Paul Thomas Anderson

Licorice Pizza (2021)

Regie: Paul Thomas Anderson
Original-Titel: Licorice Pizza
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama, Komödie, Liebesfilm
IMDB-Link: Licorice Pizza


Licorice Pizza, übersetzt Lakritzepizza, da kommt zusammen, was nicht zusammen gehört. Das scheint jedenfalls der Hintersinn des nicht unbedingt offensichtlichen Titels von Paul Thomas Andersons Hommage an die 70er Jahre zu sein. Oder aber ihm kam in einem Anflug kulinarischen Wahnsinns mal die Idee, die legendäre Pizza Hawaii in Fragen der Kontroversität zu übertrumpfen, konnte sein Produkt aber Dr. Oetker nicht verkaufen und dachte sich: ‚Hey, wenn ich schon mal den Namen habe …‘ Man weiß es nicht. So oder so, unter seiner Regie ist nun ein Film entstanden, der wie aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Dieser Film atmet die pure 70er-Nostalgie. Was Jonah Hill in Mid90s gelang, nämlich ein Jahrzehnt nicht einfach nur filmisch zu würdigen, sondern es so authentisch hinzubekommen, dass man meint, der Film wäre damals tatsächlich gedreht worden, gelingt Paul Thomas Anderson, ohnehin ein Meister seines Fachs, in „Licorice Pizza“ mindestens genauso gut. Im Zentrum stehen dabei die 25jährige Alana und ihr um zehn Jahre jüngerer Verehrer Gary, ein umtriebiger Jungunternehmer und Fernsehstar. Der Film konzentriert sich auf das Auf und Ab dieser schwer definierbaren Beziehung, die immer irgendwo zwischen Freundschaft und doch romantischer Anziehung pendelt. Und gerade in dieser Hinsicht ist „Licorice Pizza“ besonders gut gelungen, denn er erzählt eine recht konventionelle Geschichte, die aber – wie es halt im Leben so spielt – ihre Haken schlägt und nicht immer auf das Offensichtliche zusteuert. Gerade dadurch wird die Geschichte von Alana und Gary so echt und nachvollziehbar. Alana Haim und Cooper Hoffman (der Sohn von Philip Seymour Hoffman, die Gene sind also mal ein großes Versprechen) in den Hauptrollen sind exzellent besetzt. Man könnte ihnen stundenlang zuschauen, wie sie sich aufeinander zu- und wieder voneinander wegbewegen. Der Rest des teils äußerst prominenten Casts steht dem aber um nichts nach. So reichen Bradley Cooper schon geschätzte zehn Minuten Screentime, um die vielleicht beste Leistung seiner Karriere auf die Leinwand zu zaubern. Und so könnte ich fast jedes einzelne Mitglied des Casts herausstellen, dazu die tolle Musik, die großartige Kameraarbeit, das feine Drehbuch, aber ich habe schon genug geschrieben und mein übliches Maß weit überschritten, also kürze ich diese Review jetzt mal ab – meine Begeisterung für den Film dürfte mittlerweile rübergekommen sein – und sage: Leute, schaut euch das an!


9,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Junun (2015)

Regie: Paul Thomas Anderson
Original-Titel: Junun
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Dokumentation, Musikfilm
IMDB-Link: Junun


Diesen Tipp verdankte ich prinzipiell dem seligen Hans Hurch, der vor Beginn der letzten von ihm geleiteten Viennale das Publikum zu einer Informationsveranstaltung einlud. Dort machte er auf kleinere Perlen aufmerksam, die sonst vielleicht untergehen könnten. Dass ich aber „Junun“ verpassen könnte, stand von Vornhinein außer Frage, nachdem ich gelesen hatte, wer da aller seiner Finger im Spiel hatte. Beginnen wir mit dem von mir sehr geschätzten Jonny Greenwood. Der ist offenbar nicht damit ausgelastet, mit Radiohead die zeitgenössische Musik zu revolutionieren und Filmmusik zu schreiben. Also geht er nach Indien und bunkert sich dort mit einem Haufen lokaler Musiker (darunter eine Blasmusikkapelle) und dem israelischen Songwriter Shye Ben Tzur in der altehrwürdigen indischen Festung Meherangarh ein, um zu musizieren. Gut, dass er seine alten Spezis Paul Thomas Anderson und Nigel Godrich (den Produzenten von Radiohead) im Gepäck hat, denn so entsteht ein ganzes Album mit wunderbarer israelisch-indisch-westlicher Crossover-Musik, und der Entstehungsprozess wird auch noch filmisch eingefangen. Dabei hält sich Paul Thomas Anderson angenehm zurück. Er lässt Drohnen über die eindrucksvolle Festungsanlage kreisen, als würde er das Geschehen respektvoll aus der Ferne betrachten wollen. Eigentlich ist die nicht einmal eine Stunde dauernde Doku „Junun“ gar kein Film. Es ist ein langer Musikclip, der die Produktion des Albums „Junun“ dokumentiert. Und doch ist keine einzige Sekunde langweilig. Zu faszinierend ist es, diesen allesamt begnadeten und so unterschiedlichen Musikern zuzusehen, wie sie sich aufeinander einschwingen und wie aus ihren jeweiligen Zugängen zur Musik etwas völlig Neues, Einzigartiges entsteht. Die Musik ist absolut mitreißend und zeigt vor allem eines: Dass es auch unter Fremden immer etwas gibt, das sie vereint.

 


7,0
von 10 Kürbissen

Der seidene Faden (2017)

Regie: Paul Thomas Anderson
Original-Titel: Phantom Thread
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Phantom Thread


Der distinguierte, leicht pedantische Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) ist der beste Schneider Londons. Sogar Prinzessinnen lassen sich von ihm zu ihrer Hochzeit einkleiden. Alma Elson (Vicky Krieps) ist eine Kellnerin, die dank ihrer perfekten Maße zu Woodcocks Muse und Geliebten wird. Das ist „Phantom Thread“ – und was jetzt erst einmal nach einer eh-schon-tausend-Mal-gesehenen Geschichte über die fragile Liebesbeziehung zwischen einem reichen, alten Sack und einem betörend agilen Mädchen klingt, entpuppt sich in weiterer Folge als subtiles, schwarzhumoriges Meisterwerk über Macht und Abhängigkeit. Denn der Stoff (Achtung: Doppeldeutigkeit!) ist bei Paul Thomas Anderson in den allerbesten Händen. Allein schon, wenn man das Handwerkliche betrachtet, kommt man aus dem Zungeschnalzen nicht mehr heraus. Die Kamera schafft mit gedämpften Bildern eine sehr intime Atmosphäre. Die Ausstattung ist exquisit und edel und unterstreicht den Reichtum sowie auch die Entrückung Woodcocks von der „realen Welt“. Die ganz große Stärke des Films liegt aber in der Akustik. Woodcock liebt Stille, er braucht sie, um sich zu konzentrieren und sein Genie zur Entfaltung zu bringen. Konsequenterweise nimmt er Geräusche überhöht wahr – und mit ihm auch das Publikum. Hier knistert der Stoff, wenn die Schere am Werk ist. Hier scharren Absätze auf dem Parkett, blubbert das Teewasser beim Aufguss besonders laut. Begleitet wird die Geräuschkulisse, die – ähnlich wie die Kamera – auch noch mal einen größeren Eindruck von Intimität entstehen lässt, durch den genialen Soundtrack von Jonny Greenwood, der sich einmal mehr enorm wandlungsfähig zeigt. Kein Vergleich zu dem düsteren, bedrohlichen Soundtrack von „There Will Be Blood“, der ebenfalls aus seiner Feder stammt. Der Soundtrack in „Phantom Thread“ ist sanft, den Zuhörer wie in Seide einbettend, weist aber dennoch immer wieder auf die Spannungsverhältnisse innerhalb der Beziehung von Reynolds und Alma hin. Bleibt zuletzt nur noch etwas über die schauspielerische Leistung zu sagen. Daniel Day-Lewis. Sein letzter Film. Was für eine Lücke wird er hinterlassen! Wie in allen seinen Filmen spielt er die Rolle nicht, er lebt sie. Er tritt völlig hinter der Rolle zurück. Sein Reynolds Woodcock ist mit keiner seiner vorigen Rollen vergleichbar, und gleichzeitig fühlt er sich wieder authentisch an, als wäre das die einzige Rolle gewesen, die er jemals gespielt hat. Ein absolutes Ausnahmetalent. Er und Meryl Streep – das sind die beiden Giganten unserer Zeit. Aber auch die luxemburgische Newcomerin Vicky Krieps ist zu erwähnen. Furchtlos stellt sie sich in ihrer Rolle als Alma und als Schauspielerin der Naturgewalt von Daniel Day-Lewis. Ihre Rolle ist fordernd – denn sie muss gleichzeitig verletzlich und willensstark wirken, und das gelingt ihr außerordentlich gut. „Phantom Thread“ gehört definitiv jetzt schon zu den Highlights des Jahres und wird sich wohl auch in meiner Best of 2018-Liste wiederfinden.


8,5
von 10 Kürbissen