Viennale 2018

Gegen den Strom (2018)

Regie: Benedikt Erlingsson
Original-Titel: Kona Fer Í Stríð
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie, Thriller, Politfilm
IMDB-Link: Kona Fer Í Stríð


Es ist eine beschlossene Sache. Wenn ich im nächsten Leben nicht als Hauskatze wiedergeboren werde, dann werde ich Isländer. Ich bin dann ein begnadeter Handballer, extrem erfolgreich im Fußball, ein außergewöhnlicher und kreativer Musiker, züchte Schafe und Ziegen (und, ehrlich: gibt es ein lässigeres Tier als die Ziege?), meine Tochter heißt Freyja Kürbisdottir, ich habe international eine Vorbildwirkung in Politik und Integration, erfreue mich an den Haubentauchern im Garten, und meine Filme sind der absolute Hammer. Isländer können einfach alles. Selbst Haie vergammeln lassen, um sie dann zu essen. Aber gut, lassen wir das mit den Haien, konzentrieren wir uns lieber auf den diesjährigen Überraschungsfilm der Viennale, nämlich den Film „Gegen den Strom“ von Benedikt Erlingsson. Darin geht es um eine Frau in ihren Vierzigern, die als politische Guerilla-Aktivistin gerne mal das nationale Stromnetz lahmlegt, um die Schwerindustrie in die Knie zu zwingen, während sie sich gleichzeitig auf ihre Rolle als Adoptivmutter einer ukrainischen Kriegswaisen vorbereiten darf. Ein gefährlicher Spagat, denn ihre Aktionen werden immer tollkühner, und schon bald erklärt ganz Island den Krieg gegen die „Bergfrau“, wie sie sich in einem anonym gehaltenen Pamphlet bezeichnet. Dieser Kampf wird so lakonisch humorvoll wie dramatisch dargestellt, wie es wohl nur Isländer können. Eingebettet in faszinierende Landschaftsaufnahmen entfaltet sich eine Geschichte rund um Moral, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit – und um die Frage, zu welchen Mitteln man greifen darf, um der gerechten Sache zu dienen. Diese spannenden Fragen werden allerdings auf eine sehr unterhaltsame und pfiffige Weise angegangen. Da taucht dann auch immer wieder mal ein spanischer Tourist auf dem Fahrrad auf, der als Running Gag stets zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Oder aber der Soundtrack wird von der dreiköpfigen Band live im Geschehen eingespielt – da sitzt die Kombo auch schon mal am Hausdach und begleitet mit stoischem Gesichtsausdruck die Szene, wenn Hjalla, die Heldin, ihre Pamphlete vom Himmel regnen lassen möchte. Die Protagonistin und die Band wissen voneinander, blicken sich vielsagend zu, interagieren aber nicht darüber hinaus. Eine herrlich ironische Durchbrechung der vierten Wand. Es ist eben dieser staubtrockene Humor, diese Absurdität im Kleinen, die dem Film mit seiner tiefgründigen Handlung einen leichtfüßigen Unterbau bietet. Als Wiener bleibt mir abschließend nur zu sagen: Isländer sind einfach leiwand. (Hauskatzen aber auch.)


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

First Night Nerves (2018)

Regie: Stanley Kwan
Original-Titel: Ba Ge Nu Ren Yi Tai Xi
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Komödie
IMDB-Link: –


