Musikfilm

I’m Still Here (2010)

Regie: Casey Affleck
Original-Titel: I’m Still Here
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Komödie, Musikfilm, Drama
IMDB-Link: I’m Still Here


Künstler sind sensible Seelen, und sie haben es schwer. Oft missverstanden und reduziert auf ihr Werk, das sie möglichst wiederholen sollen, aber bitte sich selbst dabei schon treu bleiben, sonst droht das Etikett „Ausverkauf!“. Joaquin Phoenix, in diesem Jahr Oscar-geadelt für seine unglaubliche Leistung in Joker, scheint ein solches Pflänzchen zu sein. Die Schauspielerei füllt ihn nicht mehr aus, außerdem sehen die Menschen ja immer nur die Rolle, nie denjenigen, der dahintersteckt. Was gäbe es also naheliegenderes, als den Brotberuf an den Nagel zu hängen und sich stattdessen als Musiker auszudrücken? Die Musik ist schließlich das Tor zur Seele. Dass sich Phoenix nun ausgerechnet das Genre des Hip-Hop ausgesucht hat, in dem er nicht übermäßig viel Talent zeigt, nun, das ist schließlich seine eigene Sache. Also bastelt er mit seinen engsten Vertrauten an seiner Karriere als Rapper, während die Welt darüber am Rätseln ist, ob nicht die eine oder andere illegale Substanz, die er sich auf dem Weg dahin hineinpfeift, nicht zu viel des Guten war. Aber halt! Vielleicht ist das alles nur ein Hoax? Vielleicht machen sich Phoenix und sein Schwager und Partner in Crime Casey Affleck nur einen Riesenspaß aus der Sache? „I’m Still Here“, die Mockumentary zu diesem schrägen Karriereknick, lässt sich nicht in die Karten schauen. Mit größter Ernsthaftigkeit verfolgt Affleck Phoenix‘ Weg durch die Abgründe von Midlife-Crisis, Drogenexzessen mit Prostituierten und Begegnungen mit schier fassungslosen Größen des Genres wie P. Diddy. Angeblich wollten Joaquin Phoenix und Casey Affleck damit ein Statement setzen zur Leichtgläubigkeit der Menschen. Vielleicht hatte Phoenix aber auch wirklich nur Lust, sich ein Jahr verbotenes Zeug reinzuziehen und auf Körperhygiene zu pfeifen. Das kann ja auch befreiend wirken. Der Zuseher erfährt es nicht und wird es wohl auch nie zur Gänze erfahren, auch wenn das Ergebnis dieses seltsamen Jahres, eben der Film, in eine bestimmte Richtung deutet. Aber was weiß man schon? Viel Substanz bietet das filmische Ergebnis dieser Reise jedenfalls nicht, bestenfalls einige genuine WTF-Momente und sehr viel Fremdschämen – sowie das ständige Rätseln darüber, wie das alles nun gemeint ist. Das kann durchaus abendfüllend sein, aber man muss sich diesem Rätsel nicht wiederholt hingeben – so viel steckt dann eben auch nicht dahinter.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Fantasia (1940)

Regie: James Algar und Samuel Armstrong
Original-Titel: Fantasia
Erscheinungsjahr: 1940
Genre: Animation, Musikfilm, Episodenfilm
IMDB-Link: Fantasia


Es gibt kaum einen Filmfan, der die ikonische Sequenz mit Mickey Mouse als Zauberlehrling, der die Kontrolle über seine Zauberei verliert, nicht kennt. Ein zeitloser Klassiker der Filmgeschichte. Man tut dem Musikfilm „Fantasia“, der auf unnachahmlich kreative Weise klassische Musik und Animationsbilder verknüpft, aber Unrecht, wenn man ihn auf diese Szene reduziert. Denn „Fantasia“, produziert von Walt Disney unter der Regie von James Algar und Samuel Armstrong, bietet eigentlich ausschließlich Meisterstücke der Animationskunst – ob es nun das Tier-Ballett zur Musik von Ponchiellis „Tanz der Stunden“, die Reise durch die Urgeschichte der Erde zu Strawinskis „Le Sacre du Printemps“ oder der Totentanz am Ende zu Mussorgskis „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ ist. Musik und Animation gehen in allen Szenen eine fast schon hypnotisch anmutende Verbindung ein. Die Sequenzen sind zum Teil humorvoll, dann wieder dunkel und bedrohlich. Die Disney-Studios zeigen hier all ihr Können aus den frühen ersten Jahrzehnten und bringen dies auf ungeahnte neue Höhen. Trotz einer respektablen Laufzeit von knapp über zwei Stunden wird der episodische Film niemals langweilig – zu unterschiedlich sind die Sequenzen, zu meisterhaft inszeniert ist jede einzelne davon. Interessant ist, dass das zeitgenössische Publikum dieses Meisterwerk gar nicht zu schätzen wusste. Der finanzielle Misserfolg von „Fantasia“ trieb Disney beinahe in den Ruin. Erst später erkannten Filmliebhaber weltweit, was für eine Perle der Film tatsächlich ist. Die ersten, die den Film für sich entdeckten, waren im Übrigen Jugendliche, die den Film begleitend zu psychedelischen Drogen konsumierten. Das allein zeigt schon, wie weit Disney mit diesem Film seiner Zeit voraus war.


8,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 1940 – Walt Disney Productions, Quelle: imdb.com)

Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt (2010)

Regie: Edgar Wright
Original-Titel: Scott Pilgrim vs. the World
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Komödie, Musikfilm, Liebesfilm, Fantasy
IMDB-Link: Scott Pilgrim vs. the World


Scott Pilgrim (Michael Cera) ist ein verhuschter, 22jähriger Nerd, arbeitslos, Bassist in einer Band, er datet ein High School-Girl und trauert seiner Ex nach. Dann trifft er auf die geheimnisvolle Ramona (Mary Elizabeth Winstead). Alles könnte gut sein, wäre da nicht die Liga der bösen Ex-Freunde, die Scott nach und nach besiegen muss. Anders als bei vielen Comic-Verfilmungen wirkt der Film selbst wie ein Comic. Da gibt es keine Übersetzung von einem Medium zum Anderen, keine Reduktion des übertriebenen Comic-Stils, da dieser in 90 Minuten Bewegtbildern vielleicht auf die Nerven gehen könnte – nein, Edgar Wright entscheidet sich für einen ganz anderen Ansatz: Der Film IST ein Comic. Wenn das Telefon läutet, steht fett „Rrrrring!“ auf dem Bildschirm, wenn Scott Wasser lässt, leert sich der Pinkel-Balken rechts oben, Schlägereien werden sowohl akustisch als auch schriftlich entsprechend begleitet, und alles ist bunt und knallig. Auf einen solchen Film sind, denke ich, exakt zwei Reaktionen möglich: Entweder man ist davon genervt. Oder man feiert jede einzelne Szene. Ich gehöre glücklicherweise zu der zweiten Gruppe. Für mich gehört „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ zu den aberwitzigsten, liebevoll kreativsten und eigenständigsten Filmen, die jemals gemacht wurden. Ganz gleich, wie mies meine Laune ist – ich muss nur den Film einlegen und eineinhalb Stunden später bin ich der fröhlichste Mensch der Welt. Insgesamt wurde der Film sicherlich unter Wert geschlagen, als er 2010 erschien. Und vielleicht mag er heute, zehn Jahre später, auch in dieser Hinsicht schon wieder überholt sein, da die Geeks von heute andere Dinge feiern als die Geeks, für die der Film vor zehn Jahren gedreht wurde. Aber für mich bleibt „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ ein zeitloser Klassiker, der verliebten Nerds auf der ganzen Welt ein Denkmal setzt.


9,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Felix in Wonderland (2019)

Regie: Marie Losier
Original-Titel: Felix in Wonderland
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation, Musikfilm
IMDB-Link: Felix in Wonderland


