Roberto Rossellini

Reise in Italien (1954)

Regie: Roberto Rossellini
Original-Titel: Viaggio in Italia
Erscheinungsjahr: 1954
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Viaggio in Italia


Wenn einer eine Reise tut, kann er was erleben. So ergeht es dem seit acht Jahren verheirateten Paar Katherine und Alex Joyce (Ingrid Bergman und George Sanders) in Roberto Rossellinis Film „Reise in Italien“. (Der alternative deutsche Titel heißt „Liebe ist stärker“, aber nachdem mich dieser Titel eher an eine Rosamunde-Pilcher-Verfilmung denken lässt, bleibe ich lieber bei jenem Verleihtitel, der dem Originaltitel folgt.) Die beiden reisen nach Neapel, um das Haus des verstorbenen Onkels, ein Kunst-Mäzen und Lebemann, der im stolzen Alter von 90 die Schlapfen gestreckt hat, zu besichtigen, um es anschließend zu verscherbeln. Alex ist Anwalt und das, was man gemeinhin als Workaholic bezeichnet. Katherine hat mehr Sinn für Kunst und Lebensfreude, fühlt sich aber in der Ehe ein wenig unterjocht. Schnell wird klar, dass sich zwei sehr gegensätzliche Charaktere einander das Ja-Wort gegeben haben, und nun wissen sie nicht so recht, was aus diesem Ja geworden ist. Man lebt ja so nebenher. Und weil auf so einer Urlaubsreise, die wenig Ablenkung durch Alltag bietet, die Gefahr groß ist, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen, löst man das Problem auf pragmatische Weise: Man geht getrennte Wege. Alex nutzt gleich mal die Gelegenheit, um kräftig mit den schönen Damen der Gesellschaft zu flirten, denn so Neapolitanerinnen haben schon Feuer unter dem Hintern, selbst wenn sie sich das Bein gebrochen haben. Und Katherine versucht das Beste aus der Situation zu machen, in dem sie Museen und Ausstellungen besucht. Immerhin ist man sich einig: Wir passen nicht zueinander, wir kennen uns eigentlich gar nicht. Das knallt man sich in spitzzüngigen Dialogen auch gerne mal direkt an den Kopf. Das große Drama bleibt allerdings aus. Zu resigniert wirken beide Seiten, als dass sie kampfeslustig noch mal die Rüstungen anlegen würden. Lieber blockt man die verbalen Schläge des Gegenübers mit einem müden Schulterzucken ab. „Reise nach Italien“ ist ein sehr dialoglastiger Film, der vor allem Freunden des geschliffenen Wortes Freude bereiten wird. Allerdings war er mir phasenweise nicht zwingend genug, und auch das Ende konnte mich nicht überzeugen. Dennoch ist es ein guter Zeitvertreib, Bergman und Sanders dabei zuzusehen, wie sie sich Gemeinheiten in die Seelen rammen. Man lernt dabei einiges über die Bedeutung des Schiller-Zitats „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob das Herz zum Herzen findet.“


6,5
von 10 Kürbissen

Stromboli (1950)

Regie: Roberto Rossellini
Original-Titel: Stromboli, terra di Dio
Erscheinungsjahr: 1950
Genre: Drama
IMDB-Link: Stromboli, terra di Dio


Ingrid Bergman, die unterkühlte Schöne. Da kann man sich schon mal hinreißen lassen. Wie etwa der sizilianische Kriegsflüchtling Antonio (Mario Vitale). Noch im Flüchtlingslager macht er der von Bergman gespielten Litauerin Karin einen Antrag, den sie mangels Alternativen annimmt. Das heißt aber auch, dass sie mit ihm zurückgehen muss in sein Fischerdorf auf der Vulkaninsel Stromboli. Viel ist dort ja nicht los. Das Dorf ist halb verlassen, da die Jungen ihr Glück woanders suchen, nur die Alten sind noch da oder aus den Staaten zurückgekehrt, und hin und wieder spuckt einem der Vulkan Steine auf den Schädel. Dass sich die wohlerzogene Dame da nicht gleich pudelwohl fühlt, ist nur verständlich. Ein bisschen mehr bemühen könnte sie sich aber schon. So ein Flirt mit dem Leuchtturmwärter, wenngleich auch harmlos, trägt aber nicht eben zum guten Bild bei, und schon bald hat sie das ganze Dorf gegen sich aufgebracht. Da nutzt es dann auch nichts mehr, dem Dorfpfarrer schöne Augen zu machen. Und Antonio? Nun, der hat ein kindliches Gemüt und checkt nicht so wirklich wie er seine Frau glücklich machen kann. (Was aber angesichts ihrer Ansprüche ohnehin ein zu hoch gesetztes Ziel wäre.) Dramatische Verdichtung nennt man das, was dann nach einer Weile geschieht: Karin erfährt von ihrer Schwangerschaft und der Vulkan Stromboli bricht aus. Und schon haben wir den Salat. „Stromboli“ ist vielleicht nicht Rossellinis bestes Werk, aber dank einer großartig spielenden Bergman, eindrucksvoller Landschaftsaufnahmen und einer authentischen Darstellung des sizilianischen Dorfs kann der Film auch heute noch überzeugen. Und das dramatische Ende entschädigt auch für die eine oder andere Länge, die sich zwischendurch einschleicht.


7,0
von 10 Kürbissen

Es war Nacht in Rom (1960)

Regie: Roberto Rossellini
Original-Titel: Era notte a Roma
Erscheinungsjahr: 1960
Genre: Drama, Kriegsfilm
IMDB-Link: Era notte a Roma


Italien während der Zeit durch die nationalsozialistische Besatzung. Es herrscht Chaos. Italiener verstecken Partisanen und Kriegsflüchtlinge in der Hoffnung auf Befreiung. Wer mit einem Kriegsflüchtling erwischt wird, muss damit rechnen, an die Wand gestellt zu werden. Blöd für die junge Esperia (die bezaubernde Giovanna Ralli), dass sie deren gleich drei in ihrem Dachboden sitzen hat: Den britischen Major Michael Pemberton (Leo Genn), den US-Amerikaner Lieutenant Peter Bradley (Peter Baldwin) und den russischen Soldaten Fjodor Nazukow (Sergej Bondarchuk). Ihr Verlobter Renato (Renato Balducci), selbst im Widerstand, findet das eigentlich ganz nett und freundet sich schon bald mit den drei Soldaten, die gemeinsam viel erlebt haben, an. Allerdings wird einem die Zeit schon lang, wenn man nur verborgen im Dachboden hocken kann und auf das Eintreffen der eigenen Truppen hoffen muss. Da sitzt man mitten in der vielleicht schönsten Stadt der Welt und kann nicht raus. Dazu kommt noch die Sprachbarriere – einerseits zu der hübschen Gastgeberin, andererseits auch untereinander, da der Russe kein Englisch spricht. Und trotzdem bildet sich da allmählich eine Gemeinschaft, die über die Schicksalsverbundenheit hinaus geht. „Es war Nacht in Rom“ ist die erste Stunde lang ein Meisterwerk, das mich sprachlos machte. Wie hier auf engstem Raum in einem Kammerspiel die gut gezeichneten Charaktere zueinander finden, ist höchste Filmkunst. Da war der Film schon unterwegs in Richtung einer glatten 9 oder noch höher. Allerdings kann die (auch noch sehr gute) zweite Hälfte des Films, in der die Geschichte dann ein wenig zerfasert, dieses Niveau nicht ganz halten. Trotzdem gehört „Es war Nacht in Rom“ zu einer denkwürdigen Filmerfahrung, die lange nachhallen wird. Ganz großes Kino von Roberto Rossellini, hat mir persönlich sogar noch besser gefallen als sein Meisterwerk „Paisà„.


8,5
von 10 Kürbissen

Paisà (1946)

Regie: Roberto Rossellini
Original-Titel: Paisà
Erscheinungsjahr: 1946
Genre: Episodenfilm, Drama, Kriegsfilm
IMDB-Link: Paisà


Als „Paisà“ bezeichneten die Italiener während des Zweiten Weltkriegs die amerikanischen Soldaten, die in Sizilien landeten und von dort aus nordwärts Richtung Alpen marschierten. Um die Begegnungen zwischen den Soldaten und der zivilen Bevölkerung geht es auch in Rossellinis Episodenfilm, der zu den Klassikern des italienischen Neorealismus gezählt wird. Wie auch die amerikanischen Truppen selbst arbeitet sich Rossellini vom Süden in den Norden vor: Auf Sizilien begegnet ein Spähtrupp einer jungen Sizilianerin, die nach ihrer Familie sucht. Im besetzten Neapel führt ein armer Junge einen betrunkenen Militärpolizisten durch die Ruinen der Stadt. In Rom laufen sich zwei ehemals Liebende in die Arme, die sich nach den fürchterlichen Grauen, die der Krieg in die Stadt gebracht hat, nicht wiedererkennen. In Florenz versucht eine amerikanische Krankenschwester zusammen mit einem Bekannten in den noch von Deutschen besetzten Teil der Stadt vorzudringen, um ihren Geliebten zu suchen. In einem entlegenden Kloster in der Romagna nehmen Mönche amerikanische Militärkaplane bei sich auf. Und in der Po-Ebene kämpfen im Schilf des Ufers erbittert eingeschlossene Partisanen zusammen mit einer amerikanischen Einheit mit Unterstützung der Bevölkerung gegen die Deutschen. Manche dieser Geschichten sind wunderbare, in sich geschlossene Dramen (wie etwa die erste und die dritte Episode), die auch einen ganzen Film allein tragen würden. Nicht alle Episoden sind gleichermaßen fesselnd, aber alle zeichnet ein unverzerrter, jedoch nicht verbitterter Blick auf die Verhältnisse im besetzten Italien aus. Die Dialoge sind hervorragend geschrieben (am Drehbuch arbeiteten Federico Fellini und Klaus Mann mit), die Kamerarbeit ist exzellent, und hin und wieder blitzt sogar ein Funke Humor durch – der allerdings schon in der nächsten Einstellung von der Realität des Krieges unterlaufen wird. Den Fortschritt der amerikanischen Truppen zeichnet Rossellini in kurzen Zwischensequenzen mit Aufnahmen aus der Nachrichten nach, was dem Film zudem eine dokumentarische Note verleiht. Ein sehr eindringlicher und phasenweise intensiver Film, dessen einzelne Episoden zwar nicht alle durchgängig auf dem gleichen herausragenden Niveau sind, aber insgesamt ist „Paisà“ ein großes Werk, das sehr gut gealtert ist.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 15 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen