Politfilm

Wonders in the Suburbs (2019)

Regie: Jeanne Balibar
Original-Titel: Merveilles à Montfermeil
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Satire, Politfilm, Komödie
IMDB-Link: Merveilles à Montfermeil


Wow! Da hat man so einen Cast beisammen (neben Regisseurin und Darstellerin Jeanne Balibar selbst Emmanuelle Béart, Mathieu Amalric, Ramzy Bedia uvm.) und fährt das Ding dermaßen an die Wand, dass nicht einmal verwertbare Brösel übrigbleiben. Voilà, Mesdames et Messieurs, das ist „Merveilles á Montfermeil“ oder was die Franzosen unter politischer Satire verstehen. Hysterie. Gekreische. Völlig unlustiges Massensummen. Noch unlustigere Gags mit der Garderobe. Hektik. Noch mehr Hysterie und Gekreische. Second Live-Avatare, die miteinander kopulieren. Frauen in Marshmallowman-Kostümen. HYSTERIE! GEKREISCHE! Die Story ist eigentlich wurscht, denn sie ist quasi nichtexistent. Jede Menge Trubel um die Bürgermeisterin (Emmanuelle Béart) und ihr Team in der Kleinstadt. Jeder will mit jedem ins Bett (womit der geneigte Cineast sofort erkennt, ah, er befindet sich in einem französischen Film), aber wenn es dann mal ernst werden könnte, fangen sie lieber an zu reden oder zu tanzen. Kaum ein anderer Film auf den diversen Festivals, die ich in den letzten Jahren besucht habe, hat so konsequent den Saal leergespielt wie dieser. Und auch ich war mehrmals knapp dran, mich aus dem Kinosaal zu extrahieren und in eine hübsche Wiese mit Blick auf den Lago Maggiore zu pflanzen. Arg verschwendete Lebenszeit.


1,5
von 10 Kürbissen

The Announcement (2018)

Regie: Mahmut Fazıl Coşkun
Original-Titel: Anons
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Politfilm, Drama, Komödie, Satire
IMDB-Link: Anons


Istanbul 1963. Vier Militäroffiziere versuchen, die Radiostation von Radio Istanbul in ihre Gewalt zu bringen, um einen Staatsstreich zu verkünden. Dabei stoßen sie auf unerwartete Probleme wie beispielsweise einen Fahrer, der die Gelegenheit nutzen möchte, seine Brötchen in der Nacht auszuliefern, da die Lieferung eh am Weg zu Radio Istanbul liegt. Oder einen Manager der Radiostation, der leider keine Ahnung von Technik hat, weshalb er den Senderaum nicht bedienen kann. Da muss erst der Techniker her, nur der ist gerade unterwegs. Stoisch nehmen die Putschenden jede neue Komplikation zur Kenntnis. Dagegen wirken Figuren von Kaurismäki wie geschwätzige Tratschtanten. Und ja, das ist teils auch sehr amüsant anzusehen. Allerdings übertreibt es Mahmut Fazıl Coşkun in meinen Augen mit der Lakonie. Denn man erfährt so gut wie nichts über diese Hanseln, die da eine Revolution anführen wollen. Nichts Persönliches, keine politischen Beweggründe, gar nichts. Erstaunlich ist, dass der Film auf wahren Begebenheiten beruht, insofern wäre es für einen Laien, was die türkische Geschichte der 60er Jahre betrifft, durchaus interessant gewesen, zu erfahren, warum es überhaupt zu diesem versuchten Staatsstreich gekommen ist. Aber diesen Gefallen tut uns Coşkun nicht. Seine Figuren bleiben sperrig und distanziert. Und damit verfolge ich auch das Geschehen distanziert – und am Ende ist es mir egal, ob diese Würstel ihr Ziel erreichen oder nicht. Auch ist diese extrem reduzierte Erzählweise, in der sich die Figuren nur in statischen Kamera-Tableaus bewegen, auf Dauer recht ermüdend. So ist der Film zwar gelegentlich unterhaltsam, insgesamt aber eher eine anstrengende Sache. Ein Kaurismäki kann das besser.


