Roadmovie

Nomadland (2020)

Regie: Chloé Zhao
Original-Titel: Nomadland
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama, Roadmovie
IMDB-Link: Nomadland


Chloé Zhao ist mir schon mit ihrem Vorgängerfilm The Rider sehr positiv aufgefallen. Den Ansatz, die Geschichten echter Menschen von ihnen selbst dargestellt fiktionalisiert auf den großen Screen zu bringen, setzt sie mit „Nomadland“ fort – diesmal mit Unterstützung einer wie immer herausragenden Frances McDormand in der Hauptrolle und David Strathairn an ihrer Seite. Der Rest des Casts ist aber direkt von den Straßen, auf denen sie mit ihren Wohnwagen von Job zu Job pilgern, für den Film gecastet worden. Sie berichten aus ihrem eigenen Leben, von ihren persönlichen Schicksalen. Wie auch in „The Rider“ vermeidet Choé Zhao Rührseligkeit und Schuldzuweisungen. Das Leben in den USA kann hart und bitter sein, wenn man nicht auf der wirtschaftlich begünstigten Butterseite gelandet ist. Träume lösen sich in Schall und Rauch auf, ein festes Heim kann sich nicht jeder leisten, und so zieht man nomadengleich von Stadt zu Stadt, um in den Versandzentren von Amazon oder bei der Rübenernte ein paar Dollar zu machen. Man scheißt in Eimer, weil es kein fließendes Wasser gibt, und hilft sich gegenseitig mit Werkzeug und einer gelegentlichen Umarmung aus. Es ist ein Leben am Rand bzw. im Dazwischen – nicht ganz am untersten Ende der Obdachlosigkeit, aber eben auch noch nicht der Working Class zugehörig. „Nomadland“ gibt diesen Menschen im Dazwischen eine Stimme und erzählt fast beiläufig dazu noch eine Geschichte über Familie und Zusammenhalt. Einer der großen Filme der diesjährigen Viennale – was den Publikumszuspruch wie die Qualität gleichermaßen betrifft.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Queen & Slim (2019)

Regie: Melina Matsoukas
Original-Titel: Queen & Slim
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Thriller, Drama, Roadmovie, Liebesfilm
IMDB-Link: Queen & Slim


Als Mensch mit dunkler Hautfarbe, der in einem Staat, in dem noch die Todesstrafe vollzogen wird, gerade einen Polizisten erschossen hat, kann man sich gleich drei Sekunden nach der Verübung der Tat ausrechnen, welche Chancen man noch hat. Da ist es dann auch egal, dass man den Herrn in Uniform versehentlich und aus Notwehr ins Jenseits befördert hat. Und da ist es dann auch egal, dass das von der Kamera des Polizisten im Auto mitgefilmt wurde. Ab diesem Moment bist du einfach eine arme Sau auf der Flucht. So geht es Ernest (Daniel Kaluuya). Und mit ihm auf der Flucht befindet sich sein Tinder-Date und nunmehrige Komplizin Angela (Jodie Turner-Smith). Ganz grob zusammengefasst ist „Queen & Slim“ von Melina Matsoukas eine Art Mash-Up aus „Thelma & Louise“ und Nächster Halt: Fruitvale Station. Die himmelsschreiende Ungerechtigkeit gegen die schwarze Bevölkerung in den USA wird verpackt in eine Flucht-Roadmovie quer durch die Staaten auf den Weg nach Florida, von wo aus sich das Paar wider Willen Richtung Kuba absetzen möchte. In den besten Momenten ist „Queen & Slim“ tatsächlich aufwühlend und bringt die Hoffnungslosigkeit seiner Figuren glaubhaft rüber. In den weniger guten Momenten – und davon gibt es leider so einige – trägt der Film zu dick auf und hämmert seine Botschaft auf den Zuseher ein, der ein bisschen mehr Subtilität durchaus vertragen würde. In den schlechtesten Momenten rutscht das Geschehen ins moralisch Fragwürdige ab. Definitiv gehört „Queen & Slim“ zu jenen Filmen, die einen Problematiken, die man am eigenen Leib nicht erleben kann (zum Glück), besser nachvollziehen lassen. Aber es wäre schön gewesen, wenn man diese Erfahrung in einen besseren Film verpackt hätte.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: (c) 2019 Universal Pictures, Quelle imdb.com)

Zombieland: Doppelt hält besser (2019)

Regie: Ruben Fleischer
Original-Titel: Zombieland: Double Tap
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Komödie, Roadmovie
IMDB-Link: Zombieland: Double Tap


Vor 10 Jahren mussten sich Jesse Eisenberg („Columbus“), Woody Harrelson („Tallahassee“), Emma Stone („Wichita“) und Abigail Breslin („Little Rock“) mit dem Ausbruch einer Zombie-Apokalypse abfinden. Nachdem man sich auf amüsante Weise durchgeschlagen hatte bis zum finalen Showdown, wurde es still um den Film. Und das schien auch besser so. Denn einen Aufguss mit der gleichen Story noch einmal (nerdige Typen rennen vor Zombies davon) möchte ja wirklich niemand sehen. „Zombieland: Double Tap“ von Ruben Fleischer, die Fortsetzung 10 Jahre nach dem Überraschungserfolg, gehört aber zu den seltenen Fällen jener Filme, bei denen die Fortsetzung besser ist als der erste Teil. Denn die Macher scheinen sich gedacht zu haben: Fuck it. Jetzt geben wir einfach Gas. Und das setzen sie bei „Zombieland: Double Tap“ von der ersten Minute an konsequent um. Die Story? Geschenkt. Braucht es nicht. Der Weg ist das Ziel. Und der Weg besteht darin, die vier Heldinnen und Helden, die extrem witzige Verstärkung bekommen (Zoey Deutch als Madison ist zum Niederknien, so überdrüberlustig muss man die unbedarfte rosarote Gucci-Tussi erst mal spielen können!), von einer absurden Situation in die nächste zu jagen. Da ist nichts heilig. So fußt eine der vielleicht witzigsten Szenen des ganzen Kinojahres auf einem No-Go. Das No-Go heißt: Doppelgänger sind einfach nicht mehr witzig. Doch. Sind sie. Wenn es mit der richtigen Scheiß-Drauf-Attitüde umgesetzt wird. Der Film nimmt sich keine Sekunde lang ernst – ohne aber das Publikum zu verschaukeln. Denn „Zombieland: Double Tap“ will nur eines, und zwar gut unterhalten und den Leuten, die viel Geld für Kinotickets und Popcorn und sonstigen Schnickschnack ausgegeben haben (hmmmm … kennt ihr schon diese Creamy-Kekse von Prinzen mit dem Nutella drinnen?), so viel Spaß wie möglich zu bieten. Die Actionteile sind auch gut umgesetzt. Wenn Zombies in Slow Motion gemetzelt werden, dann sieht das richtig gut aus. Ruben Fleischer macht in Sachen Timing, Humor und Action einfach alles richtig. Und damit gehört „Zombieland: Double Tap“ für mich zu den besten und witzigsten Komödien der letzten Jahre. Ein Tipp: Bleibt am Ende noch sitzen. Es lohnt sich.


8,5
von 10 Kürbissen

No Turning Back (2013)

Regie: Steven Knight
Original-Titel: Locke
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Drama, Roadmovie
IMDB-Link: Locke


Tom Hardy fährt als Bauleiter Ivan Locke am Vorabend eines wichtigen Betongusses in seinem BMW von Birmingham nach London und telefoniert – verkehrssicherheitstechnisch vorbildlich – per Freisprechanlage mit verschiedenen Leuten. Das ist dann auch schon die ganze Handlung des Films „No Turning Back“ (im Original: „Locke“) von Steven Knight, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet. Dass die ganze Sache dennoch interessant ist, liegt an zwei Dingen: Tom Hardy selbst, der mit minimalen Mitteln des Ausdrucks einen vielschichten und komplexen Charakter zum Leben erweckt, und dem schon angesprochenen Drehbuch. Denn Ivan Locke hat einen guten Grund, sich ins Auto zu setzen und den vielleicht wichtigsten Job seiner Karriere aufs Spiel zu setzen: Er wird Vater. Dummerweise ist nicht seine Ehefrau die Mutter. Und nun hat er alle Hände voll zu tun (das natürlich nur metaphorisch gemeint, denn die Flossen behält er anständig am Steuer), ausschließlich per Telefon seine Karriere, den gigantischen Betonguss am nächsten Morgen und seine Ehe zu retten, während er, selbst ein uneheliches und vom Vater nicht anerkanntes Kind, versucht, das Richtige zu tun, indem er bei der Geburt dabei ist. Anhand der Telefonate mit seinem Angestellten, seiner Ehefrau, der hysterischen Affäre im Krankenhaus, seinen Söhnen, seinem Chef, die im Übrigen allesamt nur mit ihrer Stimme in Erscheinung treten, entwickelt sich ein spannungsgeladener Wettlauf gegen die Zeit, der aus dem Drama fast einen Thriller werden lässt. Die anderen Schauspielerinnen und Schauspieler am Telefon hatten hörbar Spaß dabei, einmal ausschließlich mit ihren Stimmen zu arbeiten. Und dafür hat man auch einige Kapazunder begeistern können: Olivia Colman als schwangere Affäre, Tom Holland als verunsicherter Sohn, Ruth Wilson als betrogene Ehefrau und der heimliche Star des Films: Andrew Scott, bekannt vor allem für seinen Moriarty in der BBC-Serie „Sherlock“, dessen Angestellter Donal für die besten Momente des Films sorgt. „No Turning Back“ zeigt eines: Dass man nicht viele Mittel braucht, um einen spannenden und guten Film zu machen. Manchmal genügen einfach ein Auto und ein verdammt guter Schauspieler.


8,0
von 10 Kürbissen

Lillian (2019)

Regie: Andreas Horvath
Original-Titel: Lillian
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Roadmovie, Drama
IMDB-Link: Lillian


Lillian (Patrycja Planik) möchte in New York Pornodarstellerin werden, aber ihr Visum ist abgelaufen und außerdem spricht sie kein Englisch. Der Produzent rät ihr, zurück nach Russland zu gehen – denn dort gäbe es Geld und Chancen für Mädchen wie sie. Das nimmt sie dann etwas zu wörtlich, denn sie macht sich zu Fuß auf den Weg von New York zur Beringstraße in Alaska, um dort nach Russland überzusetzen. Eine solche Geschichte hat sich tatsächlich zugetragen: In den 1920er ging Lillian Alling den ganzen Weg von der Ostküste bis nach Alaska. Ob sie Sibirien tatsächlich erreichte, ist nicht klar – am Yukon verlor sich ihre Spur. Diese irre Geschichte übertrug Andreas Horvath in die heutige Zeit. Die Geschichte von Lillian bekommt dadurch interessante Ebenen hinzugefügt, an denen Horvath mehr interessiert ist als an Lillian selbst: Zum Einen wird aufgeworfen, wie anachronistisch diese natürliche Art der Fortbewegung heutzutage gilt. So wird Lillian beispielsweise unterwegs von einem Sheriff aufgegriffen, da es einfach nicht sein kann, dass eine junge Frau meilenweit einen Highway entlang geht. (Diese kurze Episode mit dem Sheriff überrascht im Übrigen dadurch, dass sämtliche Klischees, die zu erwarten wären, aufgegriffen und gleichzeitig unterwandert werden.) Eine weitere zusätzliche Ebene ist ein Blick auf die USA von heute, auf die Menschen abseits der großen Städte. Andreas Horvath macht hierbei nicht viel mehr, als die Kamera auf Gesichter zu halten und im Hintergrund Radiosprecher das Wetter und andere alltägliche Dinge kommentieren zu lassen. Durch diese respektvollen Porträts kommt man den Menschen, die gezeigt werden, vielleicht nicht unbedingt näher, aber man entwickelt eine Art von Verständnis dafür, woher sie kommen und was sie formt. Ein gelungener Kunstgriff ist es, Lillian den ganzen Film über schweigen zu lassen. Dadurch wird sie zur reinen Projektionsfläche, und die Interaktionen mit ihr (gefilmt in einem semidokumentarischen Ansatz mit Personen, die man unterwegs getroffen hat) werden zu einer Spiegelung. Patrycja Planik hat dabei die Mammutaufgabe zu bewältigen, den ganzen Film mit ihrer Mimik tragen zu müssen. Doch diese Aufgabe meistert sie bravourös. Jede ihrer Bewegungen ist interessant und signifikant. Man sieht hier eine beharrliche, trotzige Frau, die dem Leben den Mittelfinger zeigt und wortwörtlich ihren eigenen Weg geht. Und dieser führt sie durch atemberaubend schöne Landschaften, die allein es schon wert sind, den Film zu sehen. Allerdings braucht man schon gehörig Sitzfleisch für „Lillian“. Es passiert nicht viel mehr als dass eine Frau durch größtenteils einsame Landschaften geht. Und das zieht sich bei einer Laufzeit von deutlich über zwei Stunden zuweilen schon recht hin.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

Easy Rider (1969)

Regie: Dennis Hopper
Original-Titel: Easy Rider
Erscheinungsjahr: 1969
Genre: Drama, Roadmovie, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Easy Rider


Ich glaube, den Film „Easy Rider“ gibt es nur, weil sich Dennis Hopper und Peter Fonda ein paar lustige Drogen reinpfeifen und mit fetten Motorrädern quer durch die USA tuckern wollten. Denn tatsächlich beschreibt dieser Satz auch gleich den ganzen Film. Es wäre allerdings viel zu kurz gegriffen, den Film auf seinen Inhalt zu reduzieren. Denn wie kaum ein anderes Werk transportiert „Easy Rider“ ein Lebensgefühl. Und ganz gleich, ob man sich mit Drogen schmuggelnden Bikern aus den 60er Jahren identifizieren kann oder nicht: Der Film ist handwerklich so perfekt inszeniert, dass man sich diesem Freiheitsgefühl, das er vermittelt, kaum entziehen kann. Kritische Stimmen bemängeln, dass allein dieses Gefühl nicht ausreicht, dass es den Film nicht trägt und der damit mit der Zeit langweilig wirkt. Und dem ist eigentlich auch nicht großartig zu widersprechen. Denn wer sich nicht mitreißen lassen kann von den psychedelisch angehauchten Dialogen, den Trips über staubige Straßen und durch lethargische Hipster-Kommunen und den Trips, die der Konsum bedenklicher Drogen auf Friedhöfen auslöst, wird keine große Freude mit dem Film übrig. Denn die Story selbst ist, wie erwähnt, arg dünn. Meine eigenen Drogenerfahrungen beschränken sich auf gediegene Rotweine, Schokolade und drei Tassen Kaffee vor dem Schlafengehen. Den ärgsten psychedelischen Trip hatte ich bislang, nachdem ich mit Freunden Wasser um die Wette getrunken hatte. (Eine Nachahmung kann ich definitiv nicht empfehlen.) Dennoch hat der Film bei mir gezündet und etwas in mir angesprochen, das sich vielleicht am ehesten als das Gefühl von Eigenbestimmung, Naturverbundenheit und die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, die uns in der modernen Gesellschaft verloren gegangen scheint, bezeichnen lässt. Leben, um zu leben. Davon erzählt der Film. Und diese Botschaft transportiert er schlicht perfekt. Auch wenn das bedeutet, dass man 1,5 Stunden lang zwei (bzw. mit Jack Nicholson dann drei) verpeilten Typen zusieht, wie sie auf Motorrädern durch den Staub knattern.


9,0
von 10 Kürbissen

Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt (2012)

Regie: Lorene Scafaria
Original-Titel: Seeking a Friend for the End of the World
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Liebesfilm, Komödie, Drama, Roadmovie
IMDB-Link: Seeking a Friend for the End of the World


Was würdet ihr tun, wenn ein gewaltiger Asteroid auf die Erde zuhält, in drei Wochen alles Leben auslöschen wird und jegliche Hoffnung auf Rettung vergebens ist? Das Naheliegende ist wohl, sich in den Kreis seiner Familie und Freunde zu begeben und hemmungslos alles zu tun, was bislang verboten oder moralisch anrüchig war. Weil: Who cares? Dodge Petersen (schön zurückhaltend gespielt von Steve Carell), ein Versicherungsmakler, dem angesichts der Apokalypse die Ehefrau schneller weggerannt ist als er „Asteroid“ sagen konnte, tut nichts von alledem. Für eine Midlife-Crisis ist es zwar schon reichlich spät, aber wenn man sonst nichts mehr hat, bleibt halt nur das Selbstmitleid. Da helfen auch Aufmunterungs- und Verkuppelungsversuche der Freunde nichts. Doch dann schneit überraschend seine deutlich jüngere Nachbarin Penny (Keira Knightley, als Hippie-Mädchen vielleicht nicht ganz glaubwürdig, aber charmant) in sein Leben. Diese hat den letzten Flug zu ihrer Familie verpasst und ist dementsprechend geknickt. Gemeinsam machen sich die beiden unterschiedliche Charaktere auf den Weg, um Penny doch noch mit ihrer Familie zu vereinen und Dodges alte Jugendliebe aufzusuchen. „Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt“ von Regie-Debütantin Lorene Scafaria, die auch fürs Drehbuch verantwortlich zeichnet, baut voll und ganz auf das Gedankenexperiment, das wohl jeder von uns schon mal durchgedacht hat. In der Darstellung dieses Szenarios findet sie aber – trotz gut eingesetztem Humor – eher leise Töne, die dem Film gut stehen. Die Grundstimmung des Films ist wohl leicht melancholisch mit überraschend zarten Anklängen zwischendurch. Der Humor fügt sich gut ein und ist nie aufdringlich. Zwar hüpft Scafaria im letzten Drittel des Films durchaus in die Kitsch-Pfütze, aber dennoch ist „Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt“ vor allem dank Steve Carell ein Feelgood-Movie, das man wirklich gerne sieht. Und das auch länger nachhallt. Aber jetzt will ich von euch wissen: Was würdet ihr tun, wenn in drei Wochen die Welt unrettbar unterginge?


7,0
von 10 Kürbissen

Winter Flies (2018)

Regie: Olmo Omerzu
Original-Titel: Všechno bude
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Roadmovie, Komödie
IMDB-Link: Všechno bude


Auf diesen Film am letzten Tag des Crossing Europe Filmfestivals in Linz habe ich mich sehr gefreut. Ich mag Roadmovies. Ich mag Geschichten über Jugendliche, wie sie ausbrechen aus dem starren Gerüst, das sie zurückhält, und wie sie ihre eigenen Erfahrungen sammeln. Der Geruch von Freiheit. Born to be wild. Vielleicht, weil ich selbst nie so ein Kind oder Jugendlicher war. Ich habe keinen Audi gestohlen, um damit quer durchs Land zu fahren. Und ich hatte keinen dicken Freund im Tarngewand an meiner Seite, der die ganze Zeit davon redet, endlich mal ein Mädchen flachzulegen. Stattdessen habe ich FIFA Soccer gezockt und dämliche Sitcoms angeschaut. Verwegene Freiheit: Wenn man mal im Garten die olympischen Spiele nachgespielt hat und beim Speerwurf mit Ast des Birnenbaums ein Kellerfenster dran glauben musste. Ja, in diesem Moment hätte ich mir gewünscht, in einem gestohlenen Auto abzuhauen mit einem Kumpel an meiner Seite. Und dann hätten wir vielleicht dieses eine hübsche Mädchen aufgegabelt und mitgenommen. Und wir hätten Abenteuer erlebt, andere, als wir uns vorgestellt haben, aber aufregend wären sie dennoch gewesen. Nachdem ich nun „Winter Flies“ von Olmo Omerzu gesehen habe, weiß ich aber: Es gibt für alles eine bestimmte Zeit. Ich habe sie damals verpasst. Vielleicht fiel es mir auch deshalb so schwer, mich in diesen Film, den ich so gern gemocht hätte, hineinfallen zu lassen. Ein anderer Faktor waren die Jugendlichen selbst, die trotz aller Bemühungen ihrer Hauptdarsteller für mich nicht glaubwürdig wirkten. Beziehungsweise zu eindimensional. Der Rebell. Der notgeile Dicke. Nur wenige Momente strahlen Glaubwürdigkeit aus, darunter eine sehr seltsame, aber doch nachvollziehbare Masturbationsszene. Aber unterm Strich konnte der Film mit meiner Erwartungshaltung nur viel zu selten mithalten. Sind wir doch ehrlich: Die besten Abenteuer sind die, die wir nie erlebt haben.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Almost Famous – Fast berühmt (2000)

Regie: Cameron Crowe
Original-Titel: Almost Famous
Erscheinungsjahr: 2000
Genre: Drama, Komödie, Roadmovie, Musikfilm
IMDB-Link: Almost Famous


Zur Erinnerung: 10 Punkte bekommen nur die absoluten Lieblingsfilme von mir, die sich im Laufe der Jahre auch bei Mehrfachsichtungen bewährt (und dabei vielleicht sogar gewonnen) haben. Cameron Crowes autobiographisch geprägter Film „Almost Famous“ gehört zu diesem kleinen Kreis. Und es ist wirklich egal, in welcher Stimmung ich gerade bin – diesen Film kann ich jederzeit erneut sehen. Vielleicht, weil im Grunde jeder so sein möchte wie der 15jährige William Miller (Patrick Fugit), der mit seiner Lieblingsband auf Tour sein darf, um darüber für ein international renommiertes Magazin zu schreiben. Vielleicht, weil Billy Cudrup als Gitarrist so eine coole Socke ist. Vielleicht, weil ich bei jeder Sichtung ein bisschen in Kate Hudsons Penny Lane verschossen bin. Vielleicht, weil ich beim Elton John-Song „Tiny Dancer“ im Bus immer mitsingen möchte. Vielleicht, weil ich beim Intro des eigens für den Film geschriebenen Songs „Fever Dog“ immer Gänsehaut bekomme. Vielleicht, weil ich, wenn ich „I have to go home“ sage, als Antwort im Grunde auch immer „You are home!“ hören möchte. Vielleicht, weil der Film für mich so perfekt wie kein anderer ein bestimmtes Lebensgefühl vermittelt und eine Sehnsucht nach Freiheit, Abenteuer und Zugehörigkeit. (In dieser Hinsicht ist dem Film das ebenfalls grandiose „Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers“ von Rob Reiner zumindest ähnlich.) „Almost Famous“ ist eine große Filmliebe von mir. Ein Film für alle, die das Gefühl haben, im falschen Jahrzehnt geboren zu sein – und für all jene, die im richtigen Jahrzehnt geboren wurden und sich das Gefühl ihrer Jugend wieder zurückholen möchten.


10
von 10 Kürbissen

Buffalo ’66 (1998)

Regie: Vincent Gallo
Original-Titel: Buffalo ’66
Erscheinungsjahr: 1998
Genre: Liebesfilm, Krimi, Roadmovie, Drama
IMDB-Link: Buffalo ’66


Einer der 1001 Filme, die man gesehen haben muss, ehe das Leben vorbei ist, ist „Buffalo ’66“ von Vincent Gallo. Das ist der Typ, der Chloë Sevignys Karriere in Bedrängnis brachte, weil er mit ihr zusammen in „The Brown Bunny“ allzu offenherzig die Freuden des Oralsex vor der Kamera zeigte, dem ein medienwirksamer Beef mit Kritikerpapst Roger Ebert folgte, aber das ist eine andere Geschichte. In seinem Regiedebüt „Buffalo ’66“ geht es gemäßigter zu. Billy Brown (Vincent Gallo) kommt gerade aus dem Knast und muss erst mal pissen. Man kennt das ja. Und natürlich: Keine Toilette weit und breit in Sicht. Dafür aber die junge Layla (Christina Ricci), die der Häfnbruder mit der vollen Blase kurzerhand entführt. Und das, weil er seinen Eltern (Anjelica Huston und Ben Gazzara) vorgegaukelt hat, er wäre ein erfolgreicher Staatsbediensteter und glücklich verheiratet. Ersteres ist angesichts seiner Jahre in Staatsgewahrsam vielleicht noch Interpretationssache, Zweiteres lässt sich aber ohne passender Frau an seiner Seite nicht so einfach hinbiegen. Daher die Entführung. Und nach anfänglicher Skepsis spielt das Mädel dann auch brav mit, woraufhin sich allmählich tatsächlich zarte Gefühle einstellen, was Billy Brown zusehends verunsichert. Denn bald zeigt sich: So hart, wie er tut, ist er eigentlich gar nicht. „Buffalo ’66“ könnte ein amüsanter Film für zwischendurch sein, ein leicht schräges Independent-Komödien-Drama mit richtig guter Besetzung und ein paar witzigen Einfällen. Könnte. Ist er aber nicht. Und das liegt vor allem an Vincent Gallo selbst. Meine Kollegin in der Arbeit würde sagen: Eine Fresse wie ein Briefkasten. Links und rechts zum Hineinhauen. Sage ich natürlich nicht, denn das ist ja ein seriöser Blog. Husthust. Aber das Grundproblem von „Buffalo ’66“ ist tatsächlich, dass mir die empathielose, selbstsüchtige und gewaltbereite Hauptfigur von Anfang bis Ende auf die Nerven gegangen ist und ich ihr die Katharsis nicht vergönnt habe. Auch Christina Riccis Charakter stellte mich vor Probleme. Zwar ist ihre Layla gut gespielt (die Ricci kann schon was, keine Frage), aber ich glaubte ihr die aufkeimenden Gefühle einfach nicht. Auf welcher Basis? Liebe macht blind, sagt man. Okay. Aber blind und deppert? So hat mich „Buffalo ’66“ eher ärgerlich gemacht als gut unterhalten. Und was „The Brown Bunny“ betrifft: Die berühmte Szene gibt es kostenlos auf einschlägigen Internetseiten zu bewundern. Den ganzen Film tue ich mir wohl eher nicht an.


3,0
von 10 Kürbissen