Wenn Marie Losier dokumentarische Porträts dreht, dann ist sie weniger an biographischen Inhalten interessiert, sondern mehr in der von den gefilmten Personen selbst gewollten Inszenierung. So schon gesehen bei Cassandro the Exotico! und nun auch in „Felix in Wonderland“. In ihrem Film zeigt sie, wie Felix Kubin, ein deutscher Avantgardemusiker, die Welt sieht. Für ihn ist alles Musik, alles Rhythmus, und am liebsten sind ihm Dissonanzen, Interferenzen, die „Zwischenräume“, wie er sie beschreibt. Dass er dabei immer wieder wie ein Alien wirkt, dass nach einem Besäufnis auf der Erde notlanden musste und nun verkatert herauszufinden versucht, wie man sich auf diesem seltsamen Planeten verständlich macht, kann man durchaus als beabsichtigt voraussetzen. Denn Felix Kubin inszeniert sich selbst als Kunstfigur, und Marie Losier ist dabei Erfüllungsgehilfin. Die Stärken dieses unkonventionellen Films, der auch immer wieder avantgardistische Einschübe aufweist, sind Stellen anarchischen Humors, wenn zum Beispiel Felix Kubin eine Reihe von Experimenten durchführt, wie man Mikrofonen Schaden zufügen kann. Die witzigste dabei ist gleich zu Beginn zu sehen, wenn er das Mikrofon in ein Brötchen steckt, um einen Hund darauf herumkauen zu lassen. Allerdings muss man auch hinnehmen, dass all das, was Felix Kubin von sich präsentiert, verständlich allein für jemanden in der Welt Felix Kubins ist, im Zweifelsfall ausschließlich für Felix Kubin selbst. Kunst muss sich nicht erklären. Das ist schon okay so. Aber dann kann man als Zuseher auch für sich vermerken, dass die Angelegenheit zwar stellenweise spaßig anzusehen ist, aber darüber hinaus keinen Mehrwert bringt. Der Versuch, die Welt aus der Sicht von Felix Kubin zu zeigen, erklärt diese eben nicht.


5,0
von 10 Kürbissen

Yesterday (2019)

Regie: Danny Boyle
Original-Titel: Yesterday
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Liebesfilm, Musikfilm, Komödie, Fantasy
IMDB-Link: Yesterday


Ich mag Danny Boyle und seinen Zugang zu Filmen. Diese sind immer dynamisch, rhythmisch, voller Musik und mit einem verdammt guten Pacing gemacht. Und zumeist kann er sich auf richtig gute Schauspielerinnen und Schauspieler verlassen. Kurz: Er versteht sein Handwerk und hat einen sehr eigenen, leicht wiederzuerkennenden Stil entwickelt. „Yesterday“, eine romantische Musik-Komödie mit leichtem Fantasy-Einschlag, scheint da erst einmal nicht richtig hineinzupassen. Der Trailer sieht niedlich aus, aber so ganz klar, dass es sich um einen Danny Boyle-Film handelt, ist es nicht. Das findet man erst heraus, wenn man wirklich im Kino sitzt. Denn dann stimmt plötzlich wieder alles zusammen: Der Schnitt und das Timing, die Beleuchtung, die schrägen Kamerafahrten, vor allem aber die schauspielerischen Leistungen. Newcomer Himesh Patel spielt wunderbar sympathisch den erfolglosen Musiker Jack Malik, der eines Nachts von einem Bus angefahren wird und tags darauf feststellt, dass er der einzige Mensch weltweit ist, der sich an die Beatles und ihre Songs erinnern kann. Natürlich wird dieses Wissen zu einer Goldgrube für ihn. Lily James ist seine hoffnungslos in ihn verschossene Agentin und platonische Freundin, und ganz ehrlich: Man möchte diesem Jack Malik an die Gurgel fassen, dass er so blöd ist, die Gefühle dieses bezaubernden Wesens nicht wahrzunehmen und zu erwidern. Lily James als Ellie ist unfassbar süß. Und auch die Nebenrollen sind gut (und saukomisch) besetzt – ob nun Kate McKinnon als geldgierige Managerin, Joel Fry als verpeilter Slacker-Freund oder Ed Sheeran als Ed Sheeran – alles geht auf. Natürlich ist der Film selbst nicht mehr als nette Unterhaltung zwischendurch, die auf einer augenzwinkernden Prämisse aufbaut, die die Nostalgiker unter uns bedient. Aber der Film als solches ist einfach exzellent gemacht, streckenweise herrlich komisch, gut gespielt und rundum sympathisch. Und wer am Ende bei „Hey Jude“ nicht Lust bekommt, mitzusingen, dem ist eh nicht mehr zu helfen.


