Nora Fingscheidt

Systemsprenger (2019)

Regie: Nora Fingscheidt
Original-Titel: Systemsprenger
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Systemsprenger


Kino ist Eskapismus. Einfach mal für zwei Stunden die böse Welt vergessen. Oder eintauchen in tragische Geschichten und große Gefühle und sich mal mitnehmen lassen in dem Wissen, dass man Ende eh heil wieder herauskommt. Selten sind Filme so mutig, den Zuseher mit einem Trauma, das sich gewaschen hat, aus dem Saal zu werfen. „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt gehört zu diesen wenigen mutigen Filmen. Dabei fühlt sich der Film die meiste Zeit über leicht und luftig an. Was an der Hauptfigur Benni (Jungschauspielerin Helena Zengel mit einer überragenden Leistung) liegt, dem renitenten, traumatisierten Kind mit dem Gewaltproblem, das im nächsten Moment auch wieder zuckersüß sein kann und für herzerwärmende und lustige Momente sorgt. Hier sehen wir einen jungen Menschen, gefangen in den eigenen Emotionen. Und nichts scheint zu helfen, weder die vielfältigen Maßnahmen der Erzieher noch die gelegentlich aufblitzende Hoffnung, doch wieder zurückzukommen ins eigene Heim zur Mama (Lisa Hagmeister, die man die meiste Zeit über ohrfeigen möchte, was als Kompliment für ihre Darstellung als überforderte, unzuverlässige Mutter gemeint ist). Schulbegleiter Micha (Albrecht Schuch), der normalerweise mit gewalttätigen Jugendlichen arbeitet, schlägt eine unorthodoxe Maßnahme vor: Zwei Wochen allein mit Benni im Wald, damit sie zur Ruhe kommt. Doch hilft das wirklich? Als Zuseher möchte man es glauben, wartet auf die bekannten Muster der Dramaturgie, die langsame Annäherung Bennis an Micha, dessen Akzeptanz als Vaterfigur – doch Nora Fingscheidt belässt es nicht bei Banalitäten. Sie denkt realistisch. Und gerade das macht den Film am Ende hin so schmerzhaft.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen Filmverleih)