Viennale 2016

Junun (2015)

Regie: Paul Thomas Anderson
Original-Titel: Junun
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Dokumentation, Musikfilm
IMDB-Link: Junun


Diesen Tipp verdankte ich prinzipiell dem seligen Hans Hurch, der vor Beginn der letzten von ihm geleiteten Viennale das Publikum zu einer Informationsveranstaltung einlud. Dort machte er auf kleinere Perlen aufmerksam, die sonst vielleicht untergehen könnten. Dass ich aber „Junun“ verpassen könnte, stand von Vornhinein außer Frage, nachdem ich gelesen hatte, wer da aller seiner Finger im Spiel hatte. Beginnen wir mit dem von mir sehr geschätzten Jonny Greenwood. Der ist offenbar nicht damit ausgelastet, mit Radiohead die zeitgenössische Musik zu revolutionieren und Filmmusik zu schreiben. Also geht er nach Indien und bunkert sich dort mit einem Haufen lokaler Musiker (darunter eine Blasmusikkapelle) und dem israelischen Songwriter Shye Ben Tzur in der altehrwürdigen indischen Festung Meherangarh ein, um zu musizieren. Gut, dass er seine alten Spezis Paul Thomas Anderson und Nigel Godrich (den Produzenten von Radiohead) im Gepäck hat, denn so entsteht ein ganzes Album mit wunderbarer israelisch-indisch-westlicher Crossover-Musik, und der Entstehungsprozess wird auch noch filmisch eingefangen. Dabei hält sich Paul Thomas Anderson angenehm zurück. Er lässt Drohnen über die eindrucksvolle Festungsanlage kreisen, als würde er das Geschehen respektvoll aus der Ferne betrachten wollen. Eigentlich ist die nicht einmal eine Stunde dauernde Doku „Junun“ gar kein Film. Es ist ein langer Musikclip, der die Produktion des Albums „Junun“ dokumentiert. Und doch ist keine einzige Sekunde langweilig. Zu faszinierend ist es, diesen allesamt begnadeten und so unterschiedlichen Musikern zuzusehen, wie sie sich aufeinander einschwingen und wie aus ihren jeweiligen Zugängen zur Musik etwas völlig Neues, Einzigartiges entsteht. Die Musik ist absolut mitreißend und zeigt vor allem eines: Dass es auch unter Fremden immer etwas gibt, das sie vereint.

 


7,0
von 10 Kürbissen

Yourself and Yours (2016)

Regie: Hong Sang-soo
Original-Titel: Dangsinjasinwa dangsinui geot
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Dangsinjasinwa dangsinui geot


Der südkoreanische Film „Dansisitzgmpftz Dingsda …“ (ich glaube, ich halte mich lieber an den englischen Verleihtitel „Yourself and Yours“) behandelt ein junges Paar. Sie trinkt offenbar gerne mal einen über den Durst, er findet das nicht so toll, und als er Gerüchte aufschnappt, dass sie trotz gegenteiligem Versprechen öfter mal ohne ihn einen zwitschert, konfrontiert er sie damit, sie streiten, sie streitet alles ab, schreitet von dannen und fortan bestreitet er seine Tage allein, jammert seine Freunde mit traurigen Liebeskummersonaten voll, und einen verletzten Fuß hat er plötzlich auch noch – vielleicht ist ihm ja der Liebeskummer in den großen Zeh gefahren. Sie wiederum verhält sich seltsam, kennt ihre Bekannten nicht mehr, um dann doch mit ihnen in die Kiste zu springen, die Geschichte plätschert vor sich hin, ohne wirklich Gefahr zu laufen, interessant zu werden, es werden Nudeln geschlürft, manchmal darf man schmunzeln, und südkoreanische Tauben sehen genauso aus wie Wiener Tauben. Eh ganz okay. Warum Hong Sang-soo aber zu den renommiertesten südkoreanischen Regisseuren dieser Tage gezählt wird und regelmäßig Einladungen zu den Wettbewerben der größten Filmfestivals der Welt erhält, erschließt sich mir anhand dieses Films jedenfalls nicht so ganz.

