Lav Diaz

Genus Pan (2020)

Regie: Lav Diaz
Original-Titel: Lahi, Hayop
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Krimi, Drama
IMDB-Link: Lahi, Hayop


Für seine Verhältnisse hat Lav Diaz mit „Genus Pan“ (im Original: „Lahi, Hayop“) einen Kurzfilm gedreht. In flotten 157 Minuten ist man durch. Seine Filme können auch schon mal die 8-Stunden-Marke überschreiten. Bei einem achtstündigen „Lahi, Hayop“ wäre ich allerdings ausgestiegen, hat der Film ja auch jetzt schon seine Längen. Die Geschichte kann nämlich recht einfach zusammengefasst werden: Drei Minenarbeiter schlagen sich von der Insel, auf der sie arbeiten und ausgebeutet wurden, durch den Dschungel in ihr Heimatdorf durch. Einer von ihnen ist finanziell besonders gebeutelt, denn das wenige Geld, das ihm bleibt, reicht nicht aus, um die Medikamente der kranken Schwester zu bezahlen. Nach einem langen, beschwerlichen Weg kommt nur er im Dorf an. Was ist passiert? Dass er den Dorfbewohnern von seinem Geld nichts abgeben möchte, macht die Menschen noch misstrauischer. „Lahi, Hayop“ bringt unter allen Figuren das Schlechteste hervor. Man ist nicht besser als der vom Instinkt geleitete „Pan“, also Menschenaffe. Es gibt wenig Hoffnung auf Läuterung – trotz eines starken Beginns, der den beschwerlichen Weg der drei Männer minutiös nachzeichnet und die drei ungleichen Typen auch zueinanderfinden lässt. Aber was bleibt davon übrig im Angesicht der Not? „Lahi, Hayop“ ist eine finstere Reise an die dunkelsten Stellen der Herzen. Allerdings fällt der Film nach einer starken ersten Hälfte stark ab, wird mühsam und zieht sich wie ein alter Kaugummi. Erst das bittere Ende lässt den Zuseher wieder mitfiebern und rettet den Film über die letzte Kurve. Die 157 Minuten Laufzeit sind aber mehr als üppig bemessen für den Inhalt, der damit trotz der kürzeren Laufzeit deutlich mühsamer zu sehen ist als der grandiose The Woman Who Left aus dem Jahr 2016. Wie schon gesagt: Acht Stunden lang hätte ich hier nicht durchgehalten. 


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

The Woman Who Left (2016)

Regie: Lav Diaz
Original-Titel: Ang Babaeng Humayo
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Ang Babaeng Humayo


Bei manchen Regisseuren empfiehlt es sich, zunächst einmal als Einstieg einen Kurzfilm anzusehen, um sich mit dem Stil vertraut zu machen und zu überprüfen, ob die Bildsprache und Komposition dem eigenen Geschmack entsprechen. So auch bei Lav Diaz. Bevor man sich also an seine Langfilme macht, kann man mal einen Blick wagen auf seinen nicht einmal 4 Stunden dauernden Kurzfilm „The Woman Who Left“, der erfreulicherweise gerade im Wiener Metro Kino läuft. Diese Gelegenheit musste ich nutzen. Und auch wenn der Film stellenweise aufgrund seiner Kürze arg gehetzt wirkt und man manche Handlungsstränge durchaus ordentlicher hätte auserzählen können, so ist dieser erste Appetithappen ein schmackhafter. Die Geschichte ist natürlich sehr ökonomisch angelegt (anders brächte man sie in der kurzen Spieldauer auch gar nicht unter): Eine Frau kommt nach dreißig Jahren aus dem Gefängnis, die sie unschuldig einsitzen musste. Ausgerechnet die Mitinsassin und gute Freundin war geständig, den Ehemann der Frau im Auftrag ihres Ex-Lovers aus dem Weg geräumt und ihr den Mord in die Schuhe geschoben zu haben. Nun ist die Frau auf Rache aus und fährt in die Stadt, in der sich ihr ehemaliger Liebhaber, ein mächtiger Gangsterboss, verschanzt hat. Dort lernt sie einige Außenseiter der Gesellschaft kennen: einen buckligen Straßenverkäufer, eine verrückte Obdachlose, einen viel geschundenen Transvestiten. Alle Kalauer mal beiseite – wie vielleicht schon zwischen den Zeilen angedeutet wurde, nimmt sich „The Woman Who Left“ wirklich viel Zeit für seine Geschichte und seine Figuren. Was vordergründig als Rachegeschichte a la „Kill Bill“ angelegt ist, entpuppt sich als sehr menschliches Drama rund um die Außenseiter dieser Geschichte, die immer mehr in den Vordergrund rücken. Horacia, die unschuldige Insassin, begegnet all diesen Menschen mit viel Respekt und Zuneigung, und allmählich treten die Rachegelüste zurück zugunsten einer Wertschätzung für das Leben im Generellen. Gedreht in formal strengem Schwarz-Weiß mit ruhigen, statischen Kameraeinstellungen (bis auf eine Ausnahme) konzentriert sich der Film dabei voll und ganz auf die Begegnungen seiner Figuren, auf die vielen zarten Momente des Kennenlernens und wachsenden Vertrauens. Viele dieser Momente wirken zunächst redundant, greifen aber nach und nach ineinander und tragen dazu bei, dass man als Zuseher den Figuren immer näher kommt. So überrascht es auch nicht, dass der Film in der ersten Hälfte tatsächlich einige Längen aufweist, in der zweiten aber mit jeder Einstellung interessanter wird, da einem die Figuren vertrauter sind, als wären sie nahe Verwandte, die einem ihre Geschichte erzählen. Am Ende findet der Film sogar wieder den Bogen zurück zu seinem Anfang, und die letzte Szene ist ambivalent und auf eine unbestimmte Weise erschütternd. Ein Meisterwerk, für das man viel Sitzfleisch benötigt und das sicherlich nicht jederzeit und in jeder Stimmungslage angesehen werden kann, das sich aber, am richtigen Tag gesehen, sehr lohnt und den Horizont des Zusehers erweitert.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 4 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmgarten)