Marie Losier

Felix in Wonderland (2019)

Regie: Marie Losier
Original-Titel: Felix in Wonderland
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation, Musikfilm
IMDB-Link: Felix in Wonderland


Wenn Marie Losier dokumentarische Porträts dreht, dann ist sie weniger an biographischen Inhalten interessiert, sondern mehr in der von den gefilmten Personen selbst gewollten Inszenierung. So schon gesehen bei Cassandro the Exotico! und nun auch in „Felix in Wonderland“. In ihrem Film zeigt sie, wie Felix Kubin, ein deutscher Avantgardemusiker, die Welt sieht. Für ihn ist alles Musik, alles Rhythmus, und am liebsten sind ihm Dissonanzen, Interferenzen, die „Zwischenräume“, wie er sie beschreibt. Dass er dabei immer wieder wie ein Alien wirkt, dass nach einem Besäufnis auf der Erde notlanden musste und nun verkatert herauszufinden versucht, wie man sich auf diesem seltsamen Planeten verständlich macht, kann man durchaus als beabsichtigt voraussetzen. Denn Felix Kubin inszeniert sich selbst als Kunstfigur, und Marie Losier ist dabei Erfüllungsgehilfin. Die Stärken dieses unkonventionellen Films, der auch immer wieder avantgardistische Einschübe aufweist, sind Stellen anarchischen Humors, wenn zum Beispiel Felix Kubin eine Reihe von Experimenten durchführt, wie man Mikrofonen Schaden zufügen kann. Die witzigste dabei ist gleich zu Beginn zu sehen, wenn er das Mikrofon in ein Brötchen steckt, um einen Hund darauf herumkauen zu lassen. Allerdings muss man auch hinnehmen, dass all das, was Felix Kubin von sich präsentiert, verständlich allein für jemanden in der Welt Felix Kubins ist, im Zweifelsfall ausschließlich für Felix Kubin selbst. Kunst muss sich nicht erklären. Das ist schon okay so. Aber dann kann man als Zuseher auch für sich vermerken, dass die Angelegenheit zwar stellenweise spaßig anzusehen ist, aber darüber hinaus keinen Mehrwert bringt. Der Versuch, die Welt aus der Sicht von Felix Kubin zu zeigen, erklärt diese eben nicht.


5,0
von 10 Kürbissen

Cassandro the Exotico! (2018)

Regie: Marie Losier
Original-Titel: Cassandro the Exotico!
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Cassandro the Exotico!


Lucha Libre ist die mexikanische Form des Wrestlings, und Cassandro ist einer der großen Stars dieses Show-Ringens. Das Besondere an ihm: Er ist bekennend schwul, wirft sich für seine Kämpfe in Glitter und Make-Up und mischt als Exotico die maskierten Muskelprotze auf. Cassandro ist auch ein großer Entertainer, der sich zu inszenieren weiß. Das merkt man auch jeder Minute von Marie Losiers Porträt an. Gleichzeitig werden auch die Verletzungen sichtbar, und zwar nicht nur die äußerlichen, die in Narben kumulieren. Sondern auch der Kampf gegen die inneren Dämonen und jener um Akzeptanz. Wenn Cassandro beispielsweise begeistert erzählt, welch großartiges Verhältnis er jetzt zu seinem Vater hat, nachdem sie jahrelang nicht miteinander gesprochen haben, schwingt im Hintergrund durchaus diese lange Zeit der Ablehnung und familiären Einsamkeit mit. Cassandro gehört zu jenen Menschen, die solche Niederschläge mit einem Lachen und einem Scherz wegzuwischen versuchen. Er ist ein unglaublich charismatischer Typ, der auch viel zu erzählen hat, und dessen positive Art das Negative in seinem Leben überstrahlt. Man könnte ihm stundenlang zuhören. Und allein das macht aus „Cassandro the Exotico!“ einen wirklich sehenswerten Film. Allerdings hat der Film auch drei Probleme, die nicht von der Hand zu weisen sind. Das erste Problem ist die Kamera bzw. das Bild. Gefilmt wurde auf körnigen 16mm. Das Bild ist manchmal zerkratzt, hat einen argen Rotstich, mal werden die Bilder beschleunigt – all das führt zu fiebrigen Aufnahmen, die Cassandros innere Rastlosigkeit sichtbar machen. Das ist durchaus gut gemacht. Allerdings wirkt das Bild oft so, als hätte man die Kamera auf dem Kopf eines Wackeldackels montiert. Da dürfte der eine oder andere Zuseher seekrank werden. Das zweite Problem ist, dass der interessante Werdegang von Cassandro, wie er als schwuler Luchador zu Ruhm und Anerkennung kam, nicht näher beleuchtet wird. Weder Cassandro noch Marie Losier interessieren sich sonderlich dafür. So ist das Porträt nur eine Momentaufnahme, viele Fragen zu Cassandro bleiben offen. Das dritte Problem ist schließlich Cassandro selbst. Wie gesagt, er ist ein Entertainer, und er weiß auch, dass er performen muss vor der Kamera. Und so lässt sich im Grunde nichts dazu sagen, ob der Film die reale Person hinter der Figur porträtieren kann. Denn Cassandro selbst kontrolliert das Geschehen. Und er zeigt sich natürlich so, wie er gern gesehen werden möchte. Aber das macht immerhin Spaß, ist unterhaltsam, und er selbst ist eben ein leiwander Typ.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)