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Sons of Denmark (2019)

Regie: Ulaa Salim
Original-Titel: Danmarks sønner
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: Danmarks sønner


Der Auftakt zu meinem diesjährigen Crossing Europe Filmfestival-Besuch in Linz beginnt mit einem Knall. Eine Bombe geht hoch. 23 Menschen sterben. Die Täter? Islamisten. Die Lösung: Die Gründung einer neuen rechten Partei, die damit wirbt, alle Ausländer aus dem Land zu werfen. Auch wenn Ulaa Salims Polit-Thriller „Sons of Denmark“ sechs Jahre in der Zukunft angesiedelt ist, ist der Schrecken, der sich auf der Leinwand entfaltet, nur allzu gegenwärtig. Man merkt: Da hat sich einer Gedanken darüber gemacht, wie wenig per Stand heute noch fehlt, um eine Gesellschaft zu radikalisieren. Denn der Terror spielt sich erst einmal im Kleinen ab. Vor den Häusern muslimischer Mitbürger werden blutige Schweinsköpfe abgelegt, und die Wände werden mit ausländerfeindlichen Parolen beschmiert. Im Fernsehen ist es plötzlich in Ordnung, wenn der Spitzenkandidat der rechten Partei davon spricht, bei gewalttätigen Handlungen, die von Ausländern begangen werden, ohne groß zu fackeln Gegengewalt anzuwenden. Und die Polizei, die zuvor noch die Reihen der rechtsradikalen Gruppierung „Söhne Dänemarks“ infiltriert hat, mit der der Spitzenkandidat natürlich nichts zu tun haben möchte (Kommt euch das bekannt vor?), stellt plötzlich die Ermittlungen ein, um sich wieder dem islamischen Terror zuzuwenden. Der laut Insider Malik (Zaki Youssef) nicht mehr existent ist. Denn die Bedrohung kommt vielmehr von militanten, radikalen blonden Dänen, die das neue Klima nutzen, um Jagd auf Immigranten zu machen. Ulaa Salim, der selbst einen irakischen Hintergrund aufweist, erzählt das alles sehr subtil. Zu Beginn vielleicht sogar etwas zu subtil, denn der Fokus der Geschichte bleibt ganz klar auf dem Persönlichen – zunächst auf dem 19jährigen Zakaria (Mohammed Ismael Mohammed), der zu Beginn der Geschichte radikalisiert wird, dann auf Malik. Die Kamera hängt dabei stets über der Schulter, der Blick ist dementsprechend beengt. Die großen gesellschaftlichen Veränderungen werden damit erst nach und nach sichtbar, und auch sie werden nur punktuell im persönlichen Lebensumfeld der Protagonisten gezeigt. Vielleicht hätte man noch etwas mehr aus dem Thema herausholen können, wenn der Fokus etwas weiter gefasst worden wäre. Die Botschaft ist dennoch klar. Das Jahr 2025 ist näher als man denkt.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Vice – Der zweite Mann (2018)

Regie: Adam McKay
Original-Titel: Vice
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Biopic, Politfilm, Komödie, Drama
IMDB-Link: Vice