7,5
von 10 Kürbissen

Radio Dreams (2016)

Regie: Babak Jalali
Original-Titel: Radio Dreams
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Komödie, Musikfilm
IMDB-Link: Radio Dreams


PARS Radio ist ein iranischer Radiosender in San Francisco, der die erste afghanische Alternative Rock-Band Kabul Dreams (gibt es wirklich) zu einer Session mit der US-Metal-Band Metallica (gibt es auch) eingeladen hat. Mr. Royani (Mohsen Namjoo), der Programmdirektor, war einst ein gefeierter Autor im Iran und muss sich nun mit amateurhaften Mitarbeitern, dummen Werbe-Einspielungen, einer Carlos Valderrama-Gedächtnis-Frisur in Grau und einem vagen Gefühl des Heimwehs herumplagen. Beckett hat einst „Warten auf Godot“ geschrieben. Dieser zauberhafte, sehr lakonische Film ist „Warten auf Metallica“. Der Tag vergeht. Das Programm geht zur Neige. Man muss improvisieren. Da draußen, außerhalb der sicheren Räume des Radiosenders, befindet sich eine fremde, einschüchternde Welt (was ausnahmsweise mal nicht an Metallica liegt). Und allmählich begreift man als Zuseher das Thema des Films: Das Fremde. Die Suche nach Identität, das Leben in der Diaspora, wo die Träume an den Mauern der Stadt zerschellen. „Radio Dreams“ ist witzig, hintersinnig und melancholisch. Und fühlt sich kurioserweise trotz aller Fremdheit trotzdem sehr vertraut an. Vielleicht, weil die Musik auch das Fremde miteinander verknüpft. Und das weiß schließlich auch Lars Ulrich, seines Zeichens nach Schlagzeuger von Metallica.

 


8,0
von 10 Kürbissen

Only Lovers Left Alive (2013)

Regie: Jim Jarmusch
Original-Titel: Only Lovers Left Alive
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Drama, Liebesfilm, Fantasy, Musikfilm
IMDB-Link: Only Lovers Left Alive


Wenn man unsterblich ist, kann einem die Zeit ganz schön lang werden. Das hat Jim Jarmusch erkannt, der seine beiden Vampirlover Adam (Tom Hiddleston) und Eve (Tilda Swinton) zwischen Lethargie und Nihilismus sowie zwischen Tanger und Detroit pendeln lässt. Wenn man alle Zeit der Welt hat, muss man nicht jeden Tag aufeinander picken. Aber manchmal ist es doch schön, sich auf der Couch zusammenzukuscheln und gemeinsam Musik zu hören. Diesen Frieden stört eigentlich nur Eves jüngere Schwester Ava (Mia Wasikowska), die zwar auch schon ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel hat, aber noch naiv und energetisch wirkt im Vergleich zu den beiden Älteren, die schon alles gesehen haben. Und natürlich, so ein Wirbelwind, der nach 87 Jahren Abwesenheit unvermutet mal wieder auf der Matte steht, bringt die gewohnten Abläufe ordentlich durcheinander – vor allem, wenn dieser versehentlich Adams besten Kumpel aussaugt. Denn eigentlich gehört sich das nicht, finden Adam und Eve. Sie trinken ihr Blut lieber aus der Konserve. Nein, viel passiert nicht in „Only Lovers Left Alive“. Wer sich actiongetriebenen Vampirhorror erhofft, wird von diesem Film bitter enttäuscht. Warum der Film aber dennoch in meinem persönlichen Olymp der Lieblingsfilme aufgestiegen ist, ist leicht erklärt: Ich kenne nur wenige andere Filme, die mit jeder Einstellung, mit jeder Szene eine so unglaublich dichte Atmosphäre schaffen. Unendliche Liebe, dieses viel besungene Klischee, wird hier spürbar gemacht – im Positiven wie im Negativen. Sie verdichtet sich zu Musik, zu gelbem Laternenlicht, zu halbverfallenen Gebäuden in den menschenleeren Straßen von Detroit, zu nächtlichem Philosophieren, zu dem Bewusstsein, dass man selbst noch da sein wird, wenn alles Andere bereits vergangen ist. Welche Rollen spielen dann schon Tage oder Nächte? Und warum zwischenmenschliche Kontakte knüpfen, wenn diese nicht lange halten? Tilda Swinton und Tom Hiddleston spielen dieses Paar, das in sich und in der Zeit gefangen ist, sich aber mit dem Schicksal abgefunden hat, wirklich grandios. Es geht von beiden sowohl Wärme als auch Gefahr aus. Wärme füreinander, Gefahr für jene, die nicht zu ihnen gehören. Für mich ist „Only Lovers Left Alive“ ein ganz großer Wurf, der mich nun schon seit vielen Jahren begleitet und zu dem ich gedanklich immer wieder zurückkehre.


10
von 10 Kürbissen