Sofia Coppola

Somewhere (2010)

Regie: Sofia Coppola
Original-Titel: Somewhere
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Drama
IMDB-Link: Somewhere


Filmstars haben es schwer. Sie ersticken in Geld, müssen protzige Autos fahren, über mehrere Wochen in Luxushotels wohnen, sich mit willigen One-Night-Stands abgeben, Poledancern bei ihrer Arbeit zusehen und die Zeit mit Videospielen und Drogen totschlagen. Filmstars haben es schwer. Denn wenn man alles hat und jeder einem zu Füßen liegt und es keine Herausforderungen und kaum echte zwischenmenschliche Beziehungen gibt, geht die Seele kaputt. Stephen Dorff spielt in Sofia Coppolas „Somewhere“ den Hollywood-Star Johnny Marco, der nichts mit sich selbst und seiner Zeit anzufassen weiß. Bedeutung erhält sein Dasein erst, als er sich um seine zwölfjährige Tochter Cleo (Elle Fanning) kümmern muss. Und davon erzählt Coppola unsentimental, aber mit einem genauen Blick, der auch Subtilitäten einfängt und einfließen lässt. Es passiert nicht viel in „Somewhere“, und der hedonistische Schauspieler hat auch keine groß angelegte Epiphanie. Aber etwas ändert sich. Langsam. Beständig. Ein Mensch findet ins Leben zurück. Einfach, weil es da einen Menschen gibt, der ihn mag und der Zeit mit ihm verbringen möchte. Viel mehr braucht es oft nicht. Und viel mehr braucht es auch nicht für einen gelungenen Film. „Somewhere“ hat vielleicht nicht die Dringlichkeit und Prägnanz von Coppolas Meisterwerk „Lost in Translation“, ist aber thematisch nicht weit weg davon. Beide Filme loten die Annäherung zweier Menschen aus. Hier sind es Vater und Tochter. Und das ist überzeugend geschrieben und gespielt.


6,5
von 10 Kürbissen

The Virgin Suicides (1999)

Regie: Sofia Coppola
Original-Titel: The Virgin Suicides
Erscheinungsjahr: 1999
Genre: Drama
IMDB-Link: The Virgin Suicides


Sofia Coppolas Output ist qualitativ durchaus schwankend. „Lost in Translation“ ist ein Meisterwerk und gehört für mich wohl zu den besten 30 Filmen, die ich je gesehen habe. Am anderen Ende des Spektrums stehen solche Sachen wie „The Bling Ring“ – Filme, die ihre Intention allzu plakativ in die Welt schreien und dabei vergessen, interessant zu sein. „The Virgin Suicides“ gehört zu den gelungenen Coppola-Filmen. Anders als „Lost in Translation“ ist auch „The Virgin Suicides“ nicht subtil erzählt, aber hier funktioniert das Arrangement sehr gut. Es geht um fünf Schwestern, die von ihren bürgerlichen Eltern in den 70ern allzu hohe Moralvorstellungen übergestülpt bekommen und daran und an der dadurch verursachten Isolation zugrunde gehen. Beobachtet werden sie von etwa gleichaltrigen Burschen, die Jahre später aus deren (unvollständiger) Perspektive die Geschichte der Schwestern erzählen. Der Fokus liegt hier ganz klar auf der kleinbürgerlichen Scheinmoral und den gefährlichen Resultaten allzu strenger Repressalien. Irgendwann explodiert der Druckkochtopf eben, wenn man nicht aufpasst und der Druck nicht entweichen kann. Interessant ist, dass „The Virgin Suicides“ trotz des doch sehr düsteren Themas leichtfüßig und durchaus mit Humor erzählt wird. Und darin liegt die große Stärke des Films. Er überdramatisiert die ohnehin dramatischen Ereignisse nicht. Gerade dadurch entwickelt der letzte Teil des Films dann eine besondere Wucht. Was man vielleicht kritisieren kann, ist die Tatsache, dass mit Ausnahme von Lux (Kirsten Dunst) keine weitere Figur der Geschichte wirklich viel Profil erhält. Das mag auch damit zusammenhängen, dass Coppola jede Menge Personal über die Leinwand scheuchen musste – die fünf Schwestern, deren Eltern, die fünf Freunde, dazu weitere Nebenfiguren – sodass für eine schärfere Profilierung vieler Charaktere einfach keine Zeit blieb. Aber als Ensemble-Film funktioniert „The Virgin Suicides“ ja trotzdem – also was soll’s?


7,5
von 10 Kürbissen

Marie Antoinette (2006)

Regie: Sofia Coppola
Original-Titel: Marie Antoinette
Erscheinungsjahr: 2006
Genre: Historienfilm, Biopic
IMDB-Link: Marie Antoinette


Led Zeppelin sangen 1971 die ikonischen ersten Textzeilen zu ihrem Opus magnum: „There’s a lady who’s sure / All that glitters is gold.“ Ob sie dabei auch an Marie Antoinette gedacht haben, ist nicht überliefert und wohl eher unwahrscheinlich. Dennoch lässt sich von dort leicht die Brücke zu Sofia Coppolas Biopic schlagen, denn dieser Song hätte durchaus auf dem offiziellen Soundtrack zu finden sein können. Immerhin sind New Order, Siouxsie and the Banshees, The Strokes und The Cure neben vielen Anderen dort vertreten. Wie passt nun Rockmusik mit dem Rokoko zusammen (außer, dass sie die erste Silbe miteinander teilen)? Grundsätzlich einmal erstaunlich gut. Auch wenn bei den Kostümen und der Ausstattung Wert auf Authentizität, oder sagen wir: Historizismus gelegt wurde, macht es gar nichts, wenn Bow Wow Wow diese historische Anmutung durchbrechen mit dem Ausruf „I want candy!“. In den besten Momenten akzentuiert die eingängige Pop- und Rockmusik die im Film unterstellte Oberflächlichkeit von Marie Antoinette (Kirsten Dunst). Dennoch hat man Mitleid mit dem Mädel. Denn ein einfaches Leben hat sie trotz allen Glitters nicht. Blutjung verheiratet von Wien nach Paris mit König Ludwig XVI. (Jason Schwartzman mit einer wundervoll lächerlichen Darstellung des überforderten Königs) soll sie einen Thronerben zeugen – was sich als recht schwierig herausstellt, wenn der männliche Part vor jeder Berührung zurückschreckt und die Königin morgens allein im Bett aufwacht. Heute würde man den Herrn vermutlich mit edler Reizwäsche und, wenn’s sein muss, pornographischem Bewegtbildmaterial nach persönlichem Gusto animieren, aber damals waren die Möglichkeiten halt begrenzt. Es erscheint unfair, dieses Dilemma allein der Königin anzulasten; nichtsdestotrotz geschieht das. Und so ist das Leben von Marie Antoinette am Hofe zwar ein luxuriöses, gleichzeitig aber auch sinnentleert und lieblos. Man hat Verständnis dafür, dass der Königin die Nöte der wahren Welt, die vor den Toren des Hofes kochen, verborgen bleiben. Ihr einziges Ziel ist die Einhaltung der höfischen Etikette und das Finden von ein klein bisschen Glück. Aber: Repräsentativ muss man sein und zeugungsfähig. Damit wäre das Jobprofil „Königin am französischen Hof“ ausreichend umrissen. Wie das Drama ausgeht, kennt man aus den Geschichtsbüchern, denn irgendwann hat das Volk halt genug von der Schere zwischen königlichem Luxus und bürgerlichem Elend. Nur schade, dass genau dieser Aspekt in Sofia Coppolas Film über weite Strecken gar nicht vorkommt und auch gegen Ende hin nur angedeutet wird. Stattdessen bleibt Coppola ganz in der glitzernden Scheinwelt der Königin; diese wird niemals durchbrochen. „And as we wind on down the road / Our shadows taller than our soul / There walks a lady we all know / Who shines white light and wants to show / How everything still turns to gold.“ Marie Antoinette wird damit in gewisser Weise ihre Unschuld zurückgegeben, sie ist ein Opfer ihrer eigenen Lebensumstände. Besonders interessant ist diese Ausrichtung auf das Zeremoniell, auf dieses Nicht-Leben für den Zuseher allerdings nicht. So weist der Film dann auch seine Längen auf. Trotz eines gut gelaunten Casts und eines Soundtracks, der gut ins Ohr geht. (Auch wenn Led Zeppelin fehlt.)


5,5
von 10 Kürbissen

The Bling Ring (2013)

Regie: Sofia Coppola
Original-Titel: The Bling Ring
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Satire, Komödie
IMDB-Link: The Bling Ring


Mit „Lost in Translation“ hat Sofia Coppola einen meiner Lieblingsfilme gedreht. „The Bling Ring“ kommt leider an die Qualität dieses Films nicht heran. Die Prämisse wäre eigentlich recht vielversprechend: Ein paar jugendliche Fashion-Victims brechen in die Häuser ihrer Idole wie Paris Hilton oder Lindsay Lohan ein und fladern, was in die Louis Vuitton-Tasche passt. Angelegt ist „The Bling Ring“ als satirischer Blick auf die Oberflächlichkeit, die der Jugend von heute durch ihre Role Models vermittelt wird. Alles, was zählt, sind die richtigen Markennamen und deren Darstellung auf Social Media-Accounts. Allerdings zündet der Film für mich nicht wirklich. Im Gegenteil – das wiederholte Zeigen der Einbrüche, und wie hier noch ein Kleid und dort noch eine Halskette anprobiert wird, nützt sich rasch ab und wird langweilig. Klar, man könnte nun behaupten, dass das Zeigen dieser Redundanzen als stilistisches Mittel verstanden werden kann – die Oberflächlichkeit der Handlungen spiegelt sich auf diese Weise filmisch wider. Allerdings hätte ich mir dann ein zumindest bissiges Ende gewünscht. Und ja, die Intention eines solchen ist durchaus spürbar, nur scheut Coppola dann doch davor zurück, so richtig den Hebel umzulegen. Und so bleibt diese Satire leider ein wenig zahnlos.


4,0
von 10 Kürbissen

A Very Murray Christmas (2015)

Regie: Sofia Coppola
Original-Titel: A Very Murray Christmas
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Komödie, Musikfilm
IMDB-Link: A Very Murray Christmas


Ich habe Netflix. Seit heute. Was gleichbedeutend ist mit: Ich habe kein Leben mehr. Jedenfalls nicht außerhalb von Netflix. Den Auftakt meines Netflix-Lebens hat nun jener Film gemacht, der mich vor zwei Jahren schon fast dazu bewogen hätte, einen Netflix-Account einzurichten: „A Very Murray Christmas“ von – man lese und staune – Sofia Coppola. Dieser eigens produzierte Weihnachtsfilm handelt von einem schlecht gelaunten Bill Fucking Murray (Zitat Woody Harrelson in „Zombieland“), der in einem Hotel live eine Weihnachtsshow moderieren soll. Das Problem ist: Ganz New York ist eingeschneit, alles steht still – und die Gäste können nicht kommen. Kein George Clooney.  Keine Iggy Azalea. Kein Papst Franziskus. Lediglich Chris Rock verirrt sich in die Hotellobby und wird prompt zu einer Gesangsnummer eingeteilt. Als aber dann auch noch der Strom ausfällt, ist wirklich Feierabend, und Bill Murray zieht sich in die Hotelbar zurück, wo er mit den Angestellten Weihnachtslieder singt, bis der Sliwowitz einfährt.

„A Very Murray Christmas“ ist definitiv ein Weihnachtsfilm, den man gesehen haben sollte. Wenn Bill Murray und Sofia Coppola einfach auf alles pfeifen und die Szenen in puren Dadaismus abgleiten lassen, ist das gelebte cineastische Anarchie. Großartig! Nur leider hält der Film das nicht immer durch, und manche Passagen sind schlicht langweilig. Auch die Story ist nicht mehr als eine Entschuldigung dafür, Bill Murray und Gäste eine Stunde lang Weihnachtslieder singen zu lassen. Wer sich davon nicht abschrecken lässt und ein ähnlicher großer Bill Murray-Fan ist wie Woody Harrelson, sollte einen Blick riskieren. Ein richtiger Film ist das eigentlich nicht. Aber es macht trotzdem Spaß.


6,0
von 10 Kürbissen

Die Verführten (2017)

Regie: Sofia Coppola
Original-Titel: The Beguiled
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: The Beguiled


Virginia. Der amerikanische Bürgerkrieg. Schwüle und Nebel legen sich abwechselnd um das imposante Herrenhaus, das aufgrund des Krieges und der damit verbundenen Beschäftigung der Herren, sich gegenseitig abzuschlachten, zum Damenhaus geworden ist. Mrs. Martha (Nicole Kidman) kümmert sich zusammen mit der Lehrerin Edwinna (Kirsten Dunst) um fünf junge Schülerinnen. Man arbeitet im Garten, spielt Musik, betet, hat Unterrichtsstunden und bemüht sich um die Aufrechthaltung eines zivilisierten, südstaatlichen Lebensstils. Bis die junge Jane vom Pilze pflücken im Wald nicht nur mit schmackhaften Schwammerln, sondern auch mit einem verwundeten Yankee-Soldaten (Colin Farrell) zurückkommt. Schnell wird der höfliche Mann, der einfach nur froh ist, am Leben zu sein und sich von daher gerne in Feindeshand begibt, zu einer Attraktion unter den unbemannten Damen. Ein sehr subtiles Spiel der Verführung beginnt – wobei nicht klar ist, wer wen verführt. Ein nächtlicher Zwischenfall lässt dieses Spiel jedoch eskalieren.

Zu allererst muss man sagen, dass „The Beguiled“ von Sofia Coppola herausragend gefilmt ist. Immer wieder zeigt die Kamera die imposanten Säulen des Hauses und den verwilderten Garten davor, und jede Einstellung lässt Haus und Garten ein wenig anders wirken – mal einsam, mal bedrohlich, mal friedlich, mal häuslich. Am Haus vorbeiziehende Soldaten verschwinden im Nebel, die Schwüle der Südstaaten wird optisch greifbar. Ganz große Kamerakunst! Was das Timing betrifft, so hat der Film jedoch seine Schwächen. Während die ersten zwei Drittel sehr langsam und mit äußerst subtilen Andeutungen aufgebaut werden, wirkt der Film ab der Eskalation plötzlich gehetzt, als wäre er ab diesem Moment draufgekommen, eigentlich ein Thriller sein zu wollen und müsse die Versäumnisse der ersten Stunde nachholen, nur um wieder gemächlich auszuklingen – nach einem fiesen Showdown zwar, aber auch der ist wieder so ruhig und mit gewollten Understatement inszeniert wie die erste Stunde des Films. Eine interessante Botschaft, über die es sich länger nachzudenken lohnt, wird nicht vermittelt. Ich ging etwas unschlüssig aus dem Film. Ja, eh ganz gut, aber irgendwie auch ein bisserl obsolet. Eine große Geschichte hat der Film nicht zu bieten, aber dafür packt er das Wenige, was er hat, in beeindruckende Bilder.


6,0
von 10 Kürbissen