Western

Mein Körper für ein Pokerspiel (1967)

Regie: Lina Wertmüller
Original-Titel: The Belle Starr Story
Erscheinungsjahr: 1967
Genre: Western
IMDB-Link: The Belle Starr Story


Das ist eine Frage für die Millionen-Show: Wer war die erste Frau, die eine Oscar-Nominierung für die beste Regie erhalten hat? Ich wette, auf die Italienerin Lina Wertmüller kommen die wenigsten. 1977 war es soweit – bei der 49. Oscar-Verleihung wurde mit Wertmüller erstmals eine Frau im Fach Regie nominiert. Ihren Film „Sieben Schönheiten“ kenne ich leider (noch) nicht, aber dafür nun „Mein Körper für ein Pokerspiel“ aus dem Jahr 1967. Tja, früh übt sich, wer ein Meister bzw. eine Meisterin werden will. „The Belle Starr Story“, wie der Film im Original weniger reißerisch heißt, ist absolut vermurkst. Ganz grob orientiert sich die Geschichte an der historischen Figur der Belle Starr, eine weibliche Outlaw im Wilden Westen. Aber mit dem Namen der Heldin endet dann auch schon jegliche historische Referenz. Der Rest ist ein seltsames Irgendwas von Film, das sich nicht entscheiden kann, ob es der erste feministische Italowestern sein will (aber kläglich daran scheitert), eine Erotik-Schmonzette ohne Busenblitzer oder doch ein knallharter Western. Dadurch, dass der Film irgendwie alles sein möchte, ist er unterm Strich nichts davon. Dazu kommt eine völlig verhatschte deutsche Synchronisation. Im Zuge meiner Nachrecherche zu diesem Film habe ich nun erfahren, was man im Film unter „Schnodderdeutsch“ versteht. Das ist, wenn die Leute so miteinander reden: „Ey, Puppe, lass mal die Affen tanzen, sonst setzt was hinter die hübschen Öhrchen.“ – „Ach, Mann, so’n Gaul wie dich kann ich nicht mal tot reiten.“ (Ein fiktives Beispiel, im Film sind die Sätze noch blöder.) Und das alles vorgetragen mit ernster Miene. Das funktioniert bei Terence Hill und Bud Spencer, wo es im Anschluss an solche Dialoge meist fröhliche Gnackwatschn setzt, aber bei einem Film mit an sich ernstem Anspruch sind solche Zeilen das Fallbeil, das dem Film endgültig den Garaus macht. Leider war auf meiner DVD nur die deutsche (neben der italienischen und französischen) Tonspur verfügbar. Andernfalls hätte ich den Film vielleicht noch auf 3 Kürbisse upgraden können. Schlecht wäre er trotzdem geblieben.


2,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Die rechte und die linke Hand des Teufels (1970)

Regie: Enzo Barboni
Original-Titel: Lo chiamavano Trinità
Erscheinungsjahr: 1970
Genre: Western, Komödie, Action
IMDB-Link: Lo chiamavano Trinità


Seit November 2016 gibt es nun den Filmkürbis online. Das sind 39 Monate und über 700 Filmbesprechungen. Und in keinem einzigen Monat wurde einmal ein Film von Terence Hill und Bud Spencer (selig) besprochen. Mögen mir die Filmgötter gnädig sein, denn verdient habe ich die Aufnahme in den Olymp damit nicht. Denn Filme mit Terence Hill und Bud Spencer sind nichts anderes als Weltkulturerbe. Sie gehören in einem Atemzug genannt mit den Opern von Mozart, den Gemälden von Van Gogh, den Stücken von Shakespeare und den Dribblings von Messi. Ausgangspunkt für eine jahrzehntelange Karriere, die auf Betonwatschen und trockenen Sprüchen basierte, war „Die rechte und die linke Hand des Teufels“ von Enzo Barboni aus dem Jahr 1970. Die knochentrockenen Italo-Western wurden erstmals gewürzt mit einer prächtigen Prise Humor und G’nackwatschen, die den Boden vibrieren lassen. Einen großen Anteil am Erfolg dieser Filme im deutschsprachigen Raum hatte auch die Synchronisation, die zum Teil Texte, die nicht im Script standen, hinzufügte, um den Humor noch zu bekräftigen. Aber was wären diese Filme ohne Bud Spencer und Terence Hill gewesen – dem mürrischen Stoiker mit den müden Augen, und der blonden Rotzpippn mit dem überbordendem Selbstbewusstsein. In „Die rechte und die linke Hand des Teufels“ geben sie ein ungleiches Brüderpaar von Ganoven, die in einem Konflikt von siedelnden Mormonen mit mexikanischen Viehdieben ihre guten Seiten entdecken und den Siedlern beistehen. Dieser Beistand führt zu einigen der denkwürdigsten Prügelorgien der Filmgeschichte, bei denen man auch nach der zehnten Sichtung noch wunderschöne neue Details erkennen kann. Und wenn sich am Ende Terence Hill von seinem Pferd durch die Wüste ziehen lässt auf dem Weg zu neuen Abenteuern, weiß man wieder, warum man als Kind so gerne Cowboy gespielt hat. Denn im Wilden Westen musste man nicht auf die Hygiene achten und täglich brav duschen und Zähne putzen, nein, hier durfte man stinken, die Bösen verprügeln und Bohnen mit Speck direkt aus der Pfanne löffeln. Das ist Freiheit!