Sammi Cheng ist eine auffallend schöne Frau. Gigi Leung ebenfalls. Und eine Theaterbühne samt Backstagebereich gibt eine spannende und vielseitig nutzbare Kulisse her. Stanley Kwans „First Night Nerves“, der erste Film des Regisseurs seit zehn Jahren, ist optisch fein anzusehen. Und wenn das ungeschulte europäische Auge auch gelernt hat, die asiatischen Gesichter auseinanderzuhalten (was, zugegeben, in den ersten Einstellungen, als erst einmal fröhlich alle Figuren nahezu gleichzeitig eingeführt werden, eine echte Herausforderung darstellt), kann man sich auch auf die Story einlassen. Diese handelt von zwei Schauspielerinnen, einer recht jungen Witwe, die sich nach dem Tod ihres Mannes aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat und nun auf der Theaterbühne ihr Comeback feiert, und einer Newcomerin, die ihr einst eine Rolle weggeschnappt hat, und die an ihrer Seite spielen soll. Zwischen den beiden Grazien herrschen Animositäten vor, die natürlich für Sprengstoff sorgen, was die ganze Produktion bedroht. Noch dazu hat die Regisseurin, die sich gerade in der letzten Phase ihrer Frau-Werdung befindet, die Zügel überhaupt nicht im Griff. Einzig die beiden Assistentinnen der Stars scheinen miteinander klarzukommen. „First Night Nerves“ ist durchaus unterhaltsam. Allerdings plätschert der Film auch recht arm an Höhepunkten vor sich hin. Nett anzusehen, aber nichts, was auf Dauer im Gedächtnis bleiben wird. Ein bisschen sitzt der Film zwischen den Stühlen, und auch wenn ich solche Grenzgänger an sich mag, ist er auch hierbei nicht wirklich konsequent. Mit einem Schulterzucken, aber immerhin nicht dem Gefühl, seine Lebenszeit verschwendet zu haben, da die Unterhaltung ja keine schlechte war, verlässt man nach dem zuckrigen Ende den Kinosaal. Das Problem des Films zusammengefasst: Für ein Drama ist er nicht seriös genug, für eine Komödie nicht bissig genug.


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Stop the Pounding Heart (2013)

Regie: Roberto Minervini
Original-Titel: Stop the Pounding Heart
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Drama
IMDB-Link: Stop the Pounding Heart


„Stop the Pounding Heart“ von Roberto Minervini ist: Ziegen melken, Bullen reiten, beten, im Schlamm spielen, im Wald sitzen, essen, lesen, Gespräche darüber, wie viele Kinder man einmal haben möchte, Ziegen aus dem Haus jagen, Zaunpfähle aufstellen, am Zaun lehnen, Ziegen durch die Gegend tragen, auf Bullenattrappen reiten üben, Ziegen in den Stall scheuchen, noch mehr Ziegen. Das liest sich wahnsinnig unspektakulär, und das ist es auch. Denn Minervini hält einfach nur die Kamera drauf und folgt seiner Figur Sara, einer etwa fünfzehnjährigen Texanerin, die in der Einöde in einer streng katholischen Familie aufwächst. So streng katholisch, dass die Eltern offenbar beschlossen haben, gleich alle zwölf Apostel selbst zu zeugen und die Kinder von jeglicher Schulbildung fernzuhalten, denn lesen und schreiben lernen kann man zuhause auch – und das Wichtigste ist ohnehin das Wort Gottes, das über allem steht. Und so wird auch kritiklos hingenommen, dass die Frau dem Mann zu dienen hat. Als Zuseher greift man sich das eine oder andere Mal an den Kopf. Gleichzeitig aber verurteilt Minervini nicht, er beobachtet nur, lässt die Figuren für sich selbst sprechen und nimmt sie so hin, wie sie sind. Das ist der dokumentarische Anspruch, den seine Filme erfüllen. Trotzdem will er auf etwas hinaus und führt seine Figuren (sanft, aber bestimmt) zu diesem Ziel. Fast unmerklich nämlich regt sich so etwas wie Skepsis in Sara, nachdem sie den jungen Bullenreiter Colby kennengelernt hat – eine Skepsis, die noch nicht ausreicht, um zu Widerstand zu führen, aber man sieht das Samenkorn und wie es gepflanzt wird. Alles Weitere wird die Zukunft zeigen. Ob sich Sara irgendwann einmal von ihrer Familie abwendet und einen eigenen Weg geht oder ob der katholische Konservatismus, der ihr aufgezwungen wird, stärker ist – das bleibt offen. Aber wir sehen einer jungen Frau zu, die einen ersten Schritt getan hat zu einer eigenständigen Persönlichkeit. Und das ist banal und faszinierend, es ist zäh und spannend, es ist subtil und doch offensichtlich. Minervinis Filme mögen nicht jeden Geschmack treffen, aber wer sich auf diese extrem langsame und hintergründige Erzählweise einlassen kann, bekommt in Minervinis Filmen das echte Leben präsentiert – so authentisch, wie sonst eben nur Dokumentationen sein können.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