 


5,0
von 10 Kürbissen

Graduation (2016)

Regie: Cristian Mungiu
Original-Titel: Bacalaureat
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: Bacalaureat


Cristian Mungiu zählt zu den renommiertesten rumänischen Regisseuren derzeit. Überhaupt passiert cineastisch in den letzten Jahren viel Spannendes in jenem Land, das man sonst in der Regel erst mal mit einem bleichen, spitzzahnigen Grafen mit einem eher ungewöhnlichen Appetit verbindet. Abseits von Gothic Horror präsentiert sich das rumänische Kino aber mit sozialrealistischen und viel diskutierten Beiträgen auf den Filmfestivals und in den Kinos dieser Welt. In Cristian Mungius „Bacalaureat“ geht es um eine Familie in Cluj (Siebenbürgen, womit wir wieder beim gut gekleideten Grafen mit dem Blutdurst wären), der Vater ein anerkannter Arzt, die Tochter kurz vor ihren Abschlussprüfungen und mit einem Stipendium für Cambridge in der Tasche, sofern sie diese Prüfungen nicht versaut, die Mutter depressiv. Am Tag vor der ersten Abschlussprüfung wird das Mädchen auf dem Schulweg von einem Unbekannten angegriffen und beinahe vergewaltigt. Als Folge dessen ist sie verständlicherweise neben der Spur und bringt nicht die für das gute Abschlusszeugnis nötige Leistung bei der Prüfung. Der Vater beschließt, einzugreifen. Wir sind ja schließlich in Rumänien, und auch wenn der Vater versucht, ein aufrechtes und ehrbares Leben zu führen (Dass er eine jüngere Geliebte hat? Na ja, man kann ja trotzdem noch anständig sein. Hüstel) und gegen die Korruption anzukämpfen, wenn es um die eigene Tochter geht, muss man sich solche Dinge wie Ehre und Anstand halt noch mal genau durchdenken. Und so entspinnt sich ein Drama rund um moralische Werte und deren, sagen wir mal, „Flexibilität“, und im großen Ganzen dann auch um die um sich greifende Korruption. Wobei: Nein, korrupt ist hier keiner, alle sind nur freundlich zueinander. Der Film wirft viele wichtige Fragen auf, ist gut gespielt und hat auch eine interessante Story. Dennoch ist er nicht frei von Schwachpunkten. Zum Einen mal wieder die Länge. Die Geschichte hätte man durchwegs kompakter erzählen können. Zum Anderen hatte ich mit dem Film das gleiche Problem wie mit allen rumänischen Filmen, die ich bisher gesehen habe: So dramatisch und einschneidend auch die Ereignisse sind, die Geschichte wird immer sehr distanziert und kühl erzählt, ich werde einfach nicht emotional mitgenommen. Es sind gute, wohl auch wichtige Filme, aber sie bleiben dennoch nicht so richtig hängen bei mir.

 


6,5
von 10 Kürbissen

Elle (2016)

Regie: Paul Verhoeven
Original-Titel: Elle
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Krimi, Thriller, Drama, Erotik
IMDB-Link: Elle


Die grandiose Isabelle Huppert spielt in Paul Verhoevens Film eine Frau, die scheinbar nichts aus der Fassung bringt. Sie ist erfolgreiche Managerin einer Entwicklungsfirma für Computerspiele, sarkastische Tochter, geduldige Mutter, souveräne Ex-Partnerin … und fast gleichgültiges Vergewaltigungsopfer. Soweit die Ausgangsbasis für einen Thriller, der zunächst mit einer unglaublich starken Frauenrolle aufwartet, dann aber mehr und mehr in konventionelle Muster verfällt und aus diesen dann nicht anders auszubrechen weiß als auf Verhoeven-Art: Provokant, möglichst verstörend und schockierend. Gähn. Immer wieder fühlt man sich an Basic Instinct erinnert, und Paul Verhoeven opfert die Glaubwürdigkeit und Authentizität seiner Figuren auf dem Altar des Schock-Moments. Das ist jammerschade, denn die erste Hälfte des Films ist wohl das Beste, was er jemals gedreht hat. Isabelle Huppert ist, wie gesagt, überragend, sie wurde für ihre grandiose Leistung auch mit einer Oscar-Nominierung gewürdigt, aber auch ihre Figur leidet am Ende unter dem Verhoeven’schen Ziel, das Publikum möglichst durchzurütteln. Ja eh. Kennen wir schon. Ein wenig mehr Altersmilde und Subtilität würde Verhoevens Werk wirklich gut tun, aber in diesem Film bringt er das (noch) nicht. Ein Film mit durchaus vielen guten Ansätzen und auch in den schwächeren Momenten durchaus sehenswert, aber zu deutlich sehe ich das Potential, das Verhoeven hier liegen gelassen hat.

