Viennale 2018

Viennale 2018 – Ein Fazit

Auch wenn ich mir im Verlauf des weiteren Monats noch drei bis vier weitere Filme aus der Retrospektive ansehen, kommt an dieser Stelle nun nach 28 Filmen (und damit gleich vielen wie letztes Jahr um diese Zeit) das alljährliche Viennale-Fazit. Wie immer in Anlehnung an den alten Kaiser: Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.

Was gibt es an Positivem zu vermelden von Eva Sangiorgis erster Viennale?

  • Ein hochseriöses Programm.
  • Sanfte Änderungen, die die Tradition nicht negieren.
  • Der Eröffnungsfilm „Lazzaro Felice“.
  • Das Special zu Roberto Minervini.
  • Die Auswahl des Überraschungsfilms.
  • Die Aufwertung des Filmmuseums als reguläre Spielstätte.
  • Der Dragee-Keksi-Vorrat.
  • Die alljährliche Begeisterung unter Gleichgesinnten.
  • Eva Sangiorgis ansteckendes Lächeln.

Und weniger toll:

  • Ein hochseriöses Programm. (Im nächsten Jahr wieder ein bisserl mehr Spaß, bitte!)
  • Die Auflösung der Trennung zwischen Doku und Spielfilm.
  • Der Anteil weiblicher Regisseure. Auch ohne auf Quoten zu schielen, geht da mehr.
  • Leute, die mit Dragee-Keksi-Sackerl rascheln.
  • Leute, die sich prinzipiell im Kino nicht benehmen können.
  • Dass Eva Sangiorgis ansteckendes Lächeln nicht mir gegolten hat.

Insgesamt also ein durchaus positives Fazit, das Entwicklungspotential für die kommenden Jahre lässt. Ich wäre sehr dafür, zumindest in den Beschreibungen der Filme anzuführen, um welche Form es sich handelt. Dass man alles zusammen ins Hauptprogramm schmeißt, ist nicht das Problem. Aber es ist mühsam, sich aus dem Inhalt selbst zusammenreimen und im Internet nachrecherchieren zu müssen, ob der gezeigte Film ein Dokumentarfilm oder ein Spielfilm (oder was auch immer) ist.

Dass dieses Jahr nicht weniger als sieben Dokumentarfilme in meinem Programm waren, liegt weniger an der fehlenden Trennung zwischen Dokumentationen und Spielfilm, sondern schlicht daran, dass ich in diesem Jahr verstärkt auch Dokumentationen ansehe. Ein Grund dafür ist mein Projekt 50/50, also mein Ziel, am Ende des Jahres genauso viele Filme von Regisseurinnen wie von Regisseuren gesehen zu haben. Und es gibt einfach sehr viele starke Dokumentationen, die von Frauen gedreht wurden.

Nun zu den Filmen. Die meisten Viennale-„Blockbuster“, die ohnehin demnächst ihren regulären Kinostart haben wie „First Man“ von Damien Chazelle, „The House That Jack Built“ von Lars von Trier, „First Reformed“ von Paul Schrader,  der Berlinale-Gewinner „Touch Me Not“ von Adina Pintilie und „The Favourite“ von dem von mir so geliebten Giorgos Lanthimos sowie heimische Produktionen mit Fix-Start im Kino wie „Styx“ von Wolfgang Fischer oder „Joy“ von Subadeh Mortezai habe ich bewusst ausgelassen. Der Rest kann wie folgt zusammengefasst werden (nach meiner völlig subjektiven Einschätzung, der natürlich jederzeit gern vehement widersprochen werden darf):

Herausragend (9,0 oder mehr):
Aufstieg

Ausgezeichnet (8,0 – 8,5):
Leave No Trace
Glücklich wie Lazzaro
Gegen den Strom
Our Time

Sehr gut (7,0 – 7,5):
Diamantino
Stop the Pounding Heart
The Wild Pear Tree
Johnny Doesn’t Live Here Anymore

Gut (6,0 – 6,5):
Low Tide
Ute Bock Superstar
River’s Edge
Carmine Street Guitars
Climax
Cassandro the Exotico!
Outrage
Vox Lux
Museum

Mäßig (5,0 – 5,5):
Angelo
Kino Wien Film
Young Solitude
First Night Nerves
Murder Me, Monster
Immersed Family

