Roberto Minervini

Stop the Pounding Heart (2013)

Regie: Roberto Minervini
Original-Titel: Stop the Pounding Heart
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Drama
IMDB-Link: Stop the Pounding Heart


„Stop the Pounding Heart“ von Roberto Minervini ist: Ziegen melken, Bullen reiten, beten, im Schlamm spielen, im Wald sitzen, essen, lesen, Gespräche darüber, wie viele Kinder man einmal haben möchte, Ziegen aus dem Haus jagen, Zaunpfähle aufstellen, am Zaun lehnen, Ziegen durch die Gegend tragen, auf Bullenattrappen reiten üben, Ziegen in den Stall scheuchen, noch mehr Ziegen. Das liest sich wahnsinnig unspektakulär, und das ist es auch. Denn Minervini hält einfach nur die Kamera drauf und folgt seiner Figur Sara, einer etwa fünfzehnjährigen Texanerin, die in der Einöde in einer streng katholischen Familie aufwächst. So streng katholisch, dass die Eltern offenbar beschlossen haben, gleich alle zwölf Apostel selbst zu zeugen und die Kinder von jeglicher Schulbildung fernzuhalten, denn lesen und schreiben lernen kann man zuhause auch – und das Wichtigste ist ohnehin das Wort Gottes, das über allem steht. Und so wird auch kritiklos hingenommen, dass die Frau dem Mann zu dienen hat. Als Zuseher greift man sich das eine oder andere Mal an den Kopf. Gleichzeitig aber verurteilt Minervini nicht, er beobachtet nur, lässt die Figuren für sich selbst sprechen und nimmt sie so hin, wie sie sind. Das ist der dokumentarische Anspruch, den seine Filme erfüllen. Trotzdem will er auf etwas hinaus und führt seine Figuren (sanft, aber bestimmt) zu diesem Ziel. Fast unmerklich nämlich regt sich so etwas wie Skepsis in Sara, nachdem sie den jungen Bullenreiter Colby kennengelernt hat – eine Skepsis, die noch nicht ausreicht, um zu Widerstand zu führen, aber man sieht das Samenkorn und wie es gepflanzt wird. Alles Weitere wird die Zukunft zeigen. Ob sich Sara irgendwann einmal von ihrer Familie abwendet und einen eigenen Weg geht oder ob der katholische Konservatismus, der ihr aufgezwungen wird, stärker ist – das bleibt offen. Aber wir sehen einer jungen Frau zu, die einen ersten Schritt getan hat zu einer eigenständigen Persönlichkeit. Und das ist banal und faszinierend, es ist zäh und spannend, es ist subtil und doch offensichtlich. Minervinis Filme mögen nicht jeden Geschmack treffen, aber wer sich auf diese extrem langsame und hintergründige Erzählweise einlassen kann, bekommt in Minervinis Filmen das echte Leben präsentiert – so authentisch, wie sonst eben nur Dokumentationen sein können.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Low Tide (2012)

Regie: Roberto Minervini
Original-Titel: Low Tide
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Drama
IMDB-Link: Low Tide


Roberto Minervini hat einen sehr eigenen Zugang zum Filmen, wie er im Q&A nach dem Screenings seines zweiten Langfilms „Low Tide“ im Rahmen der Viennale erzählt. Er arbeitet mit Laiendarstellern, hat nur wenig bis gar kein Script, filmt, ohne das Gefilmte zu überprüfen und anzusehen (das kommt erst im Schnitt), lässt die Filmrolle einfach laufen, bis sie zu Ende ist – und am Ende hat er einen Film oder nicht. Dadurch erhalten seine Filme einen dokumentarischen Anstrich, sie fangen tatsächlich das wahre Leben ein. Und dieses ist oft banal und repetitiv, wie man in „Low Tide“ sehen kann. Die Kamera folgt einem etwa zwölfjährigen Jungen, der mit seiner Mutter in ärmlichen Verhältnissen in einer Kleinstadt außerhalb von Houston, Texas, lebt. Oder sagen wir so: Er lebt dort, und seine Mutter stürzt gelegentlich betrunken mitten in der Nacht durch die Tür. Die meiste Zeit ist er völlig auf sich allein gestellt. Er macht den Haushalt, er macht sich selbst seine Ravioli warm, er fährt mit dem Fahrrad durch die Gegend, er sammelt Dosen auf, um das Dosenpfand einzukassieren, er wirft Steine ins Wasser – und gelegentlich hilft er seiner Mutter, die eine schlecht bezahlte Hilfsstelle in einem Pflegeheim hat, beim Einsortieren der Handtücher. Einzig zu Tieren hat er eine echte Beziehung. Gleich zu Beginn sieht man ihn, wie er mit einer zufällig auf dem Weg gefundenen Schlange spielt, neugierig und voller Respekt vor dem Tier. Dialog gibt es kaum einen, denn mit wem könnte er auch reden? Und während man sich als Zuseher noch fragt, wohin diese ganzen Alltagsbanalitäten in langen Einstellungen noch führen mögen, werden in den Wiederholungen, in der Langeweile allmählich die seelischen Verwundungen sichtbar. Man ahnt, dass das nicht gut ausgehen kann, man spürt förmlich die Verzweiflung des Jungen, der so völlig isoliert vor sich hin lebt, und so entwickelt der Film mit der Zeit einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Geduldig muss man dennoch sein, und Vieles ist tatsächlich einfach nur langweilig und redundant. Aber so ist das Leben schließlich auch. Die Schlusssequenz geht dann echt unter die Haut.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)