Seit „The Big Short“ ist Adam McKay wohl einer der interessantesten Regisseure Hollywoods. Die Fähigkeit, komplexe, trockene Stoffe auf eine schwarzhumorige bis zynische Weise allgemein verständlich und wahnsinnig unterhaltsam zu vermitteln, macht ihm wohl kaum jemand so schnell nach. Mit „Vice“ legt Adam McKay nun nach – und diesmal gilt sein Interesse der als eher farblos geltenden Figur des Dick Cheney, ehemaliger Vizepräsident unter George W. Bush. Hinter der spröden Fassade verbirgt sich allerdings einer der vielleicht am meisten unterschätzten Strippenzieher der jüngeren Politikvergangenheit. Rücksichtslos und nur auf den eigenen Vorteil bedacht weitete Dick Cheney mit jedem Karriereschritt seine Kompetenzen aus, bis er schließlich mit President Bush unter ihm (und genau zu diesem Schluss muss man am Ende des Films kommen) die Welt veränderte. Adam McKay impliziert, dass durch Cheneys Entscheidungen der Irak-Krieg angezettelt wurde, woraufhin der gesamte Nahe Osten destabilisiert und zu dem Fleckerlteppich aus terroristischen Vereinigungen, als den wir ihn heute kennen, wurde. Die Ölfirma, als deren CEO Cheney davor fungierte, profitierte jedenfalls nicht schlecht von dem Chaos, das auf den Krieg folgte. „Vice“ erzählt die Geschichte, wie aus dem Säufer und Taugenichts Dick Cheney der damals wohl mächtigste Mann der Welt werden konnte. Und er tut dies mit den Mitteln, die auch „The Big Short“ schon interessant gemacht haben: Mit überspitzten Szenen, mit dem gelegentlichen Einspielen von Archivmaterial, mit einem sarkastischen Erzähler aus dem Off, mit Verfremdungen (göttlich: die Szene, in der Dick Cheney und seine Frau Lynne abends im Bett in shakespeare’schen Versen zu reden beginnen, um die Dramatik der Entscheidung, die gefällt werden muss, theatralisch zu unterstreichen) und einem genialen Cast. Amy Adams als Lynne Cheney, Steve Carell als Donald Rumsfeld, Sam Rockwell als George W. Bush – sie alle sind großartig. Was aber Christian Bale macht, geht meiner Meinung nach über Schauspiel weit hinaus. Er spielt nicht Dick Cheney, er ist Dick Cheney. Und damit meine ich nicht nur die verblüffende optische Verwandlung. Vielmehr liegt die Faszination im Detail: Im kalten, berechnenden Blick, im Zucken seiner Mundwinkel, durch das sich seine Schachzüge ankündigen, in der leicht gebeugten, so unterwürfig wirkenden Körperhaltung, jede Faser seines Körpers schreit: Dick Cheney! Wenn es dafür keinen Oscar gibt, dann weiß ich auch nicht mehr weiter. Allerdings kommt „Vice“ als Film nicht ganz an das meisterhafte „The Big Short“ heran. Denn „Vice“ hat Längen, und auch das Tempo ist insgesamt eher gedrosselt. Dank der vielen guten Regieeinfälle und dem grandiosen Cast bleibt der Film über seine ganze Laufzeit interessant, aber mitreißen kann er dabei nicht immer.


7,0
von 10 Kürbissen

Marighella (2019)

Regie: Wagner Moura
Original-Titel: Marighella
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Action, Thriller, Politfilm, Biopic, Drama
IMDB-Link: Marighella