8,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

Das finstere Tal (2014)

Regie: Andreas Prochaska
Original-Titel: Das finstere Tal
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Western, Action, Heimatfilm
IMDB-Link: Das finstere Tal


Wer sagt, dass Western in den Vereinigten Staaten spielen müssen? Andreas Prochaskas Alpen-Western „Das finstere Tal“ tritt auf eindrucksvolle Weise den Gegenbeweis an. Denn nur am Tiroler Dialekt der Protagonisten erkennt man die Herkunft des Films. Handwerklich und atmosphärisch könnte „Das finstere Tal“ auch ein verschneiter Montana-Western sein. Die Menschen reden nicht viel, sondern werfen sich lieber finstere Blicke zu. Die Hüte sitzen schief, und die Schießeisen locker. Und natürlich geht es um Rache, um Vergeltung. Deshalb kommt der als Fotograf getarnte mysteriöse Fremde namens Greider (Sam Riley) ins Titel gebende Tal. Dort herrscht der alte Brenner  (Hans-Michael Rehberg) mit seinen Söhnen. Der älteste von ihnen, Hans (Tobias Moretti in seiner vielleicht besten Rolle), hat das Sagen, und dem passt die Nase des Fremden nicht. Was als winterlicher Heimatfilm beginnt, wird bald zu einem spannungsgeladenen Thriller, wenn sich die Brenner und Greider gegenseitig belauern. Der Showdown hat es schließlich in sich. Finster, actionreich und dicht erinnert der Film in diesen Momenten an den grimmigen Showdown von „Erbarmunglos“, diesem grandiosen Spätwestern von Clint Eastwood. Das ist Unterhaltung auf höchstem Niveau. Schuld und Sühne vor der bedrohlich majestätischen Kulisse der Tiroler Berge. Besser kann österreichisches Kino kaum mehr werden.


8,5
von 10 Kürbissen

Der letzte Mohikaner (1992)

Regie: Michael Mann
Original-Titel: The Last of the Mohicans
Erscheinungsjahr: 1992
Genre: Drama, Western, Abenteuerfilm
IMDB-Link: The Last of the Mohicans


„Der letzte Mohikaner“ von Michael Mann ist mein großes Guilty Pleasure. Aber ich liebe wirklich alles an diesem Film. Ich liebe Daniel Day-Lewis‘ epische Darstellung des von Mohikanern aufgezogenen Falkenauges. Ich liebe Russell Means als Chingachgook, edelster Indianer ever. Ich liebe Wes Studi als Magua, für mich einer der großartigsten Schurken der Filmgeschichte. (Dafür hätte es eigentlich einen Oscar geben müssen. Nichts gegen Gene Hackman, der war großartig in „Erbarmungslos“, aber an die Intensität von Wes Studi kam er trotzdem nicht heran.) Ich liebe Madeleine Stowe als Cora Munro, und ich hatte nach der ersten Sichtung jahrelang einen Crush auf Stowe. Ich liebe die Leistungen aller Darstellerinnen und Darsteller und ihre furchtbar traurigen Blicke, wenn man wieder eine Geliebte oder ein Geliebter vor ihren Augen gemetzelt wurden. Ich liebe die satten Bilder von Kameramann Dante Spinotti, der die grünen Wälder Neuenglands so eingefangen hat, dass man das Moos förmlich riechen kann. Ich liebe die Filmmusik – und wie oft habe ich dilettantisch versucht, sie am Akkordeon nachzuspielen. Und ich liebe vor allem die letzte Viertelstunde, die für mich das atmosphärisch dichteste Stück Kino ist, das ich jemals gesehen habe. Dieser Showdown, dieser Endkampf, der wie ein Understatement daherkommt, aber dennoch spannend und stimmig ist! Auch nach der x.ten Wiederholung zieht es mir da eine Gänsehaut auf. Und wenn dann Chingachgook am Ende am Rand der Schlucht steht und zu Falkenauge sagt, dass er nun der letzte Mohikaner sei, müssen auch Kürbisse weinen. Objektiv betrachtet mag es eine Menge besserer Filme geben. Objektiv betrachtet mag es sogar bessere Filme von Michael Mann geben. Aber trotzdem hat „Der letzte Mohikaner“ seinen Platz in meinem Herzen und auf dem Olymp der Lieblingsfilme sicher.


10
von 10 Kürbissen

Der große Eisenbahnraub (1903)

Regie: Edwin S. Porter
Original-Titel: The Great Train Robbery
Erscheinungsjahr: 1903
Genre: Kurzfilm, Western, Action
IMDB-Link: The Great Train Robbery


Was soll der Scheiß? „Der große Eisenbahnraub“ wird angekündigt als Actionfilm und Western mit wilden Schießereien und spannenden Szenen und Verfolgungsritten, und dann das! Lahmarschige 12 Minuten (Avengers: Endgame dauerte 182 Minuten, das ist mal value for money!) sehen wir ein paar Nasen zu, wie sie durch die Landschaft hirschen und versuchen, einen Zug auszurauben. Die Actionszenen sind lahm, die Special Effects lachhaft (ganz miese CGI!), das Bild ist pixelig und von Method Acting haben die Schauspieler wohl auch noch nie etwas gehört. Und so ein Blödsinn gehört zu den „1001 Filmen, die man sehen sollte, bevor das Leben vorbei ist“. Geht’s noch? Das Beste: In einer Einstellung sieht man, wie eine Puppe vom Zug geworfen wird! Haben die keine Stunt-Leute gehabt? Man sieht dem Film einfach in allen Belangen an, wie billig er produziert wurde. Aber für ein gutes B-Movie fehlt ihm der selbstironische Humor. Die haben das tatsächlich ernst gemeint, als sie diesen Film gedreht haben! Und was soll diese lächerliche Szene am Schluss, als der Eisenbahnräuber in Richtung Kamera ballert? Durchbrechung der vierten Wand – moi, was für eine ungewöhnliche Idee, auf die ist ja noch nie jemand gekommen! (Schnarch.) Eine herbe Enttäuschung. Aber zum Glück kommt bald „John Wick 3“ ins Kino. Da kann man dann sehen, wie Actionkino richtig geht.


6,0
von 10 Kürbissen

Leichen pflastern seinen Weg (1968)

Regie: Sergio Corbucci
Original-Titel: Il grande silenzio
Erscheinungsjahr: 1968
Genre: Western, Drama
IMDB-Link: Il grande silenzio


Vergesst Simmering gegen Kapfenberg. Kinski gegen Trintignant – das ist Brutalität! Inszeniert von Sergio Corbucci prallen die beiden schauspielerischen Schwergewichte in der eisigen Winterlandschaft in Utah aufeinander. Es sind harte Zeiten im Wilden Westen. Viele haben keine Arbeit und müssen sich daher als Banditen durchschlagen. Das wiederum bringt ruchlose Kopfgeldjäger auf den Plan, die armen Kerle wie räudige Hunde niederzuschießen. Vor allem Loco (Klaus Kinski) ist einer, dem nichts heilig ist. Überall im Schnee hat er Leichen konserviert, die er mit der Postkutsche ins nächste Örtchen Snow Hill bringt. Das schmeckt dem dortigen Sheriff zwar nicht, aber Gesetz ist Gesetz. Doch wenn schon dem Gesetz die Hände gebunden sind, muss halt einer eingreifen, der schnell ziehen kann. Und das ist der stumme Silence (Jean-Louis Trintignant), Rächer der ungerecht Behandelten. Sein Clou: Die bösen Jungs provozieren, bis sie ziehen, und sie dann über den Haufen knallen. Denn das ist vor dem Gesetz Notwehr. Das weiß auch Loco, und so entspinnt sich ein Psychospiel, als die Witwe eines durch Locos Hand Verblichenen Silence um Hilfe bittet. Und die Dinge werden allmählich persönlich. Lange Zeit war „Leichen pflastern seinen Weg“ für mich auf dem Weg zu einem durchschnittlichen, soliden Western-Beitrag mit manchmal etwas unbeholfenen Dialogen, aber insgesamt eben ganz gut gemacht. Dann kam das Ende. Und das Verständnis dafür, warum „Leichen pflastern seinen Weg“ heute zu den ganz großen Klassikern des Italo-Western, vielleicht sogar des Western-Genres insgesamt zählt. Der Weg dahin ist mitunter ein bisschen mühsam, aber er lohnt sich – denn am Ende sieht man etwas, was man selten sieht. Und mehr möchte ich eigentlich gar nicht verraten, denn jedes Wort mehr würde dem Film seine Kraft nehmen.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 19 Teil meiner Filmreisechallenge 2018 – und insgesamt auch der letzte Film meiner Reise. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

Ringo (1939)

Regie: John Ford
Original-Titel: Stagecoach
Erscheinungsjahr: 1939
Genre: Western
IMDB-Link: Stagecoach


Fahren ein Outlaw, ein Sheriff, eine anständige Dame, eine Hure, ein Glücksspieler, ein Handelsvertreter für Whiskey, ein Banker und ein permanent besoffener Arzt in einer Postkutsche. Was wie ein Witz beginnt, ist eigentlich einer der großen Western-Klassiker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit einem gut gelaunten John Wayne in der Hauptrolle. Die Story ist so simpel, das sie selbst fast als Witz durchgeht: Diese bunt zusammengewürfelte Reisetruppe möchte von A nach B, hat aber das Problem, das die Apachen unter ihrem legendären Häuptling Geronimo gerade auf Kriegspfad sind, weshalb sie weiter müssen nach C und D, ehe es dann doch zum finalen Showdown mit den grimmigen Ureinwohnern kommt. Die Gründe für die Reise sind unterschiedlich, aber alle zwingender Natur, weshalb ein Aussteigen unterdessen nicht in Frage kommt. Und am Ende, wenn die Apachen wild heulend ihre Pfeile in die Postkutsche nageln, zeigt sich, wer im Angesicht der Gefahr seine Murmeln beisammen hält und wer sich als Aufschneider entpuppt, der in einer solchen Situation nicht zu gebrauchen ist. (Überraschungsfreier) Spoiler: John Wayne als Outlaw Ringo mit großem Herz und noch größeren Eiern ist natürlich am Ende der Held des Tages. Man kann an „Ringo“ so einiges kritisieren aus heutiger Perspektive: Die eindimensionale Darstellung der Apachen, die nur als gesichtslose Antagonisten herhalten müssen. Die dünne Story. Das Happy End. Aber geschenkt. „Ringo“ ist trotz seiner mittlerweile fast 80 Lenze auf dem Buckel immer noch ein erstaunliches Stück Kinogeschichte, mitreißend erzählt und gefilmt mit zum Teil abenteuerlichen Stunts. Der Überfall der Apachen auf die Postkutsche weiß auch im Jahre 2018 noch zu überzeugen. Im Höllenritt reiten die Angreifer neben der Kutsche her, werden von den Pferden geschossen, fallen spektakulär in den Staub und zwischen die Pferdebeine – das bekommt man heute auch nicht viel sehenswerter hin. Schön ist auch, dass sich der Film Zeit nimmt für seine Charaktere und die auch interessant und vielschichtig ausgestaltet. Eigentlich ist „Ringo“ ein Kammerspiel mit Pferden mit einem fulminanten Showdown. Und zu Recht ein Meilenstein der Filmgeschichte.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 43 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

The Ballad of Buster Scruggs (2018)

Regie: Joel und Ethan Coen
Original-Titel: The Ballad of Buster Scruggs
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Western, Episodenfilm, Drama
IMDB-Link: The Ballad of Buster Scruggs


Im Grunde haben die Coen-Brüder ja schon immer Western gedreht. „True Grit“ fällt einem als Paradebeispiel dazu ein. Aber auch „No Country for Old Men“ ist ein moderner Western, „O Brother, Where Art Thou?“ ist ein Mississippi-Western, „Inside Llewelyn Davis“ ein Folk-Western, „Fargo“ ist ein Western im Schnee, selbst den Dude aus „The Big Lebowski“ kann man sich eigentlich ganz gut auf einem Pferd feststellen – er trägt halt nur eine Sonnenbrille, ist mächtig verkatert, hat einen White Russian in der Hand und keinen Tau, wie er auf dieses beschissene Pferd gekommen ist. Sagen wir es so: Die Coen-Brüder sind meisterhaft darin, amerikanische Mythen zu inszenieren – und diese im Anschluss daran zu entzaubern. Und nirgendwo haben sie das bislang konsequenter und radikaler gemacht als in „The Ballad of Buster Scruggs“, eine Western-Anthologie mit sechs archetypischen Kurz-Episoden (der Revolverheld, der Bankraub, das karge Leben, der Goldrausch, der Oregon-Trail, die Kutschenfahrt). Mit jedem einzelnen Szenario assoziieren wir sofort ganz prägnante Bilder und Geschichten, wie wir sie aus Hunderten von Western kennen. Genau das wissen die Coen-Brüder natürlich, und spielen sich in weiterer Folge mit dieser Erwartungshaltung. Immer wird sie im Grunde bestätigt, aber es findet sich trotzdem ein Twist drinnen, der uns die alten Geschichten mit neuen Augen erblicken lassen. Und immer sind sie lakonisch bis melancholisch vorgetragen – gewürzt nur mit einer gelegentlichen Prise schwarzem Humor, wie man ihn von den Coens kennt. Realismus ist nicht die Sache der beiden Brüder in diesem Film, aber gerade durch die sarkastische Überhöhung der Helden und Antihelden und deren Geschichten wird sichtbar, worauf der Film tatsächlich abzielt: Die Demaskierung der Western-Mythen. Es war eine verflucht anstrengende, tödliche und bittere Zeit, die die Menschen im Wilden Westen erlebt haben. Auf gelegentliche Lichtschimmer folgte immer wieder die Dunkelheit. Wenn der Dude das gesehen hätte, er hätte wohl nur kurz den Kopf schief gelegt, sich das ganze Drama mit einem schnellen Blick über den Rand der Sonnenbrille angesehen und wäre dann White Russian schlürfend in die entgegengesetzte Richtung davongeritten, dem Sonnenuntergang entgegen und „Fortunate Son“ von Creedence Clearwater Revival im Ohr.


7,5
von 10 Kürbissen

The Sisters Brothers (2018)

Regie: Jacques Audiard
Original-Titel: The Sisters Brothers
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Western
IMDB-Link: The Sisters Brothers


Es gibt kaum ein anderes Genre, das in der Dramaturgie und der Figurengestaltung so klar abgesteckt ist wie der Western. Wilde, freie, schießwütige  Männer mit Hüten, die die weite Wildnis durchstreifen – und am Ende liegen die meisten von ihnen blutend im Staub. Der Western ist so ein bisschen das McDonald’s-Essen unter den Filmgenres. Ganz gleich, wo man gerade is(s)t – man weiß, was man bekommt. Umso spannender sind dann jene Western, die diese Erwartungshaltung kennen – und sie dann unterlaufen. „The Sisters Brothers“, die erste englischsprachige Arbeit von Jacques Audiard, gehört zu diesen. Denn vordergründig ist erst einmal alles wie gewohnt: Die Brüder und Outlaws Charlie und Eli Sisters (grandios gespielt von Joaquin Phoenix und John C. Reilly, dem emotionalen Herzstück des Films) jagen im Auftrag des mysteriösen „Commodore“ einen Mann mit dem schönen Namen Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed). Dieser reist in Gesellschaft des eloquenten Reiseschriftstellers John Morris (Jake Gyllenhaal mit einer weiteren sehr gelungenen Leistung), nichts ahnend, dass jener Morris mit den Sisters Brothers zusammenarbeitet und Warm an sie ausliefern soll. Warm selbst ist auf dem Weg in den Westen. Es ist die Zeit des kalifornischen Goldrausches. Und er selbst gibt an, eine Formel entwickelt zu haben, die das Goldschürfen deutlich vereinfachen soll. So weit, so klassisch. Der Film folgt auch lange konventionellen Genremustern, die er überzeugend und originell inszeniert – seien es die Schießerei in der Nacht, das Campieren mit Bären, die langen Ritte durch die endlose Landschaft. Das alles ist zum Einen mit sehr schönen Bildern eingefangen, gleichzeitig aber auch auf eine interessante Weise bagatellisiert – wenn nämlich von der Schießerei beispielsweise nur gelegentlich aufblitzendes Mündungsfeuer zu sehen ist oder der Bär am Morgen tot im Camp liegt und man nicht gesehen hat, wie es dazu kam. Hier unterläuft Audiard schon einmal die Erwartungshaltungen des Zusehers, ohne aber wirklich aus dem Genre auszubrechen. Auch die grandiose Musik von Alexandre Desplat schlägt in diese Kerbe – sie deutet das Westerngenre an, interpretiert es aber deutlich moderner, als man das üblicherweise von diesen Genrefilmen kennt. Trotzdem: Bis zur letzten Viertelstunde ist „The Sisters Brothers“ ein gut gemachter, origineller, aber genre-typischer Western. Dann kommt das Ende. Und plötzlich begreift man, wohin der Film mit all seinen kleinen, fast unmerklichen Abweichungen vom Üblichen hin wollte. Und das überrascht und berührt – und ist gleichzeitig wahnsinnig konsequent. Nur dass Western bislang kaum so gedacht wurde.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

The Rider (2017)

Regie: Chloé Zhao
Original-Titel: The Rider
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Western
IMDB-Link: The Rider


Wenn man nur den ersten Satz des Wikipedia-Eintrages zu „The Rider“ liest, in dem der Plot kurz zusammengefasst wird, könnte man meinen, dass es sich hierbei um eine Art „Der Pferdeflüsterer“ für Erwachsene handelt. Einen Rodeo-Reiter schmeißt es dermaßen deppert aus dem Sattel, dass er das Reiten aufgeben muss – woran er logischerweise erst mal zu knabbern hat. Allerdings wären alle Assoziationen mit equinen Selbstfindungstrips a la „Der Pferdeflüsterer“ viel zu kurz gegriffen. Denn „The Rider“ ist vor allem erst einmal ein sehr stilles, fast meditatives Drama, das eine Subkultur einer Subkultur zeigt – Rodeoreiter in einem Indianerreservat, wobei die alten Klischees zwischen Cowboy und Indianer auf eine wundersame Weise verschmelzen oder viel mehr: sich auflösen. Der nächste interessante Aspekt des Films ist, dass Chloé Zhao, die Regisseurin, keinerlei Wert auf die Exploitation des fatalen Sturzes legt. Der Film setzt ein, als die Wunden des Rodeo-Reiters Brady schon langsam zu verheilen beginnen. Der Sturz wird später nur in einem kurzen Youtube-Video gezeigt. Denn darum geht es Zhao in dem Film nicht – sondern vielmehr um die Frage, wie es danach weiter geht und was übrig bleibt von dem, was Brady einst ausgemacht hat. Einen großen Teil der Faszination bezieht der Film auch aus der Tatsache, dass die Laiendarsteller tatsächlich ihr eigenes Leben nachspielen. Denn Brady Blackburn heißt in Wirklichkeit Brady Jandreau, und der Sturz, der in diesem Video gezeigt wird, war echt – das war sein eigener Unfall, der ihm fast das Leben gekostet hätte. Auch seine Familie spielt sich selbst. Am dramatischsten wird diese Authentizität greifbar am Schicksal seines Freundes Lane Scott, der (im Film) nach einem Abwurf dermaßen schwer verletzt wurde, dass er nicht mehr sprechen und sich kaum mehr bewegen kann. Die Szenen, wenn Brady seinen alten Kumpel im Pflegeheim besucht, sind innig, warm und echt. Gleichzeitig – und das ist die große Kunst, die hier gezeigt wird – ist „The Rider“ meilenweit davon entfernt, zu einem sentimentalen Rührstück zu verkommen. Mit außergewöhnlicher Sensibilität wird die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der lernen muss, loszulassen, um sich neu zu finden. Man muss wohl etwas Geduld aufbringen für diese stille Weise des Erzählens, doch wenn man sich darauf einlassen kann, ist „The Rider“ ein großer Wurf.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 38 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Luna Filmverleih)