 


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Das unbekannte Mädchen (2016)

Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne
Original-Titel: La Fille Inconnue
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: La Fille Inconnue


Der aktuellste Film der Brüder Dardenne, deren Filme regelmäßig auf der Viennale gezeigt werden, handelt von einer jungen Ärztin (grandios gespielt von Adèle Haenel), die vor dem nächsten Karriereschritt steht, als eine Stunde nach Praxisschluss jemand an ihrer Tür läutet. Ihr Praktikant möchte schon öffnen, aber sie heischt ihn an, das Läuten zu ignorieren, denn immerhin hat die Praxis schon lange geschlossen und wenn man so spät noch Patienten aufnimmt, läuft man Gefahr, aufgrund der eigenen Müdigkeit falsche Diagnosen zu stellen. Am nächsten Tag wird der Leichnam einer jungen Frau unweit der Praxis gefunden, und die Bilder einer Überwachungskamera zeigen, dass es jene junge Frau war, die voller Angst an der Tür der Ärztin geläutet hat, ehe sie weiter und damit in den Tod gelaufen ist. Vom Schuldgefühl geschüttelt beginnt die Ärztin, selbst Nachforschungen zu der jungen Frau anzustellen, um ihr ein anständiges Begräbnis zukommen lassen zu können. „La Fille Inconnue“ (auf der Viennale 2016 gezeigt in Anwesenheit von Luc Dardenne, der im Anschluss an die Vorführung auch viel Interessantes zum Film zu sagen hatte) ist ein ruhiger, nachdenklicher Film, der sich mit Moral und Ethik und der Frage des Schuldgefühls nach unterlassener Hilfeleistung beschäftigt. Unweigerlich wird man an die Schutzsuchenden erinnert, die vor dem Krieg nach Europa flüchten, an jene, die im Mittelmeer ertrinken und jene, die es schaffen, aber dann vor den kalten Mauern unserer Herzen stehen. Die Kunst der Dardenne-Brüder in diesem Film ist es, diese Fragen im Hintergrund mitschwingen zu lassen, ohne sie aber plakativ aufzurollen. Es geht um die Schuld des Einzelnen, auch um Sühne, um die Verschiebung von Prioritäten und um Courage. Getragen wird „La Fille Inconnue“ zudem von einer wirklich großartigen Hauptdarstellerin. Abzüge gibt es dafür, dass das Privatleben der Ärztin komplett außen vorgelassen wird (auch wenn Luc Dardenne die Gründe für diese Entscheidung erklärt hat), und dass die Menschen in diesem Film oft sehr übereifrig damit sind, ihr Gewissen zu erleichtern.


7,5
von 10 Kürbissen

Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte … (2016)

Regie: Corinna Belz
Original-Titel: Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte …
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte …


Zugegeben, ich bin kein Handke-Kenner. Einige Bücher aus seinem umfangreichen Werk habe ich zwar gelesen (zuletzt „Die Obstdiebin“), aber das qualifiziert mich noch nicht zum Experten, und mit Handke als Person habe ich mich bislang nur am Rande beschäftigt. Aber auch gerade deshalb, weil ich bisher so wenig über ihn wusste mit Ausnahme der Schlagzeilen zu den großen Kontroversen, hat mich diese Doku über den Schriftsteller interessiert. Corinna Belz ist es dabei gelungen, eine intime Atmosphäre in Handkes Haus in Frankreich aufzubauen, in der sich eine vertrauliche und von Offenheit zeugende Gesprächskultur entwickelte. Unterbrochen sind Handkes Reflexionen zu Sprache, Fiktion, Erzählung, Lebensweise und -lust immer wieder durch alte Polaroids und Archivaufnahmen von Interviews. Schade ist allerdings, dass zum einen der Familienmensch Handke trotz aller Versuche, sich ihm zu nähern, kaum greifbar wird, und zum anderen auch nicht die Gelegenheit genutzt wird, Handke mehr über sein langes und ereignisreiches Leben reflektieren zu lassen. Nicht, dass ich es auf eine Art Lebensfazit abgesehen hätte (das Handke selbst mit Sicherheit verweigert hätte), aber so bleiben die Betrachtungen zu vage in meinen Augen, intime Momentaufnahmen, die aber zu selten auf ein großes Ganzes verweisen. Trotz aller Intimität bleibt mir Handke als Mensch dennoch fremd. Doch vielleicht war ja auch genau das seine Absicht, als er sich auf die Dokumentation eingelassen hat.