Eines sei gleich vorweg gesagt: „Marighella“ von Wagner Moura verlangt dem Zuseher einiges ab. Denn der Film über den brasilianischen Dichter, Essayist und Revolutionär Carlos Marighella (Seu Jorge mit einer Wahnsinnspräsenz), der ab 1964 nach dem Militärputsch in Brasilien zum bewaffneten Widerstand aufgerufen hat, bis er 1969 getötet wurde, nimmt sich 155 Minuten Zeit. Und apropos Zeit: Gerade zu Anfang wird da gerne auch mal zwischen den Zeiten umher gesprungen, was sich aber nach einer Weile legt zu Gunsten einer chronologischen Erzählung. Um die Figuren einzuführen, Carlos Marighella selbst und seine Mitstreiter, erfüllt dieses Hüpfen seinen Zweck allerdings. Man muss allerdings in der richtigen Stimmung sein, um zweieinhalb Stunden lang einem Widerstandskämpfer und seinen Kumpanen dabei zuzusehen, wie sie sich organisieren, wie sie immer größere Coups planen und dann doch langsam, aber unerbittlich von der Staatsgewalt (verkörpert von Bruno Gagliasso, der seinen Bösen etwas zu böse anlegt) auseinandergenommen werden. Das geht mitunter auch sehr gewalttätig vonstatten, und mehr als einmal dachte ich mir beim Sichten: ‚Puh, also das hat jetzt wirklich weh getan, selbst wenn es nur gespielt war‘. Worüber man auch hinwegsehen muss, ist die Tatsache, dass Wagner Moura mit diesem Film so etwas wie Heldenverehrung betreibt. Und ohne die historische Figur des Carlos Marighella wirklich einschätzen zu können (dafür bin ich einfach nicht brasilianisch genug, auch wenn meine Arbeitskollegen fest die These vertreten, dass ich während meines Brasilien-Urlaubs 2017 in Rio eine Sambaschule gegründet habe), so bleibt doch ein eher unguter Beigeschmack haften, wenn ein bewaffneter Widerstandskämpfer, so gerecht sein Kampf auch gewesen sein mag, so unkritisch betrachtet wird. Aber gut, da geht es mir bei Che Guevara nicht anders. Was mir allerdings hier eindeutig fehlte, waren mehr Hintergründe, wie Carlos Marighella zu dem Mann geworden ist, als der er gezeigt wird. Vielleicht wäre dann das Bauchgrummeln etwas leiser gewesen. Dennoch lohnt sich „Marighella“, denn der Film ist spannend erzählt (und kann die Spannung tatsächlich über die ganze Laufzeit hoch halten), handwerklich gut gemacht und mit exzellenten Schauspielern besetzt.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: O2 Filmes)

Unter dem Pflaster ist der Strand (1975)

Regie: Helma Sanders-Brahms
Original-Titel: Unter dem Pflaster ist der Strand
Erscheinungsjahr: 1975
Genre: Liebesfilm, Drama, Politfilm
IMDB-Link: Unter dem Pflaster ist der Strand


Es dauert eine Weile, bis man hinein findet in Helma Sanders-Brahms Debütfilm „Unter dem Pflaster ist der Strand“ (übrigens ein ziemlich genialer Titel, wie ich finde). Der Beginn wirkt dokumentarisch, Helma Sanders-Brahms erzählt aus dem Off von ihren Figuren, die erst einmal in einen kahlen Raum gestellt werden, wo sie seltsame Theaterperformances zum Besten geben müssen. Sperrig. Doch wenn dann Grischa (Grischa Huber) und Heinrich (Heinrich Giskes) beim Abschminken etwas spät dran sind und versehentlich in der Garderobe eingesperrt werden, sodass sie gemeinsam die Nacht darin verbringen müssen, nimmt der Film Fahrt auf. Nach dieser Nacht verlässt Grischa ihren Mann, und sie und Heinrich werden ein Paar. Sie ziehen zusammen. Helma Sanders-Brahms beleuchtet nun die Beziehung der beiden, die Veränderungen darin, auch vor dem politischen Hintergrund einer enttäuschten 68er-Generation, die vergeblich auf den Big Bang, die große Revolution, gewartet hat. Heinrich ist so ein enttäuschter 68er. Statt auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren oder mit Gleichgesinnten zu diskutieren, träumt er davon, ein Kind zu haben, ohne eine konkrete Vorstellung davon zu besitzen. Grischa hingegen führt den Kampf für sich und für die Emanzipation der Frauen weiter. Sie interviewt Arbeiterinnen, die von ihrem harten Leben und der Fremdbestimmung darin erzählen, von männlicher Sexualität, die die weibliche unterdrückt, und von der Schwierigkeit, selbst über die eigene Familienplanung bestimmen zu können. Über die Arbeit entfremden sich Grischa und Heinrich, und die fragile Beziehung bröckelt. Helma Sanders-Brahms hat schon einen ziemlich didaktischen Zugang zum Filmedrehen, wenn man das so sagen kann. Dennoch überzeugt das Ende auf einer emotionalen Ebene. Man muss sich zeitweise ein wenig durchkämpfen, aber der Film wird mit längerer Fortdauer besser und interessanter. Schön jedenfalls, dass ich dank der Filmreisechallenge auf diese Regisseurin gestoßen bin, die ansonsten komplett an mir vorbeigegangen wäre.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 21 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

