/slash Filmfestival 2018

Have a Nice Day (2017)

Regie: Liu Jan
Original-Titel: Hao Ji Le
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Animation, Thriller, Komödie
IMDB-Link: Hao Ji Le


Man kennt das: Es ist spätabends, man ist schon müde (in diesem Fall von drei Filmen davor), aber da man schon beim Kino ist und das Ticket hat, setzt man sich halt doch noch in die 23-Uhr-Spätvorstellung, um das /slash-Festival zu einem würdigen Abschluss zu bringen. „Have a Nice Day“ heißt das Werk des chinesischen Animationsfilmers Liu Jian, und beginnt wie ein Coen Brothers-Plot: Indem der arme Bauarbeiter Xiao Zhang seinen Onkel um eine Tasche voller Geld erleichtert, was weder dem Onkel noch dem, für den das Geld bestimmt war, sonderlich schmeckt. Und da die Gestalten im Hintergrund kein einwandfreies Leumundszeugnis vorlegen können, beginnt die Jagd auf Zhang, der mit dem Geld seiner Freundin eine Schönheits-Operation bezahlen möchte. Das alles hätte sehr erbaulich und unterhaltsam werden können. Leider bleibt dieser Satz allerdings im Konjunktiv. Denn „Have a Nice Day“ ist zwar ambitioniert gemacht (so zeichnete Liu Jian im Alleingang drei Jahre lang an seinem Film), dem Resultat sieht man diese Ambition aber nicht mehr an. Der Film ist statisch, langsam, träge und eindimensional, was die Ausgestaltung der Figuren betrifft. Die Machart selbst, in der die Bewegungen von Figuren und Kulisse nur auf das Minimum beschränken (und ja, ich weiß, das wird in Animes generell gerne so gehandhabt), trägt dazu bei, dass sich keine Spannung aufbauen möchte. Auch der humoristische Aspekt des Films ist … nun ja, sehr subtil. Oder ist einfach meilenweit an meiner Art von Humor vorbeigeschossen. So tröpfelt der Film belanglos vor sich hin, und am Ende wundert man sich, wie lang sich 77 Minuten anfühlen können. Die internationale Filmkritik mochte den Film. Der österreichische Filmkürbis nicht.


3,0
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)

Border (2018)

Regie: Ali Abbasi
Original-Titel: Gräns
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Fantasy, Thriller
IMDB-Link: Gräns


Tina ist nicht unbedingt eine Schönheit, aber sie hat ein außergewöhnliches Talent: Sie kann Gefühle (oder Rückstände von Gefühlen) an Menschen riechen – und damit ist sie natürlich eine Wunderwaffe bei der Grenzkontrolle. Die Ängstlichen, die voller Scham, die haben meist etwas zu verbergen – wie etwa Drogen, nicht verzollter Alkohol oder USB-Sticks voller Kinderpornographie. Allerdings führt Tina kein glückliches Leben, sondern lebt als Außenseiterin mit dem Slacker Roland, mit dem sie eine platonische Beziehung führt, und dessen Kampfhunden in einer abgelegenen Waldhütte. Eines Tages lernt sie Vore kennen, der bei der göttlichen Verteilung von Schönheit und Anmut auch gerade am Klo war. Und etwas stimmt nicht mit diesem Vore – nur kann Tina ausnahmsweise mal nicht herausfinden, was genau. Als sie erfährt, dass er durch die Gegend streunt und kaum Geld hat, nimmt sie ihn bei sich in ihrem Gästehaus auf. Und allmählich nähern sich die beiden einander an und entdecken erstaunliche Gemeinsamkeiten. Doch wer ist dieser Vore, was will er von ihr? Und warum hat er seinen Kühlschrank mit Klebeband versiegelt? „Border“ von Ali Abbasi ist eine klassische  Außenseiter-Geschichte, die von großartigen Akteuren und einer sensiblen Erzählweise getragen wird. Die Auflösung des Films, der irgendwo zwischen Drama, Thriller, Fantasy und Liebesfilm mäandert, ist durchaus originell. Ich mag ja solche Filme, die zwischen den Stühlen sitzen und sich keinem Genre klar zuordnen lassen. So gibt es auch viel zu entdecken in „Border“. Es geht um die Frage, wer wir tatsächlich sind, wie wir von anderen wahrgenommen werden, vor allem auch dann, wenn wir von der gängigen Norm abweichen. Es geht um die Frage nach einem selbstbestimmten Leben. Am letzten Tag meiner /slash-Filmfestival-Besuche noch einmal ein kleines Highlight.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)

Detective Dee und die Legende der vier himmlischen Könige (2018)

Regie: Tsui Hark
Original-Titel: De Renjie Zhi Sidatianwang
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Eastern, Action
IMDB-Link: De Renjie Zhi Sidatianwang


Der zweite Film des /slash Double Features aus Hongkong war der dritte Teil der Detective Dee-Filme von Tsui Hark. Ich muss gestehen, dass ich vor der Sichtung jemals weder etwas von den anderen Detective Dee-Filmen noch von Tsui Hark gehört hatte, aber wie der Kurator der Asien-Auswahl des Festivals versicherte, stehen alle Detective Dee-Filme für sich. Man kann also gut quer einsteigen. Was in der Politik geht, geht auch in der Filmkritik. Also rein ins Vergnügen, 3D-Brillen aufgesetzt und ab in den Wilden Osten, wo sich Detective Dee, der aufgrund eines früheren Abenteuers in den Besitz einer ganz besonderen Waffe gelangt ist, mit allerlei Schurkereien von Magiern herumplagen darf, die diesen McGuffin ebenfalls in ihre Hände bekommen möchten. Hinter all dem steht offenbar ausgerechnet die Kaiserin persönlich, was die Sache recht verzwickt macht. Aber Detective Dee ist ein Wunderwuzzi und durchschaut schon bald das falsche Spiel, das mit ihm gespielt wird. Der Rest ist augenzwinkernde Martial Arts-Prügelei mit teils sehr absurden Einfällen (den Magiern sei Dank), die visuell überzeugend und mit Humor in Szene gesetzt werden. Dass der Film dennoch nicht richtig zündet bei mir, ist der Tatsache geschuldet, dass auch hier wieder die Story selbst eher belanglos, vorhersehbar und teils arg unlogisch gestrickt ist. Auch sind die Charaktere und ihre Motivationen weniger zugänglich als im vor diesem Film gesehenen Sword Master, der erste Teil des Double Features. So bleibt mir nur das Standard-Fazit für derartige Martial Arts-Filme aus dem Osten: Visuell überzeugend, bunt und toll choreographiert, aber nichts, was bei mir dauerhaft im Gedächtnis bleibt – dazu ähneln sich die Filme und ihre konfusen Stories zu sehr.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)

Sword Master (2016)

Regie: Derek Yee
Original-Titel: San Shao Ye De Jian
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Eastern, Action
IMDB-Link: San Shao Ye De Jian


Martial Arts-Filme laufen bei mir für gewöhnlich ja ein wenig unterhalb des Radars. Zum einen sind nicht allzu viel davon regelmäßig in unseren Kinos zu bewundern, zum anderen finde ich zwar die aufwendig choreographierten Kämpfe zwar sehenswert, aber die Stories reißen mich nur selten mit. Beim /slash-Filmfestival hatte ich nun Gelegenheit, gleich zwei Martial-Arts-Filme aus Hongkong in 3D zu sichten. Den Auftakt machte der 2016 erschienene Film „Sword Master“ von Derek Yee. Um es kurz zu machen: Innerhalb kurzer Zeit konnte ich wieder feststellen, dass ich wohl kein großer Martial Arts-Fan mehr werde, aber die Faszination, die viele Asien-Begeisterte für diese Art von Filmen haben, durchaus nachvollziehen kann. Denn die Optik von „Sword Master“ ist grandios. Was hier an farbenkräftigen, aufwendigen Kulissen aufgestellt wird und welche irren Kamerafahrten und atmosphärisch dichten Bilder auf der Leinwand zu sehen sind, ist schon eine Kunst für sich. Auch die Figuren sind interessant, und dem Film gelingt es tatsächlich, den Antagonisten trotz markanter Äußerlichkeiten, die ihn klar als den Bösewicht identifizieren, Sympathiepunkte beim Publikum sammeln zu lassen, sodass man sich schon fast vor der finalen Konfrontation zu fürchten beginnt. Allerdings ging es mir wieder so wie bei den meisten anderen Filmen, die ich in diesem Genre gesehen habe (und zugegeben, allzu viele waren es bislang nicht): Die Story rund um alte, zerstrittene Clans mit einem verschwundenen „Third Master“, der mit seiner Schwertkunst über die ganze Welt regieren kann und den Bündnissen, die geschlossen und wieder aufgelöst werden, konnte ich selbst nicht allzu viel anfangen. Zu konfus erscheint mir diese, und allzu oft bedient sich der Film des Deus ex machina, um bestimmte Konfrontationen und Erkenntnisse herbeizuführen. So bleibt die Geschichte einfach nur der Rahmen, innerhalb dessen sich möglichst spektakuläre Schwertkämpfe abspielen sollen, die jegliche Gesetze der Physik nicht nur ignorieren, sondern fröhlich in den Boden stampfen. Unterhaltsam ist das schon, aber auch bald wieder vergessen – jedenfalls von mir.


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)

Summer of ’84 (2018)

Regie: François Simard, Anouk Whissell und Yoann-Karl Whissell
Original-Titel: Summer of ’84
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Thriller
IMDB-Link: Summer of ’84


Hach, 1984! Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Im Radio liefen „Fürstenfeld“ und „I Want to Break Free“, Michel Platini führte Frankreich zum Europameistertitel, Niki Lauda wurde zum dritten Mal Weltmeister, man beging das „Orwell-Jahr“ – und der Filmkürbis … ähm … ja … was machte ich damals? Ach so, in die Windeln. Egal. Was ich sagen will: Die 80er-Nostalgie nimmt derzeit kein Ende und erweist sich für kreative Köpfe als Goldgrube. In diese Kerbe schlägt auch „Summer of ’84“, eine Art Mash-Up aus „Stand by Me“, „Stranger Things“, „It“ und „Disturbia“. Der 15jährige Davey hat seinen Nachbarn Mr. Mackey, einen Polizisten, im Verdacht, als Serienkiller dreizehn Morde auf dem Gewissen zu haben. Mit seinen drei besten Freunden ergreift er nun die Initiative, um Beweismaterial zu finden, das Mr. Mackey als Täter überführen soll. Dass es der geistigen Gesundheit nicht zuträglich ist, wenn man glaubt, dass der unmittelbare Nachbar in der Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, ein psychopathischer Killer ist, versteht sich irgendwie von selbst. Und so bezieht „Summer of ’84“ einen Großteil der Suspense aus dem Spiel zwischen Paranoia und ernsthafter Bedrohung. Unterlegt sind die Bilder mit einem 80er-Synthie-Sound, der zwar prinzipiell ganz nett klingt und den Film auch klar in seiner Zeit verankert (was durch die Bilder selbst nicht immer zu 100% gelingt), aber auf Dauer dann doch etwas eintönig wirkt. Auch die vier Freunde sind quasi dem Lehrbuch für Coming-of-Age-Buddy-Filmen entnommen: Davey ist der brave Schüchterne, Farraday der ängstliche Streber, Eats der coole Arme und Woody der dicke Schussel. Dazu gesellt sich noch Nikki, das ehemalige Kindermädchen von Davey, die als Zwanzigjährige nun für feuchte Träume herhalten muss. Das alles kommt einem beim Ansehen einfach wahnsinnig bekannt vor. Leider bleiben die Figuren zumeist auch auf diesem oberflächlichen Niveau. Was die Figurenentwicklung betrifft, kommt „Summer of ’84“ nie an das Niveau von beispielsweise It heran. Trotzdem ist „Summer of ’84“ sehenswert, da die Spannung von Anfang an hochgehalten wird, die Darsteller bzw. ihre Figuren recht sympathisch sind und der Film gegen Ende hin noch die eine oder andere fiese Überraschung bereit hält, die noch eine Weile präsent bleibt, auch wenn der Vorhang längst gefallen ist. Insgesamt also eine solide, unterhaltsame Sache, die man sich jedenfalls ansehen kann.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)

Tito and the Birds (2018)

Regie: Gabriel Bitar, André Catoto und Gustavo Steinberg
Original-Titel: Tito e os Pássaros
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Animation
IMDB-Link: Tito e os Pássaros


Fast hätte ich diesen Film ausgelassen, den ich als vierten Film meines /slash-Filmfestival-Besuchs auserkoren hatte. Das war so ein Wackelkandidat – wenn ich rechtzeitig aus dem Büro rauskomme, nehme ich ihn mit, ansonsten sehe ich diesen Animationsfilm, der eher der Überbrückung bis zum Spätabendprogramm dient, halt nicht. So what? Und jetzt sitze ich im orientalischen Lokal, lausche bei einem Glas Ayram dem Donauwalzer (Sie lesen gerade ein Kapitel aus dem Wälzer „The strange life of a film critic“) und versuche, das soeben Gesehene angemessen in Worte zu kleiden, die diesem kleinen Wunderwerk gerecht werden können. „Tito and the Birds“ ist nämlich ein Film, den ich uneingeschränkt wirklich jedem empfehlen kann, ob filminteressiert oder nicht, ob alt, ob jung – so etwas kommt selten vor. Gemacht ist dieser Animationsfilm in einer spannenden (und vielleicht anfangs etwas gewöhnungsbedürftigen) Mischung aus mit groben Pinselstrichen gemalten Ölbildern im Hintergrund und digitaler und grafischer Animation der Figuren im Vordergrund. Dadurch wirkt der Film zum Einen wunderschön mit seinen kräftigen, lebhaften Farben und fokussiert gleichzeitig auf die optisch sehr einfach gehaltenen, aber dennoch ausdrucksstarken Figuren. Allein das schon macht den Film sehenswert. Nun kommen aber noch zwei Elemente hinzu, die „Tito and the Birds“ zum Meisterwerk aufsteigen lassen: Die expressive, intensive Musik und das Herzstück des Films, die unglaublich fantasievoll erzählte, kluge Geschichte. Denn in „Tito and the Birds“ geht es um die Angst und wie sie in die Welt kam. In einer Großstadt bricht eine seltsame Epidemie aus, die die Menschen zu Steinklumpen schrumpfen lässt. Allein Tito und seine Freunde stellen sich ohne Angst dieser Epidemie entgegen. Tito vermutet, dass die Sprache der Vögel, die sein Vater erforschte, der nach einem fatalen Unfall die Familie verlassen musste, der Schlüssel zur Heilung sein könnte. Und so baut er eine Maschine, um die Sprache der Vögel zu lernen und zu verstehen. Angereichert ist die Geschichte mit vielen liebevoll durchdachten Details und vielschichtigen Figuren, die so organisch miteinander verwoben sind, dass der Film für ein jüngeres Zielpublikum (10+) gut verständlich und unterhaltsam ist, den erwachsenen Zusehern aber einen Raum voller Ebenen öffnet, in dem sich intelligent verpackte Gesellschaftskritik und ein sehr deutliches Statement zur sozialen Kälte unserer Zeit und dem Wiederaufkeimen von faschistischen und diktatorischen Regimes finden lässt. „Tito and the Birds“ ist mit Herz und Hirn gleichermaßen gemacht und ein Wunder an Fantasie und Kreativität. Einer der Filme des Jahres für mich.


9,0
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)

The Friendly Beast (2017)

Regie: Gabriela Amaral Almeida
Original-Titel: O Animal Cordial
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Thriller
IMDB-Link: O Animal Cordial


Wenn man sich nach einem ganztägigen Meeting in Berlin um 10 Uhr abends zu Hause von der Couch noch einmal aufrafft, um ins Kino zu fahren in dem Bewusstsein, dass sich dann die Anzahl an Schlafstunden in der Nacht auf vier reduziert, dann muss die Erwartungshaltung eine relativ hohe sein. So ging es mir mit dem brasilianischen Thriller „The Friendly Beast“, meine dritte /slash-Filmfestival-Sichtung. Man möchte nicht glauben, wie viele Leute um 23 Uhr noch im Kinosaal hocken, um sich dieses makabre Schauspiel zu geben, das da auf der Leinwand gezeigt wurde. Leute, habt ihr nichts zu tun? Oder seid ihr alle so wahnsinnig wie ich? Zweiteres wäre echt beunruhigend. Jedenfalls wurde ein gut gefüllter Saal Zeuge davon, wie ein Überfall auf ein kleines Restaurant sehr schnell sehr schief gehen kann. Nämlich dann, wenn der Restaurantbesitzer selbst eine Puffen in der Schublade hat und schon bald Tendenzen zum paranoiden Verschwörungstheoretiker aufweist. Wenn die schüchterne Kellnerin dann auch noch einen Crush auf den selbst ernannten Westernsheriff hat, findet sich die Verbrecherbande schon bald entweder blutend auf dem Boden oder mit überraschender Gesellschaft in der Restaurantküche festgebunden wieder. Was wie eine Reminiszenz an Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ beginnt, wird schon bald zu einem blutigen Psycho-Kammerspiel. Inklusive der vielleicht seltsamsten und makabersten Sexszene der jüngeren Filmgeschichte. Hier ist der Zuseher ständig auf High Alert. Insgesamt sieht man dem Film aber immer wieder an, dass er etwas zu plakativ auf das Schockieren des Publikums abzielt, und das geht zu Lasten der Story. Etwas subtiler wäre der Film wirkungsvoller gewesen. Dennoch bietet er gute Unterhaltung, sofern man beim Anblick von Blut nicht grün im Gesicht wird. Denn in diesem Fall verlässt man spätestens nach 45 Minuten den Saal als Laubfrosch.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)