The Wild Pear Tree (2018)

Regie: Nuri Bilge Ceylan
Original-Titel: Ahlat Ağacı
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Ahlat Ağacı


Zugegeben, wenn man insgesamt schon 6 Stunden Kino an einem Tag in den Beinen hat und dann noch um 9 Uhr abends in ein 3-Stunden-Epos hineinwankt, hat es dieser Film vielleicht etwas schwerer, als würde man ihn als einzigen Film des Tages genießen. Wenn sich ein solcher Film aber dennoch in der Form behaupten kann, dass der Rezipient beim Sichten nicht sanft einschlummert, ist das schon mal ein Qualitätsmerkmal. So gibt’s schon mal ein erstes Thumbs Up für Nuri Bilge Ceylans Vater-Sohn-Drama „The Wild Pear Tree“. Wort- und bildreich wird darin die Geschichte des jungen College-Absolventen Sinan erzählt, der zurück ins Dorf seiner Eltern kommt, bevor er sein Examen als Lehrer ablegen kann – oder zum Militär muss, falls er diese Prüfung nicht schaffen sollte. Sinan hasst sein provinzielles Dorf, und er hat die größten Probleme mit seinem Vater, ebenfalls Lehrer, der das gesamte Geld der Familie bei Pferderennen verwettet hat und auf einem trockenen Hügel einen Brunnen zu graben versucht. Als Spinner wird er abgetan, nicht nur von den sonstigen Dorfbewohnern, sondern auch von der eigenen Familie. Und ja, dieser Vater hat so seine Marotten. Er nimmt das Leben mit einem Augenzwinkern, wenig bis gar nichts ernst, vor allem sich selbst nicht. Als Vorbild taugt so ein Narr, wenn man ihn so bezeichnen will, wohl kaum. Sinan selbst wäre auf Geld angewiesen, denn gerade eben hat er seinen ersten Roman „The Wild Pear Tree“ fertig geschrieben, in dem er die sozialen Verhältnisse seines Heimatdorfes seziert, doch will ein solches Buch auch erst einmal veröffentlicht werden, und da Sinan keinen Verlag hat, braucht er dafür Geld – eben jenes Geld, das sein Vater augenscheinlich verzockt. Und schon brodelt er unterschwellig, der Konflikt zwischen Vater und Sohn, und es braucht drei lange Stunden, bis schließlich so etwas wie eine Annäherung aufgebaut wird. Die meiste Zeit über ist Sinan eigentlich nur ein selbstgerechter und egoistischer Arsch, der sich mit Gott und der Welt anlegt, und so gesehen ist „The Wild Pear Tree“ vor allem ein Entwicklungsfilm (angelehnt an den Entwicklungsroman), denn wenn jemand erst einmal Verständnis und Mitgefühl aufbauen muss, dann Sinan. Die Reise zu sich selbst ist psychologisch stimmig erzählt, wenngleich manchmal auch etwas langatmig – kein Wunder bei 188 Minuten Spielzeit. Und trotz gewisser Redundanzen und Episoden, die es in dieser Ausführlichkeit nicht gebraucht hätte, weiß der Film über die ganze Länge hinweg zu interessieren und findet zu einem zutiefst menschlichen und nachvollziehbaren Ende.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Young Solitude (2018)

Regie: Claire Simon
Original-Titel: Premières Solitudes
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Premières Solitudes


Das Lycée Romain Rolland ist ein Gymnasium in einer kleinen Stadt außerhalb von Paris. Dorthin hat sich die Filmemacherin Claire Simon begeben, um im Rahmen eines Schulprojekts einen Kurzfilm mit den Schülern zu drehen. Während dieser Arbeit stellte sie allerdings fest, dass sie die persönlichen Geschichten der Schülerinnen und Schüler mehr interessierten als das Filmprojekt selbst. Und so ließ sie ihre Schützlinge in Zweier- und Dreiergruppen über ihre familiären Hintergründe reden. Sie mischte sich nicht ein, sondern ließ lediglich die Kamera laufen – und die Gesprächsführung übernahmen die Gefilmten selbst. Was Claire Simon auf diese Weise sichtbar werden lässt: Die fragilen Familienbeziehungen, die oft in grenzenlose Einsamkeit münden. Altklug, aber dennoch sehr authentisch und persönlich kommentieren die Jugendlichen diese seelischen Verwundungen. Sie spenden einander Trost, sie respektieren einander. All das ist wirklich schön anzusehen und gibt auch Hoffnung in all der Tristesse, die in den Gesprächen zutage gefördert wird. Man spürt: Hier wachsen Menschen heran, die nicht gänzlich heil aus ihrer Jugend herauskommen, aber die ihren Weg gehen werden. Gleichzeitig wirkt aber auch einiges an den Gesprächen durch das spezielle Setting durchaus artifiziell. Es entsteht der Eindruck, dass es kein anderes Thema gibt als jenes der familiären Probleme. Die Jugendlichen selbst setzen dieser Schwere einen guten Kontrapunkt, wenn sie im Anschluss an das tiefsinnige Gespräch lachend die Treppen hinunterhüpfen, und so die Schwere abschütteln. Das tut dem Film gut. Allerdings fragt man sich am Ende dann schon auch, warum das Ganze. Ja, es wird klar, dass es in nahezu jeder Familie Probleme gibt, dass Scheidungen, den Nachwuchs ignorierende Eltern, Lieblosigkeit und materielle Probleme die Kinder belasten. Aber das ist nicht unbedingt etwas bahnbrechend Neues. Und nichts, was den Anspruch einer Ausschließlichkeit erheben kann. Denn Jugendliche haben darüber hinaus auch andere Themen, die sie beschäftigen und/oder belasten. Darauf wird aber überhaupt nicht eingegangen.

 


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Immersed Family (2018)

Regie: María Alche
Original-Titel: Familia Sumergida
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Familia Sumergida


„Familia Sumergida“ der jungen argentinischen Regisseurin María Alche ist ein Festival-Film par excellence. Sehr viel Drama, sehr viele bedeutungsschwangere Blicke, eine Schlussszene mit Tanz, die irgendwie keinen Sinn macht, und am Ende geht man etwas ratlos aus dem Kino, zuckt mit den Schultern und entschuldigt sich für die Auswahl bei jenen, die zum ersten Mal in einen Festival-Film mitgekommen sind (und danach wohl nie wieder in einen Festival-Film gehen werden). Marcela (Mercedes Morán, die dieser Figur immerhin viel Leben und Glaubwürdigkeit einhaucht) ist verheiratet, hat drei Kinder im Teenager-Alter, jede Menge Alltagsstress und muss den Hausstand ihrer plötzlich verstorbenen Schwester auflösen. Dabei lernt sie Nacho (Esteban Bigliardi) kennen, einen jungen Mann, dessen Pläne, ins Ausland zu gehen, sich gerade zerschlagen hat. Er hilft Marcela in der Wohnung, dafür darf er sich ein paar Bücher der Schwester mitnehmen, da er gerne liest. Allmählich kommen sich die beiden näher. Wer allerdings nun ein Feuerwerk an Leidenschaft erwartet, wird enttäuscht. Viel mehr geht es um die Trauerbewältigung, und die Ablenkung, die Nacho bietet, ist eine Form davon. Das scheint auch Marcela selbst zu wissen. Und das ist zwar phasenweise recht nett anzusehen, im Grunde aber auch belanglos und am Ende nicht wirklich zielführend. Auch die fantastischen Elemente, wenn plötzlich die längst verstorbene Verwandtschaft im Wohnzimmer sitzt und alles fleißig kommentiert, wirken zwar organisch eingearbeitet, bringen aber keinen echten Mehrwert. So bleibt es bei der Synopsis: Eine viel beschäftigte Frau und Mutter mittleren Alters löst eine Wohnung auf, und am Ende wird getanzt.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Our Time (2018)

Regie: Carlos Reygadas
Original-Titel: Nuestro Tiempo
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Nuestro Tiempo


Wenn Intellektuelle Gefühle auf einer rationalen Ebene sachlich diskutieren wollen „wie vernünftige Menschen“, kommt meist ein ordentlicher Quargel raus. So geht es auch dem Ehepaar Juan und Ester, gespielt von Regisseur und Drehbuchautor Carlos Reygadas himself und seiner Angetrauten Natalia López. Juan und Ester leben auf einer Farm außerhalb von Mexico City und betreiben dort eine Bullenzucht. Sie haben zwei Kinder, sind glücklich miteinander, Juan ist zudem ein gefeierter Dichter, und Ester vielleicht ein bisschen gelangweilt, weshalb sie sich auf ein Techtelmechtel mit dem US-Amerikaner Phil einlässt. Das findet Juan bald heraus. Und an sich steht er ja über so etwas drüber als Intellektueller. Wenn sich seine Frau austoben will, warum nicht? Offene Beziehungen sind ja en vogue. Aber dass sie ihm diese außerehelichen Aktivitäten verschweigen wollte, das nagt schon sehr an ihm. Und fördert eine Selbstgerechtigkeit zutage, die für die Harmonie einer Beziehung nicht unbedingt förderlich ist. Während das Paar langsam auseinander driftet, greift er zu drastischeren Mitteln, um seine Ehe zu retten – bis hin zur völligen Selbsterniedrigung. „Nuestro Tiempo“ ist ein Film, der auf gespaltene Kritiken stößt und wohl auch nicht nach jedermanns Geschmack ist. Denn das intime Beziehungsdrama nimmt sich drei Stunden lang Zeit. Zudem machen die arrogant geführten Dialoge aus dem anfangs so sympathisch wirkenden Juan mit der Zeit einen echten Unsympathler, dessen Handlungen und Worte man einfach nicht mehr nachvollziehen kann. Doch genau darin zieht meiner Meinung nach der Film seinen Sog. Eingebettet in archaische Landschaftsaufnahmen (was bitte ist männlicher als auf Pferden wild jauchzend Bullen nachzugaloppieren?) werden verletzter Stolz, Ängste und Verzweiflung sichtbar gemacht, die allesamt unter einer Maske intellektueller Überheblichkeit versteckt sind. Bezeichnend die Schlüsselszene, als Juan am Sterbebett eines guten Freundes hemmungslos zu weinen beginnt – und zwar nicht wegen des Freundes, sondern aufgrund der eigenen, als verzweifelt empfundenen Lage. Auch die Symbolik des Films ist interessant: Die Stiere, die ihre Revierkämpfe nur mit allergrößter Brutalität austragen können, stehen stellvertretend für Juan, der ebenfalls am Kämpfen ist, aber mit unbrauchbaren Mitteln. Wenn in der letzten Szene ein Stier von einem anderen einen Abgrund hinunter gestoßen wird und im Staub liegt, ist das ein drastisches, aber bezeichnendes Abschlussbild für einen bild- und wortgewaltigen Film, den man wohl so schnell nicht vergisst – ob im Positiven oder im Negativen. Ich selbst fand ihn anstrengend, aber großartig.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Ute Bock Superstar (2018)

Regie: Houchang Allahyari
Original-Titel: Ute Bock Superstar
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Ute Bock Superstar


Ute Bock war wohl eine der wichtigsten Österreicherinnen der letzten fünfzig Jahre. Ihre Arbeit verlief still und unspektakulär, zeigte aber große Wirkung. Sie wurde von rechten Idioten angefeindet – Youtube-Videos von Interviews kann man sich aufgrund der grässlichen Kommentare darunter kaum ansehen. Selbst nach ihrem Tod wird noch nachgetreten. Auch das zeigt aber, wie wichtig sie für unser Land war. Für alle, die von Ute Bock noch nicht gehört haben: Sie war eine Menschenhelferin, die in den späten Jahren sehr stark auf die Flüchtlingshilfe reduziert wurde. Aber eigentlich war es ihr egal, woher die Menschen gekommen sind und welchen Hintergrund sie hatten. Wenn einer in Not zu ihr kam, half sie. Ganz einfach. Mit ihrem Verein organisierte sie Schlafplätze für obdachlose Familien, sie half bei Behördenwegen, brachte Menschen, die auf die schiefe Bahn geraten waren, wieder zurück auf den richtigen Weg – und das alles mit einem liebevollen Grant und immer einem schlagfertigen Spruch auf den Lippen. Ute Bock war eine typische Wienerin – und in ihrem Handeln gleichzeitig einzigartig und untypisch. Denn sie sah nicht weg. Sie verstand die Menschen, ihre Nöte, ihre Ängste, und sie beschloss, nicht tatenlos zuzusehen, wenn Ungerechtigkeit an Menschen begangen wurden. Houchang Allahyari, der Ex-Schwager von Ute Bock, setzte ihr mit diesem insgesamt dritten Film, der um ihr Leben und Wirken kreist, einen filmischen Nachruf. In Interviews mit Familienangehörigen, Mitarbeitern und Menschen, denen die im Jänner 2018 Verstorbene geholfen hat, sowie mit Archivaufnahmen und Aufnahmen aus früheren Filmen zeichnet er ein Porträt dieser grandiosen Frau, das natürlich sehr subjektiv gefärbt ist. Aber es wird dennoch deutlich, was für eine eindrucksvolle Frau Ute Bock war. Die filmische Umsetzung der Dokumentation ihres Lebens mag durchschnittlich sein, Ute Bock selbst war es aber nicht. Ab Jänner 2019 kann man sich davon im Stadtkino im Künstlerhaus überzeugen.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

River’s Edge (2018)

Regie: Isao Yukisada
Original-Titel: Ribazu Ejji
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Ribazu Ejji


In Japan schreit man sich an. Selbst wenn man gerade flüsternd ein Geheimnis miteinander teilen möchte. Man brüllt. Und fuchtelt dabei mit den Armen. Und brüllt noch lauter. Daran muss man sich gewöhnen, wenn man einen japanischen Film ansieht. Aber wenn das erst einmal geschafft ist und man diese Hürde übersprungen hat, gibt’s oft sehr Erbauliches zu sehen. Wie beispielsweise Isao Yukisadas „River’s Edge“, das auf einem Manga der 90er Jahre basiert. Im Manga wie im Film wird das Leben einiger Teenager beleuchtet, allesamt irgendwie Außenseiter und/oder mit Problemen beladen. Yamada ist schwul und wird von Kannonzaki gemobbt. Trost findet er bei einer Leiche, die er vor einem Jahr im hohen Schilf am Flussufer gefunden hat. Kannonzaki wiederum ist der Freund von Haruna, die im Zentrum der Erzählung steht. Haruna ist eine Suchende, doch wonach sie genau sucht, weiß sie wohl selbst nicht. Mit Yamada findet sie aber zumindest mal einen Freund und eine Vertrauensperson. Rumi ist eine gute Freundin von Haruna. Doch was Haruna nicht weiß ist, dass Rumi mit Kannonzaki ins Bett steigt. Mit Kozue findet Haruna aber bald eine neue Freundin. Kozue ist eine Vertraute von Yamada, ein Model, das nebenbei in die Schule geht (statt umgekehrt), und das ebenfalls vom Geheimnis der Leiche weiß. Und dann wäre da noch Tajima, die Freundin von Yamada. Sie liebt ihn fanatisch und weiß nichts von seiner Homosexualität. Er wiederum lässt die Beziehung zu, da sie eine gute Tarnung bietet. Und schon ist alles beisammen für eine Reise in die finstersten Abgründe des Aufwachsens. Am Ende haben irgendwie alle einen Klescher in diesem Film, aber Yukisada belässt es bei der versöhnlichen Erkenntnisse, dass diese Verwundungen wohl zum Erwachsenwerden dazugehören, und dass diese auch heilen können, selbst wenn Narben zurückbleiben. Insgesamt ist der Film vielleicht einen Tick zu lang, und europäische Zuseher werden sich mit dem japanischen Hang zur Überdramatisierung gelegentlich etwas schwer tun. Dennoch ist „River’s Edge“ ein durchaus gelungener Film, der über die gesamte Laufzeit hinweg interessant und unterhaltsam bleibt.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Murder Me, Monster (2018)

Regie: Alejandro Fadel
Original-Titel: Muere, Monstruo, Muere
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Horror, Drama
IMDB-Link: Muere, Monstruo, Muere


Bei manchen Filmen hat man das Gefühl, dass der Regisseur selbst nicht wusste, was er eigentlich erzählen und ausdrücken wollte. „Muere, Monstruo, Muere“ von Alejandro Fadel ist so ein Film. Denn auch wenn wir uns im Topos des Horrorfilms befinden, der bekanntlich ja seinen eigenen Gesetzen der Logik (oder Unlogik) folgt, so schaffen es dennoch die meisten Filme, zumindest in sich selbst geschlossen zu bleiben. „Muere, Monstruo, Muere“ ist hingegen vollgepackt mit Szenen und Bildern, die nicht mal innerhalb des Films selbst Sinn machen. Erzählt wird die Geschichte einer grässlichen Mordserie in einem abgelegenen Dorf in den Anden. Die weiblichen Opfer werden enthauptet vorgefunden mit seltsamen Bissspuren im Kopf und Hals und zähflüssigem, grünem Schleim in den Wunden. Verdächtigt wird schon bald der verrückte David, der von Stimmen in seinem Kopf berichtet, die ihm sagen: „Muere, Monstrue, Muere!“ Der eigenbrötlerische Polizist Cruz, eben noch im Bett mit Davids Frau Francisca, ermittelt in dieser Sache und beginnt bald, David Glauben zu schenken. Und so entfaltet sich ein sehr langsames, stimmungsvolles Horrordrama. Das Problem daran ist eben, dass der Film mit allerlei pseudophilosophischem Quatsch durchzogen ist und damit eine Bedeutungsschwere suggerieren möchte, die man inhaltlich einfach nicht wiederfindet. Immerhin ist der Film wunderschön gefilmt und optisch gut anzusehen. Handwerklich kann man den Machern kaum etwas vorwerfen. Auch ist die Monsterjagd durchaus interessant und atmosphärisch dicht ausgestaltet. Aber in der Summe seiner Teile funktioniert der Film nicht so recht, weil er eben mehr sein möchte, als er tatsächlich ist. Es geht mir hier so ein bisschen wie dem Kind in „Des Kaisers neue Kleider“, das fassungslos auf den stolz schreitenden Kaiser (Film) starrt und ausruft: „Aber er ist doch nackt!“


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)