Gegen den Strom (2018)

Regie: Benedikt Erlingsson
Original-Titel: Kona Fer Í Stríð
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie, Thriller, Politfilm
IMDB-Link: Kona Fer Í Stríð


Es ist eine beschlossene Sache. Wenn ich im nächsten Leben nicht als Hauskatze wiedergeboren werde, dann werde ich Isländer. Ich bin dann ein begnadeter Handballer, extrem erfolgreich im Fußball, ein außergewöhnlicher und kreativer Musiker, züchte Schafe und Ziegen (und, ehrlich: gibt es ein lässigeres Tier als die Ziege?), meine Tochter heißt Freyja Kürbisdottir, ich habe international eine Vorbildwirkung in Politik und Integration, erfreue mich an den Haubentauchern im Garten, und meine Filme sind der absolute Hammer. Isländer können einfach alles. Selbst Haie vergammeln lassen, um sie dann zu essen. Aber gut, lassen wir das mit den Haien, konzentrieren wir uns lieber auf den diesjährigen Überraschungsfilm der Viennale, nämlich den Film „Gegen den Strom“ von Benedikt Erlingsson. Darin geht es um eine Frau in ihren Vierzigern, die als politische Guerilla-Aktivistin gerne mal das nationale Stromnetz lahmlegt, um die Schwerindustrie in die Knie zu zwingen, während sie sich gleichzeitig auf ihre Rolle als Adoptivmutter einer ukrainischen Kriegswaisen vorbereiten darf. Ein gefährlicher Spagat, denn ihre Aktionen werden immer tollkühner, und schon bald erklärt ganz Island den Krieg gegen die „Bergfrau“, wie sie sich in einem anonym gehaltenen Pamphlet bezeichnet. Dieser Kampf wird so lakonisch humorvoll wie dramatisch dargestellt, wie es wohl nur Isländer können. Eingebettet in faszinierende Landschaftsaufnahmen entfaltet sich eine Geschichte rund um Moral, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit – und um die Frage, zu welchen Mitteln man greifen darf, um der gerechten Sache zu dienen. Diese spannenden Fragen werden allerdings auf eine sehr unterhaltsame und pfiffige Weise angegangen. Da taucht dann auch immer wieder mal ein spanischer Tourist auf dem Fahrrad auf, der als Running Gag stets zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Oder aber der Soundtrack wird von der dreiköpfigen Band live im Geschehen eingespielt – da sitzt die Kombo auch schon mal am Hausdach und begleitet mit stoischem Gesichtsausdruck die Szene, wenn Hjalla, die Heldin, ihre Pamphlete vom Himmel regnen lassen möchte. Die Protagonistin und die Band wissen voneinander, blicken sich vielsagend zu, interagieren aber nicht darüber hinaus. Eine herrlich ironische Durchbrechung der vierten Wand. Es ist eben dieser staubtrockene Humor, diese Absurdität im Kleinen, die dem Film mit seiner tiefgründigen Handlung einen leichtfüßigen Unterbau bietet. Als Wiener bleibt mir abschließend nur zu sagen: Isländer sind einfach leiwand. (Hauskatzen aber auch.)