Eher schlecht (4,0 – 4,5):
Wild Relatives

Schlecht (3,0 – 3,5):
Galileo’s Thermometer

Zum Vergessen (2,5 oder weniger):
Drift
Die feurigen Schwestern

Insgesamt ein durchaus erfreulicher Jahrgang. Nur, wie gesagt, nächstes Jahr bitte noch ein bisschen mehr Spaß und etwas mehr Frauenpower in den Regiestühlen. Und, falls möglich, für die Interviews mit englischsprachigen Gästen vielleicht mal Moderatorinnen und Moderatoren nehmen, die der englischen Sprache mächtig sind. Das wäre hilfreich, denke ich.

Johnny Doesn’t Live Here Anymore (1944)

Regie: Joe May
Original-Titel: Johnny Doesn’t Live Here Anymore
Erscheinungsjahr: 1944
Genre: Komödie
IMDB-Link: Johnny Doesn’t Live Here Anymore


Es ist Krieg, von überall kommen Arbeiterinnen und Arbeiter in die Städte, um in der Rüstungsindustrie Arbeit zu finden. Was dadurch natürlich Mangelware wird: Wohnungen. Glücklicherweise lernt die junge Kathie Aumont (Simone Simon) durch Zufall den Marine Johnny kennen, der ihr kurzerhand ihre Wohnung überlässt, während er im Einsatz ist. Blöderweise hat Kathie aber auf der Zugfahrt in die Stadt unliebsame Bekanntschaft mit Rumpelstilzchen gemacht, als sie versehentlich einen Salzstreuer vom Tisch gestoßen hat. Sieben Wochen Pech, verspricht ihr der transluzente Gnom. Und so erweist sich der Glücksfall der freien Wohnung schon bald als ziemlich herausfordernd, da Johnny offenbar recht freigiebig mit seinen Wohnungsschlüsseln war, weshalb allerlei Volk in seiner Wohnung ein und aus geht, zumeist knackige Seemänner, was die misstrauische Nachbarin mit Argusaugen beobachtet. „Johnny Doesn’t Live Here Anymore“ ist eine wirklich amüsante Screwball-Komödie mit teils großartigem Wortwitz, wenn beispielsweise zwei neu angekommene und ziemlich ausgelassene Matrosen sich bei der entnervten Kathie vorstellen: „I’m Jack!“ – „I’m Mike!“, und sie darauf lapidar und mit einem charmanten Lächeln antwortet: „I’m going …“ Der ganze Cast ist gut aufgelegt, die Chemie zwischen allen Darstellern ist grandios. Und irgendwann darf auch noch der junge Robert Mitchum mitmischen, und sich vor fliegenden Torten in Sicherheit bringen. Ich musste mehrmals laut auflachen. Natürlich, irgendwie ist das alles schon sehr leichtgewichtig und ohne hintersinniger Botschaft (Witz schlägt Inhalt), aber der Film macht einfach Spaß, auch fast 75 Jahre nach seinem Erscheinen. Und mehr braucht es eigentlich nicht.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Norwegian Film Institute)

Outrage (1950)

Regie: Ida Lupino
Original-Titel: Outrage
Erscheinungsjahr: 1950
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: Outrage


Offiziell ist die Viennale 2018 seit dem 8. November wieder Geschichte. Inoffiziell gibt es im Filmmuseum noch bis Anfang Dezember einige Perlen der Retrospektive zum Thema „B-Movie“ zu entdecken. Der einzige Beitrag einer weiblichen Regisseurin ist „Outrage“ von Ida Lupino. Mala Powers spielt darin die junge Ann, deren Leben auf den Kopf gestellt wird, als sie eines Abends auf dem Heimweg von einem finsteren Typen verfolgt wird. Nach einer beklemmenden Verfolgungsjagd durch die menschenleeren Gassen erwischt sie der Mann schließlich. Und auch wenn man 1950 noch nicht so weit war, einen derartigen Übergriff (das Wort „Vergewaltigung“ wird während des ganzen Films vermieden) auch zu zeigen, ist sonnenklar, worum es geht. Starker Tobak für einen solch frühen Hollywood-Film. Dass man einige Jahre zuvor im realen Leben die größten Schrecken der Menschheitsgeschichte erfahren hat, trug vielleicht dazu bei, dass sich das Kino auch solchen Abgründen öffnete. Ann, eigentlich glücklich verlobt, bricht schwer traumatisiert jeden Kontakt zu ihrer Familie und ihrem Verlobten ab, setzt sich in den nächsten Bus und flüchtet Richtung Los Angeles. Knapp vor ihrem Ziel wird sie von einem jungen und attraktiven Pfarrer aufgelesen, dem sie erst einmal großes Misstrauen entgegenbringt. Doch mit Geduld und Einfühlungsvermögen gelingt es ihm allmählich, diese Mauer zu durchbrechen. „Outrage“ ist ein durchaus interessanter und gut gespielter Film, der allerdings gleichzeitig auch ein Kind seiner Zeit ist. Was heißt: Die Frauen haben hier nicht viel zu melden. Sie sind arme Opfer, und es liegt am Mann, sie aus der Misere wieder herauszuführen. Dass selbst eine Frau Regie führte, zeigt nur auf, wie stark dieses Geschlechterbild zu jener Zeit immer noch in vielen Köpfen verankert war. Dass es auch anders geht, bewies unter Anderem schon ein Jahrzehnt davor Dorothy Arzner mit ihrem Dance, Girl, Dance. Trotzdem kann man sich „Outrage“ auch heute noch gut ansehen, wenn man dieses krasse Rollenbild ausblenden bzw. einfach als Symptom seiner Zeit sehen kann.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Climax (2018)

Regie: Gaspar Noé
Original-Titel: Climax
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Horror, Thriller, Musikfilm
IMDB-Link: Climax


Will man Gaspar Noés neuesten Film „Climax“ so knapp wie möglich zusammenfassen, kann man das auf diese Weise tun: Party hard! Nach einer Probe feiern die jungen Tänzerinnen und Tänzer, die für einige Tage in einem alten Schulgebäude untergebracht wurden, um sich auf eine Tournee durch Frankreich und die USA vorzubereiten. Es gibt Sangria, spektakuläre Tanzeinlagen (meist von oben gefilmt, Gaspar Noé lässt gerne mal die Kamera irgendwo herunterhängen – ist ja auch praktisch, wenn man sie an der Decke aufhängt, da ist sie nicht im Weg und man weiß immer, wo sie ist), Drogen, Alkohol, geschmeidige Bewegungen, Eifersucht, Machogehabe – was man halt so erwartet, wenn Noé eine Party inszeniert. Doch irgendwann fällt auf, dass in die Sangria offenbar noch ein paar Geheimzutaten gemischt sind. Was folgt, ist ein Horrortrip auf Drogen. Sämtliche Hemmungen fallen, die Nerven werden blank nach außen gekehrt, Ängste auf die Tanzfläche gekotzt. Die fiebrige Kamera ist stets nah dran, und wenn sich nach einem Stromausfall die völlig durchgeknallten Tänzer teils in Ekstase, teils in purer Panik auf dem durch die Notbeleuchtung rot schimmernden Boden wälzen und sich die Kamera auf den Kopf stellt, haben die Bilder etwas furchteinflößend Dämonisches an sich – als würden die durchgeknallten Berauschten von der Decke hängen. Das ist schon eine verdammt starke Einstellung und sorgt für Bilder, die man nicht oft sieht und vor allem auch nicht so schnell vergisst. Aber das ist generell eine Stärke von Noé – die sich aber auch in eine Schwäche wandeln kann, wenn diese Effekte nämlich zu repetitiv und uninspiriert eingesetzt werden. Und das ist hier zuweilen der Fall. Noé hat schon so oft versucht, das Publikum zu schocken, dass es genau das von ihm erwartet – und ihm fällt dazu nichts Neues mehr ein. So ist „Climax“ ein bildgewaltiger Albtraum, aber er ist unterm Strich auch zu berechnend, um die verstörende Meisterschaft von „Irreversibel“, Noés bislang bestem Werk, zu erreichen.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Wild Relatives (2018)

Regie: Jumana Manna
Original-Titel: Wild Relatives
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Wild Relatives


Als „Wild Relatives“ bezeichnet man a) bei Weihnachtsfeiern über die Stränge schlagende Tanten und b) wild wachsende Verwandte von gezüchteten Pflanzensorten. In Jumana Mannas Dokumentarfilm des gleichen Namens geht es um Letzteres. Bzw. um Saatgut generell. Und um den Krieg in Syrien. Denn vor dem Krieg befand sich in Aleppo eine wichtige Gen-Bank für Saatgut. Zum ersten Mal in der Geschichte musste 2012 aus dem weltweit wichtigsten Samen-Lager im norwegischen Spitzbergen, wo auch Samen aus Aleppo gelagert wurden, Saatgut entnommen werden, um im Libanon die Pflanzen aus Syrien neu anpflanzen zu können. Das norwegische Lager ist eine interessante Einrichtung. Von den 21 weltweit wichtigsten Pflanzenarten werden dort Samen aufbewahrt, tief in den Bergen und atombombensicher. Bezeichnend wird das Lager auch als „Doomsday Vault“ bezeichnet. Wenn wir es also aus Dummheit schaffen sollten, eine oder mehrere dieser Nutzpflanzen in der Natur auszurotten (und ich halte es in dieser Beziehung mit Albert Einstein, der schon gesagt hat, dass zwei Dinge grenzenlos seien, das Universum und die menschliche Dummheit, nur beim Universum sei er sich noch nicht ganz sicher), gibt es also auf dieser entlegenen Insel noch ein Backup. Und da die ICARDA (Internationales Zentrum für Landwirtschaftsforschung in Trockengebieten) im Zuge des Bürgerkrieges ihre Gen-Bank in Syrien aufgeben musste, mussten zum ersten Mal überhaupt eben Samen aus dem Doomsday Vault angefordert werden, um die Forschungen im Libanon weiterbetreiben zu können. Was in diesem Film natürlich unterschwellig mitschwingt, ist die Frage der Nachhaltigkeit. Es ist erstaunlich, dass so ein Saatgutlager wie in Norwegen überhaupt erst notwendig ist. Schlicht, weil wir zu deppert sind im Umgang mit der Natur, und immer wieder Gefahr laufen, ganze Pflanzenarten auszurotten. Der Inhalt des Films ist also hochgradig interessant. Der Film selbst ist es jedoch nicht. Zusammenhänge werden nur unzureichend behandelt und erklärt – das Meiste von dieser inhaltlichen Einleitung musste ich tatsächlich nachrecherchieren. Auch finden sich Szenen in dem Film, die völlig entbehrlich für den Inhalt sind – wie beispielsweise Gespräch eines Priesters auf Spitzbergen mit einem Wissenschaftler. Da gäbe es ja durchaus Potential, die Rolle des Menschen in der Natur zu verhandeln. Stattdessen verlieren sie sich in Betrachtungen über die schöne Landschaft und über Eisbären. Hier wurde leider ein spannendes Thema auf eine recht belanglose und langweilige Weise umgesetzt. Ein Film über besoffene Tanten wäre kurzweiliger gewesen.

 


4,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Vox Lux (2018)

Regie: Brady Corbet
Original-Titel: Vox Lux
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Musikfilm
IMDB-Link: Vox Lux


Grenzerfahrungen im Rahmen der Viennale: Um Viertel nach 4 in der Früh aufstehen, damit man sich „Vox Lux“ von Brady Corbet als Frühstücksfilm vor der Arbeit hineinziehen kann. Das Team des Gartenbaukinos wappnete sich gut für den Ansturm der Kinozombies und stellte neben Süßgebäck, Müsli und Kakao gleich drei Ausgabestellen für einen richtig starken Espresso zur Verfügung. Doch spätestens nach der heftigen Eröffnungsszene waren ohnehin alle munter im Kinosaal. Diese heftige Szene führt in weiterer Folge zum Aufstieg der 14jährigen Celeste in den Pop-Himmel. Begleitet wird sie dabei von ihrer älteren Schwester und dem von Jude Law gespielten Manager. Man muss nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und die Chance ergreifen, auch wenn die richtige Zeit und der richtige Ort die Gedenkfeier für die Toten eines Massakers ist. Und selbst wenn die Gefühle echt sind, so geht man doch gewissermaßen über Leichen. Wenn man bereits in so jungen Jahren hofiert wird und eigentlich gar keine Zeit hat zur Trauerbewältigung, weil man plötzlich der neue Superstar am Firmament ist, ist es kaum verwunderlich, wenn man in späteren Jahren ein wenig exzentrisch und entrückt von der Welt wirkt. So geht es Celeste 17 Jahre später, herausragend und Oscar-verdächtig gespielt von Natalie Portman. Sie hat nun selbst eine Tochter im Teenager-Alter (und man wundert sich nicht wirklich darüber, dass es dazu gekommen ist), und ist vollends gefangen in der PR-Maschinerie, die einen fast unweigerlich schnetzelt, wenn man jung und beeinflussbar zu großem Ruhm kommt. Dass darunter die Beziehung zur Tochter, zur Schwester, zu allen Menschen, die ihr eigentlich nahestehen sollten, leidet, überrascht ebenso wenig. Ein großes Comeback-Konzert soll der Karriere des einstigen Teenager-Stars zu neuem Schub verleihen. Doch dieses wird im Vorfeld überschattet von einer neuerlichen Gewalttat, die Celeste in ihre eigene Vergangenheit zurückschleudert und mit alten Ängsten konfrontiert. In dieser Beziehung ist „Vox Lux“ klug konzipiert. Der Film kreist um mehrere Spielarten von Massenhysterie – sei es um die Angst vor Anschlägen in unserer heutigen Zeit oder aber auch die Hysterie, die man Popstars entgegenbringt. Das vermischt sich zu einem gefährlichen Cocktail. Im Mittelpunkt steht dabei immer Celeste – und was diese Ängste und Erwartungen mit ihr machen.  Das alles wird ironisch distanziert von Willem Dafoe als Erzähler aus dem Off. Allerdings hat der Film auch trotz aller Stärken unübersehbare Schwächen, darunter vor allem das Ende, das aus einer überlangen Konzertszene besteht, die zwar Celeste noch einmal in ihrem Element zeigt, aber die Geschichte nicht zu einem runden Abschluss bringen kann. Auch werden die Beziehungen der Figuren untereinander im Grunde nur am Rande und sehr oberflächlich betrachtet – trotz vieler Dialogzeilen. Vielleicht ist das auch ein von Brady Corbet gewünschter Effekt – die Protagonisten bleiben isoliert voneinander. Aber es fördert nicht unbedingt das Interesse an den Figuren, jedenfalls nicht bei mir. Und so ist „Vox Lux“ ein zwar durchaus aktueller und zeitgemäßer Film mit einer überragend aufspielenden Natalie Portman, lässt den Zuseher dann aber doch auch etwas ratlos zurück.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 50 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Leave No Trace (2018)

Regie: Debra Granik
Original-Titel: Leave No Trace
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Leave No Trace


Als „Fifty Shades of Green“ bezeichnete Regisseurin Debra Granik im Publikumsgespräch augenzwinkernd ihre Kulisse für das stille Drama „Leave No Trace“. Und ja, erst einmal findet sich der Zuseher in einem dichten, unzugänglichen Wald wieder, wo der traumatisierte Kriegsveteran Will (Ben Foster mit einer großartigen Leistung) und seine Tochter Tom (Newcomerin Thomasin McKenzie, von der man nach dieser grandiosen Darstellung wohl noch viel erwarten darf in Zukunft) in einem selbst errichteten Camp mit einfachsten Mitteln überleben. Sie sind Aussteiger, die dieses Einsiedlerleben bewusst gewählt haben. Doch dann werden sie entdeckt und in die Zivilisation zurückgebracht, eine Zivilisation, die es prinzipiell gut mit ihnen meint, mit der aber vor allem Will nicht wirklich zurechtkommt, so sehr er auch versucht, den Anschein zu wahren. Ohne romantisierendem Blick, aber auch ohne erhobenem Zeigefinger in Richtung der bösen Zivilisation, erzählt Debra Granik herrlich unaufgeregt und mitfühlend die Geschichte dieses Vater-Tochter-Gespanns, das aus der isolierten Idylle herausgerissen wird. Die Menschen, auf die sie in weiterer Folge treffen, wollen ihnen nichts Böses – im Gegenteil. Es gibt in diesem Film keinen Antagonisten außer dem inneren Dämon, der einen fortdrängt von den Mitmenschen und vom einfachen, Sicherheit versprechenden Weg – und hinein in die Wälder. Dass Granik diese innere Zerrissenheit nur im Kleinen sichtbar macht, ohne sich allzu sehr mit den Fragen nach dem Woher und dem Warum aufzuhalten, macht den Film umso sympathischer. Man muss nicht immer alles durchanalysieren. Es ist schlimm genug, dass diese Dämonen da sind und man mit ihnen leben muss, und dass sie einen irgendwann vor unliebsame  Entscheidungen und deren Konsequenzen stellen. So verändert sich auch merklich die Dynamik zwischen dem eingespielten Team. Tom emanzipiert sich, beginnt zu hinterfragen, zu träumen, zu sehnen, ohne aber etwas von der Verbundenheit zu ihrem Vater und der Liebe, die sie für ihn empfindet, zu verlieren. „Leave No Trace“ ist unspektakulär, aber psychologisch sehr feinfühlig erzählt. Ein Highlight des Filmjahres, ein Aussteiger-Film, der die Schattenseiten eines solchen Lebens nicht verschweigt, aber auch nicht dramatisiert, und durch seinen Realismus noch lange im Gedächtnis bleibt.


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Kino Wien Film (2018)

Regie: Paul Rosdy
Original-Titel: Kino Wien Film
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: –


Wenn man im Rahmen eines Filmfestivals in einem altehrwürdigen Wiener Kino sitzt und eine Dokumentation über altehrwürdige Wiener Kinos ansieht, in der auch das Festival, an dem man gerade teilnimmt, erwähnt wird, dann ist das wohl die höchste Stufe der Metaebene, die man jemals im Kino erreichen kann. So ging es dem Publikum bei der Premieren-Vorführung von Paul Rosdys Dokumentation „Kino Wien Film“ im Rahmen der Viennale. Und Rosdy förderte mit seiner Spurensuche nach den alten, größtenteils schon abgerissenen Wiener Kinos und ihren Anfängen durchaus Interessantes zutage. So weiß ich nun, was ein „Kinopendler“ war. Oder wie die Kiba (Kino-Betriebsanstalt) zu ihrer übermächtigen Stellung unter den Wiener Kinobetreibern kam. Oder aber auch, wo sich das Forum-Kino, der einst größte Kinosaal Österreichs, befand. Das alles erfährt man durch Archiv-Aufnahmen und Gesprächen mit Zeitzeugen. Diese Gespräche fallen im Übrigen gar nicht mal so negativ und pessimistisch aus, wie man das vielleicht befürchten könnte. Vom großen Kinosterben ist hier eher nicht die Rede – jene, die noch da sind, blicken durchaus hoffnungsfroh in die Zukunft, allerdings auch mit einer gewissen Skepsis und einem Bedauern über das Ende der goldenen Zeiten. Ein bisschen geraunzt werden muss natürlich schon, wir sind immer noch in Wien. Aber dafür, dass das Kino seit Jahrzehnten totgeschrieben wird, hat es doch einen recht langen Atem. Auch wenn manche Kinobesucher nur wegen der Nachos mit Käsesauce kommen. Und dabei auch mal auf den eigentlichen Kinogenuss verzichten, Hauptsache Nachos. Jedem das Seine. Dass Paul Rosdys Dokumentation dennoch nicht wirklich überzeugen kann, liegt an der oft zu didaktischen Herangehensweise. Nicht nur einmal fühlte ich mich in die Schulzeit zurückversetzt, wo in der Geografiestunde lehrreiche Unterrichtsvideos gezeigt wurden, zu denen man  Papierflieger gebastelt hat, um nicht einzuschlafen. Ganz so schlimm steht es um Rosdys Film nicht, aber vom Hocker gerissen hat er mich trotz des (gerade für mich als Wiener Kinosüchtigen) interessanten Stoffes nicht.


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Carmine Street Guitars (2018)

Regie: Ron Mann
Original-Titel: Carmine Street Guitars
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation, Musikfilm
IMDB-Link: Carmine Street Guitars


Rick Kelly und seine Mitarbeiterin Cindy bauen Gitarren. Das tun sie in einem kleinen, vollgestopften Lokal mitten im Village in New York. Und weil sie gut sind in dem, was sie tun, und originellerweise diese Gitarren aus dem Holz von abgerissenen, alten New Yorker Häusern fertigen (eine Idee, die auf Jim Jarmusch zurückgeht, der im Film auch einen kleinen Auftritt hat), geben sich bei Carmine Street Guitars die Musikvirtuosen die Klinke in die Hand. Wenn sie im Laden sind, quatschen sie ein bisschen mit Rick über alte Zeiten und über die Gitarren, sie schauen Cindy dabei zu, wie sie unglaublich detailreiche und lebensnahe Motive in das Holz brennt, lauschen der alten Mutter von Rick, die immer noch jeden Tag in den Shop kommt, um am Telefon auszuhelfen („It’s good to be here. At my age it’s good to be anywhere“, kommentiert sie staubtrocken), und probieren vor allen Dingen Ricks neueste Gitarren aus. Sie zupfen, sie jammen, sie interpretieren – das Publikum besteht dabei nur aus Rick Kelly selbst und der Kamera von Ron Mann. Und dadurch aus dem ganzen Kinosaal, der einfach nur fröhlich mit den Füßen wippt und sich diese tiefenentspannte Doku ansieht über einen wortkargen Handwerksmeister, der lieber seine Werke als Worte sprechen lässt. Sowohl der Shop Carmine Street Guitars als auch der Film, der darüber entstanden ist, sind fast schon als Anachronismus in unserer schnelllebigen Zeit zu betrachten. Es geht hier um nichts Anderes als den Klang von Gitarren. Und das Bewahren von einem Stück New York, wie es früher war, und wie es in Rick Kellys Gitarren weiterlebt. Ist der Film bedeutend, gibt er eine Message mit, über die man lange nachdenken kann? Nein, das nicht. Aber er würdigt auf eine unspektakuläre (und vielleicht manchmal etwas repetitive Weise) etwas Wahres und Echtes. Und das reicht jedenfalls aus, um ihn in guter Erinnerung zu behalten.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Museum (2018)

Regie: Alonso Ruizpalacios
Original-Titel: Museo
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: Museo


Mitte der 80er Jahre rauben zwei Verlierertypen in einem unfassbaren Coup das anthropologische Museum in Mexico City aus und stehlen einige der wertvollsten Artefakte der prähistorischen mexikanischen Geschichte. Dass es aber mit einem Raub nicht damit endet, dass man wohlbehalten mit der Beute flüchten kann, zeigt Alonso Ruizpalacios‘ Gaunerstück „Museum“. Denn während die Exposition sehr kurz und knackig ausfällt und auch der Raub selbst in ökonomischer Laufzeit abgehandelt wird, fokussiert sich der Film dann mehr auf die Frage, was man den nun mit dem erbeuteten Diebesgut anstellen könnte. Da sitzt man nun auf einem unendlich wertvollen Schatz, der Millionen und Abermillionen wert ist. Doch kann man so eine alte Aztekenmaske ja schlecht in der Bank eintauschen. Und die Sendung „Bares für Rares“ gab es in den 80ern noch nicht. Hier zeigt sich nun die Limitierung der beiden Helden Juan und Benjamin (gespielt vom mexikanischen Ausnahmedarsteller Gael García Bernal und von Leonardo Otizgris). Denn auch wenn sie ihren Diebeszug mit unglaublichem Verve ausgeführt haben, so sind sie dennoch keine Verbrecher, die mit allen Wassern gewaschen sind. Familiäre Probleme, maßlose Selbstüberschätzung und eine Dosis Verzweiflung bringen die beiden in immer größere Probleme, und die Beute im Rucksack wandelt sich allmählich vom Heilsbringer zur allzu großen Bürde. Das führt zu einigen wirklich denkwürdigen und saukomischen Szenen, wenn die antiken Gegenstände allmählich immer mehr zweckentfremdet werden. Das ist alles sehr kurzweilig und gut anzusehen. Auch optisch macht der Film was her. Interessante Kameraperspektive und ein temporeicher Schnitt tragen ebenfalls zum Unterhaltungsfaktor bei. Allerdings ist der Film auch nicht frei von Schwächen. Denn die Motivation der beiden Möchtegern-Gangster wird nur unzureichend beleuchtet, und einen tieferen Sinn sucht man ebenfalls vergeblich, so sehr sich die erzählende Stimme aus dem Off auch bemüht, dem Geschehen einen intellektuellen Anstrich zu verpassen. Empfehlen kann man den Film trotzdem, denn zwei Stunden lang sorgt er für gut gemachte und durchaus spannende Unterhaltung.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)