Henreid, in die Annalen der Filmgeschichte eingegangen durch seine Rolle als Victor László in Casablanca, hatte dem Vernehmen nach genug davon, immer die braven Burschen spielen zu dürfen. In „Der Mann mit der Narbe“ durfte er mal eine andere Facette seines Könnens zeigen: als Verbrecher John Muller, dessen Coup, zusammen mit seiner Gang ein Casino auszurauben, fürchterlich schief geht, worauf er untertauchen muss. Zufälligerweise stößt er dabei auf den Psychoanalytiker Dr. Bartok, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Allein eine Narbe auf der Wange unterscheidet die beiden. Doch so eine Narbe ist rasch ins Gesicht geschnitten, und schon bald ist Muller bereit, Dr. Bartoks Platz einzunehmen. Der muss dafür natürlich erst einmal von der Bildfläche verschwinden. Doch der Teufel steckt im Detail. Man könnte sagen: „Alles verlief nach Plan, nur der Plan war scheiße“. Schafft es Muller, trotz der Fehler, die ihm unterlaufen, davonzukommen, oder siegt die Gerechtigkeit, und der Schurke muss für seine Taten büßen? Das Mitfiebern mit Anti-Helden ist ja durchaus spannend – man wird als Zuseher in einem moralischen Zwiespalt gezogen und überträgt diesen inneren Konflikt auf den Spannungsbogen des Films. Leider funktioniert das im Fall von „Der Mann mit der Narbe“ nur bedingt, denn Paul Henreid ist reichlich uncharismatisch als Bösewicht. Zudem wird die Geschichte etwas zu umständlich erzählt. Das Tempo fehlt. So bleibt dieser düstere Film Noir, der in der Story gute Ansätze hätte, leider nur Durchschnittskost.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)