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Persepolis (2007)

Regie: Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud
Original-Titel: Persépolis
Erscheinungsjahr: 2007
Genre: Animation, Biopic, Drama, Politfilm
IMDB-Link: Persépolis


Kind zu sein, aufzuwachsen und erwachsen zu werden ist per se schon mal eine unfassbar schwierige Übung. Doch das, was wir wohlstandsverwöhnten Rotzpippn in den Jahren vor, während und nach der Pubertät erleben, ist kein Vergleich zu Marjane Satrapis Aufwachsen. Die iranische Filmregisseurin erlebte als Kind die Islamische Revolution im Iran mit – mit allen negativen Auswüchsen, die die neu ausgerufene Republik in weiterer Folge so zeigte. Ihr Onkel wurde ermordet, viele Freunde verloren Familienmitglieder, die Regeln der patriarchischen Gesellschaft für Frauen wurden strenger und strenger, bis sie in offene Repressalien mündeten. Dem gegenüber steht die Freude am Leben, die sich in illegalen Feiern zeigt oder, wie bei Marjane, in der Liebe zu Hard Rock und Punk. Auch sind weder sie noch ihre Mutter oder Großmutter je um einen Spruch verlegen, wenn sie blöd angemacht werden. Doch die Zeiten sind gefährlich, und so beschließen ihre Eltern, Marjane nach Wien zu schicken, wo sie in Sicherheit aufwachsen soll. Marjane Satrapis Blick zurück ist ausgewogen und reflektiert – sie vergisst weder die guten, unbeschwerten Momente wie jene der völligen Verzweiflung. Dies alles wird mit einer wundervollen Lakonie in einfachen, aber effektiven Schwarz-Weiß-Zeichnungen erzählt. Auch geht Satrapi sehr selbstironisch mit ihrer Entwicklung um, mit den Entscheidungen, die sie gefällt hat, den guten wie den schlechten. Und sie begreift alles, was ihr zugestoßen ist, als Schritte in einem Entwicklungsprozess, der wohl nie abgeschlossen ist – wie es eben so ist im Leben. Das alles macht aus „Persepolis“ einen wirklich wunderbaren Coming of Age-Film mit einer klaren politischen und gesellschaftlichen Dimension, die den Film gerade für uns westliche Zuseher noch einmal zusätzlich hervorhebt über die meisten anderen guten Coming of Age-Filme. Unbedingt empfehlenswert, unabhängig davon, ob man sich für diese Art der Animation begeistern kann.


8,0
von 10 Kürbissen

Die Eiserne Lady (2011)

Regie: Phyllida Lloyd
Original-Titel: The Iron Lady
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Biopic, Drama, Politfilm, Historienfilm
IMDB-Link: The Iron Lady


Maggie, der britische Eisenschädel. Sie war und ist nicht unumstritten, und bei allen Verdiensten um Großbritannien, als besonders mitfühlend geht sie wohl nicht in die Geschichte ein. Sie fuhr schon einen harten Kurs, den vor allem die Arbeiterschicht am eigenen Leib zu spüren bekam. Thatcherism ist in der historischen Nachbetrachtung nicht unbedingt als besonders positiv eingeordnet. Aber wie sieht es um das Privatleben der Eisernen Lady aus? Phyllida Lloyd ging der Frage in ihrem Biopic aus 2011 nach. Und sie konnte sich dabei auf ihre Hauptdarstellerin verlassen, der unnachahmlichen Meryl Streep, die mal wieder völlig zurücktrat, um in ihrer Rolle als Margaret Thatcher aufzugehen. Verdient gab es dafür erneut einen Oscar für Streep als beste Darstellerin. Doch was bietet „Die Eiserne Lady“ darüber hinaus? Der Bogen ist jedenfalls interessant gespannt. Gleich zu Beginn sieht man Margaret Thatcher als alte Dame. Sie wird in ihrem Haus streng bewacht und führt Gespräche mit ihrem verstorbenen Mann (Jim Broadbent). Wir erleben Thatcher auf dem Boden ihres Lebens als demente Witwe. Und doch geht von ihr bzw. Streeps Darstellung eine große Kraft aus. In Erinnerungen und Flashbacks werden schließlich – schön chronologisch wie in den meisten Biopics – die wesentlichen Stationen ihres Lebens nacherzählt. Durch die Verknüpfung dieser Erinnerungen mit der Erkrankung wird der Film auch zu einem Drama über Altern, Krankheit und Demenz. Doch genau der Fokus auf diesen sehr menschlichen Aspekt in Thatchers Biographie lenkt ein wenig von ihrem Werden und Wirken als Politikerin ab. Immer wieder wird man als Zuseher an Punkte wichtiger Entscheidungen geführt, die sie getroffen hat, doch es bleibt meistens unklar, warum sie diese Entscheidungen so gefällt hat, wie sie es eben getan hat. Die (natürlich in der Politik oft komplexen) Hintergründe bleiben unklar. Und so besteht „Die Eiserne Lady“ primär aus einer Ansammlung von Anekdoten, die bestenfalls lose zusammenhängen. Das große Ganze erschließt sich nicht. Allerdings ist Meryl Streep dermaßen überragend, und gerade eben die Einbettung der Biographie in die Krankheitsgeschichte packt einen emotional dann doch, sodass der Film trotzdem immer interessant bleibt.

 


6,5
von 10 Kürbissen

Selma (2014)

Regie: Ava DuVernay
Original-Titel: Selma
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Biopic, Drama, Historienfilm, Politfilm
IMDB-Link: Selma


Dass „Selma“ von Ava DuVernay bei der Oscar-Verleihung 2015 „nur“ als bester Film und für den besten Song nominiert war (für Letzteres bekam er dann auch die Auszeichnung), gehörte zu den großen Aufregern des damaligen Jahrganges. Was ist mit einer Nominierung für Ava DuVernay? Was ist mit David Oyelowo als Martin Luther King? Beides berechtigte Fragen, wenn man den Film sieht. Denn „Selma“ ist ein sehr ambitionierter Historienfilm mit großartigen Darstellern, allen voran eben Oyelowo, über einen wichtigen Moment in der Geschichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Es geht um die von Martin Luther King angeführten Selma-Montgomery-Märsche aus dem Jahr 1965, die auf das Unrecht hinwiesen, dass schwarzen Bürgerinnen und Bürgern trotz neuer Gesetze immer noch der Zugang zu den Wahlen erschwert wurden. Bürokratische Willkür, jede Menge Fallstricke in den Gesetzestexten und eine völlige Ignoranz des Problems seitens der US-Regierung sorgten dafür, dass Zehntausende Amerikanerinnen und Amerikaner jeglicher Couleurs gegen alle Widerstände von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, zogen und friedlich protestierten. „Selma“ zeichnet sowohl die Vorgeschichte als auch die Märsche selbst (erst der dritte konnte erfolgreich durchgeführt werden, während die ersten beiden noch von der Exekutive behindert wurden) nach. Martin Luther King wird dabei als Familienvater und Mensch mit Stärken und Schwächen gleichermaßen gezeigt. Der ausgewogene Blick tut dem Film und seiner starken Botschaft durch. Gleichzeitig wird der Stoff dadurch teilweise auch etwas trocken abgehandelt. Über die gesamte Laufzeit von über zwei Stunden hat der Film dann doch den einen oder anderen Leerlauf. In den besten Momenten aber ist er auf eine sehr positive, unpathetische Weise ergreifend. Auch in einem exzeptionell guten Jahrgang 2014/2015 (u.a. „Grand Budapest Hotel“, „Birdman or The Unexpected Virtue of Innocence“, „Boyhood“ oder „Whiplash“) konnte sich dieser Film durchaus behaupten und gehört, so behaupte ich mal, zu jenen Filmen, die auch in einigen Jahren noch relevant sein werden.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 52 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen