Tizza Covi

Aufzeichnungen aus der Unterwelt (2020)

Regie: Tizza Covi und Rainer Frimmel
Original-Titel: Aufzeichnungen aus der Unterwelt
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Aufzeichnungen aus der Unterwelt


Oft braucht es nicht viel für einen bemerkenswerten Film. Interessante Gesprächspartner, die etwas zu erzählen haben. Einen sensiblen Fragesteller. Und eine Kamera, die die zerfurchten Gesichter der Interviewpartner in Schwarz-Weiß festhält und so die Brücke in die Vergangenheit schlägt, über die berichtet wird. Tizza Covi und Rainer Frimmel ist mit „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ ein spannendes Porträt einer Episode gelungen, die wohl nur wenigen Wienern selbst bekannt ist. In den 60er und 70er Jahren hat es sich abgespielt in der Stadt. Illegale Glücksspiele. Messerstechereien. Prügeleien. Und eine Schießerei am Neujahrsabend, die zu einem Todesopfer und mehreren Verletzten geführt hat. Mittendrin der Schmutzer Lois und sein mittlerweile verstorbener Bruder. Und der erzählt von seiner Vergangenheit in Meidling, als er verbotene Kartenspiele veranstaltet und Leute, die ihm blöd gekommen ist, zusammengeschlagen hat. Stark wie ein Bär ist er gewesen, wie Freund und Zeitzeuge Kurtl berichtet. Um diese beiden betagten Herren dreht sich der Film. Die Geschichten von Lois und Kurtl. Windige Gestalten waren sie, der eine ein Schläger, der andere ein Heurigensänger, der halt auch immer irgendwie dabei war. Und so unterschiedlich sie auch waren, der feine Herr Kurt und der brachiale Lois, das Schicksal hat sie zusammengeschweißt. Und man merkt auch: What goes around, comes around. Manchmal ist das Schicksal auch eine schlecht gelaunte Diva, die zugefügte Ungerechtigkeiten durch andere Ungerechtigkeiten ausgleicht. Was bleibt ist eine Mischung aus Bitterkeit, später Einsicht und der Akzeptanz, dass das Leben die Karten ungleich verteilt. „So ist das eben“, lautet ein Satz, den man von allen Beteiligten öfter hört. Und man kann nicht umhin, ein wenig Bewunderung für den Lois und den Kurtl zu empfinden, die stoisch akzeptieren, was ihnen das Leben gebracht hat, im Guten wie im Schlechten. Ein frühes Highlight dieser Viennale.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Mister Universo (2016)

Regie: Tizza Covi und Rainer Frimmel
Original-Titel: Mister Universo
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Mister Universo


Tairo, der junge Löwendompteur im Zirkus, findet sein Glückseisen nicht mehr, das ihm einst der stärkste Mann der Welt, Arthur Robin, genannt „Mister Universo“, gebogen hat. Da er unter den Artistenkolleginnen und -kollegen im Zirkus nicht besonders beliebt ist – lediglich mit der Schlangenfrau Wendy ist er befreundet – liegt der Verdacht nahe, dass ihm jemand das Eisen versteckt oder gestohlen hat. Die Auswirkungen spürt Tairo, wie er meint, sofort: Seine alte Tigerdame wird krank und kann nicht länger auftreten, sein Löwenmännchen verhält sich plötzlich aggressiv – mit nur zwei Tieren muss Tairo seine Show bestreiten. Das kann so nicht weitergehen, also nimmt er sich ein paar Tage frei, setzt sich in sein Auto und besucht seine Familie, um von ihr den Verbleib von Mister Universo in Erfahrung zu bringen, denn dieser soll ihm ein neues Glückseisen biegen. Nur ist nicht klar, ob Mister Universo noch in Italien aufzufinden ist, vielmehr: ob er überhaupt noch lebt. Denn er war schon ein betagter Herr, als ihm Tairo vor vielen Jahren zum ersten Mal begegnet ist. Aber der junge Dompteur lässt sich nicht beirren, und Schritt für Schritt kommt er seinem einstigen Idol näher. „Mister Universo“ von Tizza Covi und Rainer Frimmel lässt die Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm verschwimmen. Denn die Darsteller spielen sich selbst. Tairo, Wendy, Mister Universo – sie sind reale Persönlichkeiten, die dem langsam aus unserer Welt verschwindenden fahrenden Volk angehören. So ist die Darstellung des Lebens im Zirkus so authentisch wie nur irgendwie möglich, denn Tairo & Co. erzählen von ihrem eigenen Leben. Das Drehbuch skizziert zwar grob die Geschichte vor, aber vieles ist improvisiert und direkt dem Leben der Zirkusartisten entnommen. Diese Wahrhaftigkeit tut dem Film, der seine kleinen Geschichten und Begegnungen wie ein ruhiger Fluss transportiert, sehr gut. Auch wenn kaum etwas passiert, entsteht keine Langeweile – jedenfalls nicht bei mir. Ein bisschen straffen hätte man zwar können, und auch die finale Begegnung zwischen Tairo und Mister Universo fällt meiner Meinung nach zu kurz aus, um tatsächlich einen denkwürdigen Nachhall zu erzeugen, aber der Weg dahin ist voller kleiner Momente, glimpses of reality, die mich als Zuseher angesichts der Fremdheit dieser Welt unserer Kindertage neugierig bleiben lassen.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)