 


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

Weiner (2016)

Regie: Josh Kriegman und Elyse Steinberg
Original-Titel: Weiner
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Weiner


Anthony Weiner war ein aufstrebender und streitbarer Kongressabgeordneter der Demokratischen Partei. Seine Karriere geriet ins Stocken, als herauskam, dass er ein Foto seines … Wieners … an eine junge Dame verschickt hatte, die nicht identisch war mit seiner Frau. Er tritt zurück. Gut, jeder macht mal einen Fehler, seine Frau hat ihm vergeben, die Öffentlichkeit kann es auch, also startet er zwei Jahre später überraschend erfolgreich eine Kampagne, um Bürgermeister von New York zu werden. Die Umfragen sehen ihn zeitweise sogar auf Platz 1. Doch dann … na ja, der Mann kann es einfach nicht lassen. Klingt wie eine bissige Politiksatire, ist aber, und jetzt kommt’s, eine wunderbare Dokumentation realer Ereignisse. Gleich zu Beginn des schreiend komischen Films sieht man Anthony Weiner, wie er kopfschüttelnd und mehr zu sich selbst als in die Kamera sagt: „Das ist der Tiefpunkt. Ich mache eine verdammte Dokumentation über meinen Sexskandal.“ Zwei Dinge machen diese Doku zu etwas ganz besonderem: Zum einen die Intimität der Aufnahmen, die selbst das Familienleben mit seiner Frau Huma, engste Beraterin von Hillary Clinton, und seinem Sohn zeigen, und die Person Anthony Weiner selbst. Ein charismatischer und authentischer Politiker, der eben nicht mit allen Wassern gewaschen ist, im Grunde eigentlich sympathisch, voller Elan und toller Pläne, witzig, selbstironisch, aber mit dem Problem, dass er weder den Mund noch den Hosenstall zumachen kann, wenn es angebracht erscheint. Zum Zeitpunkt des Erscheinens der Dokumentation im Rahmen der Viennale 2016 hätte ich mir durchaus vorstellen können, dass ich ihn trotz allem hätte wählen können, wäre ich denn wahlberechtigt gewesen. Aber nun der tragische Appendix der ganzen Geschichte: Ende 2017 wurde er wegen Sexting mit einer Minderjährigen zu fast zwei Jahren Gefängnis verdonnert. Die Abgründe sind oft noch tiefer, als sie auf den ersten Blick erscheinen. Dennoch: „Weiner“ ist eine wirklich großartige Dokumentation (vielleicht eine der besten der letzten Jahre) über menschliche Schwächen und die Rolle der Medien, wenn es die Schwächen von Prominenten betrifft, die zu Tage gefördert werden.


8,0
von 10 Kürbissen

La La Land (2016)

Regie: Damien Chazelle
Original-Titel: La La Land
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Musikfilm / Musical
IMDB-Link: La La Land


Diese Rezension wurde verfasst im Rahmen der Viennale 2016.

Das Beste kommt zum Schluss. Ein sehr guter Viennale-Jahrgang wird beendet mit einer quietschvergnügten und knallbunten Explosion. „La La Land“ von Damien Chazelle, der mich schon mit seinem Erstling „Whiplash“ begeistert hat, ist so ganz anders als das sinistere Psychospiel, weist aber die gleichen Tugenden auf (das hohe Tempo, die großartigen Bilder, das gewitzte Spiel mit Licht und Schatten) und macht so ziemlich alles richtig. Ryan Gosling macht eine wunderbare Wandlung vom bemitleidenswerten Fiesling zum absoluten Sympathieträger durch, und Emma Stone ist überragend. Smells like Oscars, jedenfalls für Emma Stone. Die Story ist zwar recht konventionell und weitestgehend überraschungsfrei (mein einziger größerer Kritikpunkt), aber das bunte und laute Abenteuer macht einfach Spaß. Nach den vielen stillen und subtilen Filmen der letzten Tage kam dieser Knall zum Abschluss gerade recht. „La La Land“ ist ganz klar kein Film, der sich an seine Zuseher heranschleicht, sondern er kommt mit Pauken und Trompeten, nein, einer ganzen Blasmusikkapelle. Kitsch? Ja, klar – und wie! Mich hat es mitgerissen, ich bin hingerissen.

Nachtrag:

„La La Land“ hat auch beim zweiten Ansehen großartig funktioniert – jedenfalls für mich. Ich verstehe, warum dieser Film polarisiert, warum ihn viele als belanglos halten. Er behandelt kein wichtiges politisches oder soziales Thema, sondern ist einfach nur eine Liebesgeschichte mit Musik und Tanz. Aber hey – sind es nicht die banalen Dinge wie Musik und Tanz und ist es nicht das große, allumfassende Gefühl der Liebe, was uns Menschen schließlich ausmacht? „La La Land“ wird bei den Oscars durchmarschieren, und das passt schon so.


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin)