Pedro Almodóvar

Die Haut, in der ich wohne (2011)

Regie: Pedro Almodóvar
Original-Titel: La piel que habito
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Thriller, Drama, Krimi
IMDB-Link: La piel que habito


Auf so eine Geschichte musst du erst mal kommen. Also echt, als Vera (Elena Anaya) herausfindet, was ihr Robert (Antonio Banderas) angetan hat, nämlich, dass … aber halt! Ich hätte ja jetzt fast den ganzen Film gespoilert, so aufgeregt, wie ich bin. Doch was schreibt man über Pedro Almodóvars verstörenden Mindfuck „Die Haut, in der ich wohne“, ohne zu viel Inhalt vorwegzunehmen und das WTF der ersten Sichtung zu spoilern? Dass dieser Chirurg Robert sichtlich einen an der Waffel hat, ja, das kann man schreiben. Und dass die bildhübsche Vera von ihm gefangen gehalten wird, auch das erschließt sich relativ schnell. Aber das sind auch schon alle Andeutungen zum Inhalt, die man gefahrlos geben kann, ohne jemandem, dessen Erstsichtung dieses Films aus dem Jahr 2011 noch aussteht, den Spaß zu verderben. Ansonsten bleibt einem nicht viel mehr, als den Einfallsreichtum des Pedro Almodóvar zu rühmen, der sein Ding einfach konsequent durchzieht und mit „Die Haut, in der ich wohne“ einen Film realisiert hat, über den sich andere etabliere Filmemacher vielleicht gar nicht erst getraut hätten aus Sorge, mit einem solch schrägen und unbequemen Werk die treue Fangemeinde zu verstören. Und man kann einmal mehr Antonio Banderas loben, der wohl auf Basis seiner eindimensionalen Hollywood-Rollen, die ihm nicht mehr zugestehen wollen als den glutäugigen Latin Lover, immer noch vielfach unterschätzt wird. Aber unter Almodóvars Regie zeigt er, dass viel mehr in ihm steckt. Was man vielleicht ein wenig an dem Film kritisieren kann, ist dann doch eine gewisse Neigung zur Effekthascherei. Diese verhindert eine durchaus mögliche höhere Wertung. Nichtsdestotrotz die unbedingte Empfehlung an alle Cineasten, die für Grenzerfahrungen offen sind: Anschauen! Aber nichts vorab über den Inhalt des Films lesen, sondern ihn einfach wirken lassen.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 2011 – Sony Pictures Classics, Quelle http://www.imdb.com)

The Human Voice (2020)

Regie: Pedro Almodóvar
Original-Titel: The Human Voice
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama, Kurzfilm
IMDB-Link: The Human Voice


Pedro Almodóvar und Tilda Swinton – was soll da schon schiefgehen? Man setze Tilda Swinton einfach nur in ein Filmset, das klar als solches zu erkennen ist, und lasse sie mit dem Ex telefonieren, der gerade Schluss gemacht hat, und das Ding läuft. Oder etwa doch nicht? Der Kurzfilm „The Human Voice“, Almodóvars erste englischsprachige Arbeit, ist ein eigenartiger, unentschlossener Film. Das Filmset verweist darauf, dass bestimmte zwischenmenschliche Situationen, wie etwa das Schlussmachen, auch Konventionen und Regeln folgen und von den Interagierenden in gewisser Weise durchgespielt werden. Man möchte den Konventionen entsprechen, man versucht, zivilisiert miteinander umzugehen, auch wenn das eben nur Schauspiel ist und man eigentlich aus der Tiefe des Herzens heraus denjenigen, der einem gerade das Herz gebrochen hat, mit einer Axt zerhacken möchte. Insofern ist es eine schöne Idee, das Filmset als Kulisse sichtbar zu machen. Und Tilda Swinton ist eben Tilda Swinton – die Frau kann einfach nicht schlecht spielen. Dennoch scheitert Almodóvar in meinen Augen mit seiner Fingerübung. Zu formelhaft wirkt das Ganze auf mich, als dass ich mit der Situation mitleben könnte. Zu beliebig und belanglos sind die Dialogzeilen, die – darüber kann man natürlich diskutieren – auf diese Weise die Formelhaftigkeit des Schlussmachens, auf die Almodóvar abzielt, noch einmal unterstreichen, aber gleichzeitig eben auch Distanz zum Zuseher schaffen und unterm Strich einfach langweilen. „The Human Voice“ ist kein Film, der mir im Gedächtnis bleiben wird. Aber gut, auch ein Meister kann man danebenhauen.


3,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Leid und Herrlichkeit (2019)

Regie: Pedro Almodóvar
Original-Titel: Dolor y gloria
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Dolor y gloria


Sie wünschen, wir spielen. Nachdem ein berechtigter Einwand kam, dass auf meinem Blog bislang kein einziger Film von Pedro Almodóvar besprochen wurde, wird das hiermit nachgeholt – zumal ich seinen neuen Film „Leid und Herrlichkeit“ ohnehin schon seit Wochen auf der Must-Watch-Liste habe. In diesem Film erzählt Almodóvar in wunderbar lakonischem Ton vom Filmemacher Salvador Mallo (Antonio Banderas), der in einer gesundheitlichen und künstlerischen Krise steckt. Sein Körper gibt nach und nach den Geist auf, alles tut ihm weh, und gedreht hat er schon seit Jahren nichts mehr. Durch die Wiederaufführung eines 30 Jahre alten Filmes wird er mit der Vergangenheit konfrontiert – mit alten Liebschaften, Rivalitäten und Lebensentscheidungen. Gleichzeitig taucht er auch immer wieder in die Kindheit in einem armen Dorf ein, in die Erinnerung an seine Mutter (Penélope Cruz), in das Gefühl von Geborgenheit und auch von ersten Weichenstellungen. „Leid und Herrlichkeit“ ist ein ruhiger Film, der sich mit einem Mann an einem Wendepunkt beschäftigt und nach und nach fast beiläufig aufrollt, wie er an diesen Punkt gekommen ist, ohne etwas zu dramatisieren. Was auf der Leinwand zu sehen ist, sind schlicht ein Leben und einige Auszüge daraus, ohne dass Almodóvar den Anspruch auf Vollständigkeit erheben würde. Keine Frage – der Film trägt autobiografische Züge, ist aber dennoch Fiktion. Und mit dem Spannungsfeld aus Fiktion und Biografie beschäftigt sich Almodóvar auch auf einer weiteren, spannenden Ebene, die am Ende zur Befriedigung der Zuseher aufgelöst wird. „Leid und Herrlichkeit“ ist ein kluges und gleichzeitig mildes Werk, das von einem überragenden Antonio Banderas getragen wird. Ich habe ihn nie besser gesehen als in diesem Film. Eine große Rolle, aus der er alles herausholt. Wer Almodóvar schätzt, wird mit diesem Film wohl sehr glücklich werden.


8,0
von 